Kategorie: Sucht

  • Überschuldung: Erkrankung, Sucht oder Unfall die häufigsten Ursachen

    Überschuldung: Erkrankung, Sucht oder Unfall die häufigsten Ursachen

    Foto: stevepb auf pixabay

    Schuldnerberatungsstellen stehen durch aufwändigere Beratungen unter Druck.

    Berlin (2mind) – Mit 34.650 Euro waren die von Schuldnerberatungsstellen im vergangenen Jahr begleiteten Menschen durchschnittlich verschuldet. Wie das statistische Bundesamt mitteilte, lag die durchschnittliche Verschuldung 2025 bei Männern mit 39.717 Euro deutlich über der von Frauen mit 29.500 Euro. Hauptverschuldungsursachen waren bei den Hilfesuchenden der Schuldnerberatungsstellen mit 18 Prozent Erkrankung, Sucht oder Unfall – gefolgt von Arbeitslosigkeit mit rund 17 Prozent.

    Trennung, Scheidung oder der Tod des Partners beziehungsweise der Partnerin waren für alleinerziehende Frauen in rund 23 Prozent der Fälle ein Hauptauslöser der Überschuldung. Einpersonenhaushalte bildeten unter den Ratsuchenden mit mehr als der Hälfte (knapp 52 Prozent) die größte Gruppe.

    In den meisten Fällen lagen Zahlungsrückstände gegenüber mehreren Gläubigern vor, darunter besonders häufig gegenüber

    • der öffentlichen Hand (z.B. Finanzämtern, gesetzlichen Renten- und Krankenversicherungsträgern sowie der Bundesagentur für Arbeit und deren Jobcentern) bei rund 57 Prozent aller beratenen Personen,
    • Telekommunikationsunternehmen mit einem Anteil von etwa 47 Prozent,
    • Kreditinstituten mit rund 37 Prozent und
    • dem Online- und Versandhandel mit knapp 29 Prozent der Fälle.

    „Am Anfang einer Verschuldungsspirale stehen oft Schicksalsschläge“, so die Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa gegenüber der Presse. „Es manifestieren sich Lebensrisiken, die grundsätzlich jeden treffen können und die zu bewältigen alleine oft nicht gelingt.“ Die soziale Schuldnerberatung sei überlastet. Die Caritas-Präsidentin weiter: „Die Beratungskonstellationen werden komplexer und damit aufwändiger. Eine schnelle Beratung kann verhindern, dass sich Probleme zu Problembergen stapeln, unter denen die hoch verschuldeten Menschen förmlich zusammenbrechen.“ Deshalb müsse das Angebot der Schuldnerberatung auch angesichts finanzieller Engpässe in zahlreichen Kommunen erhalten bleiben.

    Die Ergebnisse der Überschuldungsstatistik 2025 beruhen auf Angaben von 738 der insgesamt etwa 1.360 Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen in Deutschland zu rund 187.000 beratenen Personen.

  • Immer mehr junge Menschen sterben an Drogen

    Immer mehr junge Menschen sterben an Drogen

    Löffel mit Heroin vor dem Aufkochen (Foto: Achim Halfmann / GFH)

    Mit 2.150 Toten bleibt die Zahl auf einem hohen Niveau. Mischkonsum, Medikamente und Crack spielen eine große Rolle.

    Berlin (2mind) – In Deutschland verstarben im vergangenen Jahr 2.150 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums. 2024 kostete der Konsum illegaler Drogen 2.137 Menschen in Deutschland das Leben; die Zahl der Drogentoten bleibt damit auf hohem Niveau. Die Drogentoten werden dabei immer jünger. Seit 2021 sind die Todesfälle unter 30-Jähriger um mehr als die Hälfte gestiegen, bei den unter 20-Jährigen haben sie sich fast verdoppelt. Heute ist nahezu jeder vierte Drogentote jünger als 30 Jahre.

