Kategorie: Aktuelles

  • Hoffnungshäuser: Heimat für Menschen nach der Flucht

    Hoffnungshäuser: Heimat für Menschen nach der Flucht

    Leonberg (2mind) – Hoffnungshäuser integrieren Familien und einzelne Menschen nach der Flucht in eine Gemeinschaft. Auch in Deutschland Geborene leben in diesen Häusern, die so Gelegenheiten zu interkulturellen Begegnungen und Freundschaften bieten.

    Träger dieser Häuser ist die Hoffnungsträger Stiftung aus Leonberg (bei Stuttgart). Angelika Röhm leitet den Geschäftsbereich Programme & Standorte der Stiftung und lebt mit ihrer Familie selbst in einem Hoffnungshaus. Im Gespräch mit 2mind stellt sie das Konzept vor.

    Das Interview als 2mind-Podcast:

  • Theater in der Jugendhilfe

    Theater in der Jugendhilfe

    Velbert (2mind) – In der Hordtherberge des Jugendhilfeträgers „Wendepunkt“ in Velbert werden sechs Jugendliche im Alter zwischen 14 und 17 Jahren intensivpädagogisch begleitet. Für diese jungen Leute soll eine seelische Behinderung vermieden werden (35a SGB VIII). Einrichtungsleiter Thomas Clever  und der Schauspieler Christoph Schlemmer haben mit den Jugendlichen ein Theaterprojekt umgesetzt. Welche pädagogischen Möglichkeiten und welche Herausforderungen darin stecken, berichten sie im Gespräch mit 2mind.

    Auf 2mind starten wir eine Serie mit Podcasts zur sozialpädagogischen Praxis. Möchten Sie sich beteiligen? Dann senden Sie uns gerne eine Nachricht an redaktion@2mind.org.

  • „Die Arche“ in Düsseldorf: Kristine Shahinmehr im Interview

    „Die Arche“ in Düsseldorf: Kristine Shahinmehr im Interview

    Düsseldorf (2mind) – „Die Arche in Wersten ist für viele Kinder eine tägliche Anlaufstelle nach der Schule. Hier bekommen sie ein warmes Mittagessen und Hilfe bei den Hausaufgaben. Wenn die alle erledigt sind, gibt es viele Möglichkeiten auch den Rest des Nachmittags schön zu verbringen. Die Arche ist eine Stiftung, die sich für Kinder und Jugendliche in Armut engagiert. Finanziert wird sie durch Spenden. Seit vielen Jahren bekommt die Einrichtung Unterstützung von der HSBC Bank.“ Das berichtete die Rheinische Post am 9. März 2023

    Für 2mind sprach Achim Halfmann mit Kristine Shahinmehr, Einrichtungsleiterin bei der „Die Arche“ Kinderstiftung, über das Angebot der „Arche“, die Situation von Kindern in Armut, das Angebot der Stiftung, die Suche nach Mitarbeitern, die Spendenfinanzierung, die christliche Ausrichtung und Netzwerke in der pädagogischen Arbeit.

    Auf 2mind starten wir eine Serie mit Podcasts zur sozialpädagogischen Praxis. Möchten Sie sich beteiligen? Dann senden Sie uns gerne eine Nachricht an redaktion@2mind.org.

  • Jugendliche aus der Ukraine: Spracherwerb ist eine große Hürde

    Jugendliche aus der Ukraine: Spracherwerb ist eine große Hürde

    Foto: Brandon Morales auf Unsplash

    München (2mind) – Das Deutsche Jugendinstitut (DJI) hat seinen Abschlussbericht zur Situation ukrainischer Geflüchteter und den kommunalen Unterstützungsstrukturen vorgelegt. Insgesamt sei „die Situation für alle Geflüchteten sehr belastend und mit der Anstrengung verbunden, den Übergang von der Ukraine nach Deutschland möglichst bruchlos zu bewältigen“, heißt es in der Zusammenfassung. „Dabei fehlt es trotz vieler Koordinationsanstrengungen an Platzangeboten, Fachkräften, finanziellen Ressourcen und teils auch an ausreichender Angebotskenntnis seitens der Zielgruppe.“ 2mind sprach mit der DJI-Mitarbeiterin Sophia Chabursky über die Situation junger Geflüchteter aus der Ukraine.

    Frau Chabursky, was waren Ihre Aufgaben in dem DJI-Forschungsprojekt?

    Sophia Chabursky: Ich bin für das Teilprojekt 3 verantwortlich und habe Interviews mit aus der Ukraine geflüchteten Jugendlichen geführt. Da meine Mutter Ukrainerin ist, spreche ich deren Sprache, sodass ich die Interviews auf Ukrainisch führen konnte. Für die Jugendlichen, die sich sonst um das Erlernen der deutschen Sprache bemühen, ergab sich dadurch eine umgekehrte Rollenverteilung: Sie waren die Sprachexperten und konnten sich auf allen Gebieten gut ausdrücken.

    Gesprochen habe ich mit 25 Jugendlichen im Alter zwischen 12 und 18 Jahren, bei einer in etwa gleichmäßigen Verteilung von Alter und Geschlecht.

    Worum ging es in diesen Gesprächen?

    In den Gesprächen ging es um die Erfahrungen der Jugendlichen mit dem Krieg in der Ukraine, um ihren Fluchtgrund und darum, wie die Flucht verlief. Wir wollten von ihnen wissen, wie die Flucht abgelaufen ist, weshalb sie Deutschland als Zielland gewählt haben, wie gut hier ihre Integration in Schule gelungen ist und womit sie ihre Freizeit verbringen. Und wir wollten etwas erfahren über Freundschaften und Familienbeziehungen, das psychische Wohlbefinden, den Zugang zu Dienstleistungssystemen und ihre Bleibeabsicht.

    Sie haben das Thema „Kriegserfahrungen“ angesprochen. Sind manche dieser jungen Menschen traumatisiert?

    Die meisten dieser Jugendlichen sind zu Anfang des Krieges geflohen, viele aus den Kriegsgebieten im Westen der Ukraine. Alle, mit denen wir sprachen, haben den Krieg auf irgendeine Art und Weise miterlebt: Sie waren zumindest von Bombenwarnungen betroffen und haben die Kriegsflugzeuge gesehen. Manche Jugendlichen mussten Monate in Kellern verbringen, sahen Tote und wurden Zeugen von Kriegsverbrechen.

    Und auch heute erleben sie den Krieg in der Ukraine aktiv mit: Fast alle Väter sind dortgeblieben, die Großeltern oder andere Verwandte sind davon betroffen. Das motiviert sie, die Nachrichten zu verfolgen.

    Manche Jugendlichen geraten dadurch in eine für sie belastende Nachrichtenspirale. Dann ist für einige die Schule hilfreich, weil sie eine Tagesstruktur bietet und hilft, den ständigen Nachrichtenkonsum zu durchbrechen.

    Jeder Jugendliche verarbeitet erlittene Traumata auf seine Art und Weise und zu seinem Zeitpunkt. Wir haben nach der Nutzung von Psychotherapie oder Beratungsangeboten gefragt, manche haben dazu Infos von ihren Lehrkräften erhalten. Viele haben geantwortet, dass sie diese Hilfe nicht brauchen; nur ein Jugendlicher war tatsächlich in therapeutischer Behandlung.

    In unseren Interviews haben wir Hinweise auf posttraumatische Belastungsstörungen heraushören können: dass etwa laute Geräusche wie ein starkes Türschlagen Herzklopfen auslösen oder Jugendliche von Albträumen berichteten. Aber für die meisten war zunächst das Ankommen in Deutschland wichtig; die psychischen Belastungen werden möglicherweise zum Thema, wenn sie sich der Sprache mächtiger fühlen. Jetzt verarbeiten manche den Stress, indem sie Musik hören, Sport treiben oder mit Familienmitgliedern oder Freunden reden.

    Zum Thema Sport treiben: Haben die jungen Ukrainer in Deutschland Zugang zu Vereinen gefunden?

    Viele dieser jungen Leute haben in der Ukraine sehr intensiv Vereinssport betrieben, nahezu an jedem Tag. Wenn ein deutscher Verein zwei Trainings pro Woche und ein Turnier am Wochenende anbietet, ist das einigen Jugendlichen nicht genug. Freizeitkultur mit Sportangeboten wie Fußball oder Tanz wird in der Ukraine viel intensiver gelebt als in Deutschland.

    Hilfreich war, dass deutsche Vereine ihre Angebote diesen Jugendlichen kostenlos angeboten haben, das wurde sehr gerne genutzt. Und oft haben Lehrkräfte oder Freunde geholfen, dass sie die zu ihnen passenden Angebote gefunden haben.

    Haben ukrainische Jugendliche auch Zurückweisung oder Ablehnung erfahren?

    Leider ja: Es gab einige erschreckende Berichte über Mobbing und Gewalt. Da haben zum Beispiel andere Jugendliche mit Putin-Masken Parolen gerufen und haben die jungen Ukrainer teilweise körperlich bedrängt. Solche extremen Mobbingfälle haben wir in unserer kleinen Stichprobe eher aus den Mittelschulen als von den Gymnasien gehört. Für eine repräsentative Aussage war unsere Stichprobe aber zu klein.

    Und es gab natürlich genauso positive Erfahrungen, dass Ukrainerinnen von ihren Mitschülerinnen mit offenen Armen empfangen und unterstützt wurden. Eine Jugendliche erzählte beispielsweise, dass ihr eine Mitschülerin einen Fahrradhelm schenkte – eine für sie wichtige Erfahrung. Im Allgemeinen fühlen sich die Jugendlichen willkommen in Deutschland.

    Wie war das Ankommen im deutschen Schulsystem für die jungen Leute aus der Ukraine?

    Jedes Bundesland hat das anders organisiert: In manchen gab es Willkommens- oder Integrationsklassen, in anderen wurden die Jugendlichen gleich in Regelklassen integriert.

    Hier in meinem Bundesland Bayern wurde eine Brückenklasse pro Schule eingerichtet, in der es für die Jugendlichen unterschiedlichen Alters primär um das Erlernen der deutschen Sprache ging. Da war es aus Sicht der Jugendlichen nicht leicht, ein angemessenes Lerntempo zu finden, und manche ältere wollten ein anspruchsvolleres Deutsch lernen.

    Viele der jungen Leute aus der Ukraine fanden es gut, in einer Klasse zu sein, in der sie ihre Heimatsprache sprechen konnten. Wenn Jugendliche zwischen den Integrationsklassen und ihrer eigentlichen Klasse hin und her wechselten, erschwerte das den Kontaktaufbau zu deutschen Jugendlichen.

    Insgesamt war der Spracherwerb eine große Hürde für diese Jugendlichen. Die meisten sprechen Englisch und sind dadurch mit dem lateinischen Alphabet vertrau. Aber der Sprachunterricht in der Ukraine ist anders strukturiert. Während manche Brückenklassen im zurückliegenden Schuljahr das B2-Niveau erreichten, blieben andere auf A2. Im Unterricht kann das dann eine sehr frustrierende Erfahrung sein, wenn man eigentlich vieles beitragen könnte, aber der Sprache nicht mächtig ist.

    Das Ankommen in den Klassen gelang insgesamt sehr unterschiedlich, wobei das Engagement der Lehrkräfte und Schulleiter eine wichtige Rolle spielte. Wir haben von sehr engagierten Pädagogen gehört, die über ihre Lehrpläne hinaus zusätzliche Hilfen anboten oder mit einem Klassenfrühstück die Willkommenskultur stärkten. Das war aber auch abhängig von den an einer Schule zur Verfügung stehenden zeitlichen und personellen Ressourcen. Schulen ohne solche Ressourcen konnten deutlich weniger leisten.

    Wie planen die jungen Leute aus der Ukraine ihre Zukunft: Wollen sie in Deutschland bleiben?

    Da steht es etwa 50:50. Viele wollen zurück zu ihrem Vater oder ihren Verwandte. Wenn auch der Vater in Deutschland leben würde, wäre das vielleicht anders. Es gibt aber auch diejenigen, die nach dem Krieg in Deutschland bleiben möchten.

    Dass viele ukrainische Jugendliche Deutschland bereits nach wenigen Monaten als ihre „zweite Heimat“ bezeichnen, spricht für die guten Erfahrungen, die sie hier gemacht haben. Und deutlich ist ebenso, dass die meisten dieser Jugendlichen mit der Ukraine verbunden bleiben und ihrem Land etwas zurückgeben möchten.

    Unsere Interviews haben wir im Herbst des letzten Jahres geführt: Die Frage nach der Zukunft der Ukraine war unsicher, sodass auch die jungen Leute für ihre eigene Zukunft kaum planen konnten. Viele sind hoffnungsvoll, dass die Ukraine den Krieg gewinnt.

    Vielen Dank für das Gespräch!

  • Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) in der Jugendhilfe

    Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) in der Jugendhilfe

    Foto: Unsplash+

    Berlin (2mind) – „Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE)“ heißt eine internationale Bildungskampagne, die junge Menschen in einem zukunftsfähigen Handeln unterstützen will. Im Hintergrund steht das seit 2020 laufende UNESCO-Programm „Education for Sustainable Development“. BNE ist damit zugleich ein Thema für Jugendarbeit und Jugendhilfe.

    Der „Deutsche Kinder- und Jugendhilfepreis 2024 lenkt nun die Aufmerksamkeit darauf: In der Kategorie „Praxispreis der Kinder- und Jugendhilfe“ können Beiträge zur „Ökologischen Nachhaltigkeit in der Kinder- und Jugendhilfe“ eingereicht werden. „Es geht nicht nur direkt um Fragen des Klimaschutzes, sondern auch um einen ganzheitlichen Ansatz, der die Beteiligung und Selbstwirksamkeit junger Menschen für eine nachhaltige Entwicklung unserer Gesellschaft stärkt“, heißt es in der Ausschreibung. Und weiter: „Die Akteur:innen der Kinder- und Jugendhilfe sind gefordert, sich intensiv mit den hiermit verbundenen Fragen zukünftiger klimagerechter Lebensstile und Angebotsformen auseinanderzusetzen sowie Weichen innerhalb des eigenen Agierens zum Gelingen dieses Anspruchs zu stellen.“

    Eingereicht werden können Beiträge etwa aus den Handlungsfeldern Jugendarbeit, Jugendsozialarbeit, erzieherischer Kinder- und Jugendschutz, Förderung der Erziehung in der Familie (Frühe Hilfen, Familienbildung, Erziehungs- und Trennungsberatung), Kindertagesbetreuung, Hilfe zur Erziehung, Eingliederungshilfe für seelisch behinderte Kinder und Jugendliche und Hilfe für junge Volljährige.

    Dass es mit der Bildung für nachhaltige Entwicklung nicht zum Besten steht, belegt eine soeben an der Freien Universität Berlin veröffentlichte Studie. „Unsere Analyse zeigt eine deutliche Diskrepanz zwischen ambitionierten Zielsetzungen auf der einen Seite und den konkret vorgesehenen Maßnahmen, Indikatoren und Mitteln zur praktischen Umsetzung von BNE auf der anderen Seite“, so Studienautor Jorrit Holst in einem Pressestatement. Die Nachhaltigkeitskrise und die Bedeutung von BNE seien zwar vielen bewusst, doch es werde weiter zu langsam gehandelt. Holst weiter: „Nachhaltigkeit und BNE erhalten bislang nicht die nötige Priorität, um die selbst gesetzten Ziele erreichen zu können.“

    Der Kurzbericht „BNE: Auf dem Weg in den Mainstream, doch mit welcher Priorität?“ > als PDF zum Download.

  • Gewaltanstieg in NRW-Kitas

    Gewaltanstieg in NRW-Kitas

    Foto: Natalie Bold auf Pexels

    Düsseldorf (2mind) – Aus nordrhein-westfälischen Kitas werden aktuell deutlich mehr Gewaltfälle gemeldet als noch vor drei Jahren. Das geht aus Zahlen der NRW-Landesregierung hervor, die in der Antwort auf eine parlamentarische Anfrage der NRW-Landtagsfraktion enthalten sind. Die Zahlen beruhen auf Meldungen an die Landesjugendämter, zu denen Kita-Träger nach § 47 SGB VIII verpflichtet sind.

    Danach wurden im Jahr 2020 insgesamt 21 sexuelle Übergriffe durch Mitarbeitende gemeldet; 2022 waren es 37 Fälle. 46 Übergriffe durch Kinder verzeichnet die Statistik für das Jahr 2020, zwei Jahre später waren es 75. An körperlichen Übergriffen wurden 2020 insgesamt 90 Fälle gemeldet; 2022 waren es 195 und im 1. Halbjahr 2023 bereits 149 Fälle.

    „Nach gemeinsamer Einschätzung von Landesjugendämtern und dem Ministerium für Kinder, Jugend, Familie, Flucht und erlauben die reinen Daten keinerlei qualitative Erkenntnis über die Gründe der Steigerung der Meldungen“, heißt es in der Antwort auf die SPD-Anfrage, wobei die Landesregierung dann doch um Erklärungen bemüht ist. „Es ist von einer erhöhten Sensibilisierung bei den Trägern von Kindertageseinrichtungen, den Einrichtungen selbst und den Eltern auszugehen“, heißt es im Blick auf die aufmerksamkeitsstarken Missbrauchsfälle der letzten Jahre weiter.

    Nach Einschätzung der Landesjugendämter haben die gemeldeten kindeswohlgefährdenden Ereignisse vielseitige Ursachen. Dazu gehörten:

    • individuelle Überforderungssituationen,
    • mangelnde pädagogische Handlungsfähigkeiten,
    • Personalmangel, Aufsichtspflichtverletzungen,
    • pädagogische Grundhaltungen,
    • Kommunikationsstörungen.

    Der familienpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion, Dennis Maelzer, kritisiert die fehlende finanzielle Entlastung der Kitas. „Familienministerin Paul selbst gibt individuelle Überforderung und Personalmangel als mögliche Gründe an. Dies wird durch die finanzielle Notlage, in der sich viele Kitas derzeit befinden, noch zusätzlich verschärft“, so Maelzer in einem Statement. Die SPD-Landtagsfraktion hatte zuletzt ein „Kita-Rettungspaket“ in Höhe von 500 Millionen Euro gefordert.

  • Es steht schlecht um die Inklusion in Deutschland

    Es steht schlecht um die Inklusion in Deutschland

    Foto: Unsplash+

    Genf (2mind) – Im Jahr 2006 verabschiedete die Generalversammlung der Vereinten Nationen das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen. Seit 2009 ist diese Konvention in Deutschland verbindlich; bei der Umsetzung bestehen allerdings erhebliche Lücken. Das bescheinigt der zuständige UN-Ausschuss in einem in der vergangenen Woche vorgelegten Bericht. Die Anhörung dazu hatte im August stattgefunden.

    „Es tut mir leid, dass ich so ehrlich bin“, zitiert das Magazin Spiegel Amalia Gamio, Vizepräsidentin des Ausschusses der Vereinten Nationen für die Rechte von Menschen mit Behinderung. Am zweiten Anhörungstag sagte sie demnach weiter: „Es ist ein Skandal, was Sie hier zum Teil antworten.“ Für die Anhörung im UN-Ausschuss waren 26 Vertreter aus Bund und Ländern nach Genf gereist – und bekamen die mahnenden Worte von Gamio zu hören: „Es geht nicht darum, die Konvention ein bisschen umzusetzen, sondern es ernsthaft zu tun“, zitiert der Spiegel die Ausschussvorsitzende weiter. Woran genau es bei der Umsetzung der Behindertenrechtskonvention in Deutschland mangelt, dokumentiert der nun vorgelegte vorläufige Bericht.

    Zum Hintergrund

    Das Übereinkommen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (Convention on the Rights of Persons with Disabilities) wurde im Dezember 2006 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet und trat im Mai 2008 völkerrechtlich in Kraft. Deutschland hatte das Übereinkommen im Februar 2009 ratifiziert.

    Die Behindertenrechtskonvention konkretisiert die universellen Menschenrechte für Menschen mit Behinderungen, wobei Autonomie, Selbstbestimmung und Inklusion – eine barrierefreie Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens – Kernprinzipien darstellen. Als Monitoring-Stelle überwacht das Deutsche Institut für Menschenrechte die nationale Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention seit 2009. Unterzeichnerstaaten legen alle vier Jahre einen Bericht zur Umsetzung der Konvention vor

    Was Deutschland nicht gut macht

    Die nun vorgelegten „Beobachtungen“ des zuständigen UN-Ausschusses loben Deutschland kurz, etwa für Veränderungen im Kinder- und Jugendhilfegesetz oder für Vereinbarungen im Koalitionsvertrag der aktuellen Regierung. Dann folgt eine sehr lange Liste von Sorgen und Empfehlungen des Ausschusses. Kritisch merkt der Ausschuss etwa an:

    • Maßnahmen zur Inklusion von Menschen mit Behinderung sind nicht durchgängig in allen Bereiche von Staat, Gesellschaft und Recht einbezogen.
    • Der Erfolg gesetzlicher Maßnahmen wird nicht überprüft.
    • Organisationen von Menschen mit Behinderungen fehlen Ressourcen für eine aktive Beteiligung an der Ausarbeitung und Umsetzung von Gesetzen, Politiken und Programmen.
    • Der gesetzliche Schutz gegen Diskriminierung erstreckt sich – von wenigen Ausnahmen abgesehen – nicht auf private Anbieter von Gütern und Dienstleistungen. Der Ausschuss empfiehlt der deutschen Regierung daher, Zusagen im Koalitionsvertrag zu erfüllen und den Rechtsschutz gegen Diskriminierung auf alle privaten Einrichtungen auszuweiten, die Güter und Dienstleistungen für die Öffentlichkeit bereitstellen. Zugleich sollten wirksame Rechtsbehelfe zur Durchsetzung der entsprechenden Verpflichtungen geschaffen werden.
    • Es fehlt ein intersektioneller Ansatz, der die Berücksichtigung der Interessen von Mädchen und Frauen mit Behinderungen – einschließlich der Migrantinnen – in Gesetzgebung und Politik sicherstellt. Hier fehle zudem eine langfristige Finanzierung repräsentativer Organisationen.
    • Mit Blick auf die die Bedürfnisse von Kindern mit Behinderungen fehle es an Schulungen für Mitarbeitende von Jugendhilfeeinrichtungen.
    • Zur Situation der Flüchtlingskinder mit Behinderungen fehlen Daten.
    • Es fehlt eine umfassende nationale Strategie für Sensibilisierungsmaßnahmen, die zu einem nachhaltigen Einstellungswandel im Blick auf die Achtung der Rechte und der Würde von Menschen mit Behinderungen beitragen könnte.
    • Es fehlt ein ausreichendes Angebot an erschwinglichem barrierefreiem Wohnraum.
    • Öffentliche Verkehrsmittel sind nach wie vor mangelhaft zugänglich.
    • Menschen mit Behinderungen werden weiterhin getrennt in Heimen untergebracht und es fehlen Maßnahmen, um diese Separation zu beenden.

    Nun liegt es an den Bundes- bzw. Landesregierungen, die UN-Empfehlungen umzusetzen und benannte Missstände zu beseitigen.

  • Ehemalige Heimkinder protestieren gegen neue geschlossene Einrichtung

    Ehemalige Heimkinder protestieren gegen neue geschlossene Einrichtung

    Screenshot NDR-Beitrag

    Hamburg (2mind) – Der geplante Bau eines Kinderheims im Hamburger Stadtteil Groß Borstel sorgte am vergangenen Samstag für eine Demonstration. Insbesondere Kinderrechtsaktivisten und ehemalige Heimkinder protestierten dagegen, dass in der „Casa Luna“ ein Bereich für eine geschlossene Unterbringung entstehen soll. Nach Informationen der Taz handelt es sich dabei um eine gesonderte Aufnahmestation mit vier Plätzen.

    In der Vergangenheit wurden Hamburger Kinder in der Haasenburg im Bundesland Brandenburg untergebracht, die nach öffentlicher Kritik im November 2013 geschlossen wurde. In einem Videobeitrag des NDR über den Protest in Groß Borstel kommt Renzo Martinez zu Wort, der selbst in der Haasenburg lebte und eine Interessengemeinschaft ehemaliger Heimkinder gründete. „Ich habe noch nie so viele zerstörte Seelen gesehen. Menschen mit so viel Potential, deren Leben von Angst bestimmt ist. Eine Angst, die ihnen in einer Institution beigebracht wurde, die dafür da war, ihnen zu helfen“, sagte Martinez.

    Den Bau des Heimes auf dem sogenannten „Klotzenmoorstieg“ zu verhindern, sehen Demonstrierende nicht als einzige Option. Kinderrechtsaktivist Dennis Engelmann hält geschlossene Heime mit ihrem Machtgefälle für nicht zeitgemäß. Weiter sagte er: „Die Kernmessage ist, dass der Klotzenmoorstieg erst gar nicht bebaut wird. Und wenn, dass es auf jeden Fall Diskussionsmöglichkeiten gibt, worüber man dann auch mitentscheiden kann, wie das Konzept aussieht.“

    Der Sprecher der Hamburger Sozialbehörde, Wolfgang Arnhold, sagte dem NDR, dass die Casa Luna keine geschlossene Einrichtung sein werde. „Casa Luna wird so aufgestellt sein, dass durch ein fachliches Konzept dort auch Kinder betreut werden können, für die ein familiengerichtlicher Unterbringungsbeschluss vorliegt“, so der Sprecher weiter.

  • Exhumierung geplant: Babyleichen aus irischem „Mother and Baby Home“

    Exhumierung geplant: Babyleichen aus irischem „Mother and Baby Home“

    Die irische Graftschaft Galway (Foto: Daniel Angele auf Unsplash)

    Tuam (2mind) – In zahlreichen Ländern werden tragische Zustände in der Heimerziehung aufgearbeitet. Ein besonders menschenverachtendes Beispiel wird aus Irland berichtet: Dort wurden bereits 1975 in einer nicht mehr benutzten Klärgrube auf dem Gelände eines ehemaligen Heimes für vernachlässigte Frauen mit Kindern zahlreiche Skelette gefunden. Das Heim bestand in der Stadt Tuam in der Grafschaft Galway. Da Anzahl und Identität der Toten unklar blieb, wurde der Fall polizeilich nicht untersucht. Jetzt aber sollen die Kinderleichen exhumiert werden.

    Die Lokalhistorikerin Catherine Corless berichtete 39 Jahre nach diesem Fund, dass zwischen 1925 und 1961 in dem Heim 796 Totenscheine für Babys ausgestellt worden waren, aber nur eine einzige Bestattung beurkundet wurde. Im selben Jahr 2014 folgten Meldungen über ein Massengrab mit Babys. Die Regierung richtete eine Untersuchungskommission ein, die Vorgänge aus insgesamt 14 irischen Mutter-Kind-Heimen und vier Sozialeinrichtungen, sogenannten County Homes, aufarbeitete und ihren Bericht 2021 vorlegte:

    Laut diesem Bericht starben zwischen 1922 und 1998 etwa 9.000 Kinder in Heimen, die von der Regierung kontrolliert und von religiösen Organisationen, oft von der katholischen Kirche, geleitet wurden. Während dieser Zeit lebten und entbanden etwa 35.000 zumeist unverheiratete Frauen dort. Die Sterblichkeitsrate der Kinder galt als unverhältnismäßig hoch. Häufigste Todesursachen waren Atemwegserkrankungen und Magen-Darm-Entzündungen.

    Das Heim in Tuan wurde von Nonnen der Bon Secours Sisters geleitet. Dort starben Kinder auch an Unterernährung. „Von 1940 bis 1961 haben sie die Leichname in den stillgelegten Kammern entsorgt“, sagt die Historikerin Corless der Tageszeitung „taz“ mit Blick auf den Fund in den Kammern des hauseigenen Abwassersystems. „Im Durchschnitt starb alle zwei Wochen ein Kind.“

    Nach einem Bericht der Süddeutschen Zeitung (SZ) entschuldigte sich eine Vertreterin des Ordens der Schwestern von Bon Secour später für den Umgang mit Frauen und Kindern in der Einrichtung und die „respektlose und inakzeptable“ Art und Weise, wie Säuglinge begraben wurden. „Wir haben unser Christsein beim Betreiben dieses Heimes nicht gelebt“, so Schwester Eileen O’Connor, Leiterin des Ordens in Irland, nach dem SZ-Bericht.

    Von der nun beschlossenen Exhumierung berichtet die taz. Danach soll die komplizierte forensische Operation von Daniel McSweeney, einem früheren Vorstand des Internationalen Roten Kreuzes, geleitet werden. Die Leichen von Kindern, die identifiziert werden können, sollen ihren Verwandten übergeben werden.

  • Schlechte Noten für die Bildung in NRW

    Schlechte Noten für die Bildung in NRW

    Foto: Unsplash+

    Berlin (2mind) – Die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft hat ihren „Bildungsmonitor 2023“ vorgelegt. Danach hat sich das Bildungsniveau in Deutschland in den vergangenen zehn Jahren dramatisch verschlechtert. Nordrhein-Westfalen erreicht nur den 13. Platz unter 16 Bundesländern. Das Monitoring wird seit 20 Jahren durchgeführt. Die Studienautoren des Instituts der deutschen Wirtschaft warfen dabei auch einen Blick auf die Situation in Kindertagesstätten und im Ganztag, dort als „Förderinfrastruktur“ zusammengefasst. Hier liegt NRW mit Platz 10 im unteren Mittelfeld.

    „Zur Stärkung der Bildungschancen sind weiterhin die Bildungs- und Betreuungsangebote an Kindergärten und Schulen zentral“, heißt es in der Studie. So fördere eine qualitativ hochwertige frühkindliche Bildung die weitere kognitive wie nicht-kognitive Kompetenzentwicklung eines Kindes und reduziere gesamtgesellschaftlich Bildungsarmut und Bildungsungleichheiten.

    Der Besuch einer Ganztagsschule wirke positiv auf eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, verringere Bildungsungleichheiten und eröffne individuellere Förderungsmöglichkeiten. „Des Weiteren können Angebote zu sozialem Lernen und Teamsport bei einer kontinuierlichen Teilnahme bei Kindern mit Migrationshintergrund zu einer besseren Entwicklung des Sozialverhaltens führen“, heißt es in der Studie. „Ganztagsangebote können somit einen wichtigen Beitrag zur Sozialisation der Kinder leisten“.

    Im Blick auf den Ganztag sieht die Studie deutlichen Handlungsbedarf: Zwar habe sich zwischen den Jahren 2015 und 2021 der Anteil der Anteil der Grundschülerinnen und Grundschüler, die ganztags die Schule besuchen, von 34,5 Prozent auf 47,5 Prozent gesteigert. Und auch an allen allgemeinbildenden Schulen konnte ein Anstieg von 39,3 Prozent auf 48,3 Prozent erreicht werden. Um eine hohe Kompetenzausstattung innerhalb der Ganztagsschule zu gewährleisten, seien aber weitere Anstrengungen nötig:

    „Einerseits müssen handlungsorientierte Ganztagsschulkonzepte entwickelt werden, andererseits sollte das Thema stärker in die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern eingebettet werden“, heißt es in der Studie dazu. Zudem müsse der steigende Bedarf an Ganztagsplätzen in den kommenden Jahren beachtet werden. Um ein flächendeckendes Angebot qualitativ hochwertiger Förderinfrastruktur im Ganztag zu erreichen, müsse geklärt werden, wie „trotz einer schon bestehenden Fachkräftelücke im Betreuungsbereich eine Versorgung mit pädagogischen Fachkräften sichergestellt werden kann und mit welchem Konzept die Ganztagsschule umgesetzt werden soll“. Die Studienautor:innen favorisieren dabei den rhythmisierten Ganztag, bei dem der Unterricht auf Vor- und Nachmittag verteilt wird. Durch diese Unterrichtsverteilung erhalten Schüler:innen zwischen dem Unterricht ausreichende Pausenzeiten; andererseits ist der rhythmisierte Ganztag dadurch nur an gebundenen Ganztagsschulen möglich.

    Die Studienautor:innen sehen „Hinweise darauf, dass die Ganztagsschulen ihr Potenzial zur Leistungsförderung von Schülerinnen und Schülern im Vergleich zu den Halbtagsschulen noch nicht vollständig ausschöpfen.“

    Einer der Studienautoren, der promovierte Volkswirt Axel Plünnecke, verweist auf die Herausforderungen durch Migration und ein verändertes Leseverhalten: „Die Kitas und Schulen haben noch keine gute Antwort darauf gefunden, dass die Schülerschaft in den vergangenen Jahren deutlich heterogener wurde“, so Plünnecke. „Die Ergebnisse von Kindern aus Haushalten mit Migrationshintergrund oder von bildungsfernen Haushalten sind besonders stark gesunken. Leichte Verbesserungen bei der Ganztagsinfrastruktur und den Betreuungsrelationen konnten diese Verschlechterungen der Bildungsergebnisse nicht umkehren. Es fehlt an Qualität beim Ganztag und an gezielter Förderung. Internationale Vergleiche zeigen, dass es anderen Ländern besser als Deutschland gelingt, den Bildungserfolg von der familiären Herkunft zu entkoppeln.“

    Die Studienwebsite mit interaktiver Karte: https://www.insm-bildungsmonitor.de/

    Die Gesamtstudie > als PDF zum Download