Welchen Einfluss besitzen Social Media auf diesen Trend? Das Gespräch mit der Psychiaterin Heike Thomas, DGD Klinik Hohe Mark
Wiesbaden / Oberursel (2mind) – Immer mehr Mädchen und weibliche Jugendliche kommen mit Essstörungen in stationäre Krankenhausbehandlung. Innerhalb der letzten 20 Jahre haben sich die Behandlungszahlen für 10- bis 17-Jährige verdoppelt, berichtete das Statistische Bundesamt in dieser Woche. Während sich die Gesamtzahl der Behandlungen wegen Essstörungen kaum veränderte, stieg der Anteil der Kinder und Jugendlichen von 23,4% im Jahr 2003 auf 49,3% im Jahr 2023. Etwa 3.000 junge Patientinnen wurden 2003 wegen Essstörungen behandelt, 20 Jahre später waren es etwa 6.000 junge Menschen.
Frauen sind mit 93,3% der Behandelten im Jahr 2023 deutlich häufiger von Essstörungen betroffen als Männer. Mit durchschnittlich etwa 53 Tagen lag die Behandlungsdauer bei Essstörungen deutlich über dem Durchschnitt anderer Erkrankungen. 2023 wurden zudem 78 durch Essstörungen verursachte Todesfälle erfasst.
In den Medien wird in dieser Woche mit Schlagzeilen wie „#Skinnytok: Magerwahn durch Social Media“ und „Mehr Essstörungen bei jungen Mädchen – Experten fordern Social-Media-Regeln von der Politik“ zu den steigenden Zahlen berichtet. Wie steht es um den Zusammenhang zwischen Social Media und der Entstehung von Essstörungen?
Social Media und Körperideale
Oberärztin Dr. Heike Thomas (Foto: DGD Klinik Hohe Mark)
Heike Thomas ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie an der DGD Klinik Hohe Mark in Oberursel bei Frankfurt. „Dass soziale Medien immer schon eine Rolle gespielt haben im Zusammenhang mit Essstörungen, steht für mich außer Frage“, sagt Thomas.
Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sei der Bedarf in der Kinder- und Jugendpsychiatrie deutlich gestiegen. Beigetragen hätten Einsamkeit, soziale Isolation und auch eine höhere Mediennutzung. Allerdings: „Essstörungen gibt es schon extrem lange“, so Thomas – Jahrhunderte vor der Erfindung digitaler Medien. Bereits „im Mittelalter haben Mädchen gefastet, um sich unattraktiver zu machen und einer erzwungenen Heirat zu entgehen“, so die Oberärztin.
Sicher hätten die Medien einen Einfluss, indem sie etwa die Möglichkeit zu Vergleichen oder zum Austausch mit anderen steigerten. Bedeutsam sei auch die „Möglichkeit, in Social-Media-Kanälen das eigene Aussehen zu manipulieren.“ Medien nehmen Einfluss auf Körperideale und das Körperbild – und damit auch auf die Entstehung von Essstörungen. Aber Essstörungen seien eine multifaktorielle Erkrankung, so Thomas weiter, deshalb funktioniere es nicht zu sagen: „Die Medien werden abgestellt und die Essstörung ist wieder im Griff.“
Mehr als eine Ursache
Einfluss auf die Entwicklung von Essstörungen besitzen etwa genetische Belastungen oder familiäre Einflüsse, Gleichaltrigengruppen und etwa die Konkurrenz in bestimmten Mädchencliquen. Wie Thomas weiter berichtet, wird aktuell insbesondere zu der Fragestellung geforscht: „Mit welchem Anteil ist die Essstörung psychotherapeutisch zu behandeln“ und „inwieweit ist sie eine somatische Erkrankung“? So wird etwa der Einfluss von Mikroorganismen im Darmtrakt auf die Entstehung von Essstörungen untersucht.
Mit der Klinikaufnahme werden die Patientinnen angehalten, in den ersten Wochen auf die Nutzung sozialer Medien zu verzichten und sich auf sich selbst zu fokussieren.
In der psychotherapeutischen Behandlung geht es insbesondere um Körperbilder – und bei vielen Patientinnen spielen dabei soziale Medien eine Rolle. Aber, so Thomas weiter: „Die Auseinandersetzung mit Social Media steht bei uns nicht im Vordergrund.“
Breites Behandlungsspektrum
Für die Patientinnen sei es wichtig, an regelmäßiges Essen herangeführt zu werden und die Essensaufnahme wieder selbst steuern können. Anfangs bekommen die Patientinnen auf einem Tablet eine vorher besprochene Essensration serviert, die es aufzuessen gilt. Später lernen sie, aus einem vielseitigen Angebot die eigene Nahrung auszuwählen. Dazu werden individuelle Essverträge geschlossen und Essprotokolle geführt, die mit einer Bezugspflegekraft besprochen werden. Zum multimodalen Behandlungssystem gehören therapeutische Einzel- und Gruppengespräche, Psychoedukation, Bewegungs-, Ergo- und Maltherapie sowie in der christlichen Klinik ein reichhaltiges Seelsorgeangebot.
„Die Handynutzung in Therapien und Gruppenzusammenhängen ist nicht gestattet“, sagt Thomas. Allerdings komme man mit Verboten und Regularien nur begrenzt weiter. „Wichtig ist, sich über den Beziehungsaspekt mit den Patientinnen auseinanderzusetzen.“
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Wien / München (2mind) – Aktuelle Bildungspläne für die Frühpädagogik setzen einen vermehrten Einsatz digitaler Medien voraus. In der Praxis begegnet dieser Einsatz zahlreichen Hürden. Die Medienkompetenz frühpädagogischer Fachkräfte ist eine davon. Eine aktuell veröffentlichte Studie untersucht, wie sich diese steigern lässt.
Astrid Wirth und das Autorenteam beleuchten zunächst die Situation in frühpädagogischen Einrichtungen: „Digitale Medien sind heutzutage von Anfang an fester Bestandteil des Alltags von Kindern, und digitale Bildung wird aufgrund der zunehmenden Digitalisierung als wesentliche Voraussetzung für eine aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben betrachtet“. Allerdings heißt es weiter in dem Paper: Es „werden nur in etwa einem Drittel der Einrichtungen digitale Medien in die pädagogische Arbeit mit den Kindern integriert und die wenigsten Einrichtungen regeln deren Einsatz und Umgang über ein verbindliches Medienkonzept.“ Gründe seien etwa die finanzielle Ausstattung, pädagogische Konzeptionen oder Rahmenbedingungen von Einrichtungsträgern. Ein weiterer wichtiger Grund seien die Fachkräfte selbst.
Für die Erstellung und Umsetzung medienpädagogischer Konzepte benötigen Fachkräfte medienpädagogische Kompetenzen. Diese umfassen „Fähigkeiten der Medienkompetenz, wie beispielsweise Medien zu nutzen, Informationen zu recherchieren und zu verarbeiten, medial zu kommunizieren und zu kooperieren, Inhalte zu produzieren und zu präsentieren (…), sowie medienpädagogische Kompetenzen, wie medienbezogenes Wissen und medienbezogene Handlungsfähigkeiten in der Arbeit mit Kindern“. Weiter heißt es in dem Paper: „Eine einheitliche 15Definition von Medienkompetenzen in der Frühpädagogik und ein eigenständiges Kompetenzmodell für frühpädagogische Fachkräfte fehlt jedoch bislang“.
Die medienbezogene Qualifikation frühpädagogischer Fachkräfte unterscheide sich je nach Zugängen und Ausbildungswegen. Jüngere Fachkräfte hätten mit größerer Wahrscheinlichkeit medienpädagogisches Wissen erworben, und das Fort- und Weiterbildungsangebot sei umfangreich.
In der Studie wurde untersucht, ob ein Fortbildungsansatz mit zwei Fachkräftetrainings das medienbezogene Wissen und Handeln von pädagogischem Fachpersonal effizient und langfristig steigert. Das gelingt, so die Studienergebnisse. „Die Ergebnisse zeigen ebenso, dass die Teilnahme an der Fortbildung Fachkräfte dabei unterstützt, ein Medienkonzept für ihre Einrichtung zu erstellen und zu implementieren“, so die Studie. Während medienbezogenes Wissen und Handeln gestärkt wurde, zeigte sich keine Auswirkung der Fortbildungen auf die Medienkompetenz und die Einstellungen zu digitalen Medien der Fachkräfte.
Eine weitläufige Befürchtung konnte die Studie jedoch entkräften, dass nämlich digitale Medien – etwa Tablets – nach ihrer Einführung in Kitas exzessiv genutzt werden. Die Forscher stellten fest: „Die Tablets waren im Alltag der Kinder nur ein Medium unter vielen und wurden zeitlich begrenzt und ergänzend eingesetzt, was sich mit den Erkenntnissen vergangener Forschungsprojekte deckt.“
Inga Gerckens im Interview zur Situation von Frauen in der Prostitution, der Ausstiegsbegleitung und dem Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz
Hamburg (2mind) – Die Evaluationsstudie zum Prostituiertenschutzgesetz (2mind berichtete) hat ein sehr unterschiedliches Echo erhalten. Während die einen hohe wissenschaftliche Standards loben, beklagen die anderen eine Realitätsferne. Zu den Kritikerinnen gehört Inga Gerckens. Die Sozialökonomin verantwortet die operative Leitung des Hamburger Vereins Mission Freedom. Mit ihr sprach Achim Halfmann für 2mind.
2mind: Mit der Evaluation des Prostituiertenschutzgesetzes wurde ein Sondergutachten zur Freiwilligkeit erstellt. Die Kurzfassung: Freiwillig ist alles, was nicht unter Bedrohung für Leben und Gesundheit geschieht. Geschieht also der Großteil der Prostitution freiwillig?
Inga Gerckens: Das Sondergutachten wurde auf einer Ebene erstellt, auf der es um juristische Feinheiten geht, und es beleuchtet Freiwilligkeit in verschiedene Richtungen auf einer sehr intellektuellen und klugen Ebene. Aber es geht in der Realität um Menschen, um Lebensumstände und um Notlagen, und ich habe ich den Eindruck: Das Gutachten ist weit weg von dieser Realität. Zu uns nach Deutschland kommen viele Frauen aus Osteuropa und anderen Ländern aus größten Notlagen. Diese Frauen wollen ihre Lebenssituation verbessern. Angesichts des Mittels, das sie dazu wählen, stellt sich die Frage: Ist das tatsächlich ein Weg, den wir ihnen als Gesellschaft zugestehen sollten? Oder müssten wir einen Aufschrei wagen?
Es ist erschreckend, was da passiert, und das macht auch etwas mit uns als Gesellschaft. Ein bedrückendes Beispiel ist der elendige Straßenstrich in Berlin mit seinen sogenannten Verrichtungsboxen. Das sind dreckige Boxen, die zugleich als Toiletten genutzt werden können, in denen sich Frauen zu Dumpingpreisen prostituieren. Oder junge Frauen, die ohne Deutschkenntnisse in Wohnwägen auf einsamen Landstraßen anschaffen. Oder Bordelle voller Frauen, die wie am Fließband Freier bedienen und wöchentlich den Ort wechseln, um woanders als „frische Ware“ angepriesen zu werden. Natürlich kann man sagen: Wir wollen diesen Menschen nicht die Möglichkeit nehmen, Geld zu verdienen und ihre Lebenssituation zu verbessern. Aber so denken wir in keinem anderen Bereich in Deutschland – überall geht es um Mindeststandards und Würde. In keinem anderen Bereich würde man dieses Elend betrachten und sagen, es handele sich um eine hilfreiche Möglichkeit, der eigenen Not etwas entgegenzusetzen. Hier, meine ich, müssten wir einen Aufschrei wagen.
Muss denn Prostitution nicht von Zwangsprostitution unterschieden werden?
Im Kontext von Prostitution besteht eine Bandbreite an Zwangs- und Notlagen und Ausbeutungsform, die unserer Erfahrung nach häufig so ineinander überfließen, dass man Prostitution und Zwangsprostitution nicht einfach voneinander treffen kann. In der Prostitution treffen wir Menschen, deren Biografien geprägt sind von Gewalt, von Armut, von Missbrauch, von psychischen Problemen. Es sind Menschen, die häufig schon ihr Leben lang mit Problemen überfordert sind. Kein Wohnsitz, keine Krankenversicherung, kein soziales Netzwerk, keine gesunden Beziehungen – dafür aber psychische Belastungen, Krankheiten oder auch Behinderungen. Das erschwert es ihnen, gute Entscheidungen zu treffen. Wenn man dieses Elend im Rotlicht miterlebt, fehlen einem die richtigen Worte für das, was dieses Freiwilligkeits-Gutachten macht. Von freien Entscheidungen kann da keine Rede sein.
In der öffentlichen Diskussion wird die nach außen hübsche Seite von Prostitution deutlich stärker wahrgenommen als das, was Du gerade geschildert hast und die fast unsichtbar zu sein scheint.
Es gibt wenig Lobby für die Frauen, die ihre Stimme nicht selbst erheben können. Unsichtbar sind sie aber nicht: Man sieht den Straßenstrich, man sieht Laufhäuser, Bordelle, Appartements, Wohnwagenprostitution, die Prostitution am Straßenrand und im Wald. Überall in Deutschland ist Prostitution sichtbar. Und ein Blick in die Freierforen zeigt ebenfalls, dass viele Käufer sich an Elend und Not aufgeilen und die Frauen durch rassistische und sexistische Kommentare und Handlungen in ihrer Würde beschädigen.
Du sprichst von Migrantinnen, die hier in der Armutsprostitution landen. Kann das Prostituiertenschutzgesetz diesen Frauen helfen?
Ein Teil der Frauen ist angemeldet, viele jedoch auch nicht. Für manche ist eine solche Anmeldung aus ihrer kulturellen Prägung unwichtig, ihnen fehlt ein Verständnis für den Nutzen. Andererseits erleben wir häufig Frauen, die sich unter Zwang prostituieren und die zu einer Anmeldung gedrängt werden, weil nach außen ein sauberer Eindruck vermittelt werden soll.
Wir erleben nicht, dass eine Anmeldung eine Auswirkung auf die Arbeits- und Lebenssituation hat. Eine Anmeldung schützt nicht davor, aufgrund wirtschaftlicher Not gefährliche Praktiken anzubieten und schützt ebenfalls nicht vor Demütigung, vor Entwürdigung, vor grenzüberschreitendem Verhalten, vor Abhängigkeit und vor Stigmatisierung.
Was wird eigentlich aus den Frauen, die sich heute prostituieren, wenn sie älter werden? Was ist ihre Zukunftsperspektive?
Wir begleiten einige Frauen im Alter von 50 plus. Die älteste Person, die wir beim Ausstieg aus der Prostitution begleitet haben, war 79 Jahre alt. Dabei erleben wir Menschen, die körperlich und seelisch am Ende sind, die es nicht mehr aushalten. Was mit den Frauen passiert, die keine Hilfe suchen, weiß ich nicht, ob sie hier sterben oder in ihre Heimat zurückkehren oder in der Obdachlosigkeit verelenden. Aber was ich weiß, das ist: Diese Frauen haben viele Jahre in Deutschland in der Prostitution gearbeitet und sie haben am Ende nichts: kein Geld angespart, keinen Wohnsitz, keine Supportsysteme, keine Kranken- oder Rentenversicherung. In dem System Prostitution geht es darum, jeden Tag das Überleben zu schaffen, und dabei verschlechtert sich jeden Tag die körperliche und psychische Situation. Am Ende müssen die Frauen sehen, ob sie irgendwie vom Hilfesystem aufgefangen werden.
Zum Stichwort Hilfesystem: Wie gut sind wir in Deutschland aufgestellt? Werden wir den Frauen gerecht, oder müssten wir uns auch als Gesellschaft viel stärker engagieren?
Wir erleben, dass die Frauen häufig durch eine Lücke im System fallen. Frauen aus Osteuropa zum Beispiel dürfen für die Arbeitssuche in Deutschland sein. Wenn sie in der Prostitution arbeiten, haben sie – nicht alle, aber die meisten – keinen Wohnsitz und sind nicht gemeldet. Wenn sie dann aussteigen wollen, haben sie nicht sofort Anspruch auf Sozialleistungen. Da gibt es große Unterschiede zwischen den Bundesländern, den überörtlichen Trägern der Sozialhilfe und den Sachbearbeitern. Häufig helfen wir solchen Frauen aus Spendenmitteln, melden sie auf unsere Kosten zur Krankenversicherung an und besorgen Wohnraum. Das gibt den Frauen die Chance auf eine medizinische Versorgung und in einigen Fällen auch auf medizinische Gutachten, die eine Voraussetzung für die Hilfegewährung darstellen. Die Mühlen der Eingliederungshilfe mahlen langsam und in einzelnen Fällen mussten schon bis zu zwei Jahre überbrückt werden.
Besonders schwierig ist die Situation von Frauen aus Nicht-EU-Staaten, die sich möglicherweise illegal in Deutschland aufhalten. Da geht es aus Sicht der Justiz darum, ob sie eine relevante Aussage in einem Ermittlungsverfahren machen können. Und es kann überlegt werden, ob ein Asylverfahren als Möglichkeit im Raum steht. Aber das ist nicht wirklich die Hilfe, die diese Frauen brauchen.
Ihr begleitet Frauen beim Ausstieg aus der Prostitution. Was motiviert diese Frauen zu einem Neuanfang?
Inga Gerckens (Foto: privat)
Meistens ist es der absolute Tiefpunkt im eigenen Leben und das Erleben: So geht es nicht weiter, ich halte das nicht mehr aus und deshalb brauche ich jetzt irgendwie Unterstützung. Ohne einen solchen Tiefpunkt ist Ausstiegshilfe tatsächlich schwierig, weil man anerkennen muss: Die Prostitution bietet – ähnlich wie z.B. der Drogenkonsum – eine schnelle Hilfe für drängende Probleme, auch wenn sie langfristig für neue Probleme sorgt. Frauen haben keine Wohnung: Das Bordell bietet eine Unterkunft. Frauen leben in finanzieller Armut: Die Prostitution bietet schnelles Geld. Frauen haben keine Ausbildung: Für Prostitution ist das völlig egal. Vordergründig also löst die Prostitution manche Probleme und die neuen Schwierigkeiten bleiben zunächst im Hintergrund.
Für Menschen, die lange durch Prostitution geprägt wurden, ist der Ausstieg besonders schwer. Bisher gab es täglich schnelles Geld, zukünftig kommt das Geld einmal im Monat und man muss gut damit haushalten. Wenn noch Familie im Heimatland unterstützt werden muss, ist die finanzielle Herausforderung enorm. In einem neuen Leben müssen die Frauen nach vorne denken und in die Zukunft investieren: in ein Praktikum vielleicht oder in eine berufliche Ausbildung. Für viele Frauen ist das eine fremde Welt und deshalb brauchen sie Unterstützung und Ermutigung. Häufig verläuft ein Ausstieg in Wellen, mit vielen Versuchen und Rückschlägen – und irgendwann gelingt es dann. Wichtig ist, dass sie wissen, warum sie aussteigen wollen. Denn beim Ausstieg erleben sie neue Herausforderungen und müssen dann gut überlegen: Stelle ich mich diesen Problemen – oder falle ich zurück in meine alten Lösungsmuster? Ergänzend kommen bei ca. 2/3 der Betroffenen noch eine posttraumatische Belastungsstörung hinzu. Bei einigen aufgrund der Gewalt in der Kindheit, bei anderen aufgrund der erlebten Gewalt in der Prostitution. Die Wucht der Symptome wird meistens erst beim Ausstieg deutlich, wenn der Körper nicht mehr im Überlebensmodus ist.
Einige Herausforderungen beim Ausstieg aus der Prostitution hast Du bereits beschrieben. Wie sieht dieser Weg ganz praktisch aus?
Das startet immer mit aufsuchender Arbeit, mit Menschen, die ins Milieu gehen. Dabei geht es um jahrelange Investition in einzelne Menschen, um Beziehungsarbeit. Es geht darum, Menschen zu stärken, ihnen das Gefühl zu geben: Du bist nicht allein. Wir wollen einer Person vermitteln: Es gibt für dich vermutlich gute Gründe, in der Prostitution zu sein oder zu bleiben. Aber wenn du Hilfe möchtest, sind wir da. Es gibt Frauen, die sich unter Zwang prostituieren und uns trotzdem fünf Jahre lang ins Gesicht gucken und sagen: Es ist alles gut, ich brauche nichts. Und nach diesen fünf Jahren fassen sie Vertrauen, suchen Hilfe und sagen und: Ich habe gesehen, dass ihr es ernst meint. Vertrauen ist ein sehr wichtiges Thema: Die Frauen sind oft enttäuscht worden und Vertrauen ist die Voraussetzung dafür, dass sie den Ausstieg aus dem Milieu und der Gewaltkultur versuchen. Im Blick darauf tut es mir gut, mich selbst zu spiegeln und mich daran zu erinnern, wie lange ich in manchen Themen feststecke. Veränderungen haben immer einen Preis, und wir brauchen dazu Menschen, die an unserer Seite stehen und uns helfen.
Wenn eine Frau Vertrauen gefasst hat und sagt: Ich bin nicht freiwillig in der Prostitution, ich möchte aussteigen. Wie geht es dann konkret weiter?
Wir sind Teil eines Netzwerks von Organisationen, die niedrigschwellig und unbürokratisch Wohnraumangebote mit Ausstiegshilfen kombinieren. Ein Wohnraumangebot ist eine unentbehrliche Voraussetzung für den Ausstieg. Mit den Frauen besprechen wir: Wie schnell willst du aussteigen: Heute? Oder nächste Woche? Oder wann? Das muss zunächst geklärt sein und dann können wir entweder selbst einen Platz anbieten oder wir suchen in unserem Netzwerk danach.
Wenn feststeht, wo eine Frau aufgenommen werden kann, stellt sich die nächste Frage: Wie kommt sie dorthin? Unterstützt ein Streetworker oder kann sie alleine mit dem FlixBus oder dem Zug fahren? In der Einrichtung kommen manche Frauen mit zwei Koffern an und andere nur mit einer Plastiktüte. Dort wird dann geklärt: Was fehlt an Kleidung? Sind Dokumente vorhanden – etwa ein Personalausweis? Welche Fragen sind am drängendsten und was hat Zeit?
Es geht darum, Schritt für Schritt etwas Neues zu beginnen. In Deutschland braucht alles seine Zeit; das erleben die Frauen, wenn sie zum Beispiel ein Ausweisdokument beantragen. Es gilt, den Frauen Mut zu machen, auch wenn nicht gleich am nächsten Tag ein neuer Job mit neuen Verdienstmöglichkeiten vor der Tür steht. Arbeit ist auch deshalb wichtig, weil sie eine Tagesstruktur vermittelt – was für manche Frauen eine Herausforderung darstellt. Gut ist, wenn es eine Hausgemeinschaft mit gemeinsamen Aktivitäten und Möglichkeiten gibt, sich niedrigschwellig einzubringen und aktiv zu sein.
Grundsätzlich geht es immer um folgende Themen: Wie ist der rechtliche Status? Wie kann eine finanzielle Versorgung durch Arbeit oder ergänzende Hilfesysteme gewährleistet sein? Welche medizinischen und therapeutischen Angebote werden benötigt und wie ist der Weg dorthin? Welche beruflichen Perspektiven sind möglich? Welche Ressourcen stärken im Alltag? Bei welchen Alltags-Themen benötigt jemand Unterstützung? (z.B. Finanzplanung, Tagesstruktur, Termin-Begleitung, Konflikte)
Wie sieht es mit Perspektiven für die Frauen aus? Zum Beispiel bei Migrantinnen: Wollen viele von ihnen in Deutschland ein Zuhause finden oder eher in ihre Herkunftsländer zurückkehren?
Die meisten wollen sich in Deutschland etwas aufbauen. Das fördern wir, wenn dem aufenthaltsrechtlich nichts entgegensteht. Wir unterstützen die Frauen dabei, ihren Lebenslauf zu schreiben und zu entdecken, was ihnen Spaß machen könnte. Die ersten Jobs sind vielleicht einfache Tätigkeiten, die wenig Sprachkenntnisse erfordern, häufig in der Reinigung. Solche Einstiegsjobs sind wichtig, um überhaupt in den Arbeitsprozess hineinzufinden. Arbeit ist belastend und die Frauen müssen erproben, wie viele Stunden am Tag sie das körperlich und emotional aushalten. Sie haben vorab täglich viele Stunden in der Prostitution verbracht und denken, einem neuen Vollzeitjob gewachsen zu sein. Aber das gelingt nicht immer sofort, weil der Körper und die Psyche in der Prostitution stark gelitten haben. Es gilt also, das richtige Maß zu finden.
Dann geht darum, mit dem verdienten Geld haushalten zu lernen. Meist müssen von dem Einkommen noch Schulden abgetragen werden oder die Frauen wollen ihre Familien in der Heimat unterstützen. Das Gefühl ist häufig: Ich hatte in der Prostitution viel mehr Geld zur Verfügung – auch wenn davon nichts übrigblieb und das meiste an die Bordellbesitzer floss. Die Frauen hatten keine Chance, zu sparen und sich eine Zukunft aufzubauen.
Ihr seid als Christen in dieser Arbeit engagiert. Gibt es etwas Besonderes, dass Ihr in diese Herausforderungen und Begegnungen einbringen könnt? Und welche Rolle spielt der Glaube in der Praxis Eurer Arbeit?
Wir sind mit tragischen Schicksalen konfrontiert, mit schlimmen Erfahrungen und mit Hoffnungslosigkeit. Als Christen können wir miteinander im Team beten und Sorgen bei Gott abgeben sowie um sein Eingreifen bitten, um Kraft und Hoffnung. Bei Frauen, die das möchten, bieten wir Seelsorge und Gebet an. Viele Frauen aus Osteuropa sind mit dem christlichen Glauben vertraut. Manche beten auch persönlich. Manche fragen sich, ob Gott wütend auf sie ist und sie verurteilt, weil sie im Milieu arbeiten. Sie erleben es als stärkend, zu erfahren, dass Gott sie nicht verurteilt, sondern sie liebt und Gutes für ihr Leben möchte. Seelsorge kann so zu einem mutmachenden und stärkenden Prozess und der Glaube zu einer Ressource werden – gerade auch in der Trauma-Arbeit.
Kritiker aus dem gesellschaftspolitisch linken Spektrum werfen Euch und anderen christlichen Einrichtungen vor, zuerst missionieren zu wollen – und dabei fachliche Standards zu vernachlässigen.
In unserem Team sind Sozialarbeiterinnen und ausgebildete Trauma-Beraterinnen tätig, die ihre fachlichen Standards in ihre Arbeit einbringen. Sie wollen Menschen befähigen, ihre eigenen Entscheidungen zu treffen – Menschen, denen vorher die Entscheidungen anderer aufgedrückt wurden. Unser Handeln reflektieren wir beständig in Teambesprechungen, in Supervisionen und in der Weiterbildung. Denn wir arbeiten mit Menschen, die intensiven Missbrauch erlebt haben und die merken würden, wenn wir ihnen etwas überstülpen wollen. Im Alltag fragen uns manche dieser Frauen, warum wir das tun, was wir tun – und dann reden wir über unsere Haltung und unseren Glauben.
Abschließend zurück zum Ausgangsthema: zu Deiner Einschätzung im Blick auf das Prostituiertenschutzgesetz. Kann dieses Gesetz verbessert werden oder brauchen wir einen Systemwechsel – etwa hin zu dem nordischen Modell, bei dem Prostitution als illegal gilt und sich die Strafverfolgung gegen die Freier richtet?
Wir brauchen einen Systemwechsel. Ob das neue System dann nordisches Modell heißt oder nicht, da bin ich offen. Aber ich denke: Solange wir in der Europäischen Union leben und zwischen dem östlichen und westlichen Teil extreme Unterschiede in Einkommens- und Sozialstrukturen gibt, so lange werden vulnerable Menschen aus dem östlichen Teil im Westen ausgebeutet werden. Deshalb brauchen wir mehr an Regulierung als eine Anmeldung oder Kondom- und Beratungspflicht. Eigentlich brauchen wir auf europäischer Ebene eine einheitliche Sozialhilfestruktur. Und wir müssen darüber nachdenken, wie Männer und Frauen miteinander umgehen: Wenn wir Gleichstellung wollen, dann kann es nicht sein, dass ein Geschlecht in Notlagen sexuell käuflich wird. Für Frauen in solchen Notlagen brauchen wir andere Hilfestrukturen. Es geht nicht nur um ein neues Gesetz, sondern vor allem um Ressourcen, mit denen wir Frauen in Not stärken können. Ohne solche Ressourcen ist es egal, welches Gesetz gilt: Es wird sich nichts ändern.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
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Stuttgart (2mind) – im vergangenen Jahr wurden weltweit erstmals mehr digitale Bibeln als Printausgaben der Bibel verbreitet: Von 48,4 Millionen vollständigen Bibeln waren 25,9 Millionen digitale und 22,5 Millionen Printausgaben. Das berichtet die Deutsche Bibelgesellschaft. Zudem wurden Bibelkapitel 28 Milliarden Mal in Bibel-Apps aufgerufen.
Mit 19,7 Millionen erfolgten die weitaus meisten Bibeldownloads in Zentral- und Südamerika, gefolgt von Afrika (2,41 Millionen Downloads) und Asien (1,48 Millionen Downloads). Die meisten gedruckten Bibeln gingen 2024 nach Brasilien (4,2 Mio.), Indien (1,8 Mio.) und China (1,6 Mio.).
„Jede verteilte Bibel, unabhängig vom Format, ermöglicht eine wichtige Verbindung zwischen Gottes lebendigem Wort und einem Menschen, der sich nach Wahrheit, Trost oder Veränderung sehnt“, erklärte Dirk Gevers, Generalsekretär des Weltverbands.
Halle a.d. Saale (2mind) – Wirksame Maßnahmen zum Schutz von Kindern und Jugendlichen vor Schädigungen durch soziale Medien fordert die Leopoldina in einem jüngst vorgelegten Diskussionspapier: Kindern unter 13 Jahren sollte die Einrichtung eines Social-Media-Accounts untersagt werden; für 13- bis 17-Jährige sollten einzelne Plattformfunktionen – etwa die Erstellung individueller Nutzungsprofile – ausgeschlossen werden; 13- bis 15-Jährige sollten von ihren Eltern bei der Social-Media-Nutzung begleitet werden, so die Nationale Akademie der Wissenschaften. Zugleich sollte in Bildungseinrichtungen die Nutzung von Smartphones bis einschließlich Klasse 10 untersagt werden.
„In Anbetracht der individuellen und gesellschaftlichen Risiken, die mit der Nutzung sozialer Medien durch Kinder und Jugendliche somit einhergehen, besteht aus Sicht der Autorinnen und Autoren dieses Diskussionspapiers daher kurzfristiger Handlungsbedarf“, heißt es weiter. Bund und Länder seien in der Verantwortung.
Berlin (2mind) – In der Justizverwaltung von Bund und Ländern soll eine menschenzentrierter und vertrauenswürdige KI zum Einsatz kommen. Wiederkehrende Aufgaben etwa in Gerichten, bei den Staatsanwaltschaften und im Justizvollzug sollen durch KI-Anwendungen automatisiert werden, heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Justizminister von Bund und Ländern. „Die endgültige Entscheidungsfindung muss eine von Menschen gesteuerte Tätigkeit bleiben“, so die Erklärung weiter.
Gemeinsam soll an einer KI-Plattform der Justiz gearbeitet werden, die besonderen Wert auf Daten-Governance legt. „Daten von hoher Qualität sind die Grundlage für gute KI-Systeme.“ Die Justizminister wollen bei der KI-Entwicklung untereinander und mit Vertretern aus Wirtschaft, Forschung und Anwaltschaft im Austausch bleiben sowie die KI-Kompetenzen der Justizangehörigen stärken.
Das Papier fasst zusammen: „Künstliche Intelligenz in der Justiz einzusetzen heißt: Chancen nutzen, Verantwortung übernehmen, Transparenz gewährleisten.“
Das Beispiel des Hamburger Autorenkollektivs „FundiWatch“ – ein Kommentar von Achim Halfmann
Hamburg (2mind) – Unter dem Namen „Recherchekollektiv FundiWatch“ veröffentlichten drei Autorinnen und Autoren in dieser Woche die Handreichung „Christlicher Fundamentalismus & Soziale Arbeit“. Der Text soll gegenüber christlich-fundamentalistischen Aktivitäten in der Sozialen Arbeit sensibilisieren sowie Strategien und Netzwerke des christlichen Fundamentalismus in Deutschland analysiert, heißt es dazu auf der Website. Das Autorenkollektiv setzt sich allerdings nicht aus Journalisten zusammen, sondern aus Personen mit eigener ideologischer und politischer Agenda.
Vorab: Der Text ist lesenswert und sein Anliegen, auf mögliche Spannungsfelder zwischen christlich-fundamentalistischen Glaubenseinstellungen und ethischen Standards professioneller Sozialer Arbeit hinzuweisen, durchaus berechtigt. So müssen glaubensbasierte Einrichtungen reflektieren, wie sich Mission und Diakonie (die aus dem christlichen Glauben motivierte Soziale Arbeit) zueinander verhalten und wie eine klient-zentrierte Arbeit konkret sichergestellt werden kann. Gerade die Arbeit mit vulnerablen Personengruppen erfordert ein hohes Maß an Sensibilität, Selbstreflexion und Transparenz. Ziemlich pauschal heißt es allerdings in dem Text: „Bei christlich-fundamentalistischen Akteur*innen in der Sozialen Arbeit bestehen häufig Zweifel, ob ein professionelles Nähe-Distanz-Verhältnis gewahrt wird.“
Über weite Strecken liest sich der Text wie eine Kampfschrift, was an der ideologischen Herkunft der Autorinnen und Autoren liegen mag: Zoe Luginsland äußert sich an anderer Stelle für das „Bündnis Selbstbestimmung Selbst Gemacht“, einem politischen Netzwerk von Trans- und Non-Binary-Personen. Der Jurist Matthias Pöhl ist als Autor bei MIT, dem politischen Magazin für Konfessionslose und Atheist:innen gelistet. Ruby Rebelde ist als Sexarbeiterin tätig und war von 2019 bis 2022 Vorständin beim Verein Hydra, der sich für die rechtliche und soziale Gleichstellung von Sexarbeiter:innen mit anderen Erwerbstätigen einsetzt. Alle drei können als politische Aktivist:innen in einem von konservativen Christinnen und Christen weit entfernten gesellschaftlichen Spektrum bezeichnet werden.
Und so leistet die Schrift einen Beitrag zur ideologischen Frontbildung, wenn es dort heißt, mit christlich-fundamentalistischen Glaubenseinstellungen sei häufig das Ziel einer (moral-) politischen Einflussnahme verbunden. Als Beispiel dazu wird das Eintreten für ein Sexkaufverbot genannt. Daran anschließend werden theologische Positionen pauschal diskreditiert: „Wie intensiv die Bemühungen um entsprechende politische Einflussnahme ausfallen, hängt vom jeweiligen ‚Endzeitverständnis‘ ab.“
In den zurückliegenden Jahren hat der Erfolg rechtskonservativer und populistischer Politiker in den USA, Brasilien und in einigen europäischen Ländern die Rolle evangelikaler Christen bei der politischen Meinungsbildung in das mediale Interesse gerückt. Hier wollen die Autorinnen und Autoren offensichtlich andocken, indem sie das Engagement für den Prostituiertenschutz nicht als in der Sache, sondern in Glaubensüberzeugungen begründet beschreiben. Das wird der Situation der Menschen in den Bordellen und auf dem Straßenstrich nicht gerecht:
In der Prostitution sind selbstbestimmt handelnde Menschen anzutreffen – möglicherweise deutlich zahlreicher allerdings vulnerable und ausgebeutete Männer und Frauen. Der Prostituiertenschutz darf daher nicht zum ideologischen Kampfgebiet werden. Es muss zuallererst darum gehen, wie Menschen zu einem selbstbestimmten und zukunftsoffenen Leben verholfen werden kann.
Wohin steuert die Gesetzgebung in Deutschland? Das Interview mit der Sozialwissenschaftlerin Erika Mosebach-Kornelsen
Heidelberg (2mind) – Mit dem jetzt evaluierten Prostituiertenschutzgesetz gilt Deutschland innerhalb Europas als liberal. Deutlich restriktiver wird Prostitution im sogenannten Nordischen Modell reguliert, dem außer Norwegen und Schweden z.B. auch Frankreich folgt. Das Modell enthält ein Sexkaufverbot; Freiern droht eine Strafverfolgung. Wohin steuert die Gesetzgebung in Deutschland? Darüber sprach 2mind mit Erika Mosebach-Kornelsen. Die Sozialarbeiterin und Sozialwissenschaftlerin promoviert an der Universität Heidelberg und forscht zu einem möglichen Politikwechsel in der Prostitutionspolitik. Das Gespräch führte Achim Halfmann.
2mind: Was geschieht auf der europäischen Ebene – und welchen Einfluss besitzt das auf die Gesetzgebung in Deutschland?
Erika Mosebach: In den Jahren 2014 und 2023 wurden zwei Resolutionen durch das Europäische Parlament verabschiedet, in denen die Mitgliedstaaten u.a. aufgefordert wurden, das Nordische Modell zu übernehmen. Dem sind zahlreiche Mitgliedsstatten gefolgt, zuletzt auch Frankreich im Jahr 2016.
Zwar sind die Resolutionen selbst unverbindlich, aber die zweite Resolution 2023 kam unter Mitwirkung zweier deutscher Berichterstatterinnen zustande, Maria Noichl von der SPD und Christine Schneider von der CDU. Es kam zwar kurz darauf zu einer Positionierung der Union für das Nordische Modell, aber die SPD argumentiert auf deutscher Ebene ganz anders – 2002 führten sie mit Bündnis 90/Die Grünen das Prostituiertenschutzgesetz ein und sprechen sich nach wie vor mehrheitlich für eine liberale Prostitutionspolitik aus.
Jetzt sind seit der Resolution zwei Jahre ins Land gegangen und die Aufregung um dieses Thema hat sich gelegt, nachdem die Union mit ihrem Antrag auf ein Sexkaufverbot eine Debatte angestoßen hatte. Diese wurde vor allem von einzelnen Abgeordneten initiiert und geführt, inzwischen hört man jedoch nichts mehr öffentlich zur Prostitutionsregulierung und im Koalitionsvertrag der Regierungsparteien besitzt das Thema fast keine Relevanz.
Woran liegt es, dass die jüngste öffentliche Debatte um Prostitution und den Schutz der Prostituierten nur kurz prominent blieb und dann verstummte?
Meiner Einschätzung nach spielen hier parteipolitische Gründe hinein. Die Parteien stehen heute stärker als in den vergangenen Jahren unter einem gewissen Zugzwang, sich frauenpolitisch zu positionieren. Wenn SPD und Grüne das Thema ‚Ungleichbehandlung von Frauen‘ in den Fokus nehmen, muss die Union mitziehen. Prostitution bietet sich dafür an, weil sie von Befürworter:innen des Nordischen Modells als geschlechtsspezifische Gewalt geframed wird und somit zur Gefahr für alle Frauen deklariert wird.
Vor wenigen Wochen legte die Bundesregierung die Evaluationsergebnisse zum Prostituiertenschutzgesetzt vor. Erstellt wurde die Studie vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen. Wie schauen Sie auf die Ergebnisse?
Man muss im Blick auf eine Evaluation beachten: Sie untersucht nur das, was ihr Auftrag war. Mit dieser Studie sollte nicht die Prostitutionsfrage an sich evaluiert werden, sondern die Frage nach der Wirksamkeit des Prostituiertenschutzgesetzes und seiner Maßnahmen. Deshalb bin ich überrascht, dass sich manche Organisationen jetzt so enttäuscht von der Studie zeigen, denn die Ausgangslage war klar.
Im Blick auf die Wirksamkeit dieses Gesetzes fand ich die Studie gar nicht unkonkret. Sie zeigt auf, welche Maßnahmen funktionieren und welche nicht – immer mit dem Wissen um das große Dunkelfeld. An einer Stelle wird die Zahl von 200.000 in Deutschland tätigen Prostituierten erwähnt, und wenn davon 25.000 Prostituierte angemeldet sind, dann sieht man zugleich, dass die große Gruppe der Prostituierten kaum erreicht wird und auch von daher Nachbesserungen erforderlich sind. Auf den Diskurs dazu bin ich gespannt. Insgesamt ist die Debatte stark abgekühlt. Das Bundesfamilienministerium wird jetzt eine Expertenkommission einsetzen und aus deren Empfehlungen Nachbesserungen am Gesetz ableiten.
Mit einem grundlegenden Politikwechsel – etwa in Richtung auf das Nordische Modell – ist also eher nicht zu rechnen?
Gegenüber dem Wandlungstrend in Europa in Richtung Nordisches Modell haben wir in Deutschland seit jeher einen gewissen Widerstand. Damit zusammenhängende Fragen untersuche ich in meiner Promotion, etwa worauf sich dieser Widerstand gründet. Ich sehe da eine gewisse Pfadabhängigkeit. Argumente liegen häufig im moralpolitischen Feld und bestimmte Akteur:innen erzielen eine große Resonanz. Insbesondere Akteur:innen in moralpolitischen Feldern können eine große Handlungsmacht erzielen, wenn sie es schaffen, Unterstützer:innen hinter sich zu versammeln. Politikerinnen wie Elisabeth Winkelmeier-Becker (CDU) und Dorothee Bär (CSU) haben es geschafft, innerhalb ihrer Bundestagsfraktion eine Positionierung für das Nordische Modell zu erzielen. Von daher könnten auch noch Überraschungen folgen, wenn es einzelnen Gruppen gelingt, dieses Thema wieder aufzunehmen.
Christen und christliche Kirchen und Vereinigungen positionieren sich ebenfalls in dem Feld, konservative Christen häufig für das Nordische Modell. Welchen Beitrag können Christen in der Prostitutionsdebatte leisten?
In der Diskussion um Prostitution schwingen immer auch moralische Dilemmata mit. Manchmal habe ich den Eindruck: Beim Nordischen Modell geht es ein Stück darum, das eigene moralische Gewissen zu beruhigen. Denn dann kann man sagen: Bei uns ist Prostitution verboten – und so die eigene Dissonanz auflösen. Tatsächlich aber wäre das Ausbeutungsthema damit nicht aufgelöst. Denn es ist das Armutsgefälle, das Menschen in die Abhängigkeit treibt. Bei einem Prostitutionsverbot würden diese Menschen ein Ausbeutungsverhältnis gegen ein anderes tauschen. Vielleicht triggert es moralisch dann nicht so stark, wenn diese Menschen als Reinigungskräfte, Paketbot:innen oder wo auch immer ausgebeutet werden. Aber ich habe mit dieser Sichtweise meine Schwierigkeiten und ich sehe, dass dieses Argument auf Dauer nicht funktioniert.
Ich glaube, der erste Schritt sollte sein, sich selbst zu hinterfragen: Worum geht es mir eigentlich in der Debatte zu diesem Thema? Christ:innen stehen für den konsequenten Lebensschutz – vom Lebensbeginn bis zum Lebensende. Deshalb müssen wir auch in der Prostitutionsdebatte fragen: Wie langfristig funktioniert das, was wir fordern? Die fehlende langfristige Perspektive ist ein bisschen mein Dilemma mit konservativen christlichen Ansichten zu diesem Thema.
Gerade in den 2010er Jahren sind einige christliche Initiativen entstanden, die sich im Bereich Prostitution engagieren. Diese Organisationen erreichen Öffentlichkeitswirksamkeit. Es ist absolut angemessen, dass Christ:innen und Kirchen sich für vulnerable Personen einsetzen – auch politisch. Von daher halte ich es für wichtig, dass es diese Organisationen gibt. Ob sie sich für das Nordische Modell oder anderweitig positionieren, finde ich erst einmal gar nicht so entscheidend. Wichtig ist, dass sie ein Thema gesetzt haben. In einem zweiten Schritt ist Professionalisierung angebracht. Dazu gehört auch der Blick auf das, was es schon gibt und woran man andocken kann und wie sich eigene Ideen valide aufbauen lassen.
Vor Ihrem Wechsel in die Wissenschaft waren Sie in der sozialen Arbeit tätig. Wenn Sie auf die Praxis blicken: Wo fehlen Angebote für Menschen in der Prostitution?
Ich habe lange bei „The Justice Project“ gearbeitet und ich bin absolut überzeugt von ihrem Arbeitsansatz. Es gibt viele Organisationen, die sich stark politisch engagieren. Was aber fehlt sind Organisationen, die unabhängig von politischen Ansichten praktische soziale Arbeit leisten. Organisationen, die sagen: Wir sehen eine Person mit einem Bedürfnis oder einer Notlage. Und die dieser Person dann entsprechende Hilfe anbieten. Das leistet „The Justice Project“, aber auch andere Organisationen, zum Beispiel medizinische Versorgung, Sozialberatung oder Wohnungsvermittlung. Man kann das Nordische Modell oder eine liberalere Gesetzgebung noch so sehr fordern: Wenn es keine Wohnungsangebote gibt, ist der Neuanfang ausstiegswilliger Menschen aus der Prostitution zum Scheitern verurteilt. Das ist es, was die soziale Arbeit auszeichnet, und hier sollten wir auf der politischen Ebene ganz praktische Forderungen stellen – und nicht nur auf der Metaebene und bei der Frage nach der grundsätzlichen Ausrichtung der Prostitutionsgesetzgebung bleiben.
Vielen Dank für das Gespräch!
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Foto: Prostitution in Westeuropa (Kay Chemush / U.S. State Department, Public Domain)
Die Solwodi-Vorsitzende Maria Decker verweist auf Leerstellen im Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz.
Koblenz (2mind) – Ende Juni legte die Bundesregierung einen Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz vor (> 2mind berichtete). Wie beurteilen Praktiker an der Basis die Studie? Maria Decker ist promovierte Wirtschaftsinformatikerin und 1. Vorsitzende von Solwodi. Die Organisation setzt sich für Frauen aus dem Migrations- oder Fluchtkontext ein, die Gewalt und Ausbeutung erfahren haben. Deutschlandweit begleitet Solwodi in 21 Fachberatungsstellen etwa zweitausendfünfhundert Betroffene von Gewalt. Das Gespräch führte Achim Halfmann.
2mind: Solwodi hat sich enttäuscht von dem Evaluationsbericht zum Prostituiertenschutzgesetz gezeigt. Was kritisieren Sie?
Dr. Maria Decker (Foto: privat)
Dr. Maria Decker: Sehr viele der Frauen, die wir betreuen, stammen aus der Prostitution oder sind in der Prostitution. An mehreren Standorten leisten wir aufsuchende Arbeit im Prostitutionsmilieu, von daher haben wir aus der Praxis heraus einen guten Blick auf dieses Phänomen. Den Evaluationsbericht halten wir für nicht adäquat im Vergleich mit der Praxis.
Das fängt mit der Stichprobe an: Danach ist fast die Hälfte der Frauen deutsch und 27% haben einen Hochschulabschluss. Das ist nicht das, was wir in der aufsuchenden Arbeit sehen, und das hängt mit der gewählten Befragungsmethode zusammen – einer Online-Umfrage. Wir wissen aber: Viele Frauen in der Prostitution – über 90% – sind Migrantinnen und verfügen oft nur über geringe Sprachkenntnisse, teilweise auch nur einen geringen Alphabetisierungsgrad. Sehr vielen Frauen mit Minderheitenkontext – beispielsweise Roma – ist das Konzept einer Online-Umfrage fremd, selbst wenn es einen attraktiven Gutschein dafür gibt. Das haben wir auch bei uns in den Fachstellen gesehen, wo wir versucht haben, mit einigen Frauen diese Umfrage auszufüllen. Die meisten Frauen haben Recht schnell aufgegeben und gesagt: Das will ich nicht, das kann ich nicht, schreib einfach irgendetwas hin und gib mir den Gutschein. Das ist nicht Sinn der Sache und führt zu dieser verzerrten Stichprobe. Das Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen ist sich dessen bewusst: In ihrem Methodenteil haben sie sehr deutlich auf diese Verzerrung hingewiesen und darauf, dass die Ergebnisse nur für die Stichprobenpopulation gelten. Aber im Abschlusskapitel, in dem eine allgemeine Bewertung erfolgt, haben sie ihren eigenen Hinweis offenbar vergessen, denn da wird ganz allgemein von der Prostitution gesprochen.
Ein zweiter Kritikpunkt bezieht sich auf die Umfragen unter Gewerbetreibenden – also etwa den Bordellbesitzern – und unter Freiern. Diese Personengruppen profitieren von der jetzigen Gesetzgebung, ihre Antworten wurden aber völlig unhinterfragt übernommen. Da hätte ich mir aus wissenschaftlicher Sicht zumindest eine kritische Einordnung gewünscht.
Der dritte Kritikpunkt ist, dass große Bereiche der Prostitution, zum Beispiel die Straßenprostitution, kaum in der Evaluierung vorkommen. Zum einen hängt das mit der Umfrage-Methode zusammen, zum anderen aber auch damit, dass diese Bereiche im Gesetz kaum reguliert sind – und in der Evaluierung ging es ja um die Aufgaben dieses Gesetzes. Nur: Wenn ich solche Bereiche auslasse, kann ich hinterher nicht allgemein von der Prostitution sprechen und allgemeine Schlüsse ziehen, weil sehr große Leerstellen bleiben. Deshalb würde ich nicht empfehlen, dieser Evaluierung als Grundlage für weitere Gesetzesvorhaben zu verwenden.
Ihre Zielgruppe sind Frauen mit Migrationshintergrund. In die Studie wird ausgewiesen, dass eine relativ große Anzahl von Frauen in der Prostitution aus Thailand kommt und das in den letzten zwei Jahren die Zahl der Ukrainerinnen, die sich prostituieren, deutlich zugenommen hat. Deckt sich dies mit Ihren Beobachtungen?
Nein, bei den Thailänderinnen sehen wir keine Zunahme. Nach wie vor kommt der allergrößte Teil der Frauen aus osteuropäischen Ländern, vor allem aus Rumänien und Bulgarien, weil da das Aufenthaltsrecht kein Hindernis darstellt. Viele dieser Frauen sind Roma oder stammen aus anderen Minderheiten. Eine Zunahme sehen wir bei chinesischen Frauen. Im Blick auf Ukrainerinnen sehen wir in unserer aufsuchenden Arbeit keine Zunahme. Wir führen das daraufhin zurück, dass Ukrainerinnen seit dem Kriegsausbruch großzügige Unterstützungsleistungen und einen einfachen Zugang dazu erhalten. Das hält diese Frauen davon ab, in eine Armutsprostitution zu rutschen. Ich habe allerdings auch gehört, dass sich in einigen Städten – zum Beispiel in Berlin – die Anzahl der Ukrainerinnen erhöht hat, die sich nach dem Prostituiertenschutzgesetz anmelden. In den Städten, in denen wir aufsuchende Arbeit leisten, sehen wir das nicht.
Zum Stichwort Armutsprostitution: Wie kann es in unserer Wohlstandsgesellschaft dazu kommen?
Wir haben in der Tat einen sehr hohen Anteil an Armutsprostitution. Viele dieser Frauen stammen aus den Armenhäusern Europas: Zu uns kommen nicht die Akademikerinnen aus Sofia, sondern Frauen vom Land, teilweise aus Slumgebieten, aus Gegenden ohne Elektrizität und ohne Wasser. Der Anteil der Roma-Frauen ist hoch und manche Frauen werden von ihren Angehörigen nach Deutschland in die Prostitution geschickt, damit der Rest der Familie es besser hat. Viele dieser Frauen haben keinerlei Ausbildung und würden nur sehr schwer eine andere Arbeit finden. Und von daher ist die Prostitution für sie gefühlt alternativlos. Wenn wir mit den Frauen arbeiten, finden sich oft Wege, andere Tätigkeiten aufzunehmen und Qualifikationen zu erlangen. Aber woher soll so ein Mädchen wissen, dass es diese Möglichkeiten gibt?
Ein anderer großer Bereich ist die sogenannte Beschaffungsprostitution suchtabhängiger Frauen mit ihren körperlichen Zwängen. Es gibt emotionale Anhängigkeiten, etwa bei der Loverboy-Methode. Und es gibt natürlich auch den klassischen Menschenhandel. Die Zwänge sind vielfältig und das heißt nicht immer, dass die Frauen mit Handschellen gefesselt sind. Das Gutachten sagt: Wenn keine Gefahr für Leib und Leben besteht, dann ist Prostitution freiwillig. Aber das greift nicht bei Armuts- und bei Beschaffungsprostitution, denn auch das sind Zwänge.
In öffentlichen Stellungnahmen haben Sie sich sehr kritisch zu Überlegungen geäußert, eine Form der Registrierung auch für minderjährige Prostituierte einzuführen oder ein Gutachten zur Schädlichkeit der Prostitution hochschwangerer Frauen für deren Föten einzuholen. Kommt es vor, dass sich Hochschwangere tatsächlich noch prostituierten?
Ja, denn es gibt ein Markt dafür: Es gibt Männer, die gezielt danach suchen, die Sex mit Hochschwangeren haben wollen. Deshalb ist es für Zuhälter attraktiv, solche Frauen anzubieten. In der Evaluierung steht dazu, man könne die Tätigkeit vielleicht auf ungefährliche Handlungen beschränken, was ich für ziemlich blauäugig halte. Es gibt auch eine Kondompflicht nach dem Gesetz, die regelmäßig umgangen wird. Deshalb glaube ich nicht, dass man bei Hochschwangeren mit detaillierten Regelungen weiterkommt. Gynäkologen und Gynäkologinnen sagen mir übereinstimmend: Wenn eine Frau täglich mit vielen verschiedenen Männern Sex hat und schwere Männerkörper auf einer Frau liegen, dann ist das nicht gut für das ungeborene Leben. Für Hochschwangere gelten alle möglichen Beschäftigungsverbote: Bei uns in den Beratungsstellen erhalten hochschwangere Kolleginnen ein Beschäftigungsverbot und dürfen nicht beraten. Wenn also Frauen nicht beraten – also auf einem Bürostuhl sitzen und sich mit Klientinnen austauschen -, wohl aber bezahlten Sex haben dürfen, dann passt das für mich nicht zusammen.
Wie steht es um die Prostitution Minderjähriger: Erleben Sie minderjährige Migrantinnen, die sich prostituieren?
Tatsächlich treffen wir immer wieder auf Minderjährige. Teilweise sind es Betroffene von Menschenhandel, teilweise sind es von der Loverboy-Methode Betroffene, wir haben immer wieder minderjährige Klientinnen. Und gerade da ist die Dunkelziffer besonders hoch, denn offiziell ist die Prostitution Minderjähriger in Deutschland verboten und deshalb werden die jugendlichen Prostituierten nochmal besonders abgeschottet. Aber es gibt diese sogenannten Taschengeldtreffen und ähnliches, denn auch für minderjährige Prostituierte gibt es einen großen Markt.
Gesetzliche Regulierungen der Prostitution in Deutschland gelten im europäischen Vergleich als relativ liberal. Die Evaluation zielt auf eine Verbesserung des Prostituiertenschutzgesetzes. Es gibt aber auch Stimmen, die die Einführung des sogenannten Nordischen Modells in Deutschland fordern, nach dem ein Sexkauf illegal wäre und Freier bestraft würden. Wofür plädieren Sie: für ein verbessertes Prostituiertenschutzgesetz oder für einen Modellwechsel?
Ich glaube, dass wir einen Modellwechsel brauchen, weil das jetzige Modell von einer unzutreffenden Freiwilligkeitskonzeption ausgeht. Danach prostituieren sich Frauen im Wesentlichen selbstbestimmt, was aber nicht unserer Erfahrung entspricht. Deshalb glauben wir, dass wenige Verbesserungen am Gesetz nicht ausreichen werden. Wir stehen in Kontakt mit Sozialarbeiterinnen befreundeter Organisationen in Schweden und auch mit der schwedischen Polizei. Und wir sehen, dass es da einfach besser läuft: Es gibt dort weniger Kriminalität und weniger Gefahren für die Frauen. Diesen Punkt hat selbst die Evaluierung aufgezeigt: Das Gesetz in seiner aktuellen Ausgestaltung schützt nicht vor prostitutionstypischer Kriminalität, also vor Ausbeutung und Menschenhandel. In Schweden gibt es zwar auch noch Prostitution, aber die Frauen leben weitaus sicherer.
Wenn Sie auf die soziale Arbeit an der Basis schauen: Gibt es ausreichende Hilfen für Menschen in der Prostitution, oder klafft eine Lücke zwischen Bedarf und Angebot?
Da klafft schon eine deutliche Lücke: Es gibt in einigen Städten eine Finanzierung für die aufsuchende Arbeit in der Prostitution – aber noch lange nicht in jeder Stadt. Vor allen Dingen fehlen flächendeckende Ausstiegsprogramme, solche Programme gibt es in weniger als 10% der Städte in Deutschland. Ausstiegsbegleitung ist ein großer Komplex, dazu gehört unbedingt Wohnraum für die Frauen. Wer das Milieu verlassen möchte, kann nicht im Bordell wohnen bleiben. Viele der Frauen sind psychisch sehr instabil, viele haben Suchtprobleme oder leiden unter Krankheiten, denn die Prostitutionstätigkeit geht mit vielen gesundheitlichen Risiken einher. Die Frauen müssen zunächst stabilisiert werden, sich wieder an einen geregelten Tagesablauf gewöhnen. Sie brauchen ein anderes soziales Umfeld und andere soziale Kontakte. Oft kennen die Frauen nur das Prostitutionsmilieu und so braucht es seine Zeit, bis eine Frau vielleicht selbstständig arbeiten und für sich selbst sorgen kann. Das bleibt natürlich das Ziel, aber es kann – je nachdem, wie lange die Frau in der Prostitution war – ein weiter Weg dahin sein. Das ist nicht billig, aber diese langfristige Begleitung sind wir den Frauen aus humanitären Gründen schuldig.
Sie beschreiben, dass Frauen in den Bordellen wohnen. Nach dem Prostituiertenschutzgesetz dürfen diese Frauen nicht in den Räumen untergebracht werden, in denen sie arbeiten.
In der Praxis sehen wir, wie manche Bordellbesitzer das lösen: Sie bieten diesen Frauen einen Kellerraum oder eine Unterkunft im Dachgeschoss an, in der dann zahlreiche Hochbetten stehen. Das wäre nach dem Prostituiertenschutzgesetz in Ordnung, weil Wohn- und Arbeitsraum so getrennt sind, aber die Frauen stehen natürlich nach wie vor unter einer sehr engmaschigen Kontrolle.
Die Frauen berichten uns, dass ihnen kein Geld bleibt, um in eine andere Wohnung zu wechseln. Sie sind ja selbständig tätig und zahlen im Bordell eine Miete für das Zimmer, je nach Betreiber sind das 150 bis 250 Euro pro Tag. Dazu müssen sie im Bordell ihr Essen, Hygieneprodukte und ähnliche Artikel kaufen, weil sie in der Regel nicht raus können. Dazu kommen manchmal noch Abgaben für Security, und es werden 18,00 Euro für die Steuer eingezogen, wenn das Bordell dem Düsseldorfer Verfahren folgt. So kommen jeden Tag ein paar 100 Euro zusammen, bevor die Frau nur einen einzigen Freier bedient hat. Und wenn Zuhälter da sind – und es sind meistens Zuhälter da -, halten auch die ihre Hand auf. Dieser finanzielle Druck führt dazu, dass die Lage der Frauen zum allergrößten Teil so prekär ist es. Nur ganz wenige Frauen haben die Macht, für sich etwas Besseres herausholen. Solche Frauen mag es geben, das will ich gar nicht abstreiten, aber sie sind bei weitem nicht die Mehrheit. Und deshalb finde ich: Als Gesellschaft haben wir eine Verpflichtung, die Frauen in der Prostitution zu schützen.
Herzlichen Dank für das Gespräch!
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In Zeiten von KI können online-gestellte Kinderfotos einfach manipuliert werden.
Berlin (2mind) – Kinder im Freien, in der Stadt, im Haus, beim Sport, beim Lernen … in sozialen Medien posten Eltern und Pädagogen Bilder von Kindern und Jugendlichen in alltäglichen Situationen, die mitunter in teils drastischer Weise zweckentfremdet und sexualisiert werden können. Durch künstliche Intelligenz und sogenannte Deepnude-Programme wird das Problem verschärft.
Der neue Leitfaden „Zum sensiblen Umgang mit Kinderfotos und -videos in Institutionen und Organisationen“ will Mitarbeitende in Schulen, Kitas und Vereinen für die Risiken von Kinderbildern im Netz sensibilisieren. „Auslöser für die Entwicklung dieses Leitfadens ist eine Dokumentation von Panorama und STRG_F aus dem Jahr 2021, die aufzeigte, wie ‚Pädokriminelle private Kinderfotos stehlen‘“, heißt es in der Einleitung.
Das von Save the Children und Jugendschutz.net herausgegebene Heft will für einen kritischen Blick bei der Online-Veröffentlichung von Kinderbildern sensibilisieren. Er stellt illustrierte Beispiele für riskante und weniger riskante Kinder-Motive gegenüber und gibt Hinweise zur Bildauswahl. Risikoszenarien werden beschrieben und der Leitfaden enthält Links zu weiterführenden Informationen.