Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, steigende Energiekosten, Inflation und der Preisanstieg im Lebensmitteleinzelhandel: Was die einen finanziell schmerzt, wirkt für andere existenzbedrohend. Das bekommen auch die Tafeln zu spüren, die rund zwei Millionen Menschen regelmäßig mit Lebensmitteln unterstützen: „Wir verzeichnen seit Jahresbeginn 50 Prozent mehr Kundinnen und Kunden“, sagte Jochen Brühl, der Vorsitzende des Bundesverbandes der Tafeln, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Zugleich gebe es einen spürbaren Rückgang der Lebensmittelspenden. „Handelsunternehmen versuchen, weniger zu verschwenden und ihre Ware kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum oder mit kleinen Schönheitsfehlern über Rabattaktionen noch zu verkaufen“, so Brühl.
Von Achim Halfmann
Das Problem kennt auch Renate Zanjani von der Tafel Niederberg der Bergischen Diakonie. Wurden in der Stadt Wülfrath zu Jahresbeginn etwa 60 Menschen zweimal pro Woche mit Essen versorgt, so sind es jetzt am Jahresende über 100. Zu den Tafeln kommen Menschen ohne Arbeit – viele darunter chronisch erkrankt – ebenso wie Geringverdiener und Senioren. „Die Tafeln sind immer ein Abbild der Gesellschaft“, sagt Zanjani.
Wenn Anfang 2023 die Abschlagrechnungen auf Energiekosten rausgehen, rechnet die Diakonieexpertin mit einer deutlich steigenden Zahl an Hilfesuchenden. „Die Sorge vor den Jahresabschlägen ist hoch.“ Dabei stehen die Tafeln mit ihren Angeboten bereits durch die hohe Zahl der Geflüchteten aus der Ukraine unter Druck. Anders als ein Drittel der Tafeln konnten die Niederberger einen Aufnahmestopp bisher vermeiden.
Weniger Lebensmittelspenden
Paradoxerweise ist es das Nachhaltigkeitsengagement der Supermärkte, das zu einer Reduzierung der Lieferungen an die Tafeln beiträgt. Mit Umdisponierungen wird Lebensmittelverschwendung verhindert. Kurz vor dem Verfall werden Lebensmittel mit Rabattaktionen wie „Kaufen Sie eine Rettertüte“ an den nachhaltigkeitsbewussten Kunden gebracht. Für die Tafeln bleibt dann weniger übrig. Auch Plattformen wie foodsharing.de mit dem Motto „verwenden statt verschwenden“ spielen hier eine Rolle. Mit foodsharing bestehe seit zwei Jahren eine gute Kooperation, berichtet Zanjani. Dort gelte „Tafel first“.
Seit 1993 sind die Tafeln in Deutschland aktiv: es gibt sie ebenso in anderen europäischen Ländern und den USA. Der Dachverband Tafel Deutschland e.V. vertritt landesweit rund 960 Tafeln. Etwa 60.000 Helfer:innen sind dort engagiert. Kritiker der Tafeln bemängeln, dass dieses Angebot den Druck zur Schaffung gerechterer gesellschaftlicher Verhältnisse verringert. Angesichts steigender Nachfrage und eines sich reduzierenden Angebotes ist die Zukunft der Tafel-Arbeit offen. „Was bringt uns das nächste Jahr? Ich weiß es noch nicht“, sagt Zanjani. Auf jeden Fall wollen die Niederberger Tafeln alles daransetzen, einen Aufnahmestopp weiter zu verhindern.
Achim Halfmann ist 2mind-Redakteur und Medienpädagoge (M.A.) am Bildungszentrum Bleibergquelle. achim@2mind.org
Einweihung eines mit Unterstützung von Fairtrade Deutschland errichteten Trinkwassertanks am 20. September 2022 in Abekoase, Ghana. Links im Bild: Claudia Brück (Foto: Nipah Dennis/FairTrade Africa)
Wie wirken sich die großen Krisen Klimawandel, Corona-Pandemie und Ukraine-Krieg auf die Menschen am Anfang globaler Lieferkette aus? Darüber sprachen wir mit Claudia Brück, Vorstand Kommunikation und Politik bei Fairtrade Deutschland. Im September besuchte die NGO-Managerin das westafrikanische Ghana, aus dem ein großer Teil des in Europa konsumierten Kakaos stammt – aber auch Bananen, frische und getrocknete Früchte. Das Video-Gespräch führte Achim Halfmann.
CSR NEWS: Frau Brück, wie und mit welchem Ziel ist Fairtrade in Ghana aktiv?
Claudia Brück: Ghana ist Teil des westafrikanischen Fairtrade-Netzwerks, für das inzwischen 46 lokale Expertinnen und Experten unterschiedlicher Fachrichtungen tätig sind – von Ökonomen über Landwirtschaftsingenieure bis zu Soziologen. Gemeinsam mit den lokalen Produzentenorganisationen wollen wir neue Märkte für Fairtrade-Produkte öffnen und die Fairtrade-Standards vor Ort verankern. Dazu zählen existenzsichernde Löhne für die Bäuerinnen und Bauern, eine nachhaltige Landwirtschaft, die auf den Einsatz von Pestiziden und Düngemitteln so weit wie möglich verzichtet und die Vermeidung von Kinderarbeit. Das ist auch wichtig, um jungen Menschen in der Landwirtschaft eine Zukunft zu ermöglichen. Denn Ghana erlebt eine Landflucht, und das kann auch Kakaoimporteuren wie Barry Callebaut und Cargill, die dort Kakao sourcen, nicht egal sein.
Hierzulande verbinden sich mit der Corona-Pandemien Lockdowns, Quarantäne- und Maskenpflichten. Wie haben die Menschen in Ghana die globale Pandemie erlebt – und was können wir daraus lernen?
Die Situation hat sich dort wesentlich bedrohlicher gestaltet als wir es uns vorstellen können. Menschen, die vom Verkauf frischer Früchte leben, haben von heute auf Morgen ihre Existenzgrundlage verloren, als ihre Lieferketten zusammenbrachen. Diesen Menschen fehlt jedes finanzielle Polster, und so ist die Situation für manche in Hunger umgeschlagen. Zwar unterstützen sich Familien gegenseitig, aber ich habe Menschen auf der Straße gesehen, für die offensichtlich niemand sorgt. Hinzu kommen die Risiken einer einseitigen Kohlehydrate-lastigen Ernährung.
Bis heute hat sich die Logistik nicht völlig erholt; es fehlen beispielsweise Container. Und die Transportkosten sind deutlich gestiegen.
Fairtrade arbeitet ausschließlich mit Kleinbauernorganisationen, die sich in demokratischen Organisationen zusammenfinden. Dort werden wichtige Entscheidungen gemeinsam getroffen – etwa wie die für das Gemeinwesen bestimmte Fairtrade-Prämie verwendet werden soll. Zu Corona-Hochzeit wurde diese Prämie als ein Beitrag zur Existenzsicherung häufig direkt ausgezahlt.
Eine Konsequenz aus den Pandemieerfahrungen ist, dass wir die Bäuerinnen und Bauern noch stärker in Richtung Diversifizierung des Einkommens und Sicherung des Eigenbedarfs beraten: Wer Gemüse oder Früchte für den eigenen Verzehr anbaut oder Tiere hält, ist in einer solchen Situation besser geschützt.
Bei einer anderen Krise, dem Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine, könnte man denken: Das geschieht weit weg von Ghana und bleibt für Westafrika folgenlos.
Menschen in Ghana spüren auch die Auswirkungen dieser Krise deutlich, denn der Krieg hat die Kosten extrem in die Höhe getrieben. Ghana leidet unter einer hohen zweistelligen Inflationsrate. Sparen macht derzeit keinen Sinn. Jeder überlegt, was er heute kaufen kann, weil morgen alles teurer ist. Die Inflation fordert das ghanaische Wirtschaftssystem enorm heraus – auch den Kakaosektor:
Es gibt zwar einen Mindestpreis für Kakao, der erst im Oktober veröffentlicht wurde. Aber die Ernte wird bis in den Januar dauern, und ob dieser Preis dann noch die Lebensgrundlage der Erzeuger sichert, ist fraglich.
Ghana kann den Kakao-Mindestpreis allerdings nicht beliebig anheben, sonst verlagern Einkäufer ihren Handel nach Kamerun, Sierra Leone oder an die Elfenbeinküste. Und die Erfahrung zeigt: Als Ghana und die Elfenbeinküste gemeinsam einen höheren Kakaopreis durchsetzen wollten, haben die Einkäufer dies ausgesessen, indem sie auf ihren Lagerbestand zurückgriffen und ihren Einkauf deutlich verringert haben.
Die Klimakrise verändert Lebens- und Produktionsbedingungen weltweit. Wie erleben die Menschen in Ghana den Klimawandel?
Die Regenzeiten haben sich verändert: Sie dauern länger und bringen trotzdem weniger Wasser. Für die Kakaobäuerinnen und -bauern bedeutet das mehr Aufwand und Qualitätsverluste. Nach der Regenzeit werden Kakaobohnen zum Trocknen auf Matten unter freiem Himmel ausgelegt. Jetzt müssen die Bauern in der Nähe ihrer Bohnen bleiben und diese am Tag zwei- bis dreimal abdecken, um sie zu schützen. Zugleich erleben wir, dass die Pflanzen anfälliger werden.
Wie kann Landwirtschaft unter diesen Bedingungen zukunftsfähig werden?
Landwirtschaftliche Einheiten sind in Ghana häufig zu klein – unter zwei Hektar – und an manchen Orten wird fast die ganze Arbeit mit der Hand erledigt. Wir brauchen eine Spezialisierung und Professionalisierung im ghanaischen Landwirtschaftssektor. Dies unterstützen Kooperativen, indem sie Gerätschaften zur Verfügung stellen und ein arbeitsteiliges Vorgehen fördern.
Es braucht aber auch neue Jobs außerhalb der Landwirtschaft, etwa indem weitere Schritte der Kakao-Wertschöpfungskette im Land selbst gegangen werden. Eine Frage ist etwa: Wie könnte eine lokale Schokoladenindustrie aussehen?
An die Schokoladenindustrie und die großen Einkäufer appellieren wir, solche Entwicklungen zu unterstützen und gemeinsam mit den Produzentinnen und Produzenten nach Lösungen zu suchen, die dem Kakaosektor in Ghana zukunftsfähiger machen. In der aktuellen Situation heißt das auch, dass Einkäufer am Tag des Warenübergangs bereit sind, das verhandelte Paket noch einmal zu öffnen und die Inflationsrate beim Einkaufspreis zu berücksichtigen.
Vielen Dank für das Gespräch!
Foto: Einweihung eines mit Unterstützung von Fairtrade Deutschland errichteten Trinkwassertanks am 20. September 2022 in Abekoase, Ghana. Links im Bild: Claudia Brück (Foto: Nipah Dennis/FairTrade Africa)