Ein Zwischenbericht der Begleitforschung wird kontrovers diskutiert
Berlin (2mind) – War die 2024 gesetzlich geregelte Teil-Legalisierung des Cannabiskonsums ein Schritt in die richtige Richtung? Während eine Anfang April vorgelegte wissenschaftliche Studie zu einem tendenziell eher positiven Ergebnis kommt und keinen sprunghaften Konsumanstieg feststellt, fällt die Bewertung durch die Bundesregierung deutlich anders aus. So erklärte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt: „Das Cannabisgesetz ist ein vollkommener Rohrkrepierer. Jugendgefährdend und kriminalitätsfördernd.“ Der Schwarzmarkt boome und die Kriminalität steige, so der CSU-Politiker.
Durch das seit dem 1. April 2024 geltende Konsumcannabisgesetz (KCanG) hatte die Koalition aus SPD, Grünen und FDP den Umgang mit Cannabis für Privatpersonen teilweise legalisiert: Seitdem sind der Besitz der Droge sowie der private Eigenanbau und der gemeinschaftliche Eigenanbau in Anbauvereinigungen in gewissen Grenzen erlaubt. Zudem wurde die Nutzung von Cannabis zu medizinischen Zwecken durch das Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) erleichtert.
Bereits im KCanG wurde die wissenschaftliche Evaluation des Projektes verankert, die vom Verbundforschungsprojekt „Evaluation des Konsumcannabisgesetzes“ (EKOCAN) noch bis zum April 2028 geleistet wird. EKOCAN legte nun diesen 2. Zwischenbericht vor. Ergebnisse daraus im Einzelnen:
Die Teillegalisierung hat den Cannabismarkt verändert: Eine besondere Bedeutung besitzt dabei das zu medizinischen Zwecken vertriebene Cannabis. In Deutschland hat sich „der größte prinzipiell legal-kommerzielle Cannabismarkt Europas entwickelt“. Weiter heißt es in der Studie: „Ein Grund für diese Entwicklung sind die mittlerweile zahlreichen Onlineplattformen für Medizinalcannabis, die das verschreibungspflichtige Arzneimittel auch an Freizeitkonsumierende vermarkten.“ Angezogen habe der Eigenanbau von Cannabis, jedoch sei der (illegale) Bezug über soziale Kontakte weiterhin bedeutender. Der gemeinschaftliche Eigenanbau in Anbauvereinigungen habe sein Potenzial bisher nicht entfalten können, so die Studie.
Der Cannabiskonsum unter Jugendlichen sei seit der Teillegalisierung stabil oder sogar leicht rückläufig. Nach Studienangaben ist es „bislang nicht zu einem Rückgang der Risikowahrnehmung des Cannabiskonsums unter Jugendlichen gekommen“. Allerdings würden junge Menschen seltener Frühinterventionsprogramme in Anspruch nehmen.
Seit etwa 15 Jahren verbreite sich der Cannabiskonsum unter Erwachsenen stetig, was sich auch nach der Teillegalisierung fortzusetzen scheine. Einen bedenklichen Trend erkennen die Forschenden für die ambulante Suchthilfe: „Während immer mehr junge Erwachsene Cannabis konsumieren und auch mit entsprechenden Problemen im medizinischen Versorgungssystem diagnostiziert werden, ist die Inanspruchnahme von Beratungsangeboten der ambulanten Suchthilfe durch diese Bevölkerungsgruppe seit einigen Jahren – auch nach der Teillegalisierung – rückläufig.“
Im Blick auf die cannabisbezogene Kriminalität stellen die Studienautoren fest: Die Zahl der vor Gericht verhandelten konsumnahen Cannabisdelikte sei nach der Teillegalisierung gesunken. Die Studie weiter: „Aufgrund der beschriebenen Entwicklungen auf dem Cannabismarkt ist davon auszugehen, dass es gelungen ist, den Schwarzmarkt partiell zurückzudrängen.“ Ob dies zu einer Schwächung der cannabisbezogenen organisierten Kriminalität geführt habe, lasse sich noch nicht sagen. Es gebe erste Hinweise darauf, dass deren Akteure am legalen Cannabis-Markt zu partizipieren versuchten.
Der Markt für das sogenannte Medizinalcannabis werde von hochpotenten Produkten (mit einem THC-Gehalt von über 10% oder 15%) beherrscht – trotz des erhöhten Risikos für psychische Probleme. Einschlägige Onlineplattformen brächten verschreibungswillige Ärztinnen und Ärzte, Apotheken und Konsumierende zusammen und richteten sich mit ihren Angeboten gerade auch an Freizeitkonsumierende.
„Die dargestellten Ergebnisse verdeutlichen, dass einige der vom Gesetzgeber intendierten Effekte des KCanG schon jetzt teilweise eingetreten sind“, so das Fazit der Forschenden. Jedoch seien auch Fehlentwicklungen zu beobachten: Aufgrund der geringen Zahl an Cannabis-Anbauvereinen sollten die Rahmenbedingungen für deren Zulassung überprüft werden. Die Zusammenarbeit der an einer „Frühintervention“ beteiligten Fachdienste könne besser koordiniert werden. Empfohlen wird eine finanzielle Stärkung der Suchtberatungsstellen ebenso wie eine Stärkung der Strafverfolgungsbehörden. „Mit Blick auf die aufgezeigten Fehlentwicklungen auf dem Markt für Medizinalcannabis sollte der Gesetzgeber in Betracht ziehen, den THC-Gehalt frei verschreibbarer Cannabisblüten zu beschränken.“ Weiter solle laut Studienautoren geprüft werden, wie heilmittelwerberechtliche Vorgaben durchgesetzt werden könnten.
Auf die problematischen Entwicklungen verweist der Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, Hendrik Streeck: „Beim Medizinalcannabis sehen wir erheblichen Missbrauch zu Konsumzwecken. Streeck fordert Gegenmaßnahmen: „Das hat mit Medizin nichts mehr zu tun. Das weiterlaufen zu lassen, wäre fahrlässig.“ Einen beunruhigenden Trend sieht der Bundesdrogenbeauftragte zudem bei der Hilfe für Jugendliche: „Wer wegen Cannabis auffällt, bekommt heute seltener frühzeitig Beratung und Unterstützung als vor Inkrafttreten des Gesetzes.“ Ursächlich sei das Entfallen der Informations-Weiterleitung durch Polizei, Justiz und Jugendgerichtshilfe. Streeck weiter: „Wer nicht früh eingreift, lässt junge Menschen und ihr Umfeld mit dem Problem allein.“
Am EKOCAN-Verbund sind Forschende des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), der Eberhard-Karl-Universität Tübingen sowie des Universitätsklinikums Düsseldorf (UKD) beteiligt.
Das Whitepaper will einen ganzheitlichen Blick auf Responsible KI in den Medien schärfen.
Hamburg (2mind) – Der Einsatz von KI verändert den Journalismus grundlegend – sie greift ein in Recherche, Produktion und Distribution. Das könnte die Beziehungen der Journalisten zu ihrem Publikum porös werden lassen und zu Vertrauensverlusten führen. Mit dem Whitepaper „KI-Resilienz im Journalismus“ stellen sich die Kommunikationswissenschaftlern Leif Kramp und Stephan Weichert nach eigenen Worten der Herausforderung: „Wie bleibt Journalismus entscheidungssicher, zurechnungsfähig und glaubhaft in einer Kommunikations- und Medienumgebung, die zunehmend von KI geprägt ist?“
Aktuelle Anlässe dafür gibt es genug: Mitte Februar flossen KI-generierte Bilder ohne entsprechende Kennzeichnung in einen Beitrag des „heute journal“ zu Abschiebungen von Minderjährigen in den USA ein; die Redaktion entschuldigte sich. Anfang März veröffentlichte der „Spiegel“ in seiner Berichterstattung über den Iran ungekennzeichnet KI-generierte Bilder, die das Magazin über eine Bildagentur bezogen hatte; das Magazin entfernte die Bilder und entschuldigte sich.
Im Umgang mit KI komme der Journalismus mit Ge- und Verboten nicht weiter, so die Autoren des Whitepaper. Gefordert sei „der ganzheitlich-ethische, aber auch der psychosozial-organisationale Blick, was landläufig unter dem Schlagwort der Responsible AI verhandelt wird“. Dazu will sich der Text folgenden Fragen stellen:
„Wie verändert KI die Atmosphäre in Redaktionen?
Wie verändert sie Teamdynamik, Verantwortungslinien, Entscheidungsprozesse?
Wie verändert sie das Verhältnis zu Quellen, Fehlern, zum Publikum?
Wie wirkt KI auf die Öffentlichkeit, die der Journalismus mitgestalten will?
Und: Wie sehr stärken oder schwächen KI-Anwendungen die digitale Souveränität?“
Dabei definiert das Whitepaper KI-Resilienz als professionelle Kernkompetenz anhand von drei Dimensionen:
Vertrauen nicht voraussetzen, sondern aktiv aufbauen
Verantwortung nicht delegieren, sondern klar verorten
Beziehungen aktiv gestalten – zwischen Menschen, Medien und Maschinen
Für die Autoren der Studie geht es beim Umgang mit KI um die Zukunftsfähigkeit des Journalismus. „Wir erleben nichts weniger als eine digitale Zäsur, in der es längst nicht mehr um technische Evolution geht als vielmehr um die Gretchenfrage, ob sich journalistische Inhalte in den kommenden Jahren noch behaupten können, ob journalistische Arbeit überhaupt noch sichtbar bleibt und ob Menschen sie weiterhin zu schätzen wissen – und bereit sind, dafür zu bezahlen“, so Kramp und Weichert in dem Papier. Zielgruppe der Publikation sind Redaktionen und Medienschaffende ebenso wie Medienpolitiker und die Zivilgesellschaft. Herausgegeben wird es vom Vocer Institut für Digitale Resilienz, einem Projekt des Hamburger Vereins für Medien- und Journalismuskritik.
Die gefährliche Jagd nach dem „Kick“ auf Papier – und wie der Justizvollzug auf die neuen Herausforderungen reagiert
Köln (2mind) – In Nordrhein-Westfalens Gefängnissen breitet sich der Konsum neuer psychoaktiver Substanzen (NPS) aus. Der Schmuggelweg ist dabei denkbar simpel: Die synthetischen Drogen werden flüssig auf Papier aufgetragen – etwa auf persönliche Briefe oder harmlos wirkende Kinderzeichnungen – und per Post in die Anstalten geschickt. Dort werden die Papierschnipsel von den Inhaftierten geraucht oder anders konsumiert. Darüber berichtete die WDR-Sendung Westpol am 8. März.
Der Beitrag belegt mit zuvor unveröffentlichten Zahlen die Dimension des Problems: Im Jahr 2024 machten NPS 25 % aller Drogenfunde in NRW-Gefängnissen aus, im vergangenen Jahr waren es bereits 37 %. Die Zahl der NPS-Funde steigt von Quartal zu Quartal weiter.
Die psychoaktiven Substanzen gelten als extrem gefährlich, da ihre chemische Zusammensetzung ständig variiert und ihre Wirkung daher unberechenbar ist. Dies führt zu medizinischen Notfällen, Zusammenbrüchen und extremer Aggressivität gegenüber dem Personal. In dem Beitrag sagt Peter Schönenberg, Leiter einer Sicherheitsgruppe der JVA Rheinbach: „Es kann durchaus sein, je nachdem wie stark der Stoff ist, dass ein halbes Kästchen ausreicht, um einen normalen Menschen aus den Schuhen zu schießen.“ Risiken bestünden dabei auch für Justizvollzugsbedienstete, die unbemerkt mit diesen Stoffen in Kontakt geraten könnten.
Und Anstaltsarzt Jan Salloch aus der JVA Gelsenkirchen verweist auf die Risiken durch das Verhalten berauschter Häftlinge: „Sie sind oft fremdaggressiv, gehen auf uns los, entwickeln auch Kräfte, die wir so vorher noch nicht gesehen hatten“. Zudem würden mitunter unbedarfte Gefangene als „Versuchskaninchen“ missbraucht. Salloch weiter: „Die schummeln ihnen dann einfach eine Zigarette oder ein Getränk unter, in dem dann was drin ist, um zu gucken: Wie wirkt es denn?“
In der Justizvollzugsanstalten Gelsenkirchen und Rheinbach werden inzwischen drastische Maßnahmen ergriffen, berichtet der WDR: Briefe werden in der JVA Geldern seit eineinhalb Jahren eingescannt und den Häftlingen nur noch als Kopie ausgehändigt, um den Kontakt mit getränktem Originalpapier zu verhindern. Für die Inhaftierten keine einfache Lösung: „Ist unpersönlich, ne? Meine Frau gibt sich Mühe, schöne Briefe zu schreiben, nett. Und dann kommt es einfach kopiert hier hin“, sagt Thomas J. dem Sender. Die JVA Gelsenkirchen hat zudem ihren Besuchsraum transparent gestaltet, um eine heimliche Übergabe von Drogen zu unterbinden.
Und in der JVA Rheinbach läuft seit November ein Modellprojekt mit einem hochmodernen Ionenscanner. Das 50.000 Euro teure Gerät erkennt rund 1.000 verschiedene NPS-Zusammensetzungen und konnte bereits 35 Schmuggelversuche entlarven, die etwa über gefälschte Anwaltspost oder Würfe über den Zaun in die JVA gelangten.
Nordrhein-Westfalens Justizminister Benjamin Limbach (B‘90/Grüne) dazu gegenüber dem WDR: „Wir sind noch mitten in der Erprobung, aber die ersten Daten, die wir aus Rheinbach bekommen, sind ermutigend. Wir finden mit diesem Ionenscanner mehr NPS-Stoffe, als wir es vorher gefunden haben.“
Der Begriff „Neue Psychoaktive Substanzen (NPS)“ umfasst eine Vielzahl synthetischer Substanzen, die Wirkungen herkömmlicher Drogen nachahmen. Die Wirkungsintensität der NPS ist dabei häufig um ein Vielfaches höher als die der nachgeahmten Substanzen, was die Gefahr einer Überdosierung erhöht. NPS-Zusammensetzungen ändern sich ständig und regelmäßig erscheinen viele neue Zusammensetzungen auf dem Drogenmarkt. Die Präparate werden z.B. über das Internet gehandelt und geben sich den Anschein, legal zu sein, was für die große Mehrheit der NPS allerdings nicht (mehr) zutrifft. (1)
Synthetische Cannabinoide (Spice) ahmen die Wirkung von Marihuana nach. Die Wirksamkeit beträgt dabei bis zum 100-fachen der „natürlichen“ Droge.
Synthetische Cathinone zählen zu den Stimulanzien und werden als Pulver oder Kapseln gehandelt.
Synthetische Opioide werden u.a. in gefälschten Medikamenten wie Nasenspray gefunden und wirken bis zu 500 mal stärker als Morphium.
Während die Verbreitung von NPS in der Allgemeinbevölkerung noch als gering gilt, ist ihre Bedeutung im Strafvollzug hoch; dort verdrängen sie die klassischen Drogen. Als Ursachen werden diskutiert: der geringe Preis, die einfachen Schmuggelwege und die prekären Lebensbedingungen im Vollzug, die den Konsumwunsch steigern.
(1) vgl. Ulrike Häßler (2026). Neue Psychoaktive Substanzen – eine Einführung. In Bewährungshilfe. 73. Jg. Nr. 1, März 2026, S. 5-15
Standortbestimmung auf der 100. Tagung der Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen (ACL)
Blankenheim (Eifel) – Wie bleibt der missionarische Auftrag in diakonischen Werken lebendig? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen (ACL) auf ihrer 100. Jahrestagung vom 9. bis 11. November in Blankenheim (Eifel). Mit dabei waren 85 Leitungspersonen aus 38 christlichen Werken.
Christlicher Auftrag sei es, Menschen mit der Rettungsbotschaft zu erreichen, so Eberhard Ruß, Vorstandsvorsitzender von Neues Land (Hannover) und Mitglied im ACL-Leitungskreis. Viele Mitgliedswerke seien in den 1970er Jahren entstanden, manche würden bereits von der dritten Generation geleitet. „Wie bleiben wir in unseren Häusern lebendig?“, ist für Ruß eine Kernfrage. Dabei gehe es nicht um christliche Bekenntnisse in schriftlichen Leitbildern, sondern um den gelebten Glauben im Alltag der christlichen Einrichtungen. Ruß: „Mir ist wichtig, dass das, was draufsteht, auch drin ist.“ Lebendiger christlicher Glaube brauche den Austausch, so wie ihn die ACL-Konferenz biete. In vielen sozialmissionarischen Werken habe sich jetzt eine jüngere Generation auf den Weg gemacht. Ruß: „Ich wünsche mir, dass sie mit hierherkommen und uns herausfordern.“
Sprachfähig bleiben gegenüber Menschen in Randgruppen
Für die ACL-Mitgliedswerke sei zudem die Nähe zu den christlichen Kirchen und Gemeinden wichtig. „Gemeinden sind ein Ort, wo Menschen mit Lebenskrisen andocken“, so Ruß. Aus den Gemeinden würden solche Menschen in die ACL-Werke vermittelt und nach ihrem Aufenthalt dort kehren viele in die Gemeinden zurück. Für die häufig in bürgerlichen Milieus verorteten Gemeinden besteht laut Ruß eine Herausforderung darin, ihre Sprachfähigkeit gegenüber Menschen in Randgruppen nicht zu verlieren – wenn sie den biblischen Auftrag umsetzen wollen, an die „Hecken und Zäune“ zu gehen.
„Die Jesus-People-Bewegung schwappte von Amerika herüber“
Zu den ACL-Initiatoren zählt Rolf Waldeck, Gründer der sozialmissionarischen Initiative „Hoffnung für Dich“ (Wabern/Nordhessen), der auf der Tagung aus der Anfangszeit der ACL berichtete. Die frühen 1970er Jahre „waren die Zeit der Jesus-People-Bewegung, die schwappte von Amerika herüber“, so Waldeck. In Deutschland entstanden missionarische Teestuben und Christen eröffneten Häuser für drogenabhängige Menschen. Waldeck weiter: „Anfangs war es so, dass wir keine Ahnung hatten: Wie geht man mit drogenabhängigen Menschen um? Wie geht man mit psychisch kranken Menschen um?“ Die heutige ACL-Tagung – in den ersten Jahren hieß sie „Kontakt-Tagung“ – war ein Austauschforum für Christen, die diesen Menschen vom Glauben her geholfen haben und in den Folgejahren mit pädagogischem und therapeutischem Wissen Konzepte dazu entwickelten. „Bei der ACL ist die Glaubensbasis bis heute geblieben“, so Waldeck. „Deshalb gibt es Andachten in unseren Häusern.“ Trotz der unterschiedlichen gemeindlichen Hintergründe sei es in der ACL nie zu theologischen Konflikten gekommen. Waldeck: „Die Unterschiede waren eine Bereicherung.“
Gesunde Opferbereitschaft fördern
Zu den ACL-Leitern der 3. Generation zählt German Karatsev, Geschäftsführender Vorstand bei Hoffnung für Dich e.V. – Schloss Falkenberg (Wabern). Ihm ist es wichtig, den Begriff der Opferbereitschaft im christlichen Dienst für die jüngeren Mitarbeitenden zu füllen. „Es geht um eine gesunde Opferbereitschaft“, so Karatsev und er zitiert die Bibel: „Wir sollen Gott ein lebendiges Opfer sein – und keine Kadaver.“ In den Begegnungen im Rahmen der ACL sieht Karatsev für sein Team die Chance, über den eigenen Tellerrand zu schauen und zu erleben, wie Gott in den unterschiedlichsten Werken handelt.
Liebe braucht Achtsamkeit
Wie Christen in sozialmissionarischen Aufgabenbereichen gesund bleiben, darüber sprach Johannes Neufeld, leitender Pastor der Freien Christengemeinde Blankenheim, in einem Vortrag zur Achtsamkeit. „Wer nur auf die Lehre achtet, ohne auf sich selbst zu achten, landet bei einer Wahrheit ohne Liebe“, so Neufeld. Im Unterschied zur säkularen Achtsamkeit richte sich die christliche Achtsamkeit nicht nur nach innen. Neufeld weiter: „Sie orientiert sich nach oben, sie schaut nach außen.“
Gelebte „Jesus-Ökumene“
Im Blick auf die unterschiedlichen gemeindlichen Hintergründe der ACL-Mitglieder sagte Martin Scheuermann, Hausvater und Geschäftsführer von Haus Schönblick – Christliches Gästezentrum Württemberg (Schwäbisch Gmünd): „In den letzten Jahren ist eine richtige Jesus-Ökumene entstanden. Wir definieren uns nicht in Abgrenzung, wir definieren uns in Jesus.“ In seiner Auslegung zu Psalm 73 ermutigte er die Zuhörer zu einem österlichen Denken, dass den auferstandenen Jesus im Blick behalte. „Die oberste Regie hat nicht der Merz und nicht der Trump“, so Scheuermann. „Die oberste Regie hat unser Herr Jesus.“
Wohngemeinschaft ‚Neues Leben‘ e.V.
Gastgeber war in diesem Jahr das ACL-Mitglied „Wohngemeinschaft ‚Neues Leben‘ e.V.“, eine sozialmissionarische Arbeit für suchtkranke Menschen. In der im Jahr 2003 gegründeten Einrichtung werden aktuell 19 Männer – überwiegend mit Migrationshintergrund aus den baltischen Staaten und Polen – begleitet. Die ländlich gelegene Wohngemeinschaft bietet tagesstrukturierende Maßnahmen u.a. in einem Palettenwerk und in der Landwirtschaft. Mit Blick auf das Thema der ACL-Tagung sagte Einrichtungsleiter Denis Kemerer: „Für mich sind Begegnung und die persönliche Begleitung wichtig, um den Glauben weiterzugeben.“
Die 100. ACL-Tagung
Die ACL-Tagungen sind ein Forum für Leitungspersonen aus den Mitgliedswerken der Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen. Die erste ACL-Tagung fand am 28. und 29. August 1971 mit Teilnehmern aus Deutschland und der Schweiz auf Einladung des Hoffnung für Dich e.V. in der Freien evangelischen Gemeinde Gießen statt.
An alle Mitarbeitenden aus den ACL-Werken richten sich die ACL-Konferenzen; zudem bietet die ACL Netzwerktreffen zu den Themen Sucht, Kids und Teens sowie seelische Gesundheit an. Die 101. ACL-Tagung wird zugleich als ACL-Konferenz vom 5. bis 8. März 2026 in Pracht im Westerwald stattfinden. Die 102. ACL-Tagung ist für den 24. bis 27. September 2026 in Borken geplant.
Die ACL (Arbeitsgemeinschaft Christlicher Lebenshilfen)
Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Lebenshilfen ist ein freier Zusammenschluss von 42 Beratungs-, Therapie-, Seelsorgeeinrichtungen, Kliniken und Initiativen, die sich auf der Grundlage des Evangeliums beauftragt wissen, hilfsbedürftigen Menschen zu dienen und ihnen Lebenshilfen anzubieten. Jedes Mitgliedswerk bietet christlich orientierte Lebenshilfe im Rahmen von Haus- und Therapiegemeinschaften oder Fachkliniken an – für Menschen in Lebenskrisen.
Cottbus (2mind) – DiMe-Sozial ist eine in diesem Jahr gestartete Fachzeitschrift für Soziale Arbeit, Medien und Digitalisierung. Sie erscheint Open Access, offen lizenziert und online. In ihrer zweiten Ausgabe widmet sich DiMe-Sozial dem Thema „Daten in der Sozialen Arbeit“ und bietet darüber hinaus Impulse für medienpädagogische Praxis in der Sozialen Arbeit.
Das Titelthema „Daten“ wird in der Ausgabe insbesondere aus der Praxisperspektive der Jugendhilfe bzw. der stationären Erziehungshilfe beleuchtet. Impulse bietet DiMe-Sozial für die medienpädagogische Lehre, etwa in einem Beitrag zum „reflective film“. Unter der Überschrift „Sammeln, sichten, sortieren“ beleuchten Anja Goral und Phil Rieger, wie diese handlungsorientierte Methode im Studium der Sozialen Arbeit zur Haltungsbildung beitragen kann.
Eine Perspektive auf nachhaltige Digitalisierung in der Sozialen Arbeit bietet der Beitrag „(Neue) Digitale Nachhaltigkeit“. Angelika Beranek beschäftigte sich in einem Forschungssemester mit der Frage, wie Digitale Nachhaltigkeit im sozialen Bereich neu gedacht werden kann. Die Überlegungen in ihrem Beitrag reichen über ökologische Aspekte hinaus und berücksichtigen gesellschaftliche Wirkungen, ethische Fragestellungen und den Umgang mit immateriellen Wissensgütern (siehe Grafik unten).
Die Beiträge im Magazin sind mit einer CC BY 4.0-Lizenz versehen, können also – unter Nennung der Verfasser – frei genutzt werden.
Für das kommende Jahr plant DiMe-Sozial die Themen „Soziale Arbeit und KI“ (1/2026) sowie „Gelingende Digitalisierung in der Sozialen Arbeit“ (2/2026). Die Redaktion der Fachzeitschrift sitzt an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg.
Ein Fachzeitschrift zur Gesundheitsförderung berichtet über die medizinische Versorgung in Haft.
Hannover (2mind) – Wie steht es um die Gesundheit der 81.000 Menschen, die jährlich in deutschen Justizvollzugsanstalten inhaftiert sind? Mit dieser Frage beschäftigt sich die 128. Ausgabe der Zeitschrift „Impulse für Gesundheitsförderung“ (September 2025). Kernbefund der Ausgabe: Viele später inhaftierte Menschen befinden sich bereits vor der Haft in einer schlechten gesundheitlichen Situation. Bei einzelnen Menschen verbessert sich die körperliche Situation während der Inhaftierung; bei zahlreichen Gefangenen wirken die Haftbedingungen dagegen nicht gesundheitsförderlich. Die Erkenntnisse im Einzelnen:
Religiöses Leben in Peking (Foto: Igor Sporynin auf Unsplash)
Die kommunistische Führung hat massive Einschränkungen der digitalen Religionsausübung veröffentlicht.
Torino (2mind) – In der Volksrepublik China wird die Möglichkeit Geistlicher, ihren Glauben online zu teilen, deutlich eingeschränkt. Online-Religionsaktivitäten wie Gottesdienst oder das Predigen via per Livestream, Kurzvideo, Online-Meeting oder WeChat-Gruppen wird verboten – es sei denn, die Geistlichen besitzen eine „Lizenz für Internet-Religionsinformationsdienste“. Das sehen die am 15. September veröffentlichten „Vorschriften zum Online-Verhalten religiöser Amtsträger“ vor, über die das Menschenrechtsmagazin „Bitter Winter“ berichtet.
Verboten ist es religiösen Amtsträger danach, sich selbst zu vermarkten oder religiöse Themen zu nutzen, um Aufmerksamkeit und Reichweite zu erzielen – religiöse Influencer sind unerwünscht. De facto unterbindet die Vorschrift einen Online-Religionsunterricht: „Religiöse Amtsträger dürfen über das Internet keine religiösen Ideen an Minderjährige weitergeben“, heißt es in der Vorschrift. Die Durchführung von Online-Lern- und Trainingsangebote mit religiösem Bezug ist ebenso untersagt wie die Nutzung von KI zum Predigen.
Die Kooperation mit internationalen religiösen Vereinigungen steht ebenfalls im Fokus der Vorschrift: „Religiöse Amtsträger dürfen sich nicht mit ausländischen Kräften über das Internet verbünden“, heißt es dort.
Zugleich beschreibt der Text, wie sich Chinas Führung das Verhalten der Geistlichen vorstellt: Sie sollen „das Vaterland lieben, die Führung der Kommunistischen Partei Chinas unterstützen und das sozialistische System wahren“.
Geistlichen, die gegen diese Vorschriften verstoßen, drohen empfindliche Strafen. Zudem kann ihren ihr Status als Geistliche aberkannt und ihre Schulen und Veranstaltungsorte können geschlossen werden.
„Bitter Winter“ kommentiert die neue Regulierung: „Obwohl das Dokument in der Sprache von ‚Ordnung‘ und ‚Harmonie‘ gehalten ist, sind die Implikationen deutlich: Es kriminalisiert faktisch spontane religiöse Äußerungen im Internet, isoliert Geistliche vom globalen religiösen Diskurs und stellt sakrale Rede unter die wachsame Aufsicht staatlicher Zensoren. … Im Zeitalter digitaler Seelsorge, in dem Predigten gestreamt und Gebete gepingt werden, wirkt die Vorschrift wie ein gezielter Versuch, das Heilige vom Sozialen zu trennen.“
„Bitter Winter“ ist ein in Italien herausgegebenes Online-Magazin zur Religionsfreiheit und den Menschenrechten in China. Der Beitrag enthält eine englische Übersetzung der neuen Verordnung.
Welchen Einfluss besitzen Social Media auf diesen Trend? Das Gespräch mit der Psychiaterin Heike Thomas, DGD Klinik Hohe Mark
Wiesbaden / Oberursel (2mind) – Immer mehr Mädchen und weibliche Jugendliche kommen mit Essstörungen in stationäre Krankenhausbehandlung. Innerhalb der letzten 20 Jahre haben sich die Behandlungszahlen für 10- bis 17-Jährige verdoppelt, berichtete das Statistische Bundesamt in dieser Woche. Während sich die Gesamtzahl der Behandlungen wegen Essstörungen kaum veränderte, stieg der Anteil der Kinder und Jugendlichen von 23,4% im Jahr 2003 auf 49,3% im Jahr 2023. Etwa 3.000 junge Patientinnen wurden 2003 wegen Essstörungen behandelt, 20 Jahre später waren es etwa 6.000 junge Menschen.
Frauen sind mit 93,3% der Behandelten im Jahr 2023 deutlich häufiger von Essstörungen betroffen als Männer. Mit durchschnittlich etwa 53 Tagen lag die Behandlungsdauer bei Essstörungen deutlich über dem Durchschnitt anderer Erkrankungen. 2023 wurden zudem 78 durch Essstörungen verursachte Todesfälle erfasst.
In den Medien wird in dieser Woche mit Schlagzeilen wie „#Skinnytok: Magerwahn durch Social Media“ und „Mehr Essstörungen bei jungen Mädchen – Experten fordern Social-Media-Regeln von der Politik“ zu den steigenden Zahlen berichtet. Wie steht es um den Zusammenhang zwischen Social Media und der Entstehung von Essstörungen?
Social Media und Körperideale
Oberärztin Dr. Heike Thomas (Foto: DGD Klinik Hohe Mark)
Heike Thomas ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie an der DGD Klinik Hohe Mark in Oberursel bei Frankfurt. „Dass soziale Medien immer schon eine Rolle gespielt haben im Zusammenhang mit Essstörungen, steht für mich außer Frage“, sagt Thomas.
Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sei der Bedarf in der Kinder- und Jugendpsychiatrie deutlich gestiegen. Beigetragen hätten Einsamkeit, soziale Isolation und auch eine höhere Mediennutzung. Allerdings: „Essstörungen gibt es schon extrem lange“, so Thomas – Jahrhunderte vor der Erfindung digitaler Medien. Bereits „im Mittelalter haben Mädchen gefastet, um sich unattraktiver zu machen und einer erzwungenen Heirat zu entgehen“, so die Oberärztin.
Sicher hätten die Medien einen Einfluss, indem sie etwa die Möglichkeit zu Vergleichen oder zum Austausch mit anderen steigerten. Bedeutsam sei auch die „Möglichkeit, in Social-Media-Kanälen das eigene Aussehen zu manipulieren.“ Medien nehmen Einfluss auf Körperideale und das Körperbild – und damit auch auf die Entstehung von Essstörungen. Aber Essstörungen seien eine multifaktorielle Erkrankung, so Thomas weiter, deshalb funktioniere es nicht zu sagen: „Die Medien werden abgestellt und die Essstörung ist wieder im Griff.“
Mehr als eine Ursache
Einfluss auf die Entwicklung von Essstörungen besitzen etwa genetische Belastungen oder familiäre Einflüsse, Gleichaltrigengruppen und etwa die Konkurrenz in bestimmten Mädchencliquen. Wie Thomas weiter berichtet, wird aktuell insbesondere zu der Fragestellung geforscht: „Mit welchem Anteil ist die Essstörung psychotherapeutisch zu behandeln“ und „inwieweit ist sie eine somatische Erkrankung“? So wird etwa der Einfluss von Mikroorganismen im Darmtrakt auf die Entstehung von Essstörungen untersucht.
Mit der Klinikaufnahme werden die Patientinnen angehalten, in den ersten Wochen auf die Nutzung sozialer Medien zu verzichten und sich auf sich selbst zu fokussieren.
In der psychotherapeutischen Behandlung geht es insbesondere um Körperbilder – und bei vielen Patientinnen spielen dabei soziale Medien eine Rolle. Aber, so Thomas weiter: „Die Auseinandersetzung mit Social Media steht bei uns nicht im Vordergrund.“
Breites Behandlungsspektrum
Für die Patientinnen sei es wichtig, an regelmäßiges Essen herangeführt zu werden und die Essensaufnahme wieder selbst steuern können. Anfangs bekommen die Patientinnen auf einem Tablet eine vorher besprochene Essensration serviert, die es aufzuessen gilt. Später lernen sie, aus einem vielseitigen Angebot die eigene Nahrung auszuwählen. Dazu werden individuelle Essverträge geschlossen und Essprotokolle geführt, die mit einer Bezugspflegekraft besprochen werden. Zum multimodalen Behandlungssystem gehören therapeutische Einzel- und Gruppengespräche, Psychoedukation, Bewegungs-, Ergo- und Maltherapie sowie in der christlichen Klinik ein reichhaltiges Seelsorgeangebot.
„Die Handynutzung in Therapien und Gruppenzusammenhängen ist nicht gestattet“, sagt Thomas. Allerdings komme man mit Verboten und Regularien nur begrenzt weiter. „Wichtig ist, sich über den Beziehungsaspekt mit den Patientinnen auseinanderzusetzen.“
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Wien / München (2mind) – Aktuelle Bildungspläne für die Frühpädagogik setzen einen vermehrten Einsatz digitaler Medien voraus. In der Praxis begegnet dieser Einsatz zahlreichen Hürden. Die Medienkompetenz frühpädagogischer Fachkräfte ist eine davon. Eine aktuell veröffentlichte Studie untersucht, wie sich diese steigern lässt.
Astrid Wirth und das Autorenteam beleuchten zunächst die Situation in frühpädagogischen Einrichtungen: „Digitale Medien sind heutzutage von Anfang an fester Bestandteil des Alltags von Kindern, und digitale Bildung wird aufgrund der zunehmenden Digitalisierung als wesentliche Voraussetzung für eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben betrachtet“. Allerdings heißt es weiter in dem Paper: Es „werden nur in etwa einem Drittel der Einrichtungen digitale Medien in die pädagogische Arbeit mit den Kindern integriert und die wenigsten Einrichtungen regeln deren Einsatz und Umgang über ein verbindliches Medienkonzept.“ Gründe seien etwa die finanzielle Ausstattung, pädagogische Konzeptionen oder Rahmenbedingungen von Einrichtungsträgern. Ein weiterer wichtiger Grund seien die Fachkräfte selbst.
Für die Erstellung und Umsetzung medienpädagogischer Konzepte benötigen Fachkräfte medienpädagogische Kompetenzen. Diese umfassen „Fähigkeiten der Medienkompetenz, wie beispielsweise Medien zu nutzen, Informationen zu recherchieren und zu verarbeiten, medial zu kommunizieren und zu kooperieren, Inhalte zu produzieren und zu präsentieren (…), sowie medienpädagogische Kompetenzen, wie medienbezogenes Wissen und medienbezogene Handlungsfähigkeiten in der Arbeit mit Kindern“. Weiter heißt es in dem Paper: „Eine einheitliche 15Definition von Medienkompetenzen in der Frühpädagogik und ein eigenständiges Kompetenzmodell für frühpädagogische Fachkräfte fehlt jedoch bislang“.
Die medienbezogene Qualifikation frühpädagogischer Fachkräfte unterscheide sich je nach Zugängen und Ausbildungswegen. Jüngere Fachkräfte hätten mit größerer Wahrscheinlichkeit medienpädagogisches Wissen erworben, und das Fort- und Weiterbildungsangebot sei umfangreich.
In der Studie wurde untersucht, ob ein Fortbildungsansatz mit zwei Fachkräftetrainings das medienbezogene Wissen und Handeln von pädagogischem Fachpersonal effizient und langfristig steigert. Das gelingt, so die Studienergebnisse. „Die Ergebnisse zeigen ebenso, dass die Teilnahme an der Fortbildung Fachkräfte dabei unterstützt, ein Medienkonzept für ihre Einrichtung zu erstellen und zu implementieren“, so die Studie. Während medienbezogenes Wissen und Handeln gestärkt wurde, zeigte sich keine Auswirkung der Fortbildungen auf die Medienkompetenz und die Einstellungen zu digitalen Medien der Fachkräfte.
Eine weitläufige Befürchtung konnte die Studie jedoch entkräften, dass nämlich digitale Medien – etwa Tablets – nach ihrer Einführung in Kitas exzessiv genutzt werden. Die Forscher stellten fest: „Die Tablets waren im Alltag der Kinder nur ein Medium unter vielen und wurden zeitlich begrenzt und ergänzend eingesetzt, was sich mit den Erkenntnissen vergangener Forschungsprojekte deckt.“
Inga Gerckens im Interview zur Situation von Frauen in der Prostitution, der Ausstiegsbegleitung und dem Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz
Hamburg (2mind) – Die Evaluationsstudie zum Prostituiertenschutzgesetz (2mind berichtete) hat ein sehr unterschiedliches Echo erhalten. Während die einen hohe wissenschaftliche Standards loben, beklagen die anderen eine Realitätsferne. Zu den Kritikerinnen gehört Inga Gerckens. Die Sozialökonomin verantwortet die operative Leitung des Hamburger Vereins Mission Freedom. Mit ihr sprach Achim Halfmann für 2mind.
2mind: Mit der Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes wurde ein Sondergutachten zur Freiwilligkeit erstellt. Die Kurzfassung: Freiwillig ist alles, was nicht unter Bedrohung für Leben und Gesundheit geschieht. Geschieht also der Großteil der Prostitution freiwillig?
Inga Gerckens: Das Sondergutachten wurde auf einer Ebene erstellt, auf der es um juristische Feinheiten geht, und es beleuchtet Freiwilligkeit in verschiedene Richtungen auf einer sehr intellektuellen und klugen Ebene. Aber es geht in der Realität um Menschen, um Lebensumstände und um Notlagen, und ich habe ich den Eindruck: Das Gutachten ist weit weg von dieser Realität. Zu uns nach Deutschland kommen viele Frauen aus Osteuropa und anderen Ländern aus größten Notlagen. Diese Frauen wollen ihre Lebenssituation verbessern. Angesichts des Mittels, das sie dazu wählen, stellt sich die Frage: Ist das tatsächlich ein Weg, den wir ihnen als Gesellschaft zugestehen sollten? Oder müssten wir einen Aufschrei wagen?
Es ist erschreckend, was da passiert, und das macht auch etwas mit uns als Gesellschaft. Ein bedrückendes Beispiel ist der elendige Straßenstrich in Berlin mit seinen sogenannten Verrichtungsboxen. Das sind dreckige Boxen, die zugleich als Toiletten genutzt werden können, in denen sich Frauen zu Dumpingpreisen prostituieren. Oder junge Frauen, die ohne Deutschkenntnisse in Wohnwägen auf einsamen Landstraßen anschaffen. Oder Bordelle voller Frauen, die wie am Fließband Freier bedienen und wöchentlich den Ort wechseln, um woanders als „frische Ware“ angepriesen zu werden. Natürlich kann man sagen: Wir wollen diesen Menschen nicht die Möglichkeit nehmen, Geld zu verdienen und ihre Lebenssituation zu verbessern. Aber so denken wir in keinem anderen Bereich in Deutschland – überall geht es um Mindeststandards und Würde. In keinem anderen Bereich würde man dieses Elend betrachten und sagen, es handele sich um eine hilfreiche Möglichkeit, der eigenen Not etwas entgegenzusetzen. Hier, meine ich, müssten wir einen Aufschrei wagen.
Muss denn Prostitution nicht von Zwangsprostitution unterschieden werden?
Im Kontext von Prostitution besteht eine Bandbreite an Zwangs- und Notlagen und Ausbeutungsform, die unserer Erfahrung nach häufig so ineinander überfließen, dass man Prostitution und Zwangsprostitution nicht einfach voneinander treffen kann. In der Prostitution treffen wir Menschen, deren Biografien geprägt sind von Gewalt, von Armut, von Missbrauch, von psychischen Problemen. Es sind Menschen, die häufig schon ihr Leben lang mit Problemen überfordert sind. Kein Wohnsitz, keine Krankenversicherung, kein soziales Netzwerk, keine gesunden Beziehungen – dafür aber psychische Belastungen, Krankheiten oder auch Behinderungen. Das erschwert es ihnen, gute Entscheidungen zu treffen. Wenn man dieses Elend im Rotlicht miterlebt, fehlen einem die richtigen Worte für das, was dieses Freiwilligkeits-Gutachten macht. Von freien Entscheidungen kann da keine Rede sein.
In der öffentlichen Diskussion wird die nach außen hübsche Seite von Prostitution deutlich stärker wahrgenommen als das, was Du gerade geschildert hast und die fast unsichtbar zu sein scheint.
Es gibt wenig Lobby für die Frauen, die ihre Stimme nicht selbst erheben können. Unsichtbar sind sie aber nicht: Man sieht den Straßenstrich, man sieht Laufhäuser, Bordelle, Appartements, Wohnwagenprostitution, die Prostitution am Straßenrand und im Wald. Überall in Deutschland ist Prostitution sichtbar. Und ein Blick in die Freierforen zeigt ebenfalls, dass viele Käufer sich an Elend und Not aufgeilen und die Frauen durch rassistische und sexistische Kommentare und Handlungen in ihrer Würde beschädigen.
Du sprichst von Migrantinnen, die hier in der Armutsprostitution landen. Kann das Prostituiertenschutzgesetz diesen Frauen helfen?
Ein Teil der Frauen ist angemeldet, viele jedoch auch nicht. Für manche ist eine solche Anmeldung aus ihrer kulturellen Prägung unwichtig, ihnen fehlt ein Verständnis für den Nutzen. Andererseits erleben wir häufig Frauen, die sich unter Zwang prostituieren und die zu einer Anmeldung gedrängt werden, weil nach außen ein sauberer Eindruck vermittelt werden soll.
Wir erleben nicht, dass eine Anmeldung eine Auswirkung auf die Arbeits- und Lebenssituation hat. Eine Anmeldung schützt nicht davor, aufgrund wirtschaftlicher Not gefährliche Praktiken anzubieten und schützt ebenfalls nicht vor Demütigung, vor Entwürdigung, vor grenzüberschreitendem Verhalten, vor Abhängigkeit und vor Stigmatisierung.
Was wird eigentlich aus den Frauen, die sich heute prostituieren, wenn sie älter werden? Was ist ihre Zukunftsperspektive?
Wir begleiten einige Frauen im Alter von 50 plus. Die älteste Person, die wir beim Ausstieg aus der Prostitution begleitet haben, war 79 Jahre alt. Dabei erleben wir Menschen, die körperlich und seelisch am Ende sind, die es nicht mehr aushalten. Was mit den Frauen passiert, die keine Hilfe suchen, weiß ich nicht, ob sie hier sterben oder in ihre Heimat zurückkehren oder in der Obdachlosigkeit verelenden. Aber was ich weiß, das ist: Diese Frauen haben viele Jahre in Deutschland in der Prostitution gearbeitet und sie haben am Ende nichts: kein Geld angespart, keinen Wohnsitz, keine Supportsysteme, keine Kranken- oder Rentenversicherung. In dem System Prostitution geht es darum, jeden Tag das Überleben zu schaffen, und dabei verschlechtert sich jeden Tag die körperliche und psychische Situation. Am Ende müssen die Frauen sehen, ob sie irgendwie vom Hilfesystem aufgefangen werden.
Zum Stichwort Hilfesystem: Wie gut sind wir in Deutschland aufgestellt? Werden wir den Frauen gerecht, oder müssten wir uns auch als Gesellschaft viel stärker engagieren?
Wir erleben, dass die Frauen häufig durch eine Lücke im System fallen. Frauen aus Osteuropa zum Beispiel dürfen für die Arbeitssuche in Deutschland sein. Wenn sie in der Prostitution arbeiten, haben sie – nicht alle, aber die meisten – keinen Wohnsitz und sind nicht gemeldet. Wenn sie dann aussteigen wollen, haben sie nicht sofort Anspruch auf Sozialleistungen. Da gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesländern, den überörtlichen Trägern der Sozialhilfe und den Sachbearbeitern. Häufig helfen wir solchen Frauen aus Spendenmitteln, melden sie auf unsere Kosten zur Krankenversicherung an und besorgen Wohnraum. Das gibt den Frauen die Chance auf eine medizinische Versorgung und in einigen Fällen auch auf medizinische Gutachten, die eine Voraussetzung für die Hilfegewährung darstellen. Die Mühlen der Eingliederungshilfe mahlen langsam und in einzelnen Fällen mussten schon bis zu zwei Jahre überbrückt werden.
Besonders schwierig ist die Situation von Frauen aus Nicht-EU-Staaten, die sich möglicherweise illegal in Deutschland aufhalten. Da geht es aus Sicht der Justiz darum, ob sie eine relevante Aussage in einem Ermittlungsverfahren machen können. Und es kann überlegt werden, ob ein Asylverfahren als Möglichkeit im Raum steht. Aber das ist nicht wirklich die Hilfe, die diese Frauen brauchen.
Ihr begleitet Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution. Was motiviert diese Frauen zu einem Neuanfang?
Inga Gerckens (Foto: privat)
Meistens ist es der absolute Tiefpunkt im eigenen Leben und das Erleben: So geht es nicht weiter, ich halte das nicht mehr aus und deshalb brauche ich jetzt irgendwie Unterstützung. Ohne einen solchen Tiefpunkt ist Ausstiegshilfe tatsächlich schwierig, weil man anerkennen muss: Die Prostitution bietet – ähnlich wie z.B. der Drogenkonsum – eine schnelle Hilfe für drängende Probleme, auch wenn sie langfristig für neue Probleme sorgt. Frauen haben keine Wohnung: Das Bordell bietet eine Unterkunft. Frauen leben in finanzieller Armut: Die Prostitution bietet schnelles Geld. Frauen haben keine Ausbildung: Für Prostitution ist das völlig egal. Vordergründig also löst die Prostitution manche Probleme und die neuen Schwierigkeiten bleiben zunächst im Hintergrund.
Für Menschen, die lange durch Prostitution geprägt wurden, ist der Ausstieg besonders schwer. Bisher gab es täglich schnelles Geld, zukünftig kommt das Geld einmal im Monat und man muss gut damit haushalten. Wenn noch Familie im Heimatland unterstützt werden muss, ist die finanzielle Herausforderung enorm. In einem neuen Leben müssen die Frauen nach vorne denken und in die Zukunft investieren: in ein Praktikum vielleicht oder in eine berufliche Ausbildung. Für viele Frauen ist das eine fremde Welt und deshalb brauchen sie Unterstützung und Ermutigung. Häufig verläuft ein Ausstieg in Wellen, mit vielen Versuchen und Rückschlägen – und irgendwann gelingt es dann. Wichtig ist, dass sie wissen, warum sie aussteigen wollen. Denn beim Ausstieg erleben sie neue Herausforderungen und müssen dann gut überlegen: Stelle ich mich diesen Problemen – oder falle ich zurück in meine alten Lösungsmuster? Ergänzend kommen bei ca. 2/3 der Betroffenen noch eine posttraumatische Belastungsstörung hinzu. Bei einigen aufgrund der Gewalt in der Kindheit, bei anderen aufgrund der erlebten Gewalt in der Prostitution. Die Wucht der Symptome wird meistens erst beim Ausstieg deutlich, wenn der Körper nicht mehr im Überlebensmodus ist.
Einige Herausforderungen beim Ausstieg aus der Prostitution hast Du bereits beschrieben. Wie sieht dieser Weg ganz praktisch aus?
Das startet immer mit aufsuchender Arbeit, mit Menschen, die ins Milieu gehen. Dabei geht es um jahrelange Investition in einzelne Menschen, um Beziehungsarbeit. Es geht darum, Menschen zu stärken, ihnen das Gefühl zu geben: Du bist nicht allein. Wir wollen einer Person vermitteln: Es gibt für dich vermutlich gute Gründe, in der Prostitution zu sein oder zu bleiben. Aber wenn du Hilfe möchtest, sind wir da. Es gibt Frauen, die sich unter Zwang prostituieren und uns trotzdem fünf Jahre lang ins Gesicht gucken und sagen: Es ist alles gut, ich brauche nichts. Und nach diesen fünf Jahren fassen sie Vertrauen, suchen Hilfe und sagen und: Ich habe gesehen, dass ihr es ernst meint. Vertrauen ist ein sehr wichtiges Thema: Die Frauen sind oft enttäuscht worden und Vertrauen ist die Voraussetzung dafür, dass sie den Ausstieg aus dem Milieu und der Gewaltkultur versuchen. Im Blick darauf tut es mir gut, mich selbst zu spiegeln und mich daran zu erinnern, wie lange ich in manchen Themen feststecke. Veränderungen haben immer einen Preis, und wir brauchen dazu Menschen, die an unserer Seite stehen und uns helfen.
Wenn eine Frau Vertrauen gefasst hat und sagt: Ich bin nicht freiwillig in der Prostitution, ich möchte aussteigen. Wie geht es dann konkret weiter?
Wir sind Teil eines Netzwerks von Organisationen, die niedrigschwellig und unbürokratisch Wohnraumangebote mit Ausstiegshilfen kombinieren. Ein Wohnraumangebot ist eine unentbehrliche Voraussetzung für den Ausstieg. Mit den Frauen besprechen wir: Wie schnell willst du aussteigen: Heute? Oder nächste Woche? Oder wann? Das muss zunächst geklärt sein und dann können wir entweder selbst einen Platz anbieten oder wir suchen in unserem Netzwerk danach.
Wenn feststeht, wo eine Frau aufgenommen werden kann, stellt sich die nächste Frage: Wie kommt sie dorthin? Unterstützt ein Streetworker oder kann sie alleine mit dem FlixBus oder dem Zug fahren? In der Einrichtung kommen manche Frauen mit zwei Koffern an und andere nur mit einer Plastiktüte. Dort wird dann geklärt: Was fehlt an Kleidung? Sind Dokumente vorhanden – etwa ein Personalausweis? Welche Fragen sind am drängendsten und was hat Zeit?
Es geht darum, Schritt für Schritt etwas Neues zu beginnen. In Deutschland braucht alles seine Zeit; das erleben die Frauen, wenn sie zum Beispiel ein Ausweisdokument beantragen. Es gilt, den Frauen Mut zu machen, auch wenn nicht gleich am nächsten Tag ein neuer Job mit neuen Verdienstmöglichkeiten vor der Tür steht. Arbeit ist auch deshalb wichtig, weil sie eine Tagesstruktur vermittelt – was für manche Frauen eine Herausforderung darstellt. Gut ist, wenn es eine Hausgemeinschaft mit gemeinsamen Aktivitäten und Möglichkeiten gibt, sich niedrigschwellig einzubringen und aktiv zu sein.
Grundsätzlich geht es immer um folgende Themen: Wie ist der rechtliche Status? Wie kann eine finanzielle Versorgung durch Arbeit oder ergänzende Hilfesysteme gewährleistet sein? Welche medizinischen und therapeutischen Angebote werden benötigt und wie ist der Weg dorthin? Welche beruflichen Perspektiven sind möglich? Welche Ressourcen stärken im Alltag? Bei welchen Alltags-Themen benötigt jemand Unterstützung? (z.B. Finanzplanung, Tagesstruktur, Termin-Begleitung, Konflikte)
Wie sieht es mit Perspektiven für die Frauen aus? Zum Beispiel bei Migrantinnen: Wollen viele von ihnen in Deutschland ein Zuhause finden oder eher in ihre Herkunftsländer zurückkehren?
Die meisten wollen sich in Deutschland etwas aufbauen. Das fördern wir, wenn dem aufenthaltsrechtlich nichts entgegensteht. Wir unterstützen die Frauen dabei, ihren Lebenslauf zu schreiben und zu entdecken, was ihnen Spaß machen könnte. Die ersten Jobs sind vielleicht einfache Tätigkeiten, die wenig Sprachkenntnisse erfordern, häufig in der Reinigung. Solche Einstiegsjobs sind wichtig, um überhaupt in den Arbeitsprozess hineinzufinden. Arbeit ist belastend und die Frauen müssen erproben, wie viele Stunden am Tag sie das körperlich und emotional aushalten. Sie haben vorab täglich viele Stunden in der Prostitution verbracht und denken, einem neuen Vollzeitjob gewachsen zu sein. Aber das gelingt nicht immer sofort, weil der Körper und die Psyche in der Prostitution stark gelitten haben. Es gilt also, das richtige Maß zu finden.
Dann geht darum, mit dem verdienten Geld haushalten zu lernen. Meist müssen von dem Einkommen noch Schulden abgetragen werden oder die Frauen wollen ihre Familien in der Heimat unterstützen. Das Gefühl ist häufig: Ich hatte in der Prostitution viel mehr Geld zur Verfügung – auch wenn davon nichts übrigblieb und das meiste an die Bordellbesitzer floss. Die Frauen hatten keine Chance, zu sparen und sich eine Zukunft aufzubauen.
Ihr seid als Christen in dieser Arbeit engagiert. Gibt es etwas Besonderes, dass Ihr in diese Herausforderungen und Begegnungen einbringen könnt? Und welche Rolle spielt der Glaube in der Praxis Eurer Arbeit?
Wir sind mit tragischen Schicksalen konfrontiert, mit schlimmen Erfahrungen und mit Hoffnungslosigkeit. Als Christen können wir miteinander im Team beten und Sorgen bei Gott abgeben sowie um sein Eingreifen bitten, um Kraft und Hoffnung. Bei Frauen, die das möchten, bieten wir Seelsorge und Gebet an. Viele Frauen aus Osteuropa sind mit dem christlichen Glauben vertraut. Manche beten auch persönlich. Manche fragen sich, ob Gott wütend auf sie ist und sie verurteilt, weil sie im Milieu arbeiten. Sie erleben es als stärkend, zu erfahren, dass Gott sie nicht verurteilt, sondern sie liebt und Gutes für ihr Leben möchte. Seelsorge kann so zu einem mutmachenden und stärkenden Prozess und der Glaube zu einer Ressource werden – gerade auch in der Trauma-Arbeit.
Kritiker aus dem gesellschaftspolitisch linken Spektrum werfen Euch und anderen christlichen Einrichtungen vor, zuerst missionieren zu wollen – und dabei fachliche Standards zu vernachlässigen.
In unserem Team sind Sozialarbeiterinnen und ausgebildete Trauma-Beraterinnen tätig, die ihre fachlichen Standards in ihre Arbeit einbringen. Sie wollen Menschen befähigen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen – Menschen, denen vorher die Entscheidungen anderer aufgedrückt wurden. Unser Handeln reflektieren wir beständig in Teambesprechungen, in Supervisionen und in der Weiterbildung. Denn wir arbeiten mit Menschen, die intensiven Missbrauch erlebt haben und die merken würden, wenn wir ihnen etwas überstülpen wollen. Im Alltag fragen uns manche dieser Frauen, warum wir das tun, was wir tun – und dann reden wir über unsere Haltung und unseren Glauben.
Abschließend zurück zum Ausgangsthema: zu Deiner Einschätzung im Blick auf das Prostituiertenschutzgesetz. Kann dieses Gesetz verbessert werden oder brauchen wir einen Systemwechsel – etwa hin zu dem nordischen Modell, bei dem Prostitution als illegal gilt und sich die Strafverfolgung gegen die Freier richtet?
Wir brauchen einen Systemwechsel. Ob das neue System dann nordisches Modell heißt oder nicht, da bin ich offen. Aber ich denke: Solange wir in der Europäischen Union leben und zwischen dem östlichen und westlichen Teil extreme Unterschiede in Einkommens- und Sozialstrukturen gibt, so lange werden vulnerable Menschen aus dem östlichen Teil im Westen ausgebeutet werden. Deshalb brauchen wir mehr an Regulierung als eine Anmeldung oder Kondom- und Beratungspflicht. Eigentlich brauchen wir auf europäischer Ebene eine einheitliche Sozialhilfestruktur. Und wir müssen darüber nachdenken, wie Männer und Frauen miteinander umgehen: Wenn wir Gleichstellung wollen, dann kann es nicht sein, dass ein Geschlecht in Notlagen sexuell käuflich wird. Für Frauen in solchen Notlagen brauchen wir andere Hilfestrukturen. Es geht nicht nur um ein neues Gesetz, sondern vor allem um Ressourcen, mit denen wir Frauen in Not stärken können. Ohne solche Ressourcen ist es egal, welches Gesetz gilt: Es wird sich nichts ändern.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
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