Kategorie: Gesellschaft

  • CSR: Unternehmen und Gesellschaft

    CSR: Unternehmen und Gesellschaft

    CSR NEWS war ein Fachmedium und Expertennetzwerk rund um das Thema gesellschaftliche Unternehmensverantwortung. CSR NEWS zielte im besonderen Maße auf eine stärkere Verbindung von Praxis, Wissenschaft und Bildung im Bereich der Unternehmensethik ab. Gemeinsam mit Thomas Beschorner hat Achim Halfmann dieses Portal entwickelt und über 15 Jahre lang als Chefredakteur verantwortet – ebenso wie die zwischen 2007 und 2014 erschienenen Printausgaben des CSR MAGAZIN.

    Herausgeber war der bis Ende 2025 aktive gemeinnützige Verein Unternehmen Verantwortung Gesellschaft e.V. (Berlin).

    Als die Herausgeber das Thema journalistisch aufgegriffen haben, war es eine Nische: Es gab Unternehmens- und NGO-Kommunikation, aber wenig dazwischen. Anspruch war es, zu „schreiben was ist“ und den Lesenden so die Bildung einer eigenen Meinung zu ermöglichen. Von Anfang an haben die Herausgeber zudem darauf gesetzt, die Akteure in diesem Feld miteinander in den Austausch zu bringen. Inzwischen ist das Thema „gesellschaftliche Unternehmensverantwortung“ im journalistischen Mainstream angekommen.

    Auf der Website csr-news.net sind die Nachrichten und – seit diesem Jahr – die Magazine offen einsehbar.

  • Future Skills 2030 für eine Welt im Wandel

    Der Stifterverband für die deutsche Wissenschaft  legt ein aktualisiertes Framework für Zukunftskompetenzen vor.

    Essen(2mind) – Welche Kompetenzen brauchen Studierende und Arbeitnehmer in einer Welt, die sich in einem immer schnelleren Wandel befindet? Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft hat sein erstmals 2021 vorgelegtes Rahmenwerk „Future Skills 2030“ aktualisiert.

    Das Framework verzeichnet drei Kompetenzbereichen für Transformation, Gemeinschaft und Digitalisierung, die sich an der Spitze zu Kompetenzen für technologische Exzellenz entwickeln. Die Basis bilden Zukunftskompetenzen wie kritisches Denken oder Kommunikationskompetenz. Ein Expertenteam mit etwa 30 Personen hat die „Future Skills 2030“ aktualisiert und dabei rund 1.000 Akteurinnen und Akteure aus unterschiedlichen Bereichen befragt.

    „Die Transformation wird zur Normalität: Transformative Zukunftskompetenzen wie Innovationskompetenz oder Nachhaltigkeitskompetenz bleiben weiter hochrelevant“, heißt eine Kernbotschaft des Frameworks. Der Megatrend Künstliche Intelligenz (KI) erfordert grundlegende und digitale Zukunftskompetenzen wie AI Literacy und Data Literacy für alle.

    Das > Framework Future Skills 2023 als PDF zum Download

  • „Von freien Entscheidungen kann da keine Rede sein.“

    „Von freien Entscheidungen kann da keine Rede sein.“

    Inga Gerckens im Interview zur Situation von Frauen in der Prostitution, der Ausstiegsbegleitung und dem Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz

    Hamburg (2mind) – Die Evaluationsstudie zum Prostituiertenschutzgesetz (2mind berichtete) hat ein sehr unterschiedliches Echo erhalten. Während die einen hohe wissenschaftliche Standards loben, beklagen die anderen eine Realitätsferne. Zu den Kritikerinnen gehört Inga Gerckens. Die Sozialökonomin verantwortet die operative Leitung des Hamburger Vereins Mission Freedom. Mit ihr sprach Achim Halfmann für 2mind.

    2mind: Mit der Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes wurde ein Sondergutachten zur Freiwilligkeit erstellt. Die Kurzfassung: Freiwillig ist alles, was nicht unter Bedrohung für Leben und Gesundheit geschieht. Geschieht also der Großteil der Prostitution freiwillig?

    Inga Gerckens: Das Sondergutachten wurde auf einer Ebene erstellt, auf der es um juristische Feinheiten geht, und es beleuchtet Freiwilligkeit in verschiedene Richtungen auf einer sehr intellektuellen und klugen Ebene. Aber es geht in der Realität um Menschen, um Lebensumstände und um Notlagen, und ich habe ich den Eindruck: Das Gutachten ist weit weg von dieser Realität. Zu uns nach Deutschland kommen viele Frauen aus Osteuropa und anderen Ländern aus größten Notlagen. Diese Frauen wollen ihre Lebenssituation verbessern. Angesichts des Mittels, das sie dazu wählen, stellt sich die Frage: Ist das tatsächlich ein Weg, den wir ihnen als Gesellschaft zugestehen sollten? Oder müssten wir einen Aufschrei wagen?

    Es ist erschreckend, was da passiert, und das macht auch etwas mit uns als Gesellschaft. Ein bedrückendes Beispiel ist der elendige Straßenstrich in Berlin mit seinen sogenannten Verrichtungsboxen. Das sind dreckige Boxen, die zugleich als Toiletten genutzt werden können, in denen sich Frauen zu Dumpingpreisen prostituieren. Oder junge Frauen, die ohne Deutschkenntnisse in Wohnwägen auf einsamen Landstraßen anschaffen. Oder Bordelle voller Frauen, die wie am Fließband Freier bedienen und wöchentlich den Ort wechseln, um woanders als „frische Ware“ angepriesen zu werden. Natürlich kann man sagen: Wir wollen diesen Menschen nicht die Möglichkeit nehmen, Geld zu verdienen und ihre Lebenssituation zu verbessern. Aber so denken wir in keinem anderen Bereich in Deutschland – überall geht es um Mindeststandards und Würde. In keinem anderen Bereich würde man dieses Elend betrachten und sagen, es handele sich um eine hilfreiche Möglichkeit, der eigenen Not etwas entgegenzusetzen. Hier, meine ich, müssten wir einen Aufschrei wagen.

    Muss denn Prostitution nicht von Zwangsprostitution unterschieden werden?

    Im Kontext von Prostitution besteht eine Bandbreite an Zwangs- und Notlagen und Ausbeutungsform, die unserer Erfahrung nach häufig so ineinander überfließen, dass man Prostitution und Zwangsprostitution nicht einfach voneinander treffen kann. In der Prostitution treffen wir Menschen, deren Biografien geprägt sind von Gewalt, von Armut, von Missbrauch, von psychischen Problemen. Es sind Menschen, die häufig schon ihr Leben lang mit Problemen überfordert sind. Kein Wohnsitz, keine Krankenversicherung, kein soziales Netzwerk, keine gesunden Beziehungen – dafür aber psychische Belastungen, Krankheiten oder auch Behinderungen. Das erschwert es ihnen, gute Entscheidungen zu treffen. Wenn man dieses Elend im Rotlicht miterlebt, fehlen einem die richtigen Worte für das, was dieses Freiwilligkeits-Gutachten macht. Von freien Entscheidungen kann da keine Rede sein.

    In der öffentlichen Diskussion wird die nach außen hübsche Seite von Prostitution deutlich stärker wahrgenommen als das, was Du gerade geschildert hast und die fast unsichtbar zu sein scheint.

    Es gibt wenig Lobby für die Frauen, die ihre Stimme nicht selbst erheben können. Unsichtbar sind sie aber nicht: Man sieht den Straßenstrich, man sieht Laufhäuser, Bordelle, Appartements, Wohnwagenprostitution, die Prostitution am Straßenrand und im Wald. Überall in Deutschland ist Prostitution sichtbar. Und ein Blick in die Freierforen zeigt ebenfalls, dass viele Käufer sich an Elend und Not aufgeilen und die Frauen durch rassistische und sexistische Kommentare und Handlungen in ihrer Würde beschädigen.

    Du sprichst von Migrantinnen, die hier in der Armutsprostitution landen. Kann das Prostituiertenschutzgesetz diesen Frauen helfen?

    Ein Teil der Frauen ist angemeldet, viele jedoch auch nicht. Für manche ist eine solche Anmeldung aus ihrer kulturellen Prägung unwichtig, ihnen fehlt ein Verständnis für den Nutzen. Andererseits erleben wir häufig Frauen, die sich unter Zwang prostituieren und die zu einer Anmeldung gedrängt werden, weil nach außen ein sauberer Eindruck vermittelt werden soll.

    Wir erleben nicht, dass eine Anmeldung eine Auswirkung auf die Arbeits- und Lebenssituation hat. Eine Anmeldung schützt nicht davor, aufgrund wirtschaftlicher Not gefährliche Praktiken anzubieten und schützt ebenfalls nicht vor Demütigung, vor Entwürdigung, vor grenzüberschreitendem Verhalten, vor Abhängigkeit und vor Stigmatisierung.

    Was wird eigentlich aus den Frauen, die sich heute prostituieren, wenn sie älter werden? Was ist ihre Zukunftsperspektive?

    Wir begleiten einige Frauen im Alter von 50 plus. Die älteste Person, die wir beim Ausstieg aus der Prostitution begleitet haben, war 79 Jahre alt. Dabei erleben wir Menschen, die körperlich und seelisch am Ende sind, die es nicht mehr aushalten. Was mit den Frauen passiert, die keine Hilfe suchen, weiß ich nicht, ob sie hier sterben oder in ihre Heimat zurückkehren oder in der Obdachlosigkeit verelenden. Aber was ich weiß, das ist: Diese Frauen haben viele Jahre in Deutschland in der Prostitution gearbeitet und sie haben am Ende nichts: kein Geld angespart, keinen Wohnsitz, keine Supportsysteme, keine Kranken- oder Rentenversicherung. In dem System Prostitution geht es darum, jeden Tag das Überleben zu schaffen, und dabei verschlechtert sich jeden Tag die körperliche und psychische Situation. Am Ende müssen die Frauen sehen, ob sie irgendwie vom Hilfesystem aufgefangen werden.

    Zum Stichwort Hilfesystem: Wie gut sind wir in Deutschland aufgestellt? Werden wir den Frauen gerecht, oder müssten wir uns auch als Gesellschaft viel stärker engagieren?

    Wir erleben, dass die Frauen häufig durch eine Lücke im System fallen. Frauen aus Osteuropa zum Beispiel dürfen für die Arbeitssuche in Deutschland sein. Wenn sie in der Prostitution arbeiten, haben sie – nicht alle, aber die meisten – keinen Wohnsitz und sind nicht gemeldet. Wenn sie dann aussteigen wollen, haben sie nicht sofort Anspruch auf Sozialleistungen. Da gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesländern, den überörtlichen Trägern der Sozialhilfe und den Sachbearbeitern. Häufig helfen wir solchen Frauen aus Spendenmitteln, melden sie auf unsere Kosten zur Krankenversicherung an und besorgen Wohnraum. Das gibt den Frauen die Chance auf eine medizinische Versorgung und in einigen Fällen auch auf medizinische Gutachten, die eine Voraussetzung für die Hilfegewährung darstellen. Die Mühlen der Eingliederungshilfe mahlen langsam und in einzelnen Fällen mussten schon bis zu zwei Jahre überbrückt werden.

    Besonders schwierig ist die Situation von Frauen aus Nicht-EU-Staaten, die sich möglicherweise illegal in Deutschland aufhalten. Da geht es aus Sicht der Justiz darum, ob sie eine relevante Aussage in einem Ermittlungsverfahren machen können. Und es kann überlegt werden, ob ein Asylverfahren als Möglichkeit im Raum steht. Aber das ist nicht wirklich die Hilfe, die diese Frauen brauchen.

    Ihr begleitet Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution. Was motiviert diese Frauen zu einem Neuanfang?

    Inga Gerckens (Foto: privat)

    Meistens ist es der absolute Tiefpunkt im eigenen Leben und das Erleben: So geht es nicht weiter, ich halte das nicht mehr aus und deshalb brauche ich jetzt irgendwie Unterstützung. Ohne einen solchen Tiefpunkt ist Ausstiegshilfe tatsächlich schwierig, weil man anerkennen muss: Die Prostitution bietet – ähnlich wie z.B. der Drogenkonsum – eine schnelle Hilfe für drängende Probleme, auch wenn sie langfristig für neue Probleme sorgt. Frauen haben keine Wohnung: Das Bordell bietet eine Unterkunft. Frauen leben in finanzieller Armut: Die Prostitution bietet schnelles Geld. Frauen haben keine Ausbildung: Für Prostitution ist das völlig egal. Vordergründig also löst die Prostitution manche Probleme und die neuen Schwierigkeiten bleiben zunächst im Hintergrund.

    Für Menschen, die lange durch Prostitution geprägt wurden, ist der Ausstieg besonders schwer. Bisher gab es täglich schnelles Geld, zukünftig kommt das Geld einmal im Monat und man muss gut damit haushalten. Wenn noch Familie im Heimatland unterstützt werden muss, ist die finanzielle Herausforderung enorm. In einem neuen Leben müssen die Frauen nach vorne denken und in die Zukunft investieren: in ein Praktikum vielleicht oder in eine berufliche Ausbildung. Für viele Frauen ist das eine fremde Welt und deshalb brauchen sie Unterstützung und Ermutigung. Häufig verläuft ein Ausstieg in Wellen, mit vielen Versuchen und Rückschlägen – und irgendwann gelingt es dann. Wichtig ist, dass sie wissen, warum sie aussteigen wollen. Denn beim Ausstieg erleben sie neue Herausforderungen und müssen dann gut überlegen: Stelle ich mich diesen Problemen – oder falle ich zurück in meine alten Lösungsmuster? Ergänzend kommen bei ca. 2/3 der Betroffenen noch eine posttraumatische Belastungsstörung hinzu. Bei einigen aufgrund der Gewalt in der Kindheit, bei anderen aufgrund der erlebten Gewalt in der Prostitution. Die Wucht der Symptome wird meistens erst beim Ausstieg deutlich, wenn der Körper nicht mehr im Überlebensmodus ist.

    Einige Herausforderungen beim Ausstieg aus der Prostitution hast Du bereits beschrieben. Wie sieht dieser Weg ganz praktisch aus?

    Das startet immer mit aufsuchender Arbeit, mit Menschen, die ins Milieu gehen. Dabei geht es um jahrelange Investition in einzelne Menschen, um Beziehungsarbeit. Es geht darum, Menschen zu stärken, ihnen das Gefühl zu geben: Du bist nicht allein. Wir wollen einer Person vermitteln: Es gibt für dich vermutlich gute Gründe, in der Prostitution zu sein oder zu bleiben. Aber wenn du Hilfe möchtest, sind wir da. Es gibt Frauen, die sich unter Zwang prostituieren und uns trotzdem fünf Jahre lang ins Gesicht gucken und sagen: Es ist alles gut, ich brauche nichts. Und nach diesen fünf Jahren fassen sie Vertrauen, suchen Hilfe und sagen und: Ich habe gesehen, dass ihr es ernst meint. Vertrauen ist ein sehr wichtiges Thema: Die Frauen sind oft enttäuscht worden und Vertrauen ist die Voraussetzung dafür, dass sie den Ausstieg aus dem Milieu und der Gewaltkultur versuchen. Im Blick darauf tut es mir gut, mich selbst zu spiegeln und mich daran zu erinnern, wie lange ich in manchen Themen feststecke. Veränderungen haben immer einen Preis, und wir brauchen dazu Menschen, die an unserer Seite stehen und uns helfen.

    Wenn eine Frau Vertrauen gefasst hat und sagt: Ich bin nicht freiwillig in der Prostitution, ich möchte aussteigen. Wie geht es dann konkret weiter?

    Wir sind Teil eines Netzwerks von Organisationen, die niedrigschwellig und unbürokratisch Wohnraumangebote mit Ausstiegshilfen kombinieren. Ein Wohnraumangebot ist eine unentbehrliche Voraussetzung für den Ausstieg. Mit den Frauen besprechen wir: Wie schnell willst du aussteigen: Heute? Oder nächste Woche? Oder wann? Das muss zunächst geklärt sein und dann können wir entweder selbst einen Platz anbieten oder wir suchen in unserem Netzwerk danach.

    Wenn feststeht, wo eine Frau aufgenommen werden kann, stellt sich die nächste Frage: Wie kommt sie dorthin? Unterstützt ein Streetworker oder kann sie alleine mit dem FlixBus oder dem Zug fahren? In der Einrichtung kommen manche Frauen mit zwei Koffern an und andere nur mit einer Plastiktüte. Dort wird dann geklärt: Was fehlt an Kleidung? Sind Dokumente vorhanden – etwa ein Personalausweis? Welche Fragen sind am drängendsten und was hat Zeit?

    Es geht darum, Schritt für Schritt etwas Neues zu beginnen. In Deutschland braucht alles seine Zeit; das erleben die Frauen, wenn sie zum Beispiel ein Ausweisdokument beantragen. Es gilt, den Frauen Mut zu machen, auch wenn nicht gleich am nächsten Tag ein neuer Job mit neuen Verdienstmöglichkeiten vor der Tür steht. Arbeit ist auch deshalb wichtig, weil sie eine Tagesstruktur vermittelt – was für manche Frauen eine Herausforderung darstellt. Gut ist, wenn es eine Hausgemeinschaft mit gemeinsamen Aktivitäten und Möglichkeiten gibt, sich niedrigschwellig einzubringen und aktiv zu sein.

    Grundsätzlich geht es immer um folgende Themen: Wie ist der rechtliche Status? Wie kann eine finanzielle Versorgung durch Arbeit oder ergänzende Hilfesysteme gewährleistet sein? Welche medizinischen und therapeutischen Angebote werden benötigt und wie ist der Weg dorthin? Welche beruflichen Perspektiven sind möglich? Welche Ressourcen stärken im Alltag? Bei welchen Alltags-Themen benötigt jemand Unterstützung?  (z.B. Finanzplanung, Tagesstruktur, Termin-Begleitung, Konflikte)

    Wie sieht es mit Perspektiven für die Frauen aus? Zum Beispiel bei Migrantinnen: Wollen viele von ihnen in Deutschland ein Zuhause finden oder eher in ihre Herkunftsländer zurückkehren?

    Die meisten wollen sich in Deutschland etwas aufbauen. Das fördern wir, wenn dem aufenthaltsrechtlich nichts entgegensteht. Wir unterstützen die Frauen dabei, ihren Lebenslauf zu schreiben und zu entdecken, was ihnen Spaß machen könnte. Die ersten Jobs sind vielleicht einfache Tätigkeiten, die wenig Sprachkenntnisse erfordern, häufig in der Reinigung. Solche Einstiegsjobs sind wichtig, um überhaupt in den Arbeitsprozess hineinzufinden. Arbeit ist belastend und die Frauen müssen erproben, wie viele Stunden am Tag sie das körperlich und emotional aushalten. Sie haben vorab täglich viele Stunden in der Prostitution verbracht und denken, einem neuen Vollzeitjob gewachsen zu sein. Aber das gelingt nicht immer sofort, weil  der Körper und die Psyche in der Prostitution stark gelitten haben. Es gilt also, das richtige Maß zu finden.

    Dann geht darum, mit dem verdienten Geld haushalten zu lernen. Meist müssen von dem Einkommen noch Schulden abgetragen werden oder die Frauen wollen ihre Familien in der Heimat unterstützen. Das Gefühl ist häufig: Ich hatte in der Prostitution viel mehr Geld zur Verfügung – auch wenn davon nichts übrigblieb und das meiste an die Bordellbesitzer floss. Die Frauen hatten keine Chance, zu sparen und sich eine Zukunft aufzubauen.

    Ihr seid als Christen in dieser Arbeit engagiert. Gibt es etwas Besonderes, dass Ihr in diese Herausforderungen und Begegnungen einbringen könnt? Und welche Rolle spielt der Glaube in der Praxis Eurer Arbeit?

    Wir sind mit tragischen Schicksalen konfrontiert, mit schlimmen Erfahrungen und mit Hoffnungslosigkeit. Als Christen können wir miteinander im Team beten und Sorgen bei Gott abgeben sowie um sein Eingreifen bitten, um Kraft und Hoffnung. Bei Frauen, die das möchten, bieten wir Seelsorge und Gebet an. Viele Frauen aus Osteuropa sind mit dem christlichen Glauben vertraut. Manche beten auch persönlich. Manche fragen sich, ob Gott wütend auf sie ist und sie verurteilt, weil sie im Milieu arbeiten. Sie erleben es als stärkend, zu erfahren, dass Gott sie nicht verurteilt, sondern sie liebt und Gutes für ihr Leben möchte. Seelsorge kann so zu einem mutmachenden und stärkenden Prozess und der Glaube zu einer Ressource werden – gerade auch in der Trauma-Arbeit.

    Kritiker aus dem gesellschaftspolitisch linken Spektrum werfen Euch und anderen christlichen Einrichtungen vor, zuerst missionieren zu wollen – und dabei fachliche Standards zu vernachlässigen.

    In unserem Team sind Sozialarbeiterinnen und ausgebildete Trauma-Beraterinnen tätig, die ihre fachlichen Standards in ihre Arbeit einbringen. Sie wollen Menschen befähigen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen – Menschen, denen vorher die Entscheidungen anderer aufgedrückt wurden. Unser Handeln reflektieren wir beständig in Teambesprechungen, in Supervisionen und in der Weiterbildung. Denn wir arbeiten mit Menschen, die intensiven Missbrauch erlebt haben und die merken würden, wenn wir ihnen etwas überstülpen wollen. Im Alltag fragen uns manche dieser Frauen, warum wir das tun, was wir tun – und dann reden wir über unsere Haltung und unseren Glauben.

    Abschließend zurück zum Ausgangsthema: zu Deiner Einschätzung im Blick auf das Prostituiertenschutzgesetz. Kann dieses Gesetz verbessert werden oder brauchen wir einen Systemwechsel – etwa hin zu dem nordischen Modell, bei dem Prostitution als illegal gilt und sich die Strafverfolgung gegen die Freier richtet?

    Wir brauchen einen Systemwechsel. Ob das neue System dann nordisches Modell heißt oder nicht, da bin ich offen. Aber ich denke: Solange wir in der Europäischen Union leben und zwischen dem östlichen und westlichen Teil extreme Unterschiede in Einkommens- und Sozialstrukturen gibt, so lange werden vulnerable Menschen aus dem östlichen Teil im Westen ausgebeutet werden. Deshalb brauchen wir mehr an Regulierung als eine Anmeldung oder Kondom- und Beratungspflicht. Eigentlich brauchen wir auf europäischer Ebene eine einheitliche Sozialhilfestruktur. Und wir müssen darüber nachdenken, wie Männer und Frauen miteinander umgehen: Wenn wir Gleichstellung wollen, dann kann es nicht sein, dass ein Geschlecht in Notlagen sexuell käuflich wird. Für Frauen in solchen Notlagen brauchen wir andere Hilfestrukturen. Es geht nicht nur um ein neues Gesetz, sondern vor allem um Ressourcen, mit denen wir Frauen in Not stärken können. Ohne solche Ressourcen ist es egal, welches Gesetz gilt: Es wird sich nichts ändern.

    Herzlichen Dank für das Gespräch!


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  • Prostituiertenschutz als ideologische Front?

    Prostituiertenschutz als ideologische Front?

    Foto: Ben White auf Unsplash

    Das Beispiel des Hamburger Autorenkollektivs „FundiWatch“ – ein Kommentar von Achim Halfmann

    Hamburg (2mind) – Unter dem Namen „Recherchekollektiv FundiWatch“ veröffentlichten drei Autorinnen und Autoren in dieser Woche die Handreichung „Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit“. Der Text soll gegenüber christlich-fundamentalistischen Aktivitäten in der Sozialen Arbeit sensibilisieren sowie Strategien und Netzwerke des christlichen Fundamentalismus in Deutschland analysiert, heißt es dazu auf der Website. Das Autorenkollektiv setzt sich allerdings nicht aus Journalisten zusammen, sondern aus Personen mit eigener ideologischer und politischer Agenda.

    Vorab: Der Text ist lesenswert und sein Anliegen, auf mögliche Spannungsfelder zwischen christlich-fundamentalistischen Glaubenseinstellungen und ethischen Standards professioneller Sozialer Arbeit hinzuweisen, durchaus berechtigt. So müssen glaubensbasierte Einrichtungen reflektieren, wie sich Mission und Diakonie (die aus dem christlichen Glauben motivierte Soziale Arbeit) zueinander verhalten und wie eine klient-zentrierte Arbeit konkret sichergestellt werden kann. Gerade die Arbeit mit vulnerablen Personengruppen erfordert ein hohes Maß an Sensibilität, Selbstreflexion und Transparenz. Ziemlich pauschal heißt es allerdings in dem Text: „Bei christlich-fundamentalistischen Akteur*innen in der Sozialen Arbeit bestehen häufig Zweifel, ob ein professionelles Nähe-Distanz-Verhältnis gewahrt wird.“

    Über weite Strecken liest sich der Text wie eine Kampfschrift, was an der ideologischen Herkunft der Autorinnen und Autoren liegen mag: Zoe Luginsland äußert sich an anderer Stelle für das „Bündnis Selbstbestimmung Selbst Gemacht“, einem politischen Netzwerk von Trans- und Non-Binary-Personen. Der Jurist Matthias Pöhl ist als Autor bei MIT, dem politischen Magazin für Konfessionslose und Atheist:innen gelistet. Ruby Rebelde ist als Sexarbeiterin tätig und war von 2019 bis 2022 Vorständin beim Verein Hydra, der sich für die rechtliche und soziale Gleichstellung von Sexarbeiter:innen mit anderen Erwerbstätigen einsetzt. Alle drei können als politische Aktivist:innen in einem von konservativen Christinnen und Christen weit entfernten gesellschaftlichen Spektrum bezeichnet werden.

    Und so leistet die Schrift einen Beitrag zur ideologischen Frontbildung, wenn es dort heißt, mit christlich-fundamentalistischen Glaubenseinstellungen sei häufig das Ziel einer (moral-) politischen Einflussnahme verbunden. Als Beispiel dazu wird das Eintreten für ein Sexkaufverbot genannt. Daran anschließend werden theologische Positionen pauschal diskreditiert: „Wie intensiv die Bemühungen um entsprechende politische Einflussnahme ausfallen, hängt vom jeweiligen ‚Endzeitverständnis‘ ab.“

    In den zurückliegenden Jahren hat der Erfolg rechtskonservativer und populistischer Politiker in den USA, Brasilien und in einigen europäischen Ländern die Rolle evangelikaler Christen bei der politischen Meinungsbildung in das mediale Interesse gerückt. Hier wollen die Autorinnen und Autoren offensichtlich andocken, indem sie das Engagement für den Prostituiertenschutz nicht als in der Sache, sondern in Glaubensüberzeugungen begründet beschreiben. Das wird der Situation der Menschen in den Bordellen und auf dem Straßenstrich nicht gerecht:

    In der Prostitution sind selbstbestimmt handelnde Menschen anzutreffen – möglicherweise deutlich zahlreicher allerdings vulnerable und ausgebeutete Männer und Frauen. Der Prostituiertenschutz darf daher nicht zum ideologischen Kampfgebiet werden. Es muss zuallererst darum gehen, wie Menschen zu einem selbstbestimmten und zukunftsoffenen Leben verholfen werden kann.

  • „Argumente liegen häufig im moralpolitischen Feld“

    „Argumente liegen häufig im moralpolitischen Feld“

    Foto: John Cameron auf Unsplash

    Wohin steuert die Gesetzgebung in Deutschland? Das Interview mit der Sozialwissenschaftlerin Erika Mosebach-Kornelsen

    Heidelberg (2mind) – Mit dem jetzt evaluierten Prostituiertenschutzgesetz gilt Deutschland innerhalb Europas als liberal. Deutlich restriktiver wird Prostitution im sogenannten Nordischen Modell reguliert, dem außer Norwegen und Schweden z.B. auch Frankreich folgt. Das Modell enthält ein Sexkaufverbot; Freiern droht eine Strafverfolgung. Wohin steuert die Gesetzgebung in Deutschland? Darüber sprach 2mind mit Erika Mosebach-Kornelsen. Die Sozialarbeiterin und Sozialwissenschaftlerin promoviert an der Universität Heidelberg und forscht zu einem möglichen Politikwechsel in der Prostitutionspolitik. Das Gespräch führte Achim Halfmann.

    2mind: Was geschieht auf der europäischen Ebene – und welchen Einfluss besitzt das auf die Gesetzgebung in Deutschland?

    Erika Mosebach: In den Jahren 2014 und 2023 wurden zwei Resolutionen durch das Europäische Parlament verabschiedet, in denen die Mitgliedstaaten u.a. aufgefordert wurden, das Nordische Modell zu übernehmen. Dem sind zahlreiche Mitgliedsstatten gefolgt, zuletzt auch Frankreich im Jahr 2016.

    Zwar sind die Resolutionen selbst unverbindlich, aber die zweite Resolution 2023 kam unter Mitwirkung zweier deutscher Berichterstatterinnen zustande, Maria Noichl von der SPD und Christine Schneider von der CDU. Es kam zwar kurz darauf zu einer Positionierung der Union für das Nordische Modell, aber die SPD argumentiert auf deutscher Ebene ganz anders – 2002 führten sie mit Bündnis 90/Die Grünen das Prostituiertenschutzgesetz ein und sprechen sich nach wie vor mehrheitlich für eine liberale Prostitutionspolitik aus.

    Jetzt sind seit der Resolution zwei Jahre ins Land gegangen und die Aufregung um dieses Thema hat sich gelegt, nachdem die Union mit ihrem Antrag auf ein Sexkaufverbot eine Debatte angestoßen hatte. Diese wurde vor allem von einzelnen Abgeordneten initiiert und geführt, inzwischen hört man jedoch nichts mehr öffentlich zur Prostitutionsregulierung und im Koalitionsvertrag der Regierungsparteien besitzt das Thema fast keine Relevanz.

    Woran liegt es, dass die jüngste öffentliche Debatte um Prostitution und den Schutz der Prostituierten nur kurz prominent blieb und dann verstummte?

    Meiner Einschätzung nach spielen hier parteipolitische Gründe hinein. Die Parteien stehen heute stärker als in den vergangenen Jahren unter einem gewissen Zugzwang, sich frauenpolitisch zu positionieren. Wenn SPD und Grüne das Thema ‚Ungleichbehandlung von Frauen‘ in den Fokus nehmen, muss die Union mitziehen. Prostitution bietet sich dafür an, weil sie von Befürworter:innen des Nordischen Modells als geschlechtsspezifische Gewalt geframed wird und somit zur Gefahr für alle Frauen deklariert wird.

    Vor wenigen Wochen legte die Bundesregierung die Evaluationsergebnisse zum Prostituiertenschutzgesetzt vor. Erstellt wurde die Studie vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Wie schauen Sie auf die Ergebnisse?

    Man muss im Blick auf eine Evaluation beachten: Sie untersucht nur das, was ihr Auftrag war. Mit dieser Studie sollte nicht die Prostitutionsfrage an sich evaluiert werden, sondern die Frage nach der Wirksamkeit des Prostituiertenschutzgesetzes und seiner Maßnahmen. Deshalb bin ich überrascht, dass sich manche Organisationen jetzt so enttäuscht von der Studie zeigen, denn die Ausgangslage war klar.

    Im Blick auf die Wirksamkeit dieses Gesetzes fand ich die Studie gar nicht unkonkret. Sie zeigt auf, welche Maßnahmen funktionieren und welche nicht – immer mit dem Wissen um das große Dunkelfeld. An einer Stelle wird die Zahl von 200.000 in Deutschland tätigen Prostituierten erwähnt, und wenn davon 25.000 Prostituierte angemeldet sind, dann sieht man zugleich, dass die große Gruppe der Prostituierten kaum erreicht wird und auch von daher Nachbesserungen erforderlich sind. Auf den Diskurs dazu bin ich gespannt. Insgesamt ist die Debatte stark abgekühlt. Das Bundesfamilienministerium wird jetzt eine Expertenkommission einsetzen und aus deren Empfehlungen Nachbesserungen am Gesetz ableiten.

    Mit einem grundlegenden Politikwechsel – etwa in Richtung auf das Nordische Modell – ist also eher nicht zu rechnen?

    Gegenüber dem Wandlungstrend in Europa in Richtung Nordisches Modell haben wir in Deutschland seit jeher einen gewissen Widerstand. Damit zusammenhängende Fragen untersuche ich in meiner Promotion, etwa worauf sich dieser Widerstand gründet. Ich sehe da eine gewisse Pfadabhängigkeit. Argumente liegen häufig im moralpolitischen Feld und bestimmte Akteur:innen erzielen eine große Resonanz. Insbesondere Akteur:innen in moralpolitischen Feldern können eine große Handlungsmacht erzielen, wenn sie es schaffen, Unterstützer:innen hinter sich zu versammeln. Politikerinnen wie Elisabeth Winkelmeier-Becker (CDU) und Dorothee Bär (CSU) haben es geschafft, innerhalb ihrer Bundestagsfraktion eine Positionierung für das Nordische Modell zu erzielen. Von daher könnten auch noch Überraschungen folgen, wenn es einzelnen Gruppen gelingt, dieses Thema wieder aufzunehmen.

    Christen und christliche Kirchen und Vereinigungen positionieren sich ebenfalls in dem Feld, konservative Christen häufig für das Nordische Modell. Welchen Beitrag können Christen in der Prostitutionsdebatte leisten?

    In der Diskussion um Prostitution schwingen immer auch moralische Dilemmata mit. Manchmal habe ich den Eindruck: Beim Nordischen Modell geht es ein Stück darum, das eigene moralische Gewissen zu beruhigen. Denn dann kann man sagen: Bei uns ist Prostitution verboten – und so die eigene Dissonanz auflösen. Tatsächlich aber wäre das Ausbeutungsthema damit nicht aufgelöst. Denn es ist das Armutsgefälle, das Menschen in die Abhängigkeit treibt. Bei einem Prostitutionsverbot würden diese Menschen ein Ausbeutungsverhältnis gegen ein anderes tauschen. Vielleicht triggert es moralisch dann nicht so stark, wenn diese Menschen als Reinigungskräfte, Paketbot:innen oder wo auch immer ausgebeutet werden. Aber ich habe mit dieser Sichtweise meine Schwierigkeiten und ich sehe, dass dieses Argument auf Dauer nicht funktioniert.

    Ich glaube, der erste Schritt sollte sein, sich selbst zu hinterfragen: Worum geht es mir eigentlich in der Debatte zu diesem Thema? Christ:innen stehen für den konsequenten Lebensschutz – vom Lebensbeginn bis zum Lebensende. Deshalb müssen wir auch in der Prostitutionsdebatte fragen: Wie langfristig funktioniert das, was wir fordern? Die fehlende langfristige Perspektive ist ein bisschen mein Dilemma mit konservativen christlichen Ansichten zu diesem Thema.

    Gerade in den 2010er Jahren sind einige christliche Initiativen entstanden, die sich im Bereich Prostitution engagieren. Diese Organisationen erreichen Öffentlichkeitswirksamkeit. Es ist absolut angemessen, dass Christ:innen und Kirchen sich für vulnerable Personen einsetzen – auch politisch. Von daher halte ich es für wichtig, dass es diese Organisationen gibt. Ob sie sich für das Nordische Modell oder anderweitig positionieren, finde ich erst einmal gar nicht so entscheidend. Wichtig ist, dass sie ein Thema gesetzt haben. In einem zweiten Schritt ist Professionalisierung angebracht. Dazu gehört auch der Blick auf das, was es schon gibt und woran man andocken kann und wie sich eigene Ideen valide aufbauen lassen.

    Vor Ihrem Wechsel in die Wissenschaft waren Sie in der sozialen Arbeit tätig. Wenn Sie auf die Praxis blicken: Wo fehlen Angebote für Menschen in der Prostitution?

    Ich habe lange bei „The Justice Project“ gearbeitet und ich bin absolut überzeugt von ihrem Arbeitsansatz. Es gibt viele Organisationen, die sich stark politisch engagieren. Was aber fehlt sind Organisationen, die unabhängig von politischen Ansichten praktische soziale Arbeit leisten. Organisationen, die sagen: Wir sehen eine Person mit einem Bedürfnis oder einer Notlage. Und die dieser Person dann entsprechende Hilfe anbieten. Das leistet „The Justice Project“, aber auch andere Organisationen, zum Beispiel medizinische Versorgung, Sozialberatung oder Wohnungsvermittlung. Man kann das Nordische Modell oder eine liberalere Gesetzgebung noch so sehr fordern: Wenn es keine Wohnungsangebote gibt, ist der Neuanfang ausstiegswilliger Menschen aus der Prostitution zum Scheitern verurteilt. Das ist es, was die soziale Arbeit auszeichnet, und hier sollten wir auf der politischen Ebene ganz praktische Forderungen stellen – und nicht nur auf der Metaebene und bei der Frage nach der grundsätzlichen Ausrichtung der Prostitutionsgesetzgebung bleiben.

    Vielen Dank für das Gespräch!


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  • „Wir haben einen sehr hohen Anteil an Armutsprostitution“

    „Wir haben einen sehr hohen Anteil an Armutsprostitution“

    Foto: Prostitution in Westeuropa (Kay Chemush / U.S. State Department, Public Domain)

    Die Solwodi-Vorsitzende Maria Decker verweist auf Leerstellen im Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz.

    Koblenz (2mind) – Ende Juni legte die Bundesregierung einen Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz vor (> 2mind berichtete). Wie beurteilen Praktiker an der Basis die Studie? Maria Decker ist promovierte Wirtschaftsinformatikerin und 1. Vorsitzende von Solwodi. Die Organisation setzt sich für Frauen aus dem Migrations- oder Fluchtkontext ein, die Gewalt und Ausbeutung erfahren haben. Deutschlandweit begleitet Solwodi in 21 Fachberatungsstellen etwa zweitausendfünfhundert Betroffene von Gewalt. Das Gespräch führte Achim Halfmann.

    2mind: Solwodi hat sich enttäuscht von dem Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz gezeigt. Was kritisieren Sie?

    Dr. Maria Decker (Foto: privat)

    Dr. Maria Decker: Sehr viele der Frauen, die wir betreuen, stammen aus der Prostitution oder sind in der Prostitution. An mehreren Standorten leisten wir aufsuchende Arbeit im Prostitutionsmilieu, von daher haben wir aus der Praxis heraus einen guten Blick auf dieses Phänomen. Den Evaluationsbericht halten wir für nicht adäquat im Vergleich mit der Praxis.

    Das fängt mit der Stichprobe an: Danach ist fast die Hälfte der Frauen deutsch und 27% haben einen Hochschulabschluss. Das ist nicht das, was wir in der aufsuchenden Arbeit sehen, und das hängt mit der gewählten Befragungsmethode zusammen – einer Online-Umfrage. Wir wissen aber: Viele Frauen in der Prostitution – über 90% – sind Migrantinnen und verfügen oft nur über geringe Sprachkenntnisse, teilweise auch nur einen geringen Alphabetisierungsgrad. Sehr vielen Frauen mit Minderheitenkontext – beispielsweise Roma – ist das Konzept einer Online-Umfrage fremd, selbst wenn es einen attraktiven Gutschein dafür gibt. Das haben wir auch bei uns in den Fachstellen gesehen, wo wir versucht haben, mit einigen Frauen diese Umfrage auszufüllen. Die meisten Frauen haben Recht schnell aufgegeben und gesagt: Das will ich nicht, das kann ich nicht, schreib einfach irgendetwas hin und gib mir den Gutschein. Das ist nicht Sinn der Sache und führt zu dieser verzerrten Stichprobe. Das Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen ist sich dessen bewusst: In ihrem Methodenteil haben sie sehr deutlich auf diese Verzerrung hingewiesen und darauf, dass die Ergebnisse nur für die Stichprobenpopulation gelten. Aber im Abschlusskapitel, in dem eine allgemeine Bewertung erfolgt, haben sie ihren eigenen Hinweis offenbar vergessen, denn da wird ganz allgemein von der Prostitution gesprochen.

    Ein zweiter Kritikpunkt bezieht sich auf die Umfragen unter Gewerbetreibenden – also etwa den Bordellbesitzern – und unter Freiern. Diese Personengruppen profitieren von der jetzigen Gesetzgebung, ihre Antworten wurden aber völlig unhinterfragt übernommen. Da hätte ich mir aus wissenschaftlicher Sicht zumindest eine kritische Einordnung gewünscht.

    Der dritte Kritikpunkt ist, dass große Bereiche der Prostitution, zum Beispiel die Straßenprostitution, kaum in der Evaluierung vorkommen. Zum einen hängt das mit der Umfrage-Methode zusammen, zum anderen aber auch damit, dass diese Bereiche im Gesetz kaum reguliert sind – und in der Evaluierung ging es ja um die Aufgaben dieses Gesetzes. Nur: Wenn ich solche Bereiche auslasse, kann ich hinterher nicht allgemein von der Prostitution sprechen und allgemeine Schlüsse ziehen, weil sehr große Leerstellen bleiben. Deshalb würde ich nicht empfehlen, dieser Evaluierung als Grundlage für weitere Gesetzesvorhaben zu verwenden.

    Ihre Zielgruppe sind Frauen mit Migrationshintergrund. In die Studie wird ausgewiesen, dass eine relativ große Anzahl von Frauen in der Prostitution aus Thailand kommt und das in den letzten zwei Jahren die Zahl der Ukrainerinnen, die sich prostituieren, deutlich zugenommen hat. Deckt sich dies mit Ihren Beobachtungen?

    Nein, bei den Thailänderinnen sehen wir keine Zunahme. Nach wie vor kommt der allergrößte Teil der Frauen aus osteuropäischen Ländern, vor allem aus Rumänien und Bulgarien, weil da das Aufenthaltsrecht kein Hindernis darstellt. Viele dieser Frauen sind Roma oder stammen aus anderen Minderheiten. Eine Zunahme sehen wir bei chinesischen Frauen. Im Blick auf Ukrainerinnen sehen wir in unserer aufsuchenden Arbeit keine Zunahme. Wir führen das daraufhin zurück, dass Ukrainerinnen seit dem Kriegsausbruch großzügige Unterstützungsleistungen und einen einfachen Zugang dazu erhalten. Das hält diese Frauen davon ab, in eine Armutsprostitution zu rutschen. Ich habe allerdings auch gehört, dass sich in einigen Städten – zum Beispiel in Berlin – die Anzahl der Ukrainerinnen erhöht hat, die sich nach dem Prostituiertenschutzgesetz anmelden. In den Städten, in denen wir aufsuchende Arbeit leisten, sehen wir das nicht.

    Zum Stichwort Armutsprostitution: Wie kann es in unserer Wohlstandsgesellschaft dazu kommen?

    Wir haben in der Tat einen sehr hohen Anteil an Armutsprostitution. Viele dieser Frauen stammen aus den Armenhäusern Europas: Zu uns kommen nicht die Akademikerinnen aus Sofia, sondern Frauen vom Land, teilweise aus Slumgebieten, aus Gegenden ohne Elektrizität und ohne Wasser. Der Anteil der Roma-Frauen ist hoch und manche Frauen werden von ihren Angehörigen nach Deutschland in die Prostitution geschickt, damit der Rest der Familie es besser hat. Viele dieser Frauen haben keinerlei Ausbildung und würden nur sehr schwer eine andere Arbeit finden. Und von daher ist die Prostitution für sie gefühlt alternativlos. Wenn wir mit den Frauen arbeiten, finden sich oft Wege, andere Tätigkeiten aufzunehmen und Qualifikationen zu erlangen. Aber woher soll so ein Mädchen wissen, dass es diese Möglichkeiten gibt?

    Ein anderer großer Bereich ist die sogenannte Beschaffungsprostitution suchtabhängiger Frauen mit ihren körperlichen Zwängen. Es gibt emotionale Anhängigkeiten, etwa bei der Loverboy-Methode. Und es gibt natürlich auch den klassischen Menschenhandel. Die Zwänge sind vielfältig und das heißt nicht immer, dass die Frauen mit Handschellen gefesselt sind. Das Gutachten sagt: Wenn keine Gefahr für Leib und Leben besteht, dann ist Prostitution freiwillig. Aber das greift nicht bei Armuts- und bei Beschaffungsprostitution, denn auch das sind Zwänge.

    In öffentlichen Stellungnahmen haben Sie sich sehr kritisch zu Überlegungen geäußert, eine Form der Registrierung auch für minderjährige Prostituierte einzuführen oder ein Gutachten zur Schädlichkeit der Prostitution hochschwangerer Frauen für deren Föten einzuholen. Kommt es vor, dass sich Hochschwangere tatsächlich noch prostituierten?

    Ja, denn es gibt ein Markt dafür: Es gibt Männer, die gezielt danach suchen, die Sex mit Hochschwangeren haben wollen. Deshalb ist es für Zuhälter attraktiv, solche Frauen anzubieten. In der Evaluierung steht dazu, man könne die Tätigkeit vielleicht auf ungefährliche Handlungen beschränken, was ich für ziemlich blauäugig halte. Es gibt auch eine Kondompflicht nach dem Gesetz, die regelmäßig umgangen wird. Deshalb glaube ich nicht, dass man bei Hochschwangeren mit detaillierten Regelungen weiterkommt. Gynäkologen und Gynäkologinnen sagen mir übereinstimmend: Wenn eine Frau täglich mit vielen verschiedenen Männern Sex hat und schwere Männerkörper auf einer Frau liegen, dann ist das nicht gut für das ungeborene Leben. Für Hochschwangere gelten alle möglichen Beschäftigungsverbote: Bei uns in den Beratungsstellen erhalten hochschwangere Kolleginnen ein Beschäftigungsverbot und dürfen nicht beraten. Wenn also Frauen nicht beraten – also auf einem Bürostuhl sitzen und sich mit Klientinnen austauschen -, wohl aber bezahlten Sex haben dürfen, dann passt das für mich nicht zusammen.

    Wie steht es um die Prostitution Minderjähriger: Erleben Sie minderjährige Migrantinnen, die sich prostituieren?

    Tatsächlich treffen wir immer wieder auf Minderjährige. Teilweise sind es Betroffene von Menschenhandel, teilweise sind es von der Loverboy-Methode Betroffene, wir haben immer wieder minderjährige Klientinnen. Und gerade da ist die Dunkelziffer besonders hoch, denn offiziell ist die Prostitution Minderjähriger in Deutschland verboten und deshalb werden die jugendlichen Prostituierten nochmal besonders abgeschottet. Aber es gibt diese sogenannten Taschengeldtreffen und ähnliches, denn auch für minderjährige Prostituierte gibt es einen großen Markt.

    Gesetzliche Regulierungen der Prostitution in Deutschland gelten im europäischen Vergleich als relativ liberal. Die Evaluation zielt auf eine Verbesserung des Prostituiertenschutzgesetzes. Es gibt aber auch Stimmen, die die Einführung des sogenannten Nordischen Modells in Deutschland fordern, nach dem ein Sexkauf illegal wäre und Freier bestraft würden. Wofür plädieren Sie: für ein verbessertes Prostituiertenschutzgesetz oder für einen Modellwechsel?

    Ich glaube, dass wir einen Modellwechsel brauchen, weil das jetzige Modell von einer unzutreffenden Freiwilligkeitskonzeption ausgeht. Danach prostituieren sich Frauen im Wesentlichen selbstbestimmt, was aber nicht unserer Erfahrung entspricht. Deshalb glauben wir, dass wenige Verbesserungen am Gesetz nicht ausreichen werden. Wir stehen in Kontakt mit Sozialarbeiterinnen befreundeter Organisationen in Schweden und auch mit der schwedischen Polizei. Und wir sehen, dass es da einfach besser läuft: Es gibt dort weniger Kriminalität und weniger Gefahren für die Frauen. Diesen Punkt hat selbst die Evaluierung aufgezeigt: Das Gesetz in seiner aktuellen Ausgestaltung schützt nicht vor prostitutionstypischer Kriminalität, also vor Ausbeutung und Menschenhandel. In Schweden gibt es zwar auch noch Prostitution, aber die Frauen leben weitaus sicherer.

    Wenn Sie auf die soziale Arbeit an der Basis schauen: Gibt es ausreichende Hilfen für Menschen in der Prostitution, oder klafft eine Lücke zwischen Bedarf und Angebot?

    Da klafft schon eine deutliche Lücke: Es gibt in einigen Städten eine Finanzierung für die aufsuchende Arbeit in der Prostitution – aber noch lange nicht in jeder Stadt. Vor allen Dingen fehlen flächendeckende Ausstiegsprogramme, solche Programme gibt es in weniger als 10% der Städte in Deutschland. Ausstiegsbegleitung ist ein großer Komplex, dazu gehört unbedingt Wohnraum für die Frauen. Wer das Milieu verlassen möchte, kann nicht im Bordell wohnen bleiben. Viele der Frauen sind psychisch sehr instabil, viele haben Suchtprobleme oder leiden unter Krankheiten, denn die Prostitutionstätigkeit geht mit vielen gesundheitlichen Risiken einher. Die Frauen müssen zunächst stabilisiert werden, sich wieder an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen. Sie brauchen ein anderes soziales Umfeld und andere soziale Kontakte. Oft kennen die Frauen nur das Prostitutionsmilieu und so braucht es seine Zeit, bis eine Frau vielleicht selbstständig arbeiten und für sich selbst sorgen kann. Das bleibt natürlich das Ziel, aber es kann – je nachdem, wie lange die Frau in der Prostitution war – ein weiter Weg dahin sein. Das ist nicht billig, aber diese langfristige Begleitung sind wir den Frauen aus humanitären Gründen schuldig.

    Sie beschreiben, dass Frauen in den Bordellen wohnen. Nach dem Prostituiertenschutzgesetz dürfen diese Frauen nicht in den Räumen untergebracht werden, in denen sie arbeiten.

    In der Praxis sehen wir, wie manche Bordellbesitzer das lösen: Sie bieten diesen Frauen einen Kellerraum oder eine Unterkunft im Dachgeschoss an, in der dann zahlreiche Hochbetten stehen. Das wäre nach dem Prostituiertenschutzgesetz in Ordnung, weil Wohn- und Arbeitsraum so getrennt sind, aber die Frauen stehen natürlich nach wie vor unter einer sehr engmaschigen Kontrolle.

    Die Frauen berichten uns, dass ihnen kein Geld bleibt, um in eine andere Wohnung zu wechseln. Sie sind ja selbständig tätig und zahlen im Bordell eine Miete für das Zimmer, je nach Betreiber sind das 150 bis 250 Euro pro Tag. Dazu müssen sie im Bordell ihr Essen, Hygieneprodukte und ähnliche Artikel kaufen, weil sie in der Regel nicht raus können. Dazu kommen manchmal noch Abgaben für Security, und es werden 18,00 Euro für die Steuer eingezogen, wenn das Bordell dem Düsseldorfer Verfahren folgt. So kommen jeden Tag ein paar 100 Euro zusammen, bevor die Frau nur einen einzigen Freier bedient hat. Und wenn Zuhälter da sind – und es sind meistens Zuhälter da -, halten auch die ihre Hand auf. Dieser finanzielle Druck führt dazu, dass die Lage der Frauen zum allergrößten Teil so prekär ist es. Nur ganz wenige Frauen haben die Macht, für sich etwas Besseres herausholen. Solche Frauen mag es geben, das will ich gar nicht abstreiten, aber sie sind bei weitem nicht die Mehrheit. Und deshalb finde ich: Als Gesellschaft haben wir eine Verpflichtung, die Frauen in der Prostitution zu schützen.

    Herzlichen Dank für das Gespräch!


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  • Vernachlässigung die häufigste Form der Kindeswohlgefährdung

    Vernachlässigung die häufigste Form der Kindeswohlgefährdung

    Foto: Nadine Shaabana auf Unsplash

    Fallzahl der nordrhein-westfälischen Jugendämter fast 25 % höher als vor fünf Jahren

    Düsseldorf (2mind) – In 17.230 Fällen haben nordrhein-westfälische Jugendämter im vergangenen Jahr eine Kindeswohlgefährdung festgestellt – fast 25% mehr als noch fünf Jahre zuvor. In 9.049 Fällen stellten sie Anzeichen für eine Vernachlässigung bei einer akuten oder latenten Gefährdung der Kinder fest. Vernachlässigung ist damit in 2024 die häufigste Form der Kindeswohlgefährdung, gefolgt von 6.351 Fällen mit Anzeichen für eine psychische Misshandlung, 5.742 Fällen mit Anzeichen für eine körperliche Misshandlung und 1.272 Fällen mit Anzeichen für sexuelle Gewalt. Die Gesamtzahl der durchgeführten Gefährdungseinschätzungen stieg 2024 auf rund 68.000 Fälle. Das berichtet das Statistische Landesamt NRW.

    Die meisten Hinweise auf mögliche Kindeswohlgefährdungen erfolgten durch Polizei, Gerichte oder Staatsanwaltschaften (29%). Weitere Hinweise kamen von Schulen (fast 13 % der Fälle) oder als anonyme Meldungen (knapp 10 %) sowie von Bekannten oder Nachbarn (nahezu 9 %).


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  • Einsamkeit in allen Altersgruppen

    Einsamkeit in allen Altersgruppen

    Foto: Valeriia Miller auf Unsplash+

    Bereits in der Grundschule beginnt Einsamkeitserleben und es besitzt auch in der Lebensmitte und im Alter eine hohe Bedeutung.

    Berlin (2mind) – Jeder elfte Mensch ab 43 Jahren fühlte sich „sehr einsam“. Dabei ist die Altersgruppe der 43- bis 55-Jährigen stärker von Einsamkeit betroffen als ältere Menschen ab 76 Jahren. Das zeigen Daten aus dem Alterssurveys des Deutschen Zentrums für Altersfragen. Ist Einsamkeit also ein Problem der Lebensmitte? „Zwischen beruflichem Druck, familiären Verpflichtungen und gesellschaftlichen Erwartungen fehlt vielen das Erleben von echter Verbundenheit“, so Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) gegenüber der Presse. Die Folgen für die psychische Gesundheit, das soziale Miteinander und den gesellschaftlichen Zusammenhalt seien gravierend. Die Bundesregierung hat daher eine „Strategie gegen Einsamkeit“ entwickelt.

    Besonders überrascht, dass sich bereits im Grundschulalter zahlreiche Kinder einsam fühlen. Nach einer Umfrage des Deutschen Jugendinstituts („Aufwachsen in Deutschland: Alltagswelten“) fühlt sich mehr als jedes fünfte Kind im Alter von 5 bis 11 Jahren zumindest manchmal alleine. Kinder aus Trennungsfamilien empfinden besonders häufig Einsamkeit. Und finanzielle Sorgen im Familienhaushalt schlagen sich den Daten zufolge ebenso in höheren Einsamkeitswerten nieder. „Finanzielle Belastungen können die Teilhabemöglichkeiten von Kindern beeinträchtigen und gehen außerdem häufig mit erhöhtem Stress und einem schlechteren Familienklima einher, was das Risiko für Einsamkeit erhöhen kann“, so die an der Studie beteiligte Sozialwissenschaftlerin Alexandra Langmeyer.

    Vielleicht besitzt auch die Wohnsituation eine Auswirkung auf das Einsamkeitserleben. Nach heute vom Statistischen Bundesamt veröffentlichen Zahlen leben 17 Millionen Menschen in Deutschland alleine – also etwa jeder Fünfte. Die Zahl der Alleinlebenden ist in den zurückliegenden 20 Jahren um 21,8% gestiegen. In der Altersgruppe 65plus wohnt gut jeder Dritte (34,0%) allein, aber auch unter den jungen Erwachsenen zwischen 25 und 34 Jahren ist der Anteil der Alleinlebenden mit 28,0 % überdurchschnittlich hoch. Die Zahlen beruhen auf dem Mikrozensus 2024.

    Zu den Ursachen von Einsamkeit, zu Vorbeugung und Hilfen arbeitet das Kompetenznetz Einsamkeit (KNE), ein Projekt des Instituts für Sozialarbeit und Sozialpädagogik.


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  • Große Unterschiede zwischen selbstbestimmter und Armuts-Prostitution

    Große Unterschiede zwischen selbstbestimmter und Armuts-Prostitution

    Foto: Andy Quezada für Unsplash+

    Berlin (2mind) – Sollte die Prostitution Minderjähriger gesetzlich geregelt werden? Und schadet die Prostitution einer Hochschwangeren dem ungeborenen Kind? Diese Fragen wirft ein Bericht des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) auf. Im Auftrag des Bundesfamilienministeriums hatte das KFN die Wirkung des im Juli 2017 in Kraft getretenen Prostituiertenschutzgesetz (ProstSchG) untersucht und Empfehlungen zu dessen Weiterentwicklung gegeben. Die Einschätzungen und Empfehlungen des Gutachtens stießen auf ein geteiltes Echo.

    Mit dem Prostitutionsschutzgesetz wollte die Bundesregierung die Situation von sich prostituierenden Frauen und Männern verbessern und sie vor Menschenhandel, Ausbeutung und Zwang schützen. Dazu schuf das Gesetz eine Anmeldepflicht für Prostituierte, verbunden mit einem Informations- und Beratungsgespräch. Betreiber eines Prostitutionsbetriebs – etwa von Prostitutionsstätten oder -vermittlungen – benötigen eine Erlaubnis, deren Voraussetzungen ebenfalls in dem Gesetz geregelt werden. Und das Gesetz verpflichtete die Bundesregierung, bis Ende Juni 2025 eine Evaluation vorzulegen.

    Hat das Prostitutionsschutzgesetz seine Ziele erreicht?

    Das KFN sieht in seinem Evaluationsbericht Stärken und Schwächen des Gesetzes. „Da die Schwächen jedoch weitgehend behebbar erscheinen, hat das ProstSchG aus Sicht der Autor*innen vor allem Potenzial.“

    Schützt das Gesetz – wie angestrebt – vor Gewalt? Die Lebens- und Arbeitsbedingungen Prostituierter seien sehr unterschiedlich. „Einige Prostituierte üben die Tätigkeit sehr selbstbestimmt aus. Insbesondere ‚Armuts- und Beschaffungsprostituierte‘ sehen sich häufig mit prekären Lebensbedingungen konfrontiert“, heißt es in dem Bericht. Einzelne Gruppen Prostituierter könnten einem erhöhten Risiko von Gewalt ausgesetzt sein – sowohl durch strukturelle Ausbeutung als auch durch ihre Kunden. Jedoch seien weitere Untersuchungen nötig, um hierzu belastbare Aussagen treffen zu können.

    Zudem verweisen die Autoren auf die unzureichende Datenlage: „Aussagekräftige Daten zur Zahl der in Deutschland tätigen Prostituierten, die auf fundierten empirischen Erkenntnissen beruhen und sich zum aktuellen Zustand verhalten, existieren zum jetzigen Zeitpunkt nicht.“ Damit lässt sich nicht sagen, wie hoch der Anteil der Prostituierten ist, die ihre Tätigkeit angemeldet haben – und wie viele Prostituierte im Dunkelfeld arbeiten.

    Was ist über Lebenslagen der angemeldeten Prostituierten bekannt?

    Im Jahr 2019 – vor der Corona-Pandemie – gab es 40.369 Anmeldungen nach dem ProstSchG. Die Anmeldezahlen vielen während der Pandemie deutlich und erreichten 2023 mit 30.636 nicht wieder das Vor-Corona-Niveau. Der Anteile der Prostituierten mit deutscher Staatsangehörigkeit lag in den Jahren 2017 bis 2023 zwischen 18 und 22 %.

    „Unter den gültig Angemeldeten aus Nicht-EU-Staaten fällt einerseits die stets hohe Zahl von Menschen mit thailändischer Staatsangehörigkeit auf, ebenso wie die seit dem Jahr 2022 sprunghaft ansteigende Zahl von Menschen mit ukrainischer Staatsangehörigkeit“, so der Bericht. Bei den EU-Staatsangehörigen lag der Altersschwerpunkt in der Gruppe der 21- bis 35-Jährigen, bei den Personen aus Nicht-EU-Staaten im Bereich von 36 bis 55 Jahren. „Die absoluten Zahlen der 18- bis 20-jährigen Prostituierten sind sowohl unter den EU- als auch den Nicht-EU-Staatsangehörigen über alle Erhebungsjahre hinweg vergleichsweise gering.“

    Weiter schreiben die Autoren: „„Prostituierte sind überdurchschnittlich häufig von bestimmten sexuell übertragbaren Infektionen betroffen, wobei insbesondere nicht versicherte und migrantische Prostituierte eine besonders vulnerable Gruppe darstellen.“

    Hauptgrund für die Nichtanmeldung von Prostituierten sei eine fehlende Bereitschaft zur Offenlegung der Prostitutionstätigkeit gegenüber einer Behörde. „Auch wegen des (hier nachgewiesenen) häufigen Benachteiligungserlebens infolge der Tätigkeit als Prostituierte ist jedenfalls ein Teil dieser Menschen sehr zurückhaltend in der Offenlegung ihrer Tätigkeit – nicht selten wird die Prostitutionstätigkeit sogar gegenüber der eigenen Familie und engen Freunden verheimlicht.“

    Zudem deuteten regionale Untersuchungen darauf hin, „dass sich ein Teil der Prostitutionsszene seit der Einführung des Gesetzes stärker in informelle, schwer beobachtbare Bereiche verlagert hat, insbesondere durch die Schließung von Prostitutionsstätten und die Nutzung von Online-Plattformen.“

    Was ist über die Prostitutionsbetriebe bekannt?

    Die Anmeldung von Prostitutionsbetrieben stieg bis zum Jahr 2023 kontinuierlich auf 2.312. „Der allergrößte Teil gültiger Erlaubnisse bezieht sich auf Prostitutionsstätten, ein deutlich geringer Teil auf Prostitutionsvermittlungen.“ Weiter heißt es im Bericht, es seien nur sehr wenige Prostitutionsfahrzeuge und Prostitutionsveranstaltungen angemeldet worden. „Ersichtlich gibt es aber auch Prostitutionsgewerbetreibende, die sich dem Erlaubnisverfahren bislang nicht stellen. Wie groß der Anteil ist, kann auf Basis der vorliegenden Daten nicht beurteilt werden.“

    In den zurückliegenden Jahren wurden jeweils zwischen neun und 50 Erlaubnisse widerrufen. „Die Zahl der Versagungen von Erlaubnissen für Prostitutionsgewerbe schwankt zwischen 27 Versagungen im Jahr 2022 und 140 im Jahr 2019.“

    Was empfiehlt der Bericht?

    Die Autoren der KFN geben dem Gesetzgeber zahlreiche Empfehlungen mit, darunter:

    • die finanzielle Förderung von Maßnahmen, die über Prostitution aufklären, und die Prüfung von Maßnahmen, mit denen der Benachteiligung von Prostituierten im Alltag aktiv entgegengewirkt wird;
    • einen weitgehenden Ausschluss der Übermittlung von Anmeldedaten an Behörden, die nicht ProstSchG-Behörden sind – etwa an Finanzbehörden -, um das Vertrauen in die Sicherheit der sensiblen Daten zu erhöhen;
    • eine besonders umfassende Aufklärung heranwachsender Prostituierter;
    • die Prüfung, ob der „Anwendungsbereich nicht teilweise auf minderjährige Prostituierte ausgedehnt werden sollte“, um diese besser schützen zu können;
    • die Einholung eines unabhängigen Gutachtens dazu, ob die Prostitution Hochschwangerer Risiken für das ungeborene Leben mit sich bringt;
    • die Einführung einer Pflicht für Gewerbetreibende, „online und offline in prominenter Weise darauf hinzuweisen, dass sie eine Erlaubnis nach dem ProstSchG besitzen“.

    Welche Reaktionen gibt es auf den Bericht?

    Verbände und Organisationen reagierten erwartbar unterschiedlich auf den Evaluationsbericht.

    Der „Bundesweite Koordinierungskreis gegen Menschenhandel“ (KOK) bezeichnet die Evaluation als umfassend, gründlich und ausgewogen. „Das Gutachten unterstreicht, dass die freiwillig ausgeübte Prostitution von Zwang und Menschenhandel klar zu unterscheiden ist“, so der KOK. „Regulierung von Sexarbeit kann ein Baustein im Einsatz gegen Menschenhandel sein, darf aber nicht zur Kriminalisierung oder Verdrängung führen.“

    Für den Verein „Terre Des Femmes – Menschenrechte für die Frau“ lässt die Evaluation den Schluss zu: „Das Gesetz schützt nicht, denn es ändert nichts an der Realität von Gewalt, Ausbeutung und strukturellem Zwang in der Prostitution.“ Der Zugang zu Beratung und Information sei für viele Personen zu hochschwellig, die Wirkung der Anmeldepflicht wird als kritisch eingeschätzt.

    Der LSVD⁺-Bundesverband (Verband Queere Vielfalt) fordert eine vollständige Entkriminalisierung von Sexarbeit. „Das Prostituiertenschutzgesetz ist kein geeignetes Instrument zur Bekämpfung von Ausbeutung und Gewalt.“  Die in dem Gesetz enthaltene Registrierungspflicht lehnt der Verband ab.

    Für den Verein Solwodi Deutschland e.V. erklärte dessen Vorsitzende Maria Decker: „Die Evaluierung des kfn geht von methodisch bedingten Verzerrungen und fragwürdigen Ansätzen aus und zeichnet in Konsequenz ein zu positives Bild der Prostitution und der Wirksamkeit des Gesetzes“. Bestimmte Bereiche der Prostitutionsausübung, z.B. der Straßenstrich, seien kaum in den Blick genommen worden und es sei fraglich, inwieweit die KFN-Empfehlungen in diesem besonders prekären Milieu greifen würden.

    Wie geht es weiter?

    Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) kündigte bei der Vorstellung der Evaluation die Einsetzung einer unabhängigen Expertenkommission an, mit deren Hilfe der Schutz vor Zwangsprostitution und sexueller Ausbeutung wie auch die Rechte der Betroffenen gestärkt werden soll. Die Kommission werde sich mit den konkreten Ergebnissen der Evaluation und den grundsätzlichen Fragen zur Situation der Prostituierten in Deutschland beschäftigen, so ihr Ministerium.

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  • Sexuelle Gewalt gegen Kinder: Neues Gesetz stärkt Rechte Betroffener

    Sexuelle Gewalt gegen Kinder: Neues Gesetz stärkt Rechte Betroffener

    Foto: Curated Lifestyle auf Unsplash

    Berlin (2mind) – Mit dem „Gesetz zur Stärkung der Strukturen gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen“ soll sexualisierter Gewalt vorgebeugt und die Rechte Betroffener sollen gestärkt werden. Es trat in der zurückliegenden Woche in Kraft. Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) bezeichnete das Gesetz als einen „Meilenstein im Kampf gegen sexuellen Missbrauch von Minderjährigen – und ein klares Bekenntnis: Dieses Thema wird nicht mehr von der politischen Agenda verschwinden.“

    Bestehende Strukturen wurden nun gesetzlich verankert: das Amt der oder des Unabhängigen Bundesbeauftragten, der Betroffenenrat sowie die Unabhängige Aufarbeitungskommission. Dauerhaft erhalten bleiben sollen auch das Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch und das Hilfe-Portal. Zudem soll ein Zentrum für Forschung zu sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen eingerichtet werden, dessen Erkenntnisse in jeder Legislaturperiode in einen Bericht der oder des Unabhängigen Bundesbeauftragten über Ausmaß und Folgen sexueller Gewalt einfließen.

    Kerstin Claus, die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch von Kindern und Jugendlichen, verwies dazu auf die Herausforderungen: „Die Zahl der Straftaten gegen Kinder und Jugendliche ist ungebrochen hoch, das Dunkelfeld riesig und die Risiken gerade in der digitalen Welt nahezu unermesslich – denn hier fehlt jede soziale Kontrolle, hier fehlen sichere, kindgerechte Räume, hier sind junge Menschen den Täterstrategien immer wieder schutzlos ausgeliefert.“