    Mehr als vier von fünf Drogentoten starben nach dem gleichzeitigen Konsum mehrerer Substanzen. Bei den jungen Drogentoten waren dabei vor allem Medikamente ( Benzodiazepine, opioidhaltige Schmerzmittel und andere psychoaktive Arzneimittel) beteiligt. Der Beauftragte der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, Hendrik Streeck (CDU), erklärte bei der Vorstellung dieser Zahlen: „Mischkonsum ist hochgefährlich. Vielen jungen Menschen ist dieses Risiko nicht bewusst. Sie konsumieren aus psychischer Belastung, aus Neugier oder Übermut und mischen Substanzen.“ Streeck zufolge hat sich der Drogenmarkt mit der Digitalisierung verändert: „Drogen, gefälschte Medikamente und hochriskante Mischungen sind heute oft nur wenige Klicks entfernt. Der Dealer an der Straßenecke ist längst nicht mehr das einzige Problem.“

    An 769 Todesfälle waren Kokain oder Crack beteiligt – diese Zahl hat sich seit 2021 mehr als verdoppelt (+110,7 Prozent). Die Suchtexpertin Tamara Hanemann, die bei der Suchthilfe Wuppertal das Ambulant betreute Wohnen und das Café Intakt leitet, erklärte gegenüber 2mind: „Wir sind mittendrin in der Crackwelle.“ Die rauchbare, chemisch aufbereitete Form von Kokain wirkt extrem schnell, besitzt ein hohes Suchtpotential und führt zu Angst- und Wahnzuständen sowie zu sozialer Verelendung, etwa durch Wohnungslosigkeit. Hanemann zu den Crackkonsumenten: „Die fallen aus jeglichen Hilfesystemen raus.“

  • Kampagne für Kinder aus psychisch und suchtbelasteten Familien

    Kampagne für Kinder aus psychisch und suchtbelasteten Familien

    Screenshot der Kampagne "Schreiben statt Schweigen"
    Screenshot der Kampagne „Schreiben statt Schweigen“

    Das Bundesfamilienministerium und das Unternehmen Wall werben für „Hilfen im Netz“.

    Berlin (2mind) – Jedes Jahr erleben rund 3,8 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland die psychische oder Suchterkrankung eines Elternteils, was ihre eigene psychische Gesundheit und ihren Bildungserfolg gefährdet. „Hilfen im Netz“ bietet diesen jungen Menschen anonyme Online-Beratung und Informationen. Am Freitag startete Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) eine bundesweite Kampagne, die auf dieses Angebot hinweist.

    „Für viele betroffene junge Menschen sind die ‚Hilfen im Netz‘ der erste Ort, an dem sie sich öffnen können, unkompliziert Hilfe erhalten und wo sie erfahren, dass es anderen ganz ähnlich geht wie ihnen“, so Prien gegenüber der Presse. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck (CDU), verwies auf die Erfahrungen dieser Kinder: „Sie erleben, wie Stimmungen kippen, Versprechen nicht gehalten werden und der Alltag von einem Moment auf den anderen unberechenbar wird.“ Streeck weiter: „Viele übernehmen viel zu früh Verantwortung und stellen die eigenen Bedürfnisse zurück. Das kann sie selbst krank machen und ihr Risiko erhöhen, später eine Sucht zu entwickeln.“

    Deshalb ist frühe Hilfe auch wirksame Suchtprävention. Ein Anruf oder ein Chat kann der erste Schritt aus dieser Überforderung sein. Genau hier setzt ‚Hilfen im Netz‘ an: mit direkter Beratung und einem digitalen Wegweiser zu konkreten Hilfsangeboten vor Ort.“

    Für diese Kampagne stellt der Außenwerber Wall acht Wochen lang bundesweit 5.000 Flächen für sogenannte City Light Poster an ÖPNV-Haltestellen und anderen zentralen Plätzen kostenlos zur Verfügung.

    Zur Online-Plattform „Hilfen-im-Netz“: https://www.hilfenimnetz.de/

  • Drogentote in NRW: Die Zahlen steigen

    Drogentote in NRW: Die Zahlen steigen

    Ein Heroinkonsument setzt sich in einem Park einen "Schuss".
    Ein Heroinkonsument setzt sich einen „Schuss“. (Foto: Achim Halfmann / GFH)

    Expertin: „Wir sind mittendrin in der Crack-Welle“. Mehr aufsuchende Arbeit sei gefordert.

    Düsseldorf (2mind) – 441 Menschen starben im Jahr 2024 durch Drogenmissbrauch – 11 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Das zeigt eine Auswertung der Todesbescheinigungen, die das statistische Landesamt NRW Ende Juni vorlegte. Mit 50 Jahren war das durchschnittliche Sterbealter infolge von Drogenmissbrauch um 30 Jahre geringer als das aller Gestorbenen. Einen erheblichen Anteil an den Sterbefällen hatte der multiple Drogengebrauch. Und 13% der Verstorbenen beendeten ihr Leben laut Todesbescheinigung absichtlich mithilfe von Drogen.

    Wenig überrascht von den Zahlen zeigt sich die Suchtexpertin Tamara Hanemann, die bei der Suchthilfe Wuppertal das Ambulant betreute Wohnen und das Café Intakt leitet. „Der Mehrfachkonsum nimmt zu“, hat auch Hanemann beobachtet. Und: „Wir sind mittendrin in der Crackwelle.“ Die rauchbare, chemisch aufbereitete Form von Kokain wirkt extrem schnell, besitzt ein hohes Suchtpotential und führt zu Angst- und Wahnzuständen sowie zu sozialer Verelendung, etwa durch Wohnungslosigkeit. Hanemann zu den Crackkonsumenten: „Die fallen aus jeglichen Hilfesystemen raus.“

    Auf die aktuellen Entwicklungen in der Drogenszene sei das Hilfesystem nicht ausgelegt. Hanemann zufolge braucht es deutlich mehr niedrigschwellige Angebote und Behörden – etwa Jobcenter – die auch Sprechstunden vor Ort in den Kontaktstellen für drogenkonsumierende Menschen anböten. „Wir sind zu bürokratisch in Deutschland“, so die Expertin.

  • #PingTok oder #TripTok: Drogendeals per Hashtag

    #PingTok oder #TripTok: Drogendeals per Hashtag

    Von einer jungen Frau wird ein Video aufgenommen.
    Foto: Amanda Vick auf Unsplash

    jugendschutz.net nimmt die Bedeutung von TikTok für den Drogenhandel unter die Lupe.

    Mainz (2mind) – Drogeninhalte finden auf TikTok unter Hashtags wie #PingTok oder #TripTok eine weite Verbreitung. Ein aktueller Bericht von jugendschutz.net verdeutlicht, wie dort der Konsum illegaler Substanz wie Marihuana, Ecstasy, Ketamin, Speed oder auch Kokain durch ästhetische Inszenierungen und humorvolle Formate verharmlost oder glorifiziert wird, was insbesondere auf Jugendliche eine starke Anziehungskraft ausübt. Über die Kommentarspalten und spezielle Codewörter fungiert die Plattform zudem als Marktplatz für den Drogenhandel, wobei Dealer gezielt junge Zielgruppen ansprechen. Der TikTok-Algorithmus verstärkt diese Gefahren, indem er interessierten Nutzern fortlaufend ähnliche Beiträge zuspielt und so eine gefährliche Normalisierung des Konsums fördert.

    Drogen als „normaler Teil des Alltags“

    Emotional aufgeladene Inszenierungen, Ästhetisierung und Verharmlosung geschehen auf verschiedene Weise:

    • Ästhetische Inszenierung des Rausches: Drogenkonsum wird häufig mit bunten Farben, Lichtern und Party-Atmosphäre verknüpft. Der Rausch wird dabei als Ausdruck von Freiheit, Gemeinschaft, Selbstfindung oder als fester Bestandteil der Partykultur dargestellt. Sogar negative körperliche Begleiterscheinungen wie geweitete Pupillen, Zittern, Kontrollverlust oder Erbrechen werden ästhetisch in Szene gesetzt und so romantisiert.
    • Humorvolle und triviale Kontexte: Manche Videos stellen Drogentrips in einem humoristischen oder trivialisierenden Rahmen dar. Der Konsum wird als spaßiges Mittel zum Feiern oder als unbeschwerte Flucht aus dem Alltag präsentiert, was auf Jugendliche faszinierend wirken kann.
    • Nutzung von Trends und Popkultur: User unterlegen ihre Videos mit szenetypischen Sounds, Memes oder Songtexten von Rappern, die Substanzen wie Ketamin als Partydroge feiern.
    • Verwendung von Codes und Verharmlosung durch Sprache: Unter Hashtags wie #PingTok, #TripTok, #SniffTok oder #Emma teilen Nutzer scheinbar beiläufig ihre Erfahrungen. Dabei werden gesundheitsschädliche Substanzen oft mit harmlos wirkenden Emojis codiert, wie etwa ein Einhorn für Ketamin, ein Puzzleteil für LSD oder ein Fliegenpilz für psychoaktive Pilze.
    • Ausblendung von Risiken: In derartigen Inhalten werden Gefahren wie Suchtpotential, psychische Folgen (z.B. Psychosen, Depressionen), körperliche Schäden oder Unfälle selten thematisiert.
    • Normalisierung durch den Algorithmus: Durch die algorithmische Verstärkung entstehen für User sogenannte „Echokammern“, in denen Drogeninhalte ständig präsent sind. Dies erzeugt den Eindruck, Drogenkonsum sei weit verbreitet und gesellschaftlich normal („Das machen doch alle“), was die Hemmschwelle für den Erstkonsum senken kann.

    Gegenmaßnahmen bleiben lückenhaft

    TikTok reagiert auf die Verbreitung von Drogeninhalten, jedoch inkonsistent und teilweise unzureichend, so der Bericht von jugendschutz.net. Im Einzelnen reagiert die Plattform wie folgt:

    • Richtlinien und Meldesystem: Offiziell verbietet TikTok in seinen Richtlinien Inhalte, die den Konsum oder Handel mit illegalen Drogen fördern. Zudem gibt es eine Meldefunktion, über die Nutzer solche Inhalte melden können.
    • Sperrung von Hashtags: Um die Auffindbarkeit von Drogeninhalten einzuschränken, hat TikTok vereinzelt szenetypische Hashtags wie beispielsweise #SpecialK oder #TripTok gesperrt.
    • Löschung von Inhalten: Teilweise wird TikTok erst dann aktiv, wenn offenkundig Drogen zum Verkauf angeboten werden. Dabei kommt es vor, dass lediglich die Kommentare gelöscht werden, die einen Handel einleiten, während das ursprüngliche Video online bleibt. Dies führt dazu, dass die Kommentarspalten oft kurz darauf erneut für den Drogenhandel genutzt werden.
    • Unterschiedliche Reaktionen bei Meldungen: Ein Test von jugendschutz.net zeigte, dass TikTok auf Meldungen jugendgefährdender Inhalte durch normale User nur in 18 Prozent der Fälle reagierte. Allerdings wurden 89 Prozent der Inhalte entfernt, wenn sie offiziell durch jugendschutz.net gemeldet wurden.
    • Probleme bei der Durchsetzung: Die Maßnahmen von TikTok lassen sich leicht umgehen, so der Bericht. Nutzer wandeln Hashtags gezielt ab, um automatische Filter zu vermeiden, und nutzen Zweit- oder Drittaccounts als Backups für den Fall einer Sperrung.

    Da die bisherigen Moderationsmaßnahmen des Anbieters lückenhaft bleiben, fordert jugendschutz.net strengere Altersprüfungen, effektivere Meldesysteme und eine stärkere Sichtbarkeit von Präventionsangeboten. Letztlich unterstreicht der Bericht die Notwendigkeit eines besseren Jugendschutzes, um Kinder vor gesundheitlichen Risiken in digitalen Räumen zu bewahren.

    Der „Report: #PingTok, #TripTok & Co“ > als PDF zum Download

  • War die Teillegalisierung des Cannabiskonsums richtig?

    War die Teillegalisierung des Cannabiskonsums richtig?

    Cannabisblätter und ein Medizinfläschchen
    Foto: Kimzy Nanney auf Unsplash

    Ein Zwischenbericht der Begleitforschung wird kontrovers diskutiert

    Berlin (2mind) – War die 2024 gesetzlich geregelte Teil-Legalisierung des Cannabiskonsums ein Schritt in die richtige Richtung? Während eine Anfang April vorgelegte wissenschaftliche Studie zu einem tendenziell eher positiven Ergebnis kommt und keinen sprunghaften Konsumanstieg feststellt, fällt die Bewertung durch die Bundesregierung deutlich anders aus. So erklärte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt: „Das Cannabisgesetz ist ein vollkommener Rohrkrepierer. Jugendgefährdend und kriminalitätsfördernd.“ Der Schwarzmarkt boome und die Kriminalität steige, so der CSU-Politiker.

    Durch das seit dem 1. April 2024 geltende Konsumcannabisgesetz (KCanG) hatte die Koalition aus SPD, Grünen und FDP den Umgang mit Cannabis für Privatpersonen teilweise legalisiert: Seitdem sind der Besitz der Droge sowie der private Eigenanbau und der gemeinschaftliche Eigenanbau in Anbauvereinigungen in gewissen Grenzen erlaubt. Zudem wurde die Nutzung von Cannabis zu medizinischen Zwecken durch das Medizinal-Cannabisgesetz (MedCanG) erleichtert.

    Bereits im KCanG wurde die wissenschaftliche Evaluation des Projektes verankert, die vom Verbundforschungsprojekt „Evaluation des Konsumcannabisgesetzes“ (EKOCAN) noch bis zum April 2028 geleistet wird. EKOCAN legte nun diesen 2. Zwischenbericht vor. Ergebnisse daraus im Einzelnen:

    Die Teillegalisierung hat den Cannabismarkt verändert: Eine besondere Bedeutung besitzt dabei das zu medizinischen Zwecken vertriebene Cannabis. In Deutschland hat sich „der größte prinzipiell legal-kommerzielle Cannabismarkt Europas entwickelt“. Weiter heißt es in der Studie: „Ein Grund für diese Entwicklung sind die mittlerweile zahlreichen Onlineplattformen für Medizinalcannabis, die das verschreibungspflichtige Arzneimittel auch an Freizeitkonsumierende vermarkten.“ Angezogen habe der Eigenanbau von Cannabis, jedoch sei der (illegale) Bezug über soziale Kontakte weiterhin bedeutender. Der gemeinschaftliche Eigenanbau in Anbauvereinigungen habe sein Potenzial bisher nicht entfalten können, so die Studie.

    Der Cannabiskonsum unter Jugendlichen sei seit der Teillegalisierung stabil oder sogar leicht rückläufig. Nach Studienangaben ist es „bislang nicht zu einem Rückgang der Risikowahrnehmung des Cannabiskonsums unter Jugendlichen gekommen“. Allerdings würden junge Menschen seltener Frühinterventionsprogramme in Anspruch nehmen.

    Seit etwa 15 Jahren verbreite sich der Cannabiskonsum unter Erwachsenen stetig, was sich auch nach der Teillegalisierung fortzusetzen scheine. Einen bedenklichen Trend erkennen die Forschenden für die ambulante Suchthilfe: „Während immer mehr junge Erwachsene Cannabis konsumieren und auch mit entsprechenden Problemen im medizinischen Versorgungssystem diagnostiziert werden, ist die Inanspruchnahme von Beratungsangeboten der ambulanten Suchthilfe durch diese Bevölkerungsgruppe seit einigen Jahren – auch nach der Teillegalisierung – rückläufig.“

    Im Blick auf die cannabisbezogene Kriminalität stellen die Studienautoren fest: Die Zahl der vor Gericht verhandelten konsumnahen Cannabisdelikte sei nach der Teillegalisierung gesunken. Die Studie weiter: „Aufgrund der beschriebenen Entwicklungen auf dem Cannabismarkt ist davon auszugehen, dass es gelungen ist, den Schwarzmarkt partiell zurückzudrängen.“ Ob dies zu einer Schwächung der cannabisbezogenen organisierten Kriminalität geführt habe, lasse sich noch nicht sagen. Es gebe erste Hinweise darauf, dass deren Akteure am legalen Cannabis-Markt zu partizipieren versuchten.

    Der Markt für das sogenannte Medizinalcannabis werde von hochpotenten Produkten (mit einem THC-Gehalt von über 10% oder 15%) beherrscht – trotz des erhöhten Risikos für psychische Probleme. Einschlägige Onlineplattformen brächten verschreibungswillige Ärztinnen und Ärzte, Apotheken und Konsumierende zusammen und richteten sich mit ihren Angeboten gerade auch an Freizeitkonsumierende.

    „Die dargestellten Ergebnisse verdeutlichen, dass einige der vom Gesetzgeber intendierten Effekte des KCanG schon jetzt teilweise eingetreten sind“, so das Fazit der Forschenden. Jedoch seien auch Fehlentwicklungen zu beobachten: Aufgrund der geringen Zahl an Cannabis-Anbauvereinen sollten die Rahmenbedingungen für deren Zulassung überprüft werden. Die Zusammenarbeit der an einer „Frühintervention“ beteiligten Fachdienste könne besser koordiniert werden. Empfohlen wird eine finanzielle Stärkung der Suchtberatungsstellen ebenso wie eine Stärkung der Strafverfolgungsbehörden. „Mit Blick auf die aufgezeigten Fehlentwicklungen auf dem Markt für Medizinalcannabis sollte der Gesetzgeber in Betracht ziehen, den THC-Gehalt frei verschreibbarer Cannabisblüten zu beschränken.“ Weiter solle laut Studienautoren geprüft werden, wie heilmittelwerberechtliche Vorgaben durchgesetzt werden könnten.

    Auf die problematischen Entwicklungen verweist der Beauftragter der Bundesregierung für Sucht- und Drogenfragen, Hendrik Streeck: „Beim Medizinalcannabis sehen wir erheblichen Missbrauch zu Konsumzwecken. Streeck fordert Gegenmaßnahmen: „Das hat mit Medizin nichts mehr zu tun. Das weiterlaufen zu lassen, wäre fahrlässig.“ Einen beunruhigenden Trend sieht der Bundesdrogenbeauftragte zudem bei der Hilfe für Jugendliche: „Wer wegen Cannabis auffällt, bekommt heute seltener frühzeitig Beratung und Unterstützung als vor Inkrafttreten des Gesetzes.“ Ursächlich sei das Entfallen der Informations-Weiterleitung durch Polizei, Justiz und Jugendgerichtshilfe. Streeck weiter: „Wer nicht früh eingreift, lässt junge Menschen und ihr Umfeld mit dem Problem allein.“

    Am EKOCAN-Verbund sind Forschende des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), der Eberhard-Karl-Universität Tübingen sowie des Universitätsklinikums Düsseldorf (UKD) beteiligt.

    Der > Link zum EKOCAN-Zwