Kategorie: Aktuelles

  • Medien in der Jugendhilfe: Infos und Fachtagung

    Medien in der Jugendhilfe: Infos und Fachtagung

    Foto: Alex Gorin auf Unsplash

    Velbert (2mind) – (Digitale) Medien gewinnen in der Jugendhilfe an Bedeutung: In der Nutzung sozialer Medien durch Kinder und Jugendliche der Wohngruppen, in der Dokumentation oder der Mitarbeiterkommunikation, für die Portfolioarbeit oder in der Freizeitgestaltung.

    Welche Kompetenzen brauchen Mitarbeitende in der Jugendhilfe im Kontext digitaler Medien? Und welche Impulse bietet die Medienpädagogik der Jugendhilfe?

    Gemeinsam bereiten die Graf Recke Stiftung und das Berufskolleg Bleibergquelle einen Fachtag dazu vor. Datum und Ort: 6. September 2023 in Velbert.

    Zudem entsteht ein Blog mit aktuellen Beiträgen zum Themenbereich „Medienkompetenz in der Kinder- und Jugendhilfe“. Der Link: https://bbq-aktuell.de/jugendhilfe/

  • Toolbox für Sozialraumorientierung: „Wir & Hier“

    Toolbox für Sozialraumorientierung: „Wir & Hier“

    Quelle: Evangelische Arbeitsstelle midi

    Berlin (2mind) – Sozialraumorientiertes Arbeiten gilt als ein unverzichtbarer Standard für pädagogische Einrichtungen. Die gestern vorgestellte interaktive Toolbox „Wir & Hier“ will dazu Inspirationen vermitteln. Sie richtet sich an haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende in Diakonie und Kirchengemeinden und wurde von der Evangelischen Arbeitsstelle midi entwickelt.

    In einer Grußbotschaft zur Einführung der Toolbox begründete die Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Annette Kurschus, die Bedeutung einer Sozialraumorientierung theologisch: „Eine sozialraumorientierte Kirche bewegt sich in der Spur Jesu. In Jesus lässt Gott selbst sich ein auf das Leben unterschiedlicher Menschen, macht sich abhängig von den entsprechenden Kontexten und verändert auf diese Weise die Welt.“

    Die Toolbox bietet in zehn Themenfeldern u.a. Ideen für den Einstieg in die Sozialraumorientierung, stellt Methoden dazu vor, informiert zu Unterstützungsangeboten und Finanzierungsmöglichkeiten und stellt Best Practice vor. Im Kontext von Sozialraumorientierung informiert sie zudem über religiöse Sprachfähigkeit. Jedes Themenfeld ist mit einem motivierenden Einstieg versehen. Damit bietet die Toolbox einerseits einen schnellen Einstieg in die Themenbereiche und stellt andererseits zahlreiche Informationen und Links für eine vertiefende Beschäftigung mit dem Thema bereit.

    Der Link zur Toolbox: https://www.mi-di.de/wir-hier

  • Soziale Arbeit: Beschäftigte vor dem Burnout

    Soziale Arbeit: Beschäftigte vor dem Burnout

    Foto: Christina @ wocintechchat.com auf Unsplash

    Berlin (2mind) – Auf den Beschäftigten in der Sozialen Arbeit lastet ein enormer Druck. In allen Arbeitsfeldern herrscht eine „höchstmögliche berufliche Erschöpfung“. Das zeigt die Studie „Professionelle Krise nach Corona? Steuerungsbedarf in der Sozialen Arbeit nach der Pandemie (CriCo)“, durchgeführt von Prof. Nikolaus Meyer (Hochschule Fulda) und der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di.

    Im vergangenen November wurden 8.200 Beschäftigte aus verschiedenen Tätigkeitsbereichen der Sozialen Arbeit; erste Ergebnisse wurden am Jahresende vorgestellt. Einzelne Ergebnisse:

    • Zahlreiche Beschäftigte haben seit Ausbruch der Pandemie häufig die gesetzlich vorgesehenen Erholungspausen ausfallen lassen, um ihre Arbeit zu bewältigen.
    • 40 % der Befragten arbeiteten regelmäßig drei oder mehr Stunden wöchentlich
    • Mehr als 60 % der Sozialarbeitenden gehen häufig oder sehr häufig an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. 65 % der Befragten berichten über Zeitdruck.
    • Der Kontakt zu den Erziehungsberechtigten sowie zu Kindern und Jugendlichen hat insbesondere in den Kindertagesstätten und Jugendämtern abgenommen, so die Beschäftigten.

    Ver.di verweist in diesem Zusammenhang auf den eklatanten Personalmangel in der gesamten Sozialen Arbeit und eine hohe Personalfluktuation. Laut ver.di KITA-Personalcheck fehlen alleine in Kindertagesstätten 175.000 Fachkräfte.

    Die abschließende Studienauswertung soll im März vorliegen.

  • Suchtprävention im Betrieb wirkt gegen Stigmatisierung

    Suchtprävention im Betrieb wirkt gegen Stigmatisierung

    Foto: Chuttersnap auf Unsplash

    Hamm (2mind) – Für den Erfolg suchtpräventiver Maßnahmen ist der frühe Zugang zu potenziell Betroffener entscheidend. Darin liegt ein Grund für die hohe Bedeutung präventiver Angebote in Unternehmen. Die Stärkung der Suchtprävention ist eine Aufgabe der Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS). Mit deren Geschäftsführer, dem promovierten Sozialwissenschaftler Peter Raiser, sprach Achim Halfmann über Chancen und Grenzen der betrieblichen Suchtprävention.

    CSR NEWS: Wie verbreitet sind die betriebliche Suchtprävention und -beratung?

    Dr. Peter Raiser (DHS)

    Dr. Peter Raiser: Das wird – nach meinem Kenntnisstand – nicht erfasst. Wir wissen allerdings über große Betriebe und Konzerne, dass sie insgesamt gut aufgestellt sind im Blick auf Gesundheitsprävention und betriebliche Sozialarbeit und in der Regel eine betriebliche Suchtprävention anbieten. Schwierig ist es vor allem für kleine und kleinste Unternehmen, sich überhaupt mit diesem Thema zu befassen; für diese Unternehmen ist es insbesondere eine Ressourcenfrage.

    Aus unserer Erfahrung kann ich sagen: Die betriebliche Suchtprävention erfährt in der letzten Zeit mehr Aufmerksamkeit. Das Thema kommt langsam aus der gesellschaftlichen Tabu-Ecke heraus und der Umgang wird nüchterner und weniger stigmatisierend. Bis zu einer wirklichen Entstigmatisierung von Abhängigkeitserkrankungen ist es für unsere Gesellschaft aber noch ein weiter Weg.

    Warum sollten sich Unternehmen überhaupt dem Thema „Sucht“ stellen, wo es doch fast in jeder Kommune Suchtberatungsstellen gibt?

    Natürlich gibt es fast überall Suchtberatungsstellen und dort kann jeder sich anonym beraten lassen. Viele dieser Stellen bieten auch Unterstützung für Betriebe an. Aber es liegt durchaus im Eigeninteresse von Unternehmen, sich mit dem Thema Sucht zu beschäftigen:

    Denken Sie etwa an den Sicherheitsthemen wie Arbeitsschutz, Unfallverhütung und akute Gefährdungen durch Arbeit unter Alkohol- oder Drogeneinfluss. Bei einem solchen Ereignis muss nicht bereits eine Suchterkrankung vorhanden sein. Abhängigkeitserkrankungen entwickeln sich meist über lange Zeiträume und betreffen auch Fachkräfte, die im Unternehmen gebraucht werden. Und ein hoher Alkoholkonsum steigert das Risiko anderer Erkrankungen, etwa von Herz und Kreislauf. Weil Unternehmen Fachkräfte erhalten und Gefahrensituationen vorbeugen wollen, lohnt es sich, Muster für ein Vorgehen in solchen Situationen – etwa Arbeit unter Alkoholeinfluss – zu kennen.

    Kinder und Jugendliche erreichen wir flächendeckend mit suchtpräventiven Angeboten in den Schulen. Bei Erwachsenen sind es die Betriebe, wo ein großer Teil erreicht werden kann und wo eine frühe Kontaktaufnahme zu Betroffenen möglich wird:

    Viele Betroffene verkennen oder verleugnen ihre Situation in frühen Phasen der Suchtentwicklung. Es zeigt sich aber, dass sie sehr sensibel auf Rückmeldungen am Arbeitsplatz reagieren. Und je früher Probleme angesprochen werden, umso besser gelingt es gegenzusteuern.

    Sie haben die Chancen der betrieblichen Gesundheitsprävention beschrieben. Wo sehen Sie Grenzen?

    Betrieb ist nicht das Setting für Suchtbehandlung; hier sind qualifizierte Fachkräfte gefragt. Wenn ich als Führungskraft mit Betroffenen rede, muss ich mir meiner Rolle bewusst sein: Ich stelle keine Diagnosen und empfehle keine medizinischen Behandlungsinhalte. Führungskräfte können aber vermitteln: Was sind unsere Erwartungen als Betrieb? Und was sind unsere Unterstützungsangebote?

    Wenn sich im Verlauf solcher Gespräche zeigt, dass eine Verhaltensänderung aus eigener Kraft nicht machbar ist, dann ist die Kooperation mit Beratungsstellen vor Ort und mit Reha-Einrichtungen gefragt.

    Führungskräfte sollten sich über die Grenzen der eigenen Rolle klar sein. Und man kann niemanden zu einer Behandlung oder zum Erfolg einer Behandlung zwingen.

    Kollegen handeln aus einer anderen Rolle heraus und deshalb unterscheidet sich die kollegiale Ansprache von der durch Führungskräfte. Wichtig ist es, dem Betroffenen zurückzuspiegeln, was sein Verhalten für die Kollegen bedeutet. In einem freundschaftlichen Verhältnis können Kollegen etwa ihre Sorgen zum Ausdruck bringen. Ohne freundschaftliches Verhältnis können sie deutlich machen, welche Nachteile durch das Verhalten des Betroffenen für sie selbst entstehen – und dass sie diese nicht mittragen möchten. Wichtig ist die Perspektive: Man möchte ein beginnendes Problem mit dem Betroffenen gemeinsam in den Griff bekommen und schauen, welche Schritte man dazu gehen kann. (> Link)

    Wie geht man in einem Unternehmen damit um, wenn es keine Einsicht und keine Bereitschaft zur Mitarbeit an dem Problem gibt?

    Aus der Praxis wissen wir: In über 80% der Interventionen kommt es nicht dazu, dass man sich trennen muss. Eine Erkrankung kann Betroffenen nicht zur Last gelegt werden. Wenn aber keine Einsicht und Bereitschaft an einer Mitwirkung bei der Lösung besteht, sollte eine Führungskraft die arbeitsrechtlichen Möglichkeiten kennen.

    Wie können – insbesondere kleine – Unternehmen in die betriebliche Suchtprävention einsteigen?

    Unsere Erfahrungen zeigen: Häufig geschieht eine erste Beschäftigung mit der Suchtprävention in kleineren Betrieben, wenn suchtbezogene Probleme deutlich werden. Führungskräfte brauchen dann Sicherheit für das Zugehen auf die Betroffenen. Denn wenn man aus Unsicherheit ein sensibles Thema nicht ansprechen möchte, tut man weder dem Betroffenen noch dem Unternehmen einen Gefallen.

    Die DHS bietet Broschüren, die aufzeigen: Wie läuft ein solches Gespräch ab? Auch weitere Informationen zur betrieblichen Suchtprävention finden Sie in unseren Materialien (> Link: insbesondere Kapitel 5 und 6).

    Deutschlandweit gibt es in allen Kommunen öffentlich geförderte Suchtberatungsstellen – häufig mit eigenen Angeboten für Betriebe. Diese Beratungsstellen finden Sie im DHS-Suchthilfeverzeichnis auf der DHS-Homepage (https://www.suchthilfeverzeichnis.de).

    Und schließlich führt die DHS alle zwei Jahre eine „Aktionswoche Alkohol“ durch; im Jahr 2024 ist es wieder so weit. Die Aktionswoche bietet z.B. Anregungen, um mit Betroffenen ins Gespräch zu kommen. Das Modul für Betriebe während der Aktionswoche ist sehr gefragt und wird von einigen hundert Unternehmen genutzt. (https://www.aktionswoche-alkohol.de)

    Vielen Dank für das Gespräch!

  • Suchtprävention und Suchthilfe im Betrieb

    Suchtprävention und Suchthilfe im Betrieb

    Foto: Matteo Badini auf Unsplash

    Hamm (2mind) – Suchterkrankungen erwachsener Arbeitnehmer fallen häufig zuerst am Arbeitsplatz auf: Leistungseinbrüche, soziale Isolation oder Persönlichkeitseinbrüche können Hinweise darauf sein. Suchtprävention und Suchtberatung am Arbeitsplatz kommt daher eine hohe Bedeutung zu. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) hat dazu im Dezember ihr Handbuch „Qualitätsstandards in der betrieblichen Suchtprävention und Suchthilfe“ aktualisiert veröffentlicht.

    Damit will die DHS Betrieben aller Größenordnungen und Branchen ein fachlich und rechtlich abgestimmtes Konzept als Handreichung für die betriebliche Praxis zur Verfügung stellen. Das Handbuch steht als > PDF zum Download zur Verfügung und bietet auf 220 Seiten Hinweise zu Suchtmitteln im Betrieb, zur Vorbeugung, zur Rolle der Personalverantwortlichen, zur Intervention bei Auffälligkeiten im Betrieb und Beratung und Suchthilfe im Betrieb. Im Fokus stehen dabei nicht nur klassische Suchtmittel wie Tabak, Alkohol und illegale Drogen, sondern auch internetbezogene Störungen, das pathologische Glücksspiel, Kaufsucht oder zwanghaftes Arbeiten („Arbeitssucht“).

    Weitere Informationen für Personalverantwortliche bietet die DHS in dem > Ratgeber „Suchtprobleme am Arbeitsplatz“ (PDF) und auf der Website https://www.sucht-am-arbeitsplatz.de. Informationen zur Suchtprävention am Arbeitsplatz bieten zudem der Bundesverband betriebliches Gesundheitsmanagement, das Deutsche Netzwerk für Betriebliche Gesundheitsförderung. sowie der Bundesfachverband Betriebliche Soziale Arbeit.

    Suchtprävention und Suchthilfe besitzen auch für Beschäftigte im Bildungssektor Bedeutung. Dem will etwa das HochschulNetzwerk SuchtGesundheit gerecht werden.

  • Neue KMK-Präsidentin widmet sich Ganztagsqualität

    Neue KMK-Präsidentin widmet sich Ganztagsqualität

    Astrid-Sabine Busse, 2021, Fotograf: Sando Halank,CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/deed.de)

    Berlin (2mind) – Seit dem 1. Januar steht die Berliner Bildungssenatorin Astrid-Sabine Busse der Kultusministerkonferenz (KMK) vor. Die SPD-Politikerin will insbesondere die Qualität des offenen Ganztags in Grundschulen in den Blick nehmen. „Unsere Kleinen sollen pädagogisch wertvoll gefördert werden“, so Busse im Dezember gegenüber der Presse. Die KMK-Präsidentin verweist dabei auf den ab dem Schuljahr 2026/27 geltenden Rechtsanspruch auf ganztägige Förderung an Grundschulen.

    „Ganztag dient nicht nur der Vereinbarkeit von Familie und Beruf, ein solches Angebot befördert die Persönlichkeitsentwicklung und somit auch die Chancengleichheit von Kindern und Jugendlichen“, so Busse zur Bedeutung des Ganztags in Grundschulen; „ein gutes Ganztagsangebot, das Kindern Spaß macht, fördert sowohl die sozialen wie auch die kognitiven Fähigkeiten der Schülerinnen und Schüler.“

    Nordrhein-Westfalens Bildungsministerin Dorothee Feller sieht in dem ab 2026 geltenden Rechtsanspruch eine Chance auf Qualitätsverbesserungen: „Die Umsetzung des Rechtsanspruches auf einen ganztägigen Betreuungsplatz für Kinder im Grundschulalter wird eine herausfordernde Aufgabe, die aber auch die große Chance bietet, Erziehung, Bildung und Betreuung für alle Kinder im Ganztag entscheidend und nachhaltig zu verbessern“, so Feller Ende Dezember in ihrem Statement zur Einberufung eines Expertenbeirats. Wissenschaftler und Praktiker bilden diesen Beirat, der die Landesregierung auf dem Weg zur Umsetzung des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung begleiten soll.

    In Sachen Qualität herrscht Handlungsbedarf. So heißt es auf der Website „Qualität im Ganztag“ des Bundesbildungsministeriums: „Während der quantitative Ausbau des Ganztagsschulangebotes mittlerweile deutlich vorangeschritten ist, hat sich die Qualität des Ganztags nicht in gleichem Maß entwickelt.“ Zahlreiche Forschungsprojekte, Initiativen und Netzwerke wollen die Qualität im Ganztag fördern. Dazu zählen etwa das ESF Plus-Programms „Gemeinsam für Qualität: Kinder beteiligen im Ganztag“, das im August abgeschlossene Forschungsprojekt „ganztag digital“ oder Akteurs- und Themen-übergreifende Initiativen wie RuhrFutur.

  • Kita-Kinderlieder Werkbuch erschienen

    Kita-Kinderlieder Werkbuch erschienen

    Herausgeberinnen (von links) Esther Kalman-Haag, Beate Schmidt) und Petra Halfmann (Foto: Achim Halfmann)

    Velbert (2mind) – Singen Kinder im Alter bis zu 3 Jahren? Ja, allerdings fehlen Lieder für diese Altersgruppe. Ein Team am Berufskolleg Bleibergquelle (Velbert) wollte das ändern und entwickelte das Kita-Kinderlieder Werkbuch „Ich freu mich auf den Tag“. Als Musiklehrerin schrieb Petra Halfmann Texte und Melodien, erprobt wurden die Lieder in der Kita „Quellenzwerge“ (Velbert) unter Leitung von Beate Schmidt. Und die Schüler:innen und Studierenden am Berufskolleg Illustrationen für das Werkbuch.

    „Ich freu mich auf den Tag“ ist 2022 als Printausgabe erschienen. Dazu gehört die Website https://kita-lieder.de, die ständig erweitert wird und deren Videos und Audios den Liedeinsatz unterstützen. Buch und Website bieten zudem vielseitige Ideen für die Lideinführung.

    Eine Besonderheit: Texte, Lieder und das ergänzende Material sind offen lizenziert (CC BY-SA 4.0), sodass sie frei genutzt und weiterentwickelt werden können.

  • Tafeln unter Druck

    Tafeln unter Druck

    Foto: Joel Muniz auf Unsplash

    Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine, steigende Energiekosten, Inflation und der Preisanstieg im Lebensmitteleinzelhandel: Was die einen finanziell schmerzt, wirkt für andere existenzbedrohend. Das bekommen auch die Tafeln zu spüren, die rund zwei Millionen Menschen regelmäßig mit Lebensmitteln unterstützen: „Wir verzeichnen seit Jahresbeginn 50 Prozent mehr Kundinnen und Kunden“, sagte Jochen Brühl, der Vorsitzende des Bundesverbandes der Tafeln, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Zugleich gebe es einen spürbaren Rückgang der Lebensmittelspenden. „Handelsunternehmen versuchen, weniger zu verschwenden und ihre Ware kurz vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum oder mit kleinen Schönheitsfehlern über Rabattaktionen noch zu verkaufen“, so Brühl.

    Von Achim Halfmann

    Das Problem kennt auch Renate Zanjani von der Tafel Niederberg der Bergischen Diakonie. Wurden in der Stadt Wülfrath zu Jahresbeginn etwa 60 Menschen zweimal pro Woche mit Essen versorgt, so sind es jetzt am Jahresende über 100. Zu den Tafeln kommen Menschen ohne Arbeit – viele darunter chronisch erkrankt – ebenso wie Geringverdiener und Senioren. „Die Tafeln sind immer ein Abbild der Gesellschaft“, sagt Zanjani.

    Wenn Anfang 2023 die Abschlagrechnungen auf Energiekosten rausgehen, rechnet die Diakonieexpertin mit einer deutlich steigenden Zahl an Hilfesuchenden. „Die Sorge vor den Jahresabschlägen ist hoch.“ Dabei stehen die Tafeln mit ihren Angeboten bereits durch die hohe Zahl der Geflüchteten aus der Ukraine unter Druck. Anders als ein Drittel der Tafeln konnten die Niederberger einen Aufnahmestopp bisher vermeiden.

    Weniger Lebensmittelspenden

    Paradoxerweise ist es das Nachhaltigkeitsengagement der Supermärkte, das zu einer Reduzierung der Lieferungen an die Tafeln beiträgt. Mit Umdisponierungen wird Lebensmittelverschwendung verhindert. Kurz vor dem Verfall werden Lebensmittel mit Rabattaktionen wie „Kaufen Sie eine Rettertüte“ an den nachhaltigkeitsbewussten Kunden gebracht. Für die Tafeln bleibt dann weniger übrig. Auch Plattformen wie foodsharing.de mit dem Motto „verwenden statt verschwenden“ spielen hier eine Rolle. Mit foodsharing bestehe seit zwei Jahren eine gute Kooperation, berichtet Zanjani. Dort gelte „Tafel first“.

    Seit 1993 sind die Tafeln in Deutschland aktiv: es gibt sie ebenso in anderen europäischen Ländern und den USA. Der Dachverband Tafel Deutschland e.V. vertritt landesweit rund 960 Tafeln. Etwa 60.000 Helfer:innen sind dort engagiert. Kritiker der Tafeln bemängeln, dass dieses Angebot den Druck zur Schaffung gerechterer gesellschaftlicher Verhältnisse verringert. Angesichts steigender Nachfrage und eines sich reduzierenden Angebotes ist die Zukunft der Tafel-Arbeit offen. „Was bringt uns das nächste Jahr? Ich weiß es noch nicht“, sagt Zanjani. Auf jeden Fall wollen die Niederberger Tafeln alles daransetzen, einen Aufnahmestopp weiter zu verhindern.

    Achim Halfmann
    ist 2mind-Redakteur und Medienpädagoge (M.A.) am Bildungszentrum Bleibergquelle.
    achim@2mind.org

     

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  • Impulse für eine verantwortlich-nachhaltige Digitale Transformation

    Impulse für eine verantwortlich-nachhaltige Digitale Transformation

    Foto: Achim Halfmann

    Nachhaltigkeit und Digitalisierung sind zwei Schlagworte, die in den aktuellen gesellschaftlichen Diskursen allgemein, aber auch im engeren Zusammenhang mit der Forderung nach Unternehmensverantwortung nicht mehr wegzudenken sind. Doch wie verhalten sich diese Megatrends zueinander: Unterstützt Digitalisierung das nachhaltige Wirtschaften? Oder bildet Nachhaltigkeit eine unterstützende Funktion der Digitalisierung? Schließlich könnten Nachhaltigkeit und Digitalisierung als zwei Seiten einer Medaille betrachtet werden.

    Von Matthias Schmidt und Matthias Tomenendal

    Von Unternehmen wird erwartet, dass sie über ihre ökonomische Verantwortung und ihr Gewinnstreben hinaus auch gesellschaftliche Verantwortung übernehmen. Das Konzept der Corporate Social Responsibility (CSR) ist mittlerweile als ein praxisgängiges Verständnis einer Unternehmensethik bekannt. Mit Blick auf die Digitalisierung und die neuen (ethischen) Herausforderungen, die damit für Unternehmen einhergehen, hat sich die Idee einer Corporate Digital Responsibility (CDR) herausgebildet. Dabei geht es um die Frage, wie Unternehmen unter den Bedingungen der digitalisierten Welt verantwortlich handeln können.

    Das Konzept der Nachhaltigkeit umfasst neben ökologischen explizit auch soziale und ökonomische Aspekte, die mit einander balanciert werden müssen. Häufig dienen dabei die Sustainable Development Goals (SDG) der Vereinten Nationen als Bezugspunkt für die Umsetzung und Bewertung von Nachhaltigkeit im Unternehmen. Bei näherer Betrachtung der SDGs fällt auf, dass das Thema Digitalisierung dabei keine explizite Rolle spielt. Umgekehrt ist in Standards zur Umsetzung von Nachhaltigkeit in und durch Unternehmen die Verantwortung von Unternehmen in digitaler Hinsicht größtenteils eine Fehlanzeige.

    Bei einer getrennten Betrachtung werden die Phänomene der Nachhaltigkeit und der Digitalisierung oftmals auch mit dem Schlagwort des Megatrends (1) in Verbindung gebracht. Damit sind Veränderungen gemeint, die in besonderem Maße dazu angetan sind, die Entwicklungen in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik dauerhaft zu beeinflussen. Zunehmend spricht man auch von einer Transformation, einem grundlegenden Umbruch, der alle unsere Lebensbereiche durchdringen und neu justieren würde.

    Ausgehend von der grundsätzlichen Annahme, dass es sich bei den Herausforderungen sowohl der Digitalisierung (bspw. Konnektivität oder Cyber-Sicherheit) als auch der Nachhaltigkeit (bspw. Klimawandel oder Ressourcenknappheit) um Megatrends mit transformatorischer Kraft handelt, stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis diese beiden Phänomene zueinander stehen (2). In einer funktionalen Hinsicht könnte man das eine als eine unterstützende Funktion des anderen interpretieren. So könnte man in den technologischen Entwicklungen der Digitalisierung eine Möglichkeit sehen, die Bemühungen einer an der Idee der Nachhaltigkeit orientierten Unternehmensführung zu unterstützen. Man denke hier etwa an den verstärkten Einsatz von Videokonferenzen anstatt von Dienstreisen. Umgekehrt könnte man auch die Idee der Nachhaltigkeit als eine unterstützende Funktion der Digitalisierung sehen. Etwa dann, wenn im Zuge von Energieknappheit smarte digitale Lösungen zur Steuerung der Produktionsplanung getriggert und etabliert werden. Schließlich könnte man Nachhaltigkeit und Digitalisierung als zwei Seiten einer Medaille begreifen, als zwei miteinander verwobene Aspekte einer einzigen Transformation, bei der man das eine nicht ohne Ansehung des anderen betrachten kann. In diesem Sinne lässt sich das Verhältnis zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit auch als „(Paar-)Tanz“ zwischen Sozio- und Technosphäre interpretieren (3).

    Was zunächst wie eine akademische Übung aussehen könnte, nämlich die Frage, ob die Digitalisierung der Nachhaltigkeit über- oder untergeordnet ist und in welchem funktionalen oder sequenziellen Verhältnis sie zueinanderstehen, ist gleichwohl von konkreter Relevanz für Unternehmen. Denn von Unternehmen wird verantwortliches Handeln erwartet, sowohl unter den Bedingungen und Herausforderungen der Nachhaltigkeit als auch denen der Digitalisierung. Anstatt nun zwei Stränge zu verfolgen wie beispielsweise eine CDR-Strategie und eine Nachhaltigkeitsstrategie, dürfte es ökonomisch klug sein, beides von vornherein miteinander zu verbinden und eine Strategie zur Mitgestaltung einer verantwortlichen nachhaltig-digitalen Transformation zu entwickeln. Die „große Transformation“ (4) erfordert nämlich eine Neugestaltung von unternehmerischen Geschäftsmodellen, in denen notwendigerweise sowohl die Erfordernisse der Digitalisierung als auch der Nachhaltigkeit stimmig integriert sein müssen.

    Für die Praxis der Unternehmensführung ist es somit grundsätzlich ratsam, Synergien zwischen den virulenten Themen zu schaffen, die sie in ihrer Verantwortung herausfordern und auf die sie im Rahmen ihrer betrieblichen Aktivitäten eine Antwort geben müssen. Das gilt gleichermaßen für die strategische als auch für die operative Ebene im Unternehmen. Gleichwohl ist in dieser Hinsicht bislang nur wenig in Literatur und Praxis zu finden (5), sodass an dieser Stelle für die Forschung ein Desiderat und für die Praxis ein Bedarf formuliert werden kann.

    Gerade in unsicheren und instabilen Zeiten ist eine effektive und operativ gangbare Unternehmensverantwortung sowohl gesellschaftlich als auch ökonomisch bedeutsam: Zur verantwortlichen Mitgestaltung der transformatorischen Kräfte und zur ökonomisch klugen Sicherung und Entwicklung des Unternehmens.

    Mit einem transdisziplinären Ansatz (6) zur Forschung und für die Beratung von Unternehmen dürften die identifizierten Bedarfe am besten gedeckt werden können. Das bedeutet, dass schon bei der Entwicklung von Konzepten und Maßnahmen zu einer digital-nachhaltigen Unternehmensverantwortung Expert:innen aus Theorie und Praxis sowie mit unterschiedlichen Hintergründen gemeinsam an effektiven Lösungen für die anstehenden Herausforderungen arbeiten. So könnten in einer reflexiven und produktiven Weise ethische Aspekte mit betriebswirtschaftlichen Anforderungen verzahnt werden, um Strategien und zugleich auch konkrete Tools, wie Mess- und Umsetzungsmodelle für unternehmerische Maßnahmen, zu entwickeln, die gleichermaßen der digitalen wie der ökologischen Seite der anstehenden Transformation gerecht werden.

     

    Prof. Dr. Matthias Schmidt
    ist Professor für Unternehmensführung/Unternehmensethik an der Berliner Hochschule für Technik (BHT). In Forschung, Lehre und Beratung befasst er sich mit den Fragen einer gesellschaftsbezogenen und verantwortungsbewussten Unternehmensführung und -entwicklung.
    mschmidt@bht-berlin.de; http://prof.bht-berlin.de/schmidt

     

    Prof. Dr. Matthias Tomenendal
    ist Professor für Allgemeine BWL, insbesondere Management & Consulting, an der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin. Seine Kernthemen sind strategisches Management und Unternehmensberatung, derzeit mit den Schwerpunkten Neues Wachstum, Digitalisierung und Nachhaltigkeit.
    matthias.tomenendal@hwr-berlin.de

     

    (1) Vgl https://www.trendreport.de/megatrends/   /  vgl. Naisbitt, J. (1984). Megatrends – 10 Perspektiven, die unser Leben verändern werden. 2. Auflage, Bayreuth: Hestia   /    vgl. https://www.zukunftsinstitut.de/dossier/megatrends/#12-megatrends (letzte Abrufe: 6. November 2022)
    (2) Vgl. hierzu auch die Überlegungen zu Optionen für die so genannte “Zwillingstransformation” bei Basler, S. & Brink, A. (2022). Twin Transformation Typologie, https://i-em.de/ttt (letzter Abruf: 5. November 2022)
    (3) Vgl. Sühlmann-Faul, F. (2019). Digitalisierung und Nachhaltigkeit – It takes two to tango. Ökologisches Wirtschaften – Fachzeitschrift, 33(2), 11. https://doi.org/10.14512/OEW340211 (letzter Abruf: 5. November 2022)
    (4) Vgl. Polanyi, K. (2021). The Great Transformation: Politische und ökonomische Ursprünge von Gesellschaften und Wirtschaftssystemen, 15. Auflage, Suhrkamp Taschenbuch Verlag Berlin.
    (5) Vgl. Griese, K.-M., Hirschfeld, G. & Baringhorst, S. (2019). Unternehmen zwischen Digitalisierung und Nachhaltigkeit – eine empirische Untersuchung. NachhaltigkeitsManagementForum 27, 11-21.
    (6) Vgl. Lawrence, M. G., Williams, S., Nanz, P. & Renn, O. (2022). Characteristics, potentials, and challenges of transdisciplinary research, One Earth 5(1), 44-61.

     

    Creative Commons Lizenzvertrag
    Der Text „Impulse für eine verantwortlich-nachhaltige Digitale Transformation“ von Matthias Schmidt und Matthias Tomenendal ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz

  • Komplexität und Resilienz

    Komplexität und Resilienz

    Foto: Taylor Deas-Melesh auf Unsplash

    Wir leben in einer Zeit zunehmender Komplexität. Um ihr zu begegnen und Antworten auf die drängenden Fragen des 21. Jahrhunderts zu finden, brauchen wir eine krisenresiliente Gesellschaft. Aber wie entsteht Resilienz? Denkanstöße zur sozialen und institutionellen Transformation – von der Schule bis ins Unternehmen.

    Von Tong-Jin Smith

    Schon vor zehn Jahren sprach sich die Unesco dafür aus, die Resilienz von Bildungssystemen zu stärken, Krisenprävention und Friedensbildungsmaßnahmen in bildungspolitische Entscheidungen einzubeziehen – lange vor Covid-19, den Lockdowns, dem Krieg in der Ukraine und der drohenden Energiekrise. Laut Leonora MacEwan vom International Institut for Educational Planing könne die Integration von Maßnahmen zur Verringerung von Konflikt- und Katastrophenrisiken in die Bildungspolitik, -pläne und -programme Ländern helfen, die Vorhersage, Verhinderung und Bewältigung von Konflikten und Katastrophen zu stärken. Aber was genau bedeutet das? Wie kann man nicht nur Bildungssysteme stärken, sondern auch Menschen und Unternehmen? Und welche Kompetenzen werden dafür benötigt?

    Resilienz ist laut der Studie „Zukunftskraft Resilienz – Gewappnet für die Zeiten der Krise“ des Frankfurter Zukunftsinstituts die „dynamische Kombination aus Stabilität (Identität, Sicherheit, Verlässlichkeit) und Flexibilität (Beweglichkeit, Offenheit, Kreativität)“. Aus dieser Definition leiten die Autor:innen für die Sphären Planet, Mensch, Gesellschaft und Wirtschaft verschiedene To-Dos ab und identifizieren als zentrale Voraussetzung für mehr Resilienz einen Bewusstseinswandel, der die Entwicklung einer „höheren sozialen Rationalität“ voraussetzt sowie eine neue „Wir-Komplexität“, die Emotionalität anerkennt, sinnstiftend ist und Kreativität fördert. Ganz nach dem Motto: „Individuelle Resilienz kann nur gelingen, wenn der Mensch sich wieder als soziales Wesen begreift.“

    Resilienz ist keine Privatsache

    Gleichzeitig proklamieren sie, dass Resilienz keine Privatsache sei. Individuelle, organisationale und gesellschaftliche Resilienz müssten stets zusammen gedacht werden. So gesehen beginnt der Weg zur resilienten Gesellschaft in der Familie und erstreckt sich über das Bildungsystem, Unternehmen, Vereine, Parteien und andere Institutionen in die Gesellschaft. Sie kann als Antwort auf die zunehmende Komplexität verstanden werden, die laut Trend- und Zukunftsforscher Harry Gatterer in vielen Bereichen deutlich an Geschwindigkeit zunimmt. Auch auf den Krisenmodus, den Gesellschaftsforscher:innen in der Netzwerkgesellschaft als „New Normal“ bezeichnen, kann die resiliente Gesellschaft Antworten finden. Die aktuellen Krisen – von Corona bis Klima – zeigen schon, wie wichtig es ist, auf die zunehmende Ungewissheit und Unsicherheit mit klugen systemischen und intersektoralen Kompetenzen und Konstellationen zu antworten.

    Dazu zählt vor allem demokratische Resilienz, denn Krisen wie die Folgen von Naturkatastrophen, Pandemien oder Kriegen fordern schnelle politische Entscheidungen, die zum Teil in die bürgerlichen Grundrechte eingreifen oder eine staatliche Regulierung des Marktes bedeuten. Die überlicherweise langwierigen Entscheidungs- und Gesetzgebungsprozesse liberaler Demokratien sind wenig geeignet, um auf Krisen dieser Art zeitnah zu reagieren. Und so können sich Autokratisierungstendenzen einschleichen, weil die „Checks & Balances“ parlamentarischer Prozesse nicht greifen und die Exekutive ihre Macht schlimmstenfalls ungebremst ausweiten kann – so wie in Ungarn oder anderen semi-autoritären Staaten. „Auch wenn viele Demokratien die letzten zwei Jahre überstanden haben, ohne demokratische Prinzipien aufzugeben, sind die mittel- bis langfristigen Folgen der Pandemie für demokratisches Regieren derzeit noch nicht absehbar“, schreibt Sebastian Hellmeier, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin. Man denke nur an das aktuelle „Machtwort“ von Olaf Scholz in Sachen Atomkraftwerkelaufzeit.

    Nicht immun gegen Autokratisierung

    Keine Demokratie sei vollständig immun gegen Autokratisierung, so Sebastian Hellmeier. Die Stärkung ihrer Resilienz sei daher eine dauerhafte und mitunter mühsame Aufgabe, die sich aber lohne. Stichwort: Demokratiebildung. Denn eine aktive Zivilgesellschaft sei ein gutes Mittel, „die Widerstand gegen die Erosion der Demokratie leistet und die sich Politiker:innen, die demokratische Normen brechen, an der Wahlurne oder notfalls auf der Straße entgegenstellt.“ Auch Politiker:innen könnten beitragen, indem sie ihre Anhänger:innen mobilisierten, ohne auf eine toxische Polarisierung von „die“ und „wir“ zu setzen – das Gegenteil von dem, was gerade bei den Wahlen in Italien, Schweden oder auch Niedersachsen zu beobachten war.

    Diese toxische Polarisierung könne als Anzeichen für die Rückkehr des Faschismus verstanden werden. „Hier kippt gerade was“, kommentiert Publizist Georg Diez in Deutschlandfunk Kultur. „Und was wir erleben, unterscheidet sich von dem, was noch vor einiger Zeit als autoritäre oder rechtspopulistische Tendenzen bezeichnet wurde. Es ist radikaler, aggressiver, selbstsicherer – angetrieben durch die wachsende Ungleichheit, wachsende Ängste, größere gesellschaftliche Anspannung.“ Politiker:innen müssen also, wie Sebastian Hellmeier fordert, „einige der derzeit diskutierten Kernursachen der Autokratisierung wie wachsende ökonomische Ungleichheit angehen.“

    Sphären in Einklang bringen

    Das mag angesichts der Vielzahl aktueller Herausforderungen klug dahergeredet klingen, aber in dieser Aussage steckt ein wichtiger Punkt: Demokratische Reslienz erwächst aus aktiver Teilhabe, Chancengleichheit und einer Werteorientierung, die alle vier Sphären Planet, Mensch, Gesellschaft und Wirtschaft in Einklang miteinander bringt – die mit anderen Worten nachhaltig ist. Wir können die aktuelle Energiekrise nicht ohne die Klimakrise denken. Entsprechend können wir unsere Ressourcen nur schützen, wenn wir unsere Stromversorgung dekarbonisieren, unsere Mobilität modernisieren oder unsere Ess- und Konsumgewohnheiten ändern. Wir können die notwendigen Transformationen nur realisieren, wenn es den Menschen gut geht und soziale Gerechtigkeit stärker wiegt als wirtschaftlicher oder politischer Profit.

    Die Stadt Zürich etwa hat sich daher der Kreislaufwirtschaft verschrieben, weil sie die Umwelt und das Portemonnaie der Bürger:innen schone und gleichzeitig Innovationen fördere. Ein nachhaltiges Konzept. Ähnlich wie das Teilen. In diesem Sinne sollten Städte laut Felix Creutzig, Professor für Nachhaltiges Wirtschaften an der TU Berlin, „ohne Tiefgaragen und Stellplätze planen.“ Stattdessen empfiehlt er eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und sehr gute Fahrradnetze. Auch geteilte Mobilität wie Car- oder Bike-Sharing gehören dazu. Nur so ist die Verkehrswende sozialverträglich zu schaffen. Es ist auch kein Geheimnis: Mehr Aufenthaltsqualität durch weniger Autos trägt zu mehr sozialer Gerechtigkeit bei, was wiederum die demokratische Resilienz fördert. All das gelingt uns aber nicht, wenn wir weiterhin auf Wachstum setzen und die sozioökonomische Spaltung der Gesellschaft in Kauf nehmen.

    Begegnungsräume schaffen

    Es gilt also Begegnungsräume zu schaffen, in denen sich Menschen austauschen und Lösungen erarbeiten können – digital und real, um im Sinne von Jürgen Habermas im öffentlichen Diskurs den bestmöglichen bzw. gerechtesten Weg zu finden. Frei nach dem Motto: „Möge sich das beste Argument durchsetzen“. Anbieter sozialer Medien wie Twitter, Meta oder Tiktok können und wollen das nicht leisten. Ihr Interesse gilt primär der Vermarktung ihrer Nutzer:innen, die sich möglichst lange auf den Plattformen aufhalten sollen. Ein Ziel, das durch inhaltliche Emotionalisierung sowie algorithmische Individualisierung und Polarisierung erreicht wird, nicht durch einen demokratischen Diskurs.

    So fällt die Aufgabe etwa journalistischen Medien zu, partizipative Räume in der digitalen und analogen Öffentlichkeit zu schaffen und an den Fragen der Bürger:innen orientiert Formate und Inhalte zu entwickeln, die diesen öffentlichen Diskurs ermöglichen. Die Zeit versucht das mit ihrer Rubrik „Debatte“, allerdings erreicht sie damit nur ihr eigenes Publikum, eine gesellschaftliche Minderheit in vielerlei Hinsicht. Hier könnten also vor allem öffentlich-rechtliche Medien (ÖRM) eine zentrale Rolle spielen, die ihrer Informations- und Bildungsaufgabe durch Gemeinwohlorientierung nachkommen wollen.

    Richtungsweisend ist hier der im Mai verabschiedete „Leipziger Impuls III“. Darin halten die Unterzeichner:innen fest, dass die integrative Aufgabe von öffentlich-rechtlichen Medien vor allem im „Sichtbarmachen und Einordnen der gesellschaftlichen Vielfalt, u. a. hinsichtlich Themen, Akteuren, Meinungen, Erfahrungen, Werthaltungen und Perspektiven in zeitgemäßen Angebotsformen und vielfältigen Genres“ besteht. Entsprechend sei es die Rolle der ÖRM, „durch die Herstellung und Verbreitung ihrer Angebote als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen.“ Mit partizipativen Angeboten könnten also Deutschlandfunk, 3sat, ZDF und die Sender der ARD sowie der Digitalkanäle von FUNK durchaus den Austausch unterschiedlicher Perspektiven, Meinungen und Erfahrungen ermöglichen, der letztlich gesellschaftliche Solidarität, Vertrauen und Vielfalt hervorbringen kann. Die dafür notwendige Transformation der ÖRM muss jetzt an Fahrt gewinnen.

    Im Scheitern wachsen

    „Auch Unternehmen können dazu beitragen, indem sie etwa Begegnungsräume schaffen, in denen Mitarbeitende für sie relevante Themen offen besprechen können“, so die Autor:innen der Zukunftsinstitutsstudie. Zudem gelte es Kompetenzen zu fördern, indem neben einer aktiven Lern- auch eine Fehlerkultur etabliert und gelebt wird, „die es Mitarbeitenden erlaubt, auch im Scheitern zu wachsen.“

    Das gilt ebenso für den zentralen Lernort Schule. Hier sollen nicht nur Fächer unterrichtet, sondern auch Kompetenzen gefördert werden. Dazu zählen im Sinne der „Wir-Komplexität“ Kollaboration und Empathie, die – gepaart mit den aktuellen Herausforderungen – zu Konzepten wie Frei Day führen. In diesem Lernformat stellt nicht Lehrkraft die Fragen, sondern das Leben. „Schüler*innen sind selbst gewählten Zukunftsfragen auf der Spur. Sie entwickeln innovative und konkrete Lösungen und setzen ihre Projekte direkt in der Nachbarschaft und Gemeinde um“, heißt es dazu vom Frei Day Netzwerk. Schulen bieten die dazu nötigen (zeitlichen) Frei-Räume.

    Das Lernformat soll Schüler:innen befähigen, Herausforderungen unserer Zeit selbständig zu erkennen und mutig, verantwortungsbewusst und kreativ anzupacken. Denn „Lernen braucht Kontext – und der kommt meist zu kurz in den klassischen Stundenplänen. Es braucht nicht neue Fächer, sondern mehr Freiraum für Erfahrungs- und Beziehungslernen, insbesondere wenn es um Zukunftsthemen geht“ so Ulrich Weinberg, Leiter der School of Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam.

    „Project Future“ und selbstorganisiertes Lernen

    In diesem Sinne haben an der Staatlichen Internationalen Schule Berlin im vergangenen Schuljahr Schüler:innen einer 5. Klasse unter dem Titel „Project Future“ Arbeitsgruppen gebildet und jeden Donnerstagvormittag für vier Stunden an ihren Projekten gearbeitet. Dabei haben sie sich an den SDGs der Vereinten Nationen orientierten. Eine Gruppe hat Kräuter und Gemüse in den Hochbeten des Schulhofs angebaut und in anderen Klassen über ihr Engagement für Schulgrün und biologische Vielfalt gesprochen. Eine andere Gruppe hat sich mit nachhaltiger Stadtentwicklung beschäftigt und im Rahmen ihres Projekts Vogelhäuschen aus Restholz und vertikale Gärten aus Europaletten entwickelt.

    „Ich habe nicht nur gelernt, mit einem 3D-Design-Programm umzugehen, sondern auch verstanden, wie man mit Recycling und einfachen Sachen etwas Gutes bewirken kann“, fasst der 11-jährige Keanu seine Erfahrung zusammen. Dabei sei es anfangs gar nicht so einfach gewesen, herauszufinden, was er genau in „Project Future“ machen wollte. „Wir haben in der Gruppe viele verschiedene Ideen gehabt und lange gebraucht, um uns zu entscheiden. Aber es hat Spaß gemacht.“ Besonders freut ihn, dass er jetzt in der 6. Klasse noch mehr Freiräume hat, um selbständig an einem Thema zu arbeiten.

    Selbstorganisiertes Lernen heißt das Konzept und es wird ergänzend zum Fachunterricht angeboten. In kleinen Gruppen arbeiten Schüler:innen regelmäßig an Themen und Fragestellungen, die sie persönlich interessieren und nicht unbedingt im Rahmenlehrplan stehen – wie etwa das Programmieren eines Computerspiels. Das fördert laut den Bildungsforscher:innen Vivien Lee Looi Chng und Steven J. Coombs das kritische Denken und eignet sich als Ansatz zur Bewältigung und Reflexion des Wandels – einer zentralen Herausforderung des Krisenmodus unserer Zeit. Und so erhalten Kinder und Jugendliche ein Fundament für die dynamische Kombination aus Stabilität und Flexibilität, die man Resilienz nennt.

    Wissensnetzwerke als Innovations- und Transformationstreiber

    Ein zweiter wesentlicher Punkt auf dem Weg zur resilienten Gesellschaft sind Wissensnetzwerke. „Wissen zu teilen und zugänglich zu machen, erhöht die kollektive Intelligenz und ermöglicht Innovationen“, heißt es bei den Forscher:innen des Zukunftsinstituts. Dahinter steckt nicht nur die Idee, wissenschaftliche Erkenntnisse der Allgemeinheit etwa durch Open-Source-Lizenzen zugänglich und über Formen der Wissenschaftskommunikation verständlich zu machen, sondern Partizipation an der Wissensgenerieung und -verbreitung für alle zu ermöglichen – sowohl bottom-up als auch peer-2-peer. Konzepte wie Citizen Science sind laut der Leibniz-Gemeinschaft ein bewährtes Konzept, um Bürger:innen an der Wissensbildung zu beteiligen. Sei es in Schulklassen, Unternehmen oder im Privaten. Hier geht es um Selbstwirksamkeit, Reflexion und Beteiligung, die durch die Digitalisierung gefördert werden können. Als Nebeneffekt wird so auch die Science Literacy – das Verstehen wissenschaftlicher Prozesse – unterstützt.

    Im Unternehmenskontext wirken interdisziplinäre und hierarchieübergreifende Wissensnetzwerke als Innovations- und Transformationstreiber – intern wie extern, digital wie analog. Ein Beispiel ist hier die Tesla Motor Company, die 2014 all ihr patentiertes Wissen öffentlich machte, um die Elektromobilität zu fördern. Dabei ist Tesla nicht der einzige Akteur, der sein IP-Portfolio als Open Source zur Verfügung stellt.

    „In vielen Branchen beobachten wir einen Paradigmenwechsel von der traditionellen Wertschöpfung hin zur Ko-Wertschöpfung und zu offenen Produktionsansätzen. Die Grenzen der Unternehmen lösen sich auf und viel mehr Akteure (Lieferanten, Kunden, Mitglieder der Community, usw.) werden in den Wertschöpfungsprozess eingebunden. Das impliziert auch die gemeinsame Nutzung von Wissen, um branchenweite Standards zu setzen und neue Technologien voranzutreiben“, stellt die Arbeitsgruppe Wertschöpfungssystematik des Laboratoriums für Fertigungstechnik an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg fest.

    Partizipation als dritter Baustein

    Gepaart mit partizipatorischen Aspekten – dem dritten Baustein auf dem Weg zur resilienten Gesellschaft – wie der aktiven Einbeziehung aller Mitarbeitenden und Hierarchieebenen in Problemlösungs- und Entscheidungsfindungen werden Selbstwirksamkeit, Eigenverantwortung und Vertrauen gestärkt und somit eine organisationale Resilienz gefördert, von der die Gesamtgesellschaft profitiert. Ganz nebenbei werden auch demokratische Werte verinnerlicht und bestenfalls eine konstruktive Diskurskultur etabliert sowie eine gegenseitige Wertschätzung. Klingt idealistisch? Muss es nicht.

    Denn mit den Worten des Medienwissenschaftlers Henry Jenkins ermöglicht die partizipative Kultur, die aus der Digitalisierung hervorgeht, einem Großteil der Bevölkerung selbst Medien und Informationen zu produzieren und zu teilen. So ergeben sich „viele Möglichkeiten, sich an staatsbürgerlichen Debatten zu beteiligen, am Gemeinschaftsleben teilzunehmen“ und sei es „nur“ in einem Online- oder Planspiel. So wie im Projekt „Mitreden und mitmachen im Bezirk“ des Verbunds der Öffentlichen Bibliotheken Berlins. Das Planspiel bringt Bürger:innen die Arbeit der Bezirksverordnetenversammlungen näher. Soll eine neue Fahrradstraße eingerichtet werden? Braucht der Park wirklich neue Laternen? Demokratische Teilhabe mit der Möglichkeit sich im konstruktiven Diskurs zu üben – ohne gleich verbal zu entgleisen oder in Hasskommentare und Trolling zu verfallen.

    Ähnlich funktionieren auch die Apps PLACEm und #Stadtsache, die Kindern und Jugendlichen niedrigschwellig durch digitale Medien Teilhabe ermöglichen. „Sie lernen spielerisch – durch Gamification – sich an Willensbildungsprozessen zu beteiligen“, sagt Medien- und Sozialwissenschaftlerin Anna Grebe. Allerdings braucht es auch für die besten digitalen Tools eine sozialräumliche Anbindung oder eine analoge Anleitung. Digitalität ist kein Selbstläufer.

    Partizipation und Diversität

    Im Ergebnis kann diese Art der partizipativen Kultur dazu beitragen, dass insbesondere jüngere internataffine Generationen staatsbürgerschaftliche Fähigkeiten erlernen, indem sie Alltagsentscheidungen in politische Kontexte stellen – siehe Fridays for Future. Und dass junge Aktivist:innen wie Luisa Neubauer dann massenmedial eine hörbare Stimme werden, trägt ganz wesentlich zur Wissensvermittlung als Prozess sowie zu Teilhabe und Diversität als wünschenswerten Zuständen bei. Ihnen gemeinsam ist, dass sie Teil demokratischer Resilienz sind und mögliche Gegenmittel zu populistischen und autokratischen Bewegungen in der Gesellschaft.

    Gerade Diversität ist ein relevanter Aspekt von Partizipation. Gemeint sind die wertfreie Anerkennung der Verschiedenartigkeit von Menschen und die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Vielfalt der Gesellschaft. Dabei werden verschiedene Dimensionen von Personen erfasst, darunter ethnische und kulturelle Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Gesundheit bzw. Behinderung, Alter, religiöse Zugehörigkeit oder auch der Zugang zu Ressourcen wie Bildung und finanzielle Mittel.

    Um aber einer Stereotypisierung entgegenzuwirken, bedarf es einer intersektionalen Betrachtung. Hier zeigt sich wieder die erhöhte Komplexität unserer Welt. Denn Menschen lassen sich nicht nur auf ihr Geschlecht, ihre Abstammung oder ihren Glauben reduzieren. Wir sind als Personen mehr als die Summe verschiedener Dimensionen. Will man also Diversität und Teilhabe erreichen, kann man Inklusion in Form von Förderprogrammen und Initiativen als Prozess oder Werkzeuge nutzen – aber ohne Menschen eindimensional auf einen Aspekt zu reduzieren.

    Verschiedene Köpfe für Krisenresilienz

    Gar nicht so einfach in einer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft, in der wir gerne Menschen objektivieren und in Kategorien stecken wie „weiblich“, „Migrationshintergrund“ oder „bildungsfern“. Zur neuen sinnstiftenden Wir-Komplexität muss aber gehören, dass wir in den „Subjektstatus“ gelangen, wie der Neurobiologe Gerald Hüther es nennt, und aktiv Brücken bauen. Und das wiederum verlangt die bereits erwähnten Begegnungsräume und Partizipationsmöglichkeiten zum Wissensaustausch, zur Meinungsbildung und zur Lösungsfindung im Sinne einer krisenresilienten Gesellschaft, in der die Vorhersage, Verhinderung und Bewältigung von Konflikten und Katastrophen gestärkt sind. Genau dafür benötigen wir laut der Beratungsgesellschaft E&Y „verschiedene Köpfe“.

    Denn nicht erst seit den corona-bedingten Lockdowns befindet sich die Lern-, Arbeits- und Kommunikationswelten in einem tiefgreifenden digitalen Transformationsprozess. Schon vor 2020 war klar, dass künftig unsere Interaktionen mit Technologie zunehmen und komplexer werden würden. Das heißt nicht, dass Jobs und Dienstleistungen einfach automatisiert werden und Algorithmen und Roboter übernehmen, sondern dass sich die Anforderungen an die individuelle Medien- und Informationskompetenzen erhöhen und die Zusammensetzung von Teams in der Arbeitswelt verändern, um den Ansprüchen dieser Interaktionen gerecht zu werden und potenzielle Qualifikationslücken zu schließen.

    „Personaleinstellung, -beschaffung und -entwicklung werden sich mit Sicherheit ändern müssen, und zwar vom Primat ‚erfahrungsbasiert, generalisiert‘ zu ‚kognitiv-befähigt spezialisiert‘. Organisationen und Unternehmen, die in der Lage sind, den Code zu knacken zwischen Neurodiversität, Organisationskultur und Personalaufstockung, werden zweifellos als Erste ihren Unternehmenswert steigern können“, so Ben Cooke von E&Y. Gemeint ist nicht nur einfach die Zusammenstellung von diverseren und heterogenen Teams im klassischen Sinne, sondern die bewusste Integration und Wertschätzung von neurodiversen Menschen, die etwa auf dem ADHS-Spektrum sind oder mit Dyslexie diagnostiziert.

    „Dyslexic Thinking“ als Qualifikation

    Letzteres wird traditionell negativ geframed als Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Sprachverarbeitungsstörung und wird in Schule und Ausbildung als Nachteil gesehen. Prominente Vertreter:innen können ein Lied davon singen, darunter TV-Koch Jamie Oliver, Virgin-Gründer Richard Branson oder Schauspielerin Keira Knightly. Positiv geframed wird diese angebliche Schwäche, von der laut aktueller Studien zwischen 15 und 20 Prozent der Weltbevölkerung betroffen sind, aber zur Stärke.

    „Die Stärken von Menschen mit Dyslexie in Bezug auf Kreativität, laterales Denken und Führung sind für Unternehmen jetzt und zukünftig von großer Bedeutung“, so Jonnie Goodwin, Mitgründer des Founders Forums und Leiter der Handelsbankabteilung bei Alvarium Investments in London. „Unternehmen müssen mehr Menschen mit Dyslexie aktiv rekrutieren zur Ergänzung ihrer Teams und um sicherzustellen, dass so der dringend benötigte Qualifikationsbedarf der Zukunft gedeckt wird.“

    LinkedIn listet daher seit April „dyslexic thinking“ als Qualifikation auf. Es gehe darum, einerseits Stigmata abzubauen und andererseits ein Bewusstsein für die Stärken dyslexischer Menschen – wie Kreativität, Vorstellungskraft, ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten oder vernetztes Denken zur Erkennung komplexer Zusammenhänge – zu schaffen, so Nathan Friedman, Marketingleiter und Co-Vorstandsvorsitzender von Understood.org, in einem Beitrag für LinkedIn.

    Beitrag zur resilienten Gesellschaft

    Man könnte auch sagen, dass es zum verantwortungsvollen Handeln von Unternehmen und Organisationen gehört, (neuro-)diverse Menschen einzustellen und gemäß ihren Fähigkeiten zu fördern. Gleichzeitig ist es eine Maßnahme zur Steigerung von Diversität, Diskursfähigkeit und Demokratie. Genau das, was wir brauchen, um als Gesellschaft gewappnet zu sein für den Krisenmodus und die Herausforderungen der Zukunft. Und somit schließt sich der Kreis.

    Eine resiliente Gesellschaft, die mit Komplexität umgehen kann, baut auf „Demokratie, Menschenrechte, soziale Inklusion und Nachhaltigkeit. Diese Leitwerte lassen sich unter dem Prinzip der Demokratie bündeln: Ohne Menschenrechte ist Demokratie nicht denkbar, ohne soziale Inklusion hat Demokratie keinen Bestand, nur eine nachhaltige Entwicklung kann die natürlichen Ressourcen als Voraussetzungen für das Überleben demokratischer Gesellschaften bewahren“, wie es Wolfgang Edelstein 2015 in seiner Rolle als Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zusammengefasst hat. Wie tragen Sie zur resilienten Gesellschaft bei?

     

    Dr. Tong-Jin Smith
    ist Hochschuldozentin und Publizistin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

    Titelfoto: Taylor Deas-Melesh auf Unsplash

     

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    Der Text „Komplexität und Resilienz“ von Tong-Jin Smith ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz