Autor: 2mind

  • „Man lernt sich durchzubeißen“

    „Man lernt sich durchzubeißen“

    Nils Andersen im Geschenkeladen (Foto: 2mind/Achim Halfmann)

    Hückeswagen (2mind) – Die Gefährdetenhilfe Scheideweg besucht mit ehrenamtlichen Mitarbeitern 14 Justizvollzugsanstalten in Nordrhein-Westfalen und sie unterstützt in ihren Wohngemeinschaften junge Menschen aus sozialen Krisen bei einem Neuanfang. Dazu gehören auch Betriebe mit ihren Angeboten ans Arbeitstraining und Ausbildung. Nils Andersen hat gerade bei Geschenke Scheideweg seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann beendet. Vor drei Jahren kam er aus einer Lebenssituation nach Scheideweg, die durch Depressionen und Sucht geprägt war. Hier berichtet Nils, was ihm heute Halt gibt. Das Gespräch führte Achim Halfmann.

    Achim Halfmann: Nils, herzlichen Glückwunsch zu dieser mit gutem Ergebnis bestandenen Abschlussprüfung! Wie war diese Ausbildung für Dich, war das eine anstrengende Zeit, war das eine schöne Zeit?

    Nils Andersen: Das war wirklich eine sehr schöne Zeit – und natürlich auch sehr herausfordernd. Es gibt Momente, wo man denkt: „Am liebsten will ich aufhören“. Aber da lernt man dann sich durchzubeißen und das zu Ende zu bringen. Im Endeffekt ist man sehr stolz darauf.

    Wie lange bist Du jetzt hier in Scheideweg und wie hast Du uns überhaupt kennengelernt?

    Ich bin jetzt seit drei Jahren in Scheideweg. Vorher habe ich einige Therapien gemacht und dann eine Einrichtung für betreutes Wohnen gesucht. Da habe ich über einen Kontakt hiervon erfahren.

    Würdest Du uns sagen, wofür oder wogegen Du diese Therapien gemacht hast?

    Bei mir ging es hauptsächlich um Depressionen und auch um Drogensucht. Ich nahm Ecstasy, Speed, eigentlich alles Mögliche.

    Du bist dann nach Scheideweg in eine Wohngemeinschaft gezogen. „Wohngemeinschaft“ sagt nicht jedem etwas. Wie kann man sich das Leben in dieser Gemeinschaft vorstellen?

    Dort kommen mehrere Leute wie ich zusammen, die Probleme in ihrem Leben haben und die daran etwas ändern möchten. Man ist meistens mit 4, 5 Leuten in der Wohngemeinschaft, lebt zusammen, gestaltet seinen Alltag. Jeder geht auf die Arbeit und man frühstückt zusammen, isst zusammen zu Abend und hat dann verschiedene gemeinsame Aktivitäten wie Sport oder den Einkauf. Da wächst man als Gemeinschaft zusammen und lernt das gemeinsame Leben mit seinen Herausforderungen, die dazu gehören.

    Da hat Hilfe für Dich drin gesteckt bei diesem Thema, das du eben angesprochen hast: dem Durchhalten?

    Oh ja, definitiv. Wenn man immer miteinander ist, vor allem mit Menschen, die man vorher gar nicht kannte, dann kommen Sachen dazu, die einen sehr herausfordern. Aber man lernt dann den Umgang damit.

    Ich bin jetzt seit drei Jahren hier. Und ich habe in dieser Zeit gelernt, mich mit anderen Leuten auseinanderzusetzen, auch mit ihren Problemen: Sie zu verstehen, warum sie so sind, wie sie sind, und sie so anzunehmen. Das ist wirklich eine sehr lehrreiche Zeit für mich gewesen.

    Jetzt ist Scheideweg ich eine christliche Einrichtung und hier geht es auch um den Glauben, um Gott und die Bibel. Wie war das für Dich?

    Ich war vorher schon in der Kirche, aber ich hatte nie davon gehört, dass man eine persönliche Beziehung zu Jesus aufbauen kann. Das habe ich hier das erste Mal erfahren. Von Menschen in Scheideweg wird vorgelebt, wie man seinen Alltag mit Jesus gehen kann und das hat mich sehr erstaunt und mir imponiert. Genau das wollte ich dann leben. Dafür bin ich sehr dankbar, dass ich das heute tun kann, dass ich mein Leben für Gott lebe.

    Jetzt kann sich – glaube ich – nicht jeder etwas unter dieser „persönlichen Beziehung mit Jesus“ vorstellen. Vielleicht kannst Du uns noch ein bisschen erklären, was das ist?

    Dazu gehört mit Gott zu sprechen wie in einer menschlichen Beziehung auch. Man ist ständig im Gespräch mit Gott, ja, man kann wirklich alles mit ihm besprechen. Ob es gute Dinge, schlechte Dinge, emotionale Dinge sind: Mit ihm kann ich über alles sprechen und meinen Alltag mit ihm leben. Dazu gehört für mich auch, dass ich mich für ihn einsetze.

    Dein Dialekt verrät, dass Du nicht aus dem Bergischen Land kommst. Woher kommst Du und wie ist das so mit Deiner Beziehung zu Deinen Eltern, zu Deinem früheren Umfeld?

    Ich komme aus Koblenz, direkt am Rhein, eine sehr tolle Gegend. Mein Vater kommt aus Dänemark, da bin ich jedes Jahr mindestens einmal. Das ist meine zweite Heimat. Ich hatte damals, als ich Depressionen und Sucht noch sehr stark in mir hatte, eine schwierige Beziehung zu meinen Eltern. Mittlerweile hat sich das sehr deutlich gebessert. Seit ich in meinem Leben aufgeräumt und viele Dinge in Ordnung gebracht habe, ist das alles wieder zum Guten gekommen. Ich habe eine sehr gute Beziehung zu meinen Eltern und besuche beide regelmäßig.

    Jetzt hast Du Deine Ausbildung in Geschenke Scheideweg abgeschlossen. Wie geht es weiter?

    Ich bin jetzt noch etwa drei Monate hier im Scheideweg und arbeite weiterhin im Geschenkeladen und im Café. Dann werde ich mir dann eine neue Stelle suchen. Ich werde weiterhin hier wohnen, hier habe ich nämlich eine Trainingswohnung. Ich werde mir eine Arbeit in der Nähe suchen und da bin ich mir sicher, dass ich etwas Geeignetes für mich finden werde.

    Lieber Nils, vielen Dank, dass Du uns von Dir erzählt hast!

    Sehr gerne.

    Titeloto: Nils Andersen im Shop Geschenke Scheideweg.

  • NRW: Jeder 5. Bürger ist armutsgefährdet

    NRW: Jeder 5. Bürger ist armutsgefährdet

    Foto: Nick Fewings auf Unsplash

    Düsseldorf (2mind) – Etwa 3,3 Millionen Menschen in Nordrhein-Westfalen galten 2023 als armutsgefährdet. Das entspricht einem Bevölkerungsanteil von 18,3 Prozent. Im zurückliegenden Jahr galt ein Einpersonenhaushalt in NRW mit weniger als 1.233 Euro netto pro Monat als von Armut bedroht. Als armutsgefährdet gelten Menschen, denen weniger als 60 Prozent des mittleren bedarfsgewichteten Haushaltseinkommens zur Verfügung stehen. Zwischen 2013 und 2023 stieg das Armutsrisiko in NRW von 16,0 Prozent auf 18,3 Prozent. Die Zahlen stellte der Landesbetrieb IT.NRW als statistisches Landesamt heute vor.

    Das Armutsrisiko verteilt sich in NRW sehr unterschiedlich: Einem Armutsrisiko von 22,1 Prozent in der Region Dortmund stand ein Risiko von 12,5 Prozent in der Region Siegen gegenüber.

    Das stärkste Armutsrisiko trifft Alleinerziehende und ihre Kinder: Unter den Haushalten mit minderjährigen Kindern wiesen Alleinerziehende mit 45,7 Prozent die höchste Armutsgefährdungsquote im Land auf. Kinderreichtum wird ebenfalls zum Risiko: Haushalte mit drei oder mehr Kindern waren mit 35,3 Prozent etwa vier Mal höher von Armutsrisiken betroffen als Familien mit einem Kind (9,1 Prozent).

    Wenig überraschend steigert Arbeitslosigkeit das Armutsrisiko: 50,6 Prozent der erwerbslosen Personen waren armutsgefährdetet – gegenüber 8,9 Prozent der Erwerbstätigen.

    Besonders hoch ist das Armutsrisiko von Menschen mit Migrationshintergrund (30,6 Prozent gegenüber 11,9 Prozent bei Menschen ohne Migrationshintergrund.

    Die Zahlen basieren auf dem Mikrozensus, einer seit 1957 jährlich bei einem Prozent der Bevölkerung durchgeführten Befragung der amtlichen Statistik

    Aufgrund unterschiedlicher Berechnungsmethoden lassen sich die Landeszahlen nicht einfach mit deutschlandweiten Werten vergleichen. Der Bundesdurchschnitt weist für 2023 laut Statistischem Bundesamt eine Armutsgefährdungsquote von 21,2 Prozent aus, wobei die Armutsgefährdungsgrenze für einen Einpersonenhaushalt mit 1.310 Euro netto monatlich höher angesetzt ist als in der NRW-Statistik.

  • Strafvollzug: Nur in Krankenhäusern wird mehr geweint

    Strafvollzug: Nur in Krankenhäusern wird mehr geweint

    Pfarrer Stefan Richert in Scheideweg (Foto: 2mind / Achim Halfmann)

    Hückeswagen (2mind) – Die Besuche ehrenamtlicher Mitarbeiter in Gefängnissen helfen Gefangenen und dem Strafvollzug. „Ein Gespräch kann viel dazu wirken, dass Menschen nicht mehr aggressiv sind“, sagte Stefan Richert, Pfarrer in der JVA Wuppertal-Vohwinkel. Wichtig sei es, Gefangene als Menschen auf Augenhöhe zu begegnen. Das Gefängnis sei ein Gewaltsystem und die Besuche von außen könnten Druck herausnehmen. Zugleich sagte Richert, „dass in Deutschland in den Gefängnissen – außer in Krankenhäusern – die Orte sind, wo am meisten geweint wird.“ Der Gefängnispfarrer sprach am 13. April auf einer Schulung der Gefährdetenhilfe Scheideweg, Hückeswagen, zu etwa 30 ehrenamtlichen Mitarbeitern.

    Seine Zuhörer ermutigte Richert, in den seelsorgerlich ausgerichteten Gesprächsgruppen im Strafvollzug als Christen für den Gesprächspartner klar erkennbar zu bleiben. „Wir bringen ihm die gute Nachricht, dass Gott ihn auch liebt“, so der Gefängnispfarrer. Richert berichtete auf der ganztägigen Schulung zu rechtlichen und organisatorischen Rahmenbedingungen sowie zur inhaltlichen Arbeit der Ehrenamtlichen im Strafvollzug.

    Der 1975 gegründete diakonische Verein Gefährdetenhilfe Scheideweg ist mit rund 200 ehrenamtlichen Mitarbeitenden in nordrhein-westfälischen Gefängnissen und organisiert dort 14 Kontaktgruppen (Gesprächsgruppen), die in zweiwöchigem Rhythmus stattfinden. Zudem unterhält der Verein Wohngemeinschaften für junge Haftentlassene, Betriebe zur beruflichen Integration sowie Freizeit- und Beratungsangebote.

    Weitere Infos: https://scheideweg.nrw

  • Kira Geiss: Wie sich im Leben der Miss Germany 2023 ein „Schalter umgelegt“ hat

    Kira Geiss: Wie sich im Leben der Miss Germany 2023 ein „Schalter umgelegt“ hat

    Kira Geiss (2. von links) zu Besuch am Berufskolleg Bleibergquelle (Foto: Maria Nguyen / BBQ)

    Velbert (2mind) – Bei ihrem Besuch am Berufskolleg Bleibergquelle berichtete Kira Geiss, die Miss Germany 2023, sehr persönlich über ihr Leben und ihren Glauben. Die 21-jährige Wahl-Magdeburgerin war als eine von 15.000 Kandidatinnen zu dem Award angetreten, der seit 2020 kein Schönheitswettbewerb mehr ist. Den Titel „Miss Germany“ erhalten Frauen, die Verantwortung übernehmen, heißt es in der Ausschreibung. Kira Geiss engagiert sich für soziale Nachhaltigkeit, insbesondere für die Jugendarbeit und den richtigen Umgang mit sozialen Medien. Und das hängt mit ihrer Lebensgeschichte zusammen:

    Mit 13 Jahren trank Kira Geiss erstmals Alkohol und erlebte bei einer Party nachts im Wald einen Blackout. Den Zuhörern der Schulgemeinschaftsstunde am Berufskolleg berichtet die heutige Miss Germany, sie habe als Jugendliche zu viel geraucht und zu viel getrunken, in einer ungesunden Beziehung gelebt und dreieinhalb Jahre lang jedes Wochenende Party gefeiert. So kam sie an einen Punkt, an dem sie sich selbst fragte: „Ist das, was ich lebe und jeden Tag konsumiere, wirklich das, was mir guttut?“ Innerlich habe sich ein „Schalter umgelegt“: Kira Geiss trennte sich von ihrer Clique und ihrem Freund und fühlte sich danach ein halbes Jahr lang „ziemlich einsam“.

    In einem Bus lernte Kira Geiss zwei Mädchen kennen, die sie zu kirchlichen Veranstaltungen einluden. Sie nahm an einer christlichen Freizeit teil und erlebte dort eine Gemeinschaft, in der sie sich angenommen fühlte, ohne etwas leisten zu müssen. „Es ist das erste Mal gewesen, dass ich mich außerhalb meiner Familie zuhause gefühlt habe“, sagt Kira Geiss. Dem Glauben gegenüber sei sie noch längere Zeit skeptisch geblieben, bis sie an einem Tag betete: „Oh Gott, ich weiß überhaupt nicht, ob es dich gibt, aber ich gebe dir eine Chance.“ In den folgenden Wochen seien viele innere Wunden geheilt, über eine längere Zeit sei sie dabei von anderen Christen begleitet worden und schließlich gründete Kira Geiss 2021 in Magdeburg selbst eine junge Gemeinde.

    Zu ihren Glaubenserfahrungen sagt sie heute: „Das ist nichts, was jemandem aufgezwungen werden kann. Aber es kostet auch nichts, das auszuprobieren.“ Kira Geiss ist seit dem vergangenen Jahr als Hoffnungsbotschafterin für den Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverband unterwegs.

    In der Veranstaltung am Berufskolleg Bleibergquelle ging es auch um den Umgang mit sozialen Medien. Dabei trat Kira Geis dafür ein, sowohl in als auch außerhalb digitaler Medien engagiert zu leben. Ihre eigene Social Media-Nutzung begrenze sie bewusst auf die Zeitspanne zwischen 7.00 und 19.00 Uhr.

    Die Schulgemeinschaftsstunden am Berufskolleg Bleibergquelle werden viermal im Jahr von Gästen oder Klassengemeinschaften zu aktuellen Themen oder als kultureller Beitrag gestaltet.

  • „Wer Menschen mit Respekt behandelt, wird auch selbst respektiert.“

    „Wer Menschen mit Respekt behandelt, wird auch selbst respektiert.“

    Heval Akil bei der Arbeit (Foto: Achim Halfmann / 2mind)

    Dortmund (2mind) – Wie gelingt die Integration von Geflüchteten in Arbeit? CSR NEWS besucht Betriebe, die Menschen mit Migrationshintergrund Arbeit und Ausbildung ermöglichen. Im Dortmunder Hotel Esplanade sprechen wir mit Küchenchef Heval Akil. Der heute 43-Jährige kam 1999 selbst als Flüchtling aus Syrien nach Deutschland.

    Von Achim Halfmann

    Viele Integrations-Herausforderungen kennt Heval Akil aus eigener Erfahrung. In Syrien hatte er eine Ausbildung in der Systemgastronomie abgeschlossen – die in Deutschland nicht anerkannt wurde. Das Erlernen der deutschen Sprache, der Erhalt einer Arbeitserlaubnis und der Zugang zu einem Ausbildungsplatz – vor 25 Jahren lagen die Hürden noch deutlich höher als heute. Akils beruflicher Weg begann im Sauerland. Durch die ehrenamtliche Arbeit in der Abtei Königsmünster in Meschede lernte er Menschen kennen, die ihn bei Bewerbungen und Behördengängen unterstützten. In Meschede absolvierte er eine Ausbildung zum Koch, sammelte danach Auslandserfahrungen in Frankreich und den Niederlanden und übernahm eine erste Küchenleitung.

    In Meschede engagierte sich Akil für die Gründung eines kurdischen Kulturvereins und war vier Jahre lang dessen Vorsitzender. Dort erlebte er auch die sogenannte „Flüchtlingswelle“ der Jahre 2015 und 2016 mit, als über eine Million Menschen nach Deutschland kamen – viele davon aus Syrien. Er arbeitete als ehrenamtlicher Übersetzer für das Jugendamt, schrieb mit Geflüchteten Lebensläufe und Bewerbungen und vermittelte einzelne in Gastronomiebetriebe. Akil kam dabei zugute, dass er zweisprachig aufwuchs und Arabisch ebenso wie Kurdisch spricht. Zum Erliegen kam dieses Engagement während der Corona-Pandemie.

    Heval Akil präsentiert seine Weinmarke „Kobane“ (Foto: Achim Halfmann / 2mind)

    In Dortmund fand Heval Akil mit dem Hotel Esplanade und der Unternehmerfamilie Kortmann ein neues berufliches Umfeld, in dem Arbeitnehmer mit Fluchterfahrung willkommen sind. Unter den etwa 25 Mitarbeitenden sind jeweils fünf oder sechs Geflüchtete. In die Ausbildungen zum Koch bzw. zur Köchin und zur Hotelfachkraft nimmt das Unternehmen junge Menschen auf, die kurz zuvor nach Deutschland gekommen sind. Für die Geflüchteten und das Hotel handele es sich um eine Win-Win-Situation, sagt Akil. Denn immer weniger junge Menschen entscheiden sich für eine Ausbildung in der Gastronomie, auch wegen der Arbeitszeiten.

    Für Heval Akil besitzt die Netzwerkarbeit eine hohe Bedeutung. Er leitet nicht nur die Küche im Hotel Esplanade, sondern ist als Ausbilder zugleich Mitglied im Prüfungsausschuss der Dortmunder Industrie- und Handelskammer. Und er hält Kontakt zum kurdischen Kulturverein in der Stadt. Häufig kämen geflüchtete junge Menschen durch Mund-zu-Mund-Propaganda auf die Idee, sich in dem Hotel zu bewerben, berichtet Akil.

    Besonders wichtig für den beruflichen Erfolg sind Sprachkenntnisse. Grundlagen vermitteln Sprachkurse, die von der Arbeitsagentur finanziert werden. Der Besuch einer Berufsschule ist für Geflüchtete trotzdem eine „harte Nummer“, weiß Akil aus eigener Erfahrung. Seine Nachwuchskräfte unterstützt der Küchenleiter daher bei der Prüfungsvorbereitung. So stellen Auszubildende mit Migrationshintergrund gemeinsam mit ihrem Ausbilder ein Menü aus saisonalen Produkten zusammen, erklären dies zunächst in ihrer Muttersprache und lernen dann die deutschen Begriffe kennen.

    Kulturelle Unterschiede müssen ebenso überwunden werden. In Deutschland zählt die Pünktlichkeit: 8.00 Uhr ist 8.00 Uhr, in manchen anderen Kulturen werden zeitliche Absprachen nicht auf die Minute genau genommen. Und auch für dieses kulturelle Ankommen sind Sprachkenntnisse wichtig. Denn „ohne Sprache fühlt man sich nicht zuhause“, sagt Akil. Erschwert werde das Lernen bei manchen Geflüchteten durch Traumata: Jahre des Krieges und des Terrors und die Gefahren der Flucht bleiben nicht ohne Spuren. Nach den Erfahrungen von Akil ist etwa jeder dritte Flüchtling traumatisiert. Und manche leiden unter Heimweh. Geflüchtete Menschen beobachten das Geschehen in ihrem Heimatland weiterhin genau – auch aus Sorge um die zurückgelassenen Freunde und Verwandten.

    Betrieben, die Geflüchtete integrieren wollen, rät Akil zum Austausch mit anderen, die darin bereits Erfahrungen gemacht haben. Und dann sollten Chefs und Ausbilder positiv auf Menschen mit Migrationshintergrund zugehen. Heval Akil: „Wer Menschen mit Respekt behandelt, wird auch selbst respektiert.“

    Das Dortmunder Hotel Esplanade ist Teil des > DIHK-Netzwerks „Unternehmen integrieren Flüchtlinge“

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  • Internationale Wochen gegen Rassismus: „Populistischer Instrumentalisierung des Christentums“ begegnen

    Internationale Wochen gegen Rassismus: „Populistischer Instrumentalisierung des Christentums“ begegnen

    Foto: Mesut cicen auf Unsplash

    Berlin (2mind) – Vom 11. bis 24. März finden deutschlandweit die „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ statt. Das Thema lautet: „Menschenrechte für alle“. Vereine, Wohlfahrtsverbände, Kirchen und andere Akteure bieten während dieser Tage unterschiedliche Veranstaltungen: Workshops, Diskussionsrunden und kulturelle Beiträge sollen Bewusstsein für Rassismus und Diskriminierung in der Gesellschaft schaffen.

    Zentrum der Veranstaltungswochen ist der 21. März, der 1966 von den Vereinten Nationen zum „Internationalen Tag zur Überwindung von rassistischer Diskriminierung“ erklärt wurde. Er erinnert an den 21. März 1960, als über 5.000 Menschen im südafrikanischen Sharpeville gegen die diskriminierenden Passgesetze des Apartheid-Regimes demonstrierten. Die Polizei setzte Flugzeuge und Tränengas gegen die Demonstrierenden ein und schoss schließlich in die Menge. 69 Menschen starben, darunter acht Frauen und zehn Kinder.

    Seit Januar 2016 werden die Internationalen Wochen gegen Rassismus (IWgR) von der Stiftung gegen Rassismus koordiniert. Die Stiftung bietet z.B. Arbeitsmaterialien, einen Veranstaltungskalender und Impulse für die Öffentlichkeitsarbeit.

    In Kirchhundem (Sauerland) engagiert sich das katholische Geistliche Rüstzentrum Kohlhagen mit einem Vortrags- und Diskussionsabend zum Thema „Auftrag der Kirche: Migrantinnen und Migranten begleiten und dem Rassismus entgegentreten“. „Unsere Gesellschaft wurde in den letzten Jahrzehnten massiv durch rechtsextreme Übergriffe und Anschläge erschüttert“, so Pater Siegfried Modenbach SAC, einer der Leiter des Rüstzentrums. „Flüchtlingsunterkünfte wurden in Brand gesteckt, Menschen wegen ihrer Herkunft angegriffen oder ermordet; politische Verantwortungsträger und ehrenamtlich Engagierte, die für ein gutes Miteinander einstehen, wurden Opfer von Bedrohungen und Anschlägen; jüdische und muslimische Gotteshäuser wurden geschändet.“

    Christen müssen sich mit Rassismus in den eigenen Reihen auseinandersetzen, denn trotz eindeutiger Stellungnahmen der Kirchenleitungen und zahlreichen Initiativen „finden sich rassistische Vorstellungen und damit die Spannungen und Bruchlinien der Gesellschaft auch im Raum der Kirche wieder“, so der Pater. Wer sich bei der Ausgrenzung und Abwertung von Menschen anderer kultureller oder religiöser Hintergründe auf „christliche Werte“ berufe, „betreibt eine populistische Instrumentalisierung des Christentums, die von den Kirchen deutlich zurückgewiesen wird.“ Modenbach verweist in diesem Zusammenhang auf die „Bundesarbeitsgemeinschaft Kirche & Rechtsextremismus“, in der über 50 Organisationen aus dem kirchlichen Raum und der Zivilgesellschaft zusammenarbeiten.

    Informationen und Material zu den „Internationalen Wochen gegen Rassismus“ auf der Seite der Stiftung gegen Rassismus: https://stiftung-gegen-rassismus.de/iwgr

    Plakat zur Internationalen Woche gegen den Rassismus
  • „Da steckt viel Potential drin, unsere Kinder auf falsche Bahnen zu lenken“

    „Da steckt viel Potential drin, unsere Kinder auf falsche Bahnen zu lenken“

    NRW-Schulministerin Dorothee Feller besucht Velbert (Foto: Achim Halfmann/2mind)

    Velbert (2mind) – Nordrhein-Westfalens Schulministerin Dorothee Feller (CDU) betont die Bedeutung von Demokratiebildung und Medienkompetenzförderung in den Schulen. „Schulen können nicht alles regeln“, sagte Feller. Aber: „Bei Demokratiebildung glaube ich, dass Schulen eine große Chance haben“, so die Ministerin am Dienstag in Velbert, wo sie auf Einladung der örtlichen CDU im Bildungszentrum der Diakonie Bleibergquelle sprach.

    Kinder müssten lernen, eine eigene Meinung zu entwickeln, andere Meinungen auszuhalten und sich in der Gesellschaft zu engagieren, so die Ministerin. Dazu sollten die Schulen Beteiligungsmöglichkeiten schaffen und Schülerinnen und Schülern so die Erfahrung vermitteln: Wir können an unseren Schulen etwas bewegen.

    Sorge bereiten Feller die Bilderwelten in den Social Media. Während etwa öffentlich-rechtliche Medien nach dem Angriff der Hamas auf Israel besonders grausame Bilder nicht gezeigt hätten, seien alle Bilder ungefiltert in den sozialen Medien zu sehen gewesen. „Da steckt viel Potential drin, unsere Kinder auf falsche Bahnen zu lenken“, sagte die Schulministerin. Deshalb gehöre auch die Vermittlung von Medienkompetenz und digitaler Kompetenzen in die Schulen. Ein wichtiges Thema sei dabei der Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI).

    Ihrer Zuhörerschaft berichtete die Dorothee Feller darüber, wie sich ihr Ministerium den zahlreichen Herausforderungen im Bildungswesen stellt: dem Lehrermangel – besonders in Grundschulen und der Sekundarstufe I -, dem schlechten Abschneiden nordrhein-westfälischer Schüler in internationalen Lernstandserhebungen und der schulischen Integration von Flüchtlingskindern.

    An das Velberter „Bildungszentrum Bleibergquelle“ wird die NRW-Schulministerin demnächst zurückkehren: Sie nahm an dem Abend eine Einladung von Bildungszentrums-Geschäftsführer Markus Berg zu einem Besuch der dortigen Schulen – Grundschule, Gesamtschule und Berufskolleg – an.

  • Jugendhilfe und Medien: Zu viel Regulierung, zu wenig Partizipation

    Jugendhilfe und Medien: Zu viel Regulierung, zu wenig Partizipation

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    Velbert (2mind) – In der stationären Jugendhilfe werden junge Menschen zu wenig auf die digitale Welt vorbereitet. „Medienpädagogisches Arbeiten beschränkt sich in vielen Einrichtungen auf die Regulierung“, sagte der Medienpädagoge Andrè Weßel am 7. Februar auf dem Fachtag „Medien in der Jugendhilfe“ in Velbert. Als Sanktionsinstrument würde der Handyentzug in die Stufenpläne von Heimgruppen eingebaut. Wichtig seien jedoch der „Schutz durch Beteiligung“ und der „Schutz durch Förderung“, um jungen Menschen Kompetenzen zu vermitteln.

    Weßel, der heute bei der Gesellschaft für Medienpädagogik und Kommunikationskultur (GMK) tätig ist, wirkte bis 2022 an dem Forschungsprojekt DigiPäd 24/7 zum Stand der Digitalisierung und Organisationsentwicklung in Heimen und Internaten mit. Danach stehen in der Medienarbeit vieler Einrichtungen „eher Schutz von Risiken, um Gefährdungspotentiale zu reduzieren“ im Vordergrund. Regeln dazu würden häufig ohne die Beteiligung Jugendlicher entwickelt und von diesen als intransparent und grenzüberschreitend wahrgenommen. In vielen Jugendhilfeeinrichtungen fehle ein Medienkonzept und jedes Team arbeite anders. „Der weiteren wird das Thema häufig bei Medienbeauftragten abgeladen“, so der Weßel, der eine medienpädagogische Grundqualifizierung des gesamten pädagogischen Teams für wichtig hält.

    Auch junge Menschen in Jugendhilfeeinrichtungen „nehmen Digitalität als selbstverständlichen Bestandteil ihres Alltags war“, so der Medienpädagoge, der dazu den 15. Kinder- und Jugendhilfebericht zitierte: „Wer nicht (digital) kommuniziert, nimmt nicht teil.“ Es gelte, Kinder und Jugendliche für zunehmend hybride Lebenswelten fit zu machen; Pädagogen hätten „dafür nur wenig Zeit“, so Weßel. Gefordert seien auch Informationen zu Kostenfallen, Cyber Grooming, Mobbing und Hate Speech.

    Veranstaltet wurde der Fachtag vom Berufskolleg Bleibergquelle (Velbert) und der Graf Recke Stiftung (Düsseldorf). Die etwa 170 Teilnehmenden diskutierten medienpädagogische Themen für die stationäre Jugendhilfe und Impulse für Medienprojekte in Seminaren und Workshops.

    > Das Programm der Veranstaltung

  • Wechsel ins Erwachsenenalter ein Hauptkrisenherd

    Wechsel ins Erwachsenenalter ein Hauptkrisenherd

    Kinder mit fetaler Alkoholspektrumstörung (FASD) in der Jugendhilfe

    Foto: Unsplash+

    Mönchengladbach (2mind) – Jochen Merkel ist Bereichsleiter bei der Hephata-Jugendhilfe. Der Diplom-Pädagoge und systemische Berater hat sich zur FASD-Fachkraft weitergebildet. An mehreren Standorten begleitet die Hephata-Jugendhilfe in ihren Gruppen kognitiv eingeschränkte Kinder und Jugendliche, darunter Kinder mit Autismus-Spektrum-Störungen und fetaler Alkoholspektrumstörung (FASD). Letztere wird primär durch den Alkoholkonsum während der Schwangerschaft verursacht; bereits ein gelegentlicher Alkoholkonsum kann das Risiko für FASD erhöhen. 2mind sprach mit dem Pädagogen über die Begleitung von Kindern mit FASD in der Jugendhilfe. Die Fragen stellte Achim Halfmann.

    2mind: Das Thema FASD wird in der Jugendhilfe derzeit stark diskutiert.

    Jochen Merkel (Foto: Ev. Stiftung Hephata)

    Jochen Merkel: Ja, die Informationen dazu werden immer mehr – ähnlich wie vor einigen Jahren bei der Autismus-Spektrum-Störung. Das Wissen über FASD steckt in Deutschland aber noch ziemlich in den Kinderschuhen – anders als etwa in den USA oder Kanada -, aber es bewegt sich vieles auf diesem Gebiet: Derzeit befindet sich ein Bundesverband mit dem Schwerpunkt FASD in Gründung. Es gibt bundesweit verschiedene Weiterbildungsangebote zur FASD-Fachkraft und es existiert mit PAFF ein Vernetzungstreffen von Praktiker:innen. Wichtig ist jetzt, das Störungsbild bekannter zu machen und entsprechende Expertisen zu schulen, weil viele Pädagog:innen und Träger da noch im Dunklen tappen. Man geht davon aus, dass jedes fünfte Kind in der Jugendhilfe von FASD betroffen ist. Deshalb müssen gerade die Träger der Jugendhilfe für dieses Thema sensibilisiert werden. Und wenn Träger offensiv damit werben, dass sie auf Kinder mit FASD eingestellt sind, dann kommen auch die Anfragen.

    Die Begleitung von Kindern und Jugendlichen mit Autismus-Spektrum-Störungen oder FASD in einem Gruppensetting wird für die Jugendhilfe eine große Herausforderung darstellen.

    Das ist allerdings eine große Herausforderung. Einige Träger haben sich mit spezifischen Wohngruppen auf den Bereich Autismus-Spektrum-Störungen eingestellt und bilden ein hochstrukturiertes Umfeld ab. Viele dieser Träger arbeiten analog dem “Treatment and Education of Autistic and related Communication handicapped Children“-Model, kurz TEACCH genannt, das mit Strukturierung und Visualisierung arbeitet. Im Bereich FASD ist diese Spezialisierung noch nicht so ausgeprägt. Es gibt das Eylarduswerk in Bad Bentheim, das sich FASD-spezifisch aufgestellt hat und zu den Leuchttürmen gehört. Es gibt stationäre Wohngruppen und betreute Wohngemeinschaften im Sonnenhof in Berlin und das Vinzenzwerk Handorf in Münster, aber sonst sieht es im Blick auf spezialisierte Einrichtungen noch relativ dünn aus.

    Wir haben in der Hephata Jugendhilfe momentan eingestreute Plätze, das heißt: Wir haben durchaus Kinder und Jugendliche mit FASD, die als solche erkannt und definiert sind. Und wir begleiten sie in einem Gruppensetting. Damit ist die klassische Jugendhilfe mit ihren Wohngruppen mit acht, sieben oder selbst mit sechs Plätzen häufig überfordert.

    Für das Störungsbild FASD sind – ähnlich wie für die Autismus-Spektrum-Störung – eingeschränkte Exekutivfunktionen kennzeichnend. Wir versuchen daher Methoden, die sich im Bereich Autismus bewährt haben, auf FASD zu übertragen. Denn Kindern und Jugendlichen mit beiden Störungsbildern fällt es schwer, Lernerfahrungen auf unterschiedliche soziale Situationen zu übertragen. Die beiden Diagnosen darf man dabei keinesfalls gleichsetzen, trotzdem können sich vergleichbare Methoden bei beiden Störungsbildern bewähren. In meiner Abschlussarbeit in der Ausbildung zur FASD-Fachkraft habe ich mir angeschaut, ob und wie sich TEACCH-Methoden für FASD-Betroffene eignen. Allerdings sind wir in Hephata noch nicht so weit, das in die Praxis umzusetzen. Und man muss dabei sagen, dass die Prognose für Menschen mit FASD deutlich ungünstiger ausfällt als für Menschen mit Autismus-Spektrum-Störung.

    Eine Herausforderung für diese jungen Leute wird der Wechsel aus der öffentlichen Erziehung heraus in die Selbständigkeit darstellen. Was bedeutet das für FASD-Betroffene?

    Der Wechsel ins Erwachsenenalter ist einer der Hauptkrisenherde für diese jungen Menschen; dazu läuft gerade viel auf Fachtagungen. Dieser Übergang ist ein so sensibler Bereich, weil damit feste Tagesstrukturen wie zum Beispiel der Schulbesuch wegbrechen und sich der Übergang ins Berufsleben häufig schwierig gestaltet. Ein Problem ist auch, dass wir noch zu wenig über FASD typische Lebensläufe wissen. Diese jungen Menschen sind ja nicht kognitiv begrenzt – zumindest nicht so, dass sie als geistig gehindert gelten würden. Und trotzdem schränkt sie FASD so stark ein, dass sie häufig nicht auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen. fällt ihnen der Wechsel ins Berufsleben häufig sehr schwer. Wenn das Ausgangsproblem nicht erkannt wird, folgt eine Jobcenter-Maßnahme auf die andere und scheitert– und schließlich werden keine weiteren Maßnahmen angeboten.

    Auch die Wohnsituation gestaltet sich schwierig, schon während der Zeit in öffentlicher Erziehungshilfe. Ich glaube, dass viele der sogenannten „Systemsprenger:innen“ FASD-Kinder sind. Da lässt sich häufig ein „Drehtüreffekt“ beobachten. Viele dieser Kinder leben außerdem in Pflegefamilien. Dort wird Außergewöhnliches geleistet; aber auch dort ist es schwierig, wenn geeignete Anschlussmaßnahmen fehlen.

    Die Arbeit in der Hephata Jugendhilfe (Foto: Ev. Stiftung Hephata)

    Die Situation der Kinder und Jugendlichen mit dem FASD-Syndrom ist für die Betroffenen selbst eine Herausforderung, aber ebenso für Pädagoginnen und Pädagogen in der Jugendhilfe. Was bedeutet das für Ihre Mitarbeitenden? Wie bereiten Sie die Fachkräfte vor? Und wie unterstützen Sie, damit der Job gelingt?

    Ich glaube, dass da eine gute Fall- und Fachberatung im Team sehr wichtig ist. Als Bereichsleiter achte ich darauf, eine solche Beratung für meine Teams möglich zu machen. Ich finde es wichtig, dass solche Teams extern supervidiert werden, im Optimalfall auch durch Supervisor:innen, denen FASD bekannt ist. Wir haben bei uns in Hephata einen Kompetenzbereich FASD gegründet, wo wir versuchen, dass sich ein Team von etwa sieben Personen dazu stetig weiterbildet. Aufklärung ist ganz besonders wichtig, etwa im Blick darauf, was FASD für das klassische Bezugspädagog:innensystem in der Jugendhilfe bedeutet. Ich will nicht sagen, dieses System bei FASD versagt. Aber es birgt eine große Gefahr, dass die mit FASD-Klient:innen arbeitenden Personen sich verausgaben oder ausbrennen. Da muss man gut draufschauen und möglicherweise eine Rotation entwickeln, wie sie im Bezugspädagogensystem sonst nicht vorgesehen wird. Häufig wollen wir stabile Bindungen anbieten, die möglichst lange vorhalten. Im Sinne von Psychohygiene für die Mitarbeitenden sollten wir bei FASD-Betroffenen da anders verfahren und Wechsel vorsehen.

    Und es braucht ganz viel Wissen über das Störungsbild: Wegen der guten verbalen Fähigkeiten der Betroffenen erscheint es oft so, als würden diese Kinder und Jugendlichen etwas nicht wollen. FASD ist aber mit einer Hirnschädigung verbunden und aus den guten verbalen lässt sich nicht auf praktische Fähigkeiten schließen. Wenn das Pädagog:innen klar ist, gibt es in der Praxis weniger Frust. Es ist für Mitarbeitende wichtig Resilienz zu entwickeln. Ich habe manchen Mitarbeitenden erlebt, der sagte: Wenn ich damals gewusst hätte, dass ich es mit einem Menschen mit FASD-Symptomatik zu tun hatte, dann hätte ich anders auf mich geachtet. Der Blick darauf ist eine Aufgabe für das Team – und für die Leitung.

    Die Begleitung junger Menschen mit FASD ist  eine Team-Aufgabe.

    Grundsätzlich ist ein Arbeiten in Netzwerken wichtig in der Jugendhilfe. Für die Begleitung von jungen Menschen mit FASD gilt das ganz besonders. Auf Fachtagungen kursiert zur Zeit der wohl aus Afrika stammende Spruch: Man braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen. Gerade im Zusammenhang mit FASD gilt das: Es braucht Netzwerke, in denen sich Betroffene austauschen können. Ebenso brauchen Kernfamilien solche Netzwerke – und auch Pädagog:innen. Und wir müssen uns gemeinsam auf den Weg machen, um Therapiemöglichkeiten und pädagogische Unterstützung zu schaffen. Denn mit dem Personalschlüssel, den die Jugendhilfe derzeit bietet, fällt die Begleitung der Betroffenen schwer. FASD muss ein Thema für die ganze Jugendhilfe werden, wir müssen uns insgesamt breiter dazu aufstellen.

    Was dann auch die Situation der Betroffenen beim Übergang in das Erwachsenenleben verbessern würde …

    Aktuell ist das ein Riesenproblem ist; viele Betroffene von FASD bleiben nach den Jugendhilfemaßnahmen auf der Strecke, weil Anschlussmaßnahmen, Unterstützungsmöglichkeiten und Wissen fehlen. Die Hirnschädigung unterstützt bei manchen eine hohe Verführbarkeit und manche FASD-Betroffene landen in Kriminalität und Haft. Viele scheitern bereits während der Jugendhilfe, werden durch die Einrichtung gereicht und erleben immer wieder Abbrüche. Unsere Systeme sind da nicht passgenau, und das müssen wir ändern.

    Herzlichen Dank für das Gespräch!

  • Hoffnungshäuser: Heimat für Menschen nach der Flucht

    Hoffnungshäuser: Heimat für Menschen nach der Flucht

    Leonberg (2mind) – Hoffnungshäuser integrieren Familien und einzelne Menschen nach der Flucht in eine Gemeinschaft. Auch in Deutschland Geborene leben in diesen Häusern, die so Gelegenheiten zu interkulturellen Begegnungen und Freundschaften bieten.

    Träger dieser Häuser ist die Hoffnungsträger Stiftung aus Leonberg (bei Stuttgart). Angelika Röhm leitet den Geschäftsbereich Programme & Standorte der Stiftung und lebt mit ihrer Familie selbst in einem Hoffnungshaus. Im Gespräch mit 2mind stellt sie das Konzept vor.

    Das Interview als 2mind-Podcast: