Kategorie: Gesellschaft

  • „Man lernt sich durchzubeißen“

    „Man lernt sich durchzubeißen“

    Nils Andersen im Geschenkeladen (Foto: 2mind/Achim Halfmann)

    Hückeswagen (2mind) – Die Gefährdetenhilfe Scheideweg besucht mit ehrenamtlichen Mitarbeitern 14 Justizvollzugsanstalten in Nordrhein-Westfalen und sie unterstützt in ihren Wohngemeinschaften junge Menschen aus sozialen Krisen bei einem Neuanfang. Dazu gehören auch Betriebe mit ihren Angeboten ans Arbeitstraining und Ausbildung. Nils Andersen hat gerade bei Geschenke Scheideweg seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann beendet. Vor drei Jahren kam er aus einer Lebenssituation nach Scheideweg, die durch Depressionen und Sucht geprägt war. Hier berichtet Nils, was ihm heute Halt gibt. Das Gespräch führte Achim Halfmann.

    Achim Halfmann: Nils, herzlichen Glückwunsch zu dieser mit gutem Ergebnis bestandenen Abschlussprüfung! Wie war diese Ausbildung für Dich, war das eine anstrengende Zeit, war das eine schöne Zeit?

    Nils Andersen: Das war wirklich eine sehr schöne Zeit – und natürlich auch sehr herausfordernd. Es gibt Momente, wo man denkt: „Am liebsten will ich aufhören“. Aber da lernt man dann sich durchzubeißen und das zu Ende zu bringen. Im Endeffekt ist man sehr stolz darauf.

    Wie lange bist Du jetzt hier in Scheideweg und wie hast Du uns überhaupt kennengelernt?

    Ich bin jetzt seit drei Jahren in Scheideweg. Vorher habe ich einige Therapien gemacht und dann eine Einrichtung für betreutes Wohnen gesucht. Da habe ich über einen Kontakt hiervon erfahren.

    Würdest Du uns sagen, wofür oder wogegen Du diese Therapien gemacht hast?

    Bei mir ging es hauptsächlich um Depressionen und auch um Drogensucht. Ich nahm Ecstasy, Speed, eigentlich alles Mögliche.

    Du bist dann nach Scheideweg in eine Wohngemeinschaft gezogen. „Wohngemeinschaft“ sagt nicht jedem etwas. Wie kann man sich das Leben in dieser Gemeinschaft vorstellen?

    Dort kommen mehrere Leute wie ich zusammen, die Probleme in ihrem Leben haben und die daran etwas ändern möchten. Man ist meistens mit 4, 5 Leuten in der Wohngemeinschaft, lebt zusammen, gestaltet seinen Alltag. Jeder geht auf die Arbeit und man frühstückt zusammen, isst zusammen zu Abend und hat dann verschiedene gemeinsame Aktivitäten wie Sport oder den Einkauf. Da wächst man als Gemeinschaft zusammen und lernt das gemeinsame Leben mit seinen Herausforderungen, die dazu gehören.

    Da hat Hilfe für Dich drin gesteckt bei diesem Thema, das du eben angesprochen hast: dem Durchhalten?

    Oh ja, definitiv. Wenn man immer miteinander ist, vor allem mit Menschen, die man vorher gar nicht kannte, dann kommen Sachen dazu, die einen sehr herausfordern. Aber man lernt dann den Umgang damit.

    Ich bin jetzt seit drei Jahren hier. Und ich habe in dieser Zeit gelernt, mich mit anderen Leuten auseinanderzusetzen, auch mit ihren Problemen: Sie zu verstehen, warum sie so sind, wie sie sind, und sie so anzunehmen. Das ist wirklich eine sehr lehrreiche Zeit für mich gewesen.

    Jetzt ist Scheideweg ich eine christliche Einrichtung und hier geht es auch um den Glauben, um Gott und die Bibel. Wie war das für Dich?

    Ich war vorher schon in der Kirche, aber ich hatte nie davon gehört, dass man eine persönliche Beziehung zu Jesus aufbauen kann. Das habe ich hier das erste Mal erfahren. Von Menschen in Scheideweg wird vorgelebt, wie man seinen Alltag mit Jesus gehen kann und das hat mich sehr erstaunt und mir imponiert. Genau das wollte ich dann leben. Dafür bin ich sehr dankbar, dass ich das heute tun kann, dass ich mein Leben für Gott lebe.

    Jetzt kann sich – glaube ich – nicht jeder etwas unter dieser „persönlichen Beziehung mit Jesus“ vorstellen. Vielleicht kannst Du uns noch ein bisschen erklären, was das ist?

    Dazu gehört mit Gott zu sprechen wie in einer menschlichen Beziehung auch. Man ist ständig im Gespräch mit Gott, ja, man kann wirklich alles mit ihm besprechen. Ob es gute Dinge, schlechte Dinge, emotionale Dinge sind: Mit ihm kann ich über alles sprechen und meinen Alltag mit ihm leben. Dazu gehört für mich auch, dass ich mich für ihn einsetze.

    Dein Dialekt verrät, dass Du nicht aus dem Bergischen Land kommst. Woher kommst Du und wie ist das so mit Deiner Beziehung zu Deinen Eltern, zu Deinem früheren Umfeld?

    Ich komme aus Koblenz, direkt am Rhein, eine sehr tolle Gegend. Mein Vater kommt aus Dänemark, da bin ich jedes Jahr mindestens einmal. Das ist meine zweite Heimat. Ich hatte damals, als ich Depressionen und Sucht noch sehr stark in mir hatte, eine schwierige Beziehung zu meinen Eltern. Mittlerweile hat sich das sehr deutlich gebessert. Seit ich in meinem Leben aufgeräumt und viele Dinge in Ordnung gebracht habe, ist das alles wieder zum Guten gekommen. Ich habe eine sehr gute Beziehung zu meinen Eltern und besuche beide regelmäßig.

    Jetzt hast Du Deine Ausbildung in Geschenke Scheideweg abgeschlossen. Wie geht es weiter?

    Ich bin jetzt noch etwa drei Monate hier im Scheideweg und arbeite weiterhin im Geschenkeladen und im Café. Dann werde ich mir dann eine neue Stelle suchen. Ich werde weiterhin hier wohnen, hier habe ich nämlich eine Trainingswohnung. Ich werde mir eine Arbeit in der Nähe suchen und da bin ich mir sicher, dass ich etwas Geeignetes für mich finden werde.

    Lieber Nils, vielen Dank, dass Du uns von Dir erzählt hast!

    Sehr gerne.

    Titeloto: Nils Andersen im Shop Geschenke Scheideweg.

  • NRW: Jeder 5. Bürger ist armutsgefährdet

    NRW: Jeder 5. Bürger ist armutsgefährdet

    Foto: Nick Fewings auf Unsplash

    Düsseldorf (2mind) – Etwa 3,3 Millionen Menschen in Nordrhein-Westfalen galten 2023 als armutsgefährdet. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 18,3 Prozent. Im zurückliegenden Jahr galt ein Einpersonenhaushalt in NRW mit weniger als 1.233 Euro netto pro Monat als von Armut bedroht. Als armutsgefährdet gelten Menschen, denen weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Haushaltseinkommens zur Verfügung stehen. Zwischen 2013 und 2023 stieg das Armutsrisiko in NRW von 16,0 Prozent auf 18,3 Prozent. Die Zahlen stellte der Landesbetrieb IT.NRW als statistisches Landesamt heute vor.

    Das Armutsrisiko verteilt sich in NRW sehr unterschiedlich: Einem Armutsrisiko von 22,1 Prozent in der Region Dortmund stand ein Risiko von 12,5 Prozent in der Region Siegen gegenüber.

    Das stärkste Armutsrisiko trifft Alleinerziehende und ihre Kinder: Unter den Haushalten mit minderjährigen Kindern wiesen Alleinerziehende mit 45,7 Prozent die höchste Armutsgefährdungsquote im Land auf. Kinderreichtum wird ebenfalls zum Risiko: Haushalte mit drei oder mehr Kindern waren mit 35,3 Prozent etwa vier Mal höher von Armutsrisiken betroffen als Familien mit einem Kind (9,1 Prozent).

    Wenig überraschend steigert Arbeitslosigkeit das Armutsrisiko: 50,6 Prozent der erwerbslosen Personen waren armutsgefährdetet – gegenüber 8,9 Prozent der Erwerbstätigen.

    Besonders hoch ist das Armutsrisiko von Menschen mit Migrationshintergrund (30,6 Prozent gegenüber 11,9 Prozent bei Menschen ohne Migrationshintergrund.

    Die Zahlen basieren auf dem Mikrozensus, einer seit 1957 jährlich bei einem Prozent der Bevölkerung durchgeführten Befragung der amtlichen Statistik

    Aufgrund unterschiedlicher Berechnungsmethoden lassen sich die Landeszahlen nicht einfach mit deutschlandweiten Werten vergleichen. Der Bundesdurchschnitt weist für 2023 laut Statistischem Bundesamt eine Armutsgefährdungsquote von 21,2 Prozent aus, wobei die Armutsgefährdungsgrenze für einen Einpersonenhaushalt mit 1.310 Euro netto monatlich höher angesetzt ist als in der NRW-Statistik.

  • Mitgefühl entsteht im 2. Lebensjahr

    Mitgefühl entsteht im 2. Lebensjahr

    Foto: Unsplash+

    München (2mind) – Bereits mit 18 Monaten zeigen Kinder Mitgefühl. Mimik und Äußerungen dieser Kinder lassen erkennen, dass sie das Leid anderer Menschen berührt. Das geht aus einer an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) durchgeführten Studie hervor.

    Danach lassen sich Kleinkinder schon früh von Gefühlen anderer wie Angst oder Trauer anstecken. Laut dem Entwicklungspsychologen Markus Paulus sei diese emotionale Ansteckung ein erster Schritt hin zu Mitgefühl. „Bei Mitgefühl geht es darum, die Emotion auch regulieren zu können und nicht davon überwältigt zu werden“, so Prof. Paulus weiter, an dessen Lehrstuhl die Studie durchgeführt wurde.

    Die Studie zeigt zudem, dass Mitgefühl nicht angeboren ist, sondern sich im Kontext sozialer Interaktionen entwickelt. Entscheidend dabei sei das Ausmaß der elterlichen Feinfühligkeit. : Je feinfühliger Mütter auf die Bedürfnisse ihrer Kinder eingingen, desto besser konnten die Kinder schon im zweiten Lebensjahr einer fremden Person Mitgefühl zeigen. Paulus: „Ein Kind könnte nicht überleben ohne feinfühlige Bezugspersonen, die mitfühlend handeln. Die Kinder lernen von ihnen, mit negativen Emotionen umzugehen. Dadurch sind sie in der Lage, das später selbst auch anzuwenden“.

    Für die Studie bat ein Team um Markus Paulus und Tamara Becher 127 Kinder im Alter von 6, 10, 14 und 18 Monaten über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren mit ihren Müttern zu Verhaltensexperimenten an die LMU.

    Die Forschungsergebnisse sind hier nachzulesen:

    Markus Paulus et al.: When do children begin to care for others? In: Cognitive Development 2024. URL: https://doi.org/10.1016/j.cogdev.2024.101439

  • Mehr Extremismusvorfälle an Schulen

    Mehr Extremismusvorfälle an Schulen

    Foto: Giulia Squillace auf Unsplash+

    Berlin (2mind) – Die Zahl extremistische Vorfälle an Schulen steigt in mehreren Bundesländern deutlich. Das gilt zumindest für die Bundesländer, die bei einer Umfrage der „Welt am Sonntag“ entsprechende Statistiken vorlegten (> zur Meldung). Zu den gemeldeten Vorfällen zählen etwa „Judenwitze“, „Sieg Heil“-Schriftzüge und „Hitlergrüße“ im Klassenzimmer, die Beleidigung von Mitschülern als „Kanaken“ oder „schwarze Sau“ und Bemerkungen wie „Verbrenn’ die Juden“.

    In Sachsen stehen 50 extremistische Vorfälle im Jahr 2019 nun 149 Vorfällen im Jahr 2023 gegenüber. Mecklenburg-Vorpommern verzeichnete allein in diesem Januar 34 Meldungen, im ganzen Jahr 2023 waren es 17 Vorfälle. Baden-Württemberg erfasste an Schulen im Schuljahr 2020/21 zwölf Fälle „antisemitisch und anderweitig religiös und ethnisch motivierte Diskriminierungen“; im laufenden Schuljahr waren es bis zum 20. März bereits 35 Vorfälle dieser Kategorie. In Hessen verdreifachte sich im Jahr 2023 das Aufkommen rechtsextremistischer Vorfälle gegenüber dem Vorjahr auf 35 Meldungen; in den ersten drei Monaten des laufenden Jahres wurden bereits 39 rechtsextremistische Vorfälle gemeldet.

    Inwiefern die gestiegenen Zahlen zu extremistischen Vorfällen auf ein verändertes Meldeverhalten der Schulen zurückgehen, bleibt laut der Zeitung unklar. Zudem antworteten zahlreiche Bundesländer nicht oder teilten mit, keine entsprechenden Zahlen zu erheben.

    Die „Welt am Sonntag“ sprach mit Matthias Busch, Professor für Didaktik an der Universität Trier und Leiter des Projektes „Aktiv für Demokratiebildung im Lehramt“. Lehrkräfte fühlten sich angesichts der gesellschaftlichen Polarisierung alleingelassen und gingen zu etwa einem Drittel fälschlich davon aus, „neutral sein zu müssen“ – selbst bei grundgesetzfeindlichen oder rassistischen Aussagen. Das führe dazu, dass politisch kontroverse Themen nicht angesprochen würden, zitiert die „Welt am Sonntag“ den Wissenschaftler weiter.

    Die saarländische Bildungsministerin und amtierende Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Christine Streichert-Clivot (SPD), sagte der Zeitung zum Anstieg der gemeldeten Extremismusvorfälle: „Wir beobachten in der KMK diese Entwicklungen natürlich mit Sorge.“ Sie verwies zudem auf „viele positive Entwicklungen“ – etwa dass Schüler, Eltern und Lehrer gemeinsam auf der Straße „Zeichen gegen Hass, Diskriminierung, Populismus, Antisemitismus und Extremismus“ setzten. Laut „Welt am Sonntag“ bezeichnete die KMK-Präsidentin eine Vereinheitlichung der Erfassung extremistischer Vorfälle an Schulen aufgrund der unterschiedlichen Situationen in den einzelnen Bundesländern als „nicht unbedingt zielführend“. Eine solche Vereinheitlichung hatte nach dem Bericht der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, gefordert.

  • Internationale Wochen gegen Rassismus: „Populistischer Instrumentalisierung des Christentums“ begegnen

    Internationale Wochen gegen Rassismus: „Populistischer Instrumentalisierung des Christentums“ begegnen

    Foto: Mesut cicen auf Unsplash

    Berlin (2mind) – Vom 11. bis 24. März finden deutschlandweit die „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ statt. Das Thema lautet: „Menschenrechte für alle“. Vereine, Wohlfahrtsverbände, Kirchen und andere Akteure bieten während dieser Tage unterschiedliche Veranstaltungen: Workshops, Diskussionsrunden und kulturelle Beiträge sollen Bewusstsein für Rassismus und Diskriminierung in der Gesellschaft schaffen.

    Zentrum der Veranstaltungswochen ist der 21. März, der 1966 von den Vereinten Nationen zum „Internationalen Tag zur Überwindung von rassistischer Diskriminierung“ erklärt wurde. Er erinnert an den 21. März 1960, als über 5.000 Menschen im südafrikanischen Sharpeville gegen die diskriminierenden Passgesetze des Apartheid-Regimes demonstrierten. Die Polizei setzte Flugzeuge und Tränengas gegen die Demonstrierenden ein und schoss schließlich in die Menge. 69 Menschen starben, darunter acht Frauen und zehn Kinder.

    Seit Januar 2016 werden die Internationalen Wochen gegen Rassismus (IWgR) von der Stiftung gegen Rassismus koordiniert. Die Stiftung bietet z.B. Arbeitsmaterialien, einen Veranstaltungskalender und Impulse für die Öffentlichkeitsarbeit.

    In Kirchhundem (Sauerland) engagiert sich das katholische Geistliche Rüstzentrum Kohlhagen mit einem Vortrags- und Diskussionsabend zum Thema „Auftrag der Kirche: Migrantinnen und Migranten begleiten und dem Rassismus entgegentreten“. „Unsere Gesellschaft wurde in den letzten Jahrzehnten massiv durch rechtsextreme Übergriffe und Anschläge erschüttert“, so Pater Siegfried Modenbach SAC, einer der Leiter des Rüstzentrums. „Flüchtlingsunterkünfte wurden in Brand gesteckt, Menschen wegen ihrer Herkunft angegriffen oder ermordet; politische Verantwortungsträger und ehrenamtlich Engagierte, die für ein gutes Miteinander einstehen, wurden Opfer von Bedrohungen und Anschlägen; jüdische und muslimische Gotteshäuser wurden geschändet.“

    Christen müssen sich mit Rassismus in den eigenen Reihen auseinandersetzen, denn trotz eindeutiger Stellungnahmen der Kirchenleitungen und zahlreichen Initiativen „finden sich rassistische Vorstellungen und damit die Spannungen und Bruchlinien der Gesellschaft auch im Raum der Kirche wieder“, so der Pater. Wer sich bei der Ausgrenzung und Abwertung von Menschen anderer kultureller oder religiöser Hintergründe auf „christliche Werte“ berufe, „betreibt eine populistische Instrumentalisierung des Christentums, die von den Kirchen deutlich zurückgewiesen wird.“ Modenbach verweist in diesem Zusammenhang auf die „Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche & Rechtsextremismus“, in der über 50 Organisationen aus dem kirchlichen Raum und der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten.

    Informationen und Material zu den „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ auf der Seite der Stiftung gegen Rassismus: https://stiftung-gegen-rassismus.de/iwgr

    Plakat zur Internationalen Woche gegen den Rassismus
  • Hoffnungshäuser: Heimat für Menschen nach der Flucht

    Hoffnungshäuser: Heimat für Menschen nach der Flucht

    Leonberg (2mind) – Hoffnungshäuser integrieren Familien und einzelne Menschen nach der Flucht in eine Gemeinschaft. Auch in Deutschland Geborene leben in diesen Häusern, die so Gelegenheiten zu interkulturellen Begegnungen und Freundschaften bieten.

    Träger dieser Häuser ist die Hoffnungsträger Stiftung aus Leonberg (bei Stuttgart). Angelika Röhm leitet den Geschäftsbereich Programme & Standorte der Stiftung und lebt mit ihrer Familie selbst in einem Hoffnungshaus. Im Gespräch mit 2mind stellt sie das Konzept vor.

    Das Interview als 2mind-Podcast:

  • Theater in der Jugendhilfe

    Theater in der Jugendhilfe

    Velbert (2mind) – In der Hordtherberge des Jugendhilfeträgers „Wendepunkt“ in Velbert werden sechs Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren intensivpädagogisch begleitet. Für diese jungen Leute soll eine seelische Behinderung vermieden werden (35a SGB VIII). Einrichtungsleiter Thomas Clever  und der Schauspieler Christoph Schlemmer haben mit den Jugendlichen ein Theaterprojekt umgesetzt. Welche pädagogischen Möglichkeiten und welche Herausforderungen darin stecken, berichten sie im Gespräch mit 2mind.

    Auf 2mind starten wir eine Serie mit Podcasts zur sozialpädagogischen Praxis. Möchten Sie sich beteiligen? Dann senden Sie uns gerne eine Nachricht an redaktion@2mind.org.

  • „Die Arche“ in Düsseldorf: Kristine Shahinmehr im Interview

    „Die Arche“ in Düsseldorf: Kristine Shahinmehr im Interview

    Düsseldorf (2mind) – „Die Arche in Wersten ist für viele Kinder eine tägliche Anlaufstelle nach der Schule. Hier bekommen sie ein warmes Mittagessen und Hilfe bei den Hausaufgaben. Wenn die alle erledigt sind, gibt es viele Möglichkeiten auch den Rest des Nachmittags schön zu verbringen. Die Arche ist eine Stiftung, die sich für Kinder und Jugendliche in Armut engagiert. Finanziert wird sie durch Spenden. Seit vielen Jahren bekommt die Einrichtung Unterstützung von der HSBC Bank.“ Das berichtete die Rheinische Post am 9. März 2023

    Für 2mind sprach Achim Halfmann mit Kristine Shahinmehr, Einrichtungsleiterin bei der „Die Arche“ Kinderstiftung, über das Angebot der „Arche“, die Situation von Kindern in Armut, das Angebot der Stiftung, die Suche nach Mitarbeitern, die Spendenfinanzierung, die christliche Ausrichtung und Netzwerke in der pädagogischen Arbeit.

    Auf 2mind starten wir eine Serie mit Podcasts zur sozialpädagogischen Praxis. Möchten Sie sich beteiligen? Dann senden Sie uns gerne eine Nachricht an redaktion@2mind.org.

  • Jugendliche aus der Ukraine: Spracherwerb ist eine große Hürde

    Jugendliche aus der Ukraine: Spracherwerb ist eine große Hürde

    Foto: Brandon Morales auf Unsplash

    München (2mind) – Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat seinen Abschlussbericht zur Situation ukrainischer Geflüchteter und den kommunalen Unterstützungsstrukturen vorgelegt. Insgesamt sei „die Situation für alle Geflüchteten sehr belastend und mit der Anstrengung verbunden, den Übergang von der Ukraine nach Deutschland möglichst bruchlos zu bewältigen“, heißt es in der Zusammenfassung. „Dabei fehlt es trotz vieler Koordinationsanstrengungen an Platzangeboten, Fachkräften, finanziellen Ressourcen und teils auch an ausreichender Angebotskenntnis seitens der Zielgruppe.“ 2mind sprach mit der DJI-Mitarbeiterin Sophia Chabursky über die Situation junger Geflüchteter aus der Ukraine.

    Frau Chabursky, was waren Ihre Aufgaben in dem DJI-Forschungsprojekt?

    Sophia Chabursky: Ich bin für das Teilprojekt 3 verantwortlich und habe Interviews mit aus der Ukraine geflüchteten Jugendlichen geführt. Da meine Mutter Ukrainerin ist, spreche ich deren Sprache, sodass ich die Interviews auf Ukrainisch führen konnte. Für die Jugendlichen, die sich sonst um das Erlernen der deutschen Sprache bemühen, ergab sich dadurch eine umgekehrte Rollenverteilung: Sie waren die Sprachexperten und konnten sich auf allen Gebieten gut ausdrücken.

    Gesprochen habe ich mit 25 Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 18 Jahren, bei einer in etwa gleichmäßigen Verteilung von Alter und Geschlecht.

    Worum ging es in diesen Gesprächen?

    In den Gesprächen ging es um die Erfahrungen der Jugendlichen mit dem Krieg in der Ukraine, um ihren Fluchtgrund und darum, wie die Flucht verlief. Wir wollten von ihnen wissen, wie die Flucht abgelaufen ist, weshalb sie Deutschland als Zielland gewählt haben, wie gut hier ihre Integration in Schule gelungen ist und womit sie ihre Freizeit verbringen. Und wir wollten etwas erfahren über Freundschaften und Familienbeziehungen, das psychische Wohlbefinden, den Zugang zu Dienstleistungssystemen und ihre Bleibeabsicht.

    Sie haben das Thema „Kriegserfahrungen“ angesprochen. Sind manche dieser jungen Menschen traumatisiert?

    Die meisten dieser Jugendlichen sind zu Anfang des Krieges geflohen, viele aus den Kriegsgebieten im Westen der Ukraine. Alle, mit denen wir sprachen, haben den Krieg auf irgendeine Art und Weise miterlebt: Sie waren zumindest von Bombenwarnungen betroffen und haben die Kriegsflugzeuge gesehen. Manche Jugendlichen mussten Monate in Kellern verbringen, sahen Tote und wurden Zeugen von Kriegsverbrechen.

    Und auch heute erleben sie den Krieg in der Ukraine aktiv mit: Fast alle Väter sind dortgeblieben, die Großeltern oder andere Verwandte sind davon betroffen. Das motiviert sie, die Nachrichten zu verfolgen.

    Manche Jugendlichen geraten dadurch in eine für sie belastende Nachrichtenspirale. Dann ist für einige die Schule hilfreich, weil sie eine Tagesstruktur bietet und hilft, den ständigen Nachrichtenkonsum zu durchbrechen.

    Jeder Jugendliche verarbeitet erlittene Traumata auf seine Art und Weise und zu seinem Zeitpunkt. Wir haben nach der Nutzung von Psychotherapie oder Beratungsangeboten gefragt, manche haben dazu Infos von ihren Lehrkräften erhalten. Viele haben geantwortet, dass sie diese Hilfe nicht brauchen; nur ein Jugendlicher war tatsächlich in therapeutischer Behandlung.

    In unseren Interviews haben wir Hinweise auf posttraumatische Belastungsstörungen heraushören können: dass etwa laute Geräusche wie ein starkes Türschlagen Herzklopfen auslösen oder Jugendliche von Albträumen berichteten. Aber für die meisten war zunächst das Ankommen in Deutschland wichtig; die psychischen Belastungen werden möglicherweise zum Thema, wenn sie sich der Sprache mächtiger fühlen. Jetzt verarbeiten manche den Stress, indem sie Musik hören, Sport treiben oder mit Familienmitgliedern oder Freunden reden.

    Zum Thema Sport treiben: Haben die jungen Ukrainer in Deutschland Zugang zu Vereinen gefunden?

    Viele dieser jungen Leute haben in der Ukraine sehr intensiv Vereinssport betrieben, nahezu an jedem Tag. Wenn ein deutscher Verein zwei Trainings pro Woche und ein Turnier am Wochenende anbietet, ist das einigen Jugendlichen nicht genug. Freizeitkultur mit Sportangeboten wie Fußball oder Tanz wird in der Ukraine viel intensiver gelebt als in Deutschland.

    Hilfreich war, dass deutsche Vereine ihre Angebote diesen Jugendlichen kostenlos angeboten haben, das wurde sehr gerne genutzt. Und oft haben Lehrkräfte oder Freunde geholfen, dass sie die zu ihnen passenden Angebote gefunden haben.

    Haben ukrainische Jugendliche auch Zurückweisung oder Ablehnung erfahren?

    Leider ja: Es gab einige erschreckende Berichte über Mobbing und Gewalt. Da haben zum Beispiel andere Jugendliche mit Putin-Masken Parolen gerufen und haben die jungen Ukrainer teilweise körperlich bedrängt. Solche extremen Mobbingfälle haben wir in unserer kleinen Stichprobe eher aus den Mittelschulen als von den Gymnasien gehört. Für eine repräsentative Aussage war unsere Stichprobe aber zu klein.

    Und es gab natürlich genauso positive Erfahrungen, dass Ukrainerinnen von ihren Mitschülerinnen mit offenen Armen empfangen und unterstützt wurden. Eine Jugendliche erzählte beispielsweise, dass ihr eine Mitschülerin einen Fahrradhelm schenkte – eine für sie wichtige Erfahrung. Im Allgemeinen fühlen sich die Jugendlichen willkommen in Deutschland.

    Wie war das Ankommen im deutschen Schulsystem für die jungen Leute aus der Ukraine?

    Jedes Bundesland hat das anders organisiert: In manchen gab es Willkommens- oder Integrationsklassen, in anderen wurden die Jugendlichen gleich in Regelklassen integriert.

    Hier in meinem Bundesland Bayern wurde eine Brückenklasse pro Schule eingerichtet, in der es für die Jugendlichen unterschiedlichen Alters primär um das Erlernen der deutschen Sprache ging. Da war es aus Sicht der Jugendlichen nicht leicht, ein angemessenes Lerntempo zu finden, und manche ältere wollten ein anspruchsvolleres Deutsch lernen.

    Viele der jungen Leute aus der Ukraine fanden es gut, in einer Klasse zu sein, in der sie ihre Heimatsprache sprechen konnten. Wenn Jugendliche zwischen den Integrationsklassen und ihrer eigentlichen Klasse hin und her wechselten, erschwerte das den Kontaktaufbau zu deutschen Jugendlichen.

    Insgesamt war der Spracherwerb eine große Hürde für diese Jugendlichen. Die meisten sprechen Englisch und sind dadurch mit dem lateinischen Alphabet vertrau. Aber der Sprachunterricht in der Ukraine ist anders strukturiert. Während manche Brückenklassen im zurückliegenden Schuljahr das B2-Niveau erreichten, blieben andere auf A2. Im Unterricht kann das dann eine sehr frustrierende Erfahrung sein, wenn man eigentlich vieles beitragen könnte, aber der Sprache nicht mächtig ist.

    Das Ankommen in den Klassen gelang insgesamt sehr unterschiedlich, wobei das Engagement der Lehrkräfte und Schulleiter eine wichtige Rolle spielte. Wir haben von sehr engagierten Pädagogen gehört, die über ihre Lehrpläne hinaus zusätzliche Hilfen anboten oder mit einem Klassenfrühstück die Willkommenskultur stärkten. Das war aber auch abhängig von den an einer Schule zur Verfügung stehenden zeitlichen und personellen Ressourcen. Schulen ohne solche Ressourcen konnten deutlich weniger leisten.

    Wie planen die jungen Leute aus der Ukraine ihre Zukunft: Wollen sie in Deutschland bleiben?

    Da steht es etwa 50:50. Viele wollen zurück zu ihrem Vater oder ihren Verwandte. Wenn auch der Vater in Deutschland leben würde, wäre das vielleicht anders. Es gibt aber auch diejenigen, die nach dem Krieg in Deutschland bleiben möchten.

    Dass viele ukrainische Jugendliche Deutschland bereits nach wenigen Monaten als ihre „zweite Heimat“ bezeichnen, spricht für die guten Erfahrungen, die sie hier gemacht haben. Und deutlich ist ebenso, dass die meisten dieser Jugendlichen mit der Ukraine verbunden bleiben und ihrem Land etwas zurückgeben möchten.

    Unsere Interviews haben wir im Herbst des letzten Jahres geführt: Die Frage nach der Zukunft der Ukraine war unsicher, sodass auch die jungen Leute für ihre eigene Zukunft kaum planen konnten. Viele sind hoffnungsvoll, dass die Ukraine den Krieg gewinnt.

    Vielen Dank für das Gespräch!

  • Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) in der Jugendhilfe

    Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) in der Jugendhilfe

    Foto: Unsplash+

    Berlin (2mind) – „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)“ heißt eine internationale Bildungskampagne, die junge Menschen in einem zukunftsfähigen Handeln unterstützen will. Im Hintergrund steht das seit 2020 laufende UNESCO-Programm „Education for Sustainable Development“. BNE ist damit zugleich ein Thema für Jugendarbeit und Jugendhilfe.

    Der „Deutsche Kinder- und Jugendhilfepreis 2024 lenkt nun die Aufmerksamkeit darauf: In der Kategorie „Praxispreis der Kinder- und Jugendhilfe“ können Beiträge zur „Ökologischen Nachhaltigkeit in der Kinder- und Jugendhilfe“ eingereicht werden. „Es geht nicht nur direkt um Fragen des Klimaschutzes, sondern auch um einen ganzheitlichen Ansatz, der die Beteiligung und Selbstwirksamkeit junger Menschen für eine nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft stärkt“, heißt es in der Ausschreibung. Und weiter: „Die Akteur:innen der Kinder- und Jugendhilfe sind gefordert, sich intensiv mit den hiermit verbundenen Fragen zukünftiger klimagerechter Lebensstile und Angebotsformen auseinanderzusetzen sowie Weichen innerhalb des eigenen Agierens zum Gelingen dieses Anspruchs zu stellen.“

    Eingereicht werden können Beiträge etwa aus den Handlungsfeldern Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, erzieherischer Kinder- und Jugendschutz, Förderung der Erziehung in der Familie (Frühe Hilfen, Familienbildung, Erziehungs- und Trennungsberatung), Kindertagesbetreuung, Hilfe zur Erziehung, Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche und Hilfe für junge Volljährige.

    Dass es mit der Bildung für nachhaltige Entwicklung nicht zum Besten steht, belegt eine soeben an der Freien Universität Berlin veröffentlichte Studie. „Unsere Analyse zeigt eine deutliche Diskrepanz zwischen ambitionierten Zielsetzungen auf der einen Seite und den konkret vorgesehenen Maßnahmen, Indikatoren und Mitteln zur praktischen Umsetzung von BNE auf der anderen Seite“, so Studienautor Jorrit Holst in einem Pressestatement. Die Nachhaltigkeitskrise und die Bedeutung von BNE seien zwar vielen bewusst, doch es werde weiter zu langsam gehandelt. Holst weiter: „Nachhaltigkeit und BNE erhalten bislang nicht die nötige Priorität, um die selbst gesetzten Ziele erreichen zu können.“

    Der Kurzbericht „BNE: Auf dem Weg in den Mainstream, doch mit welcher Priorität?“ > als PDF zum Download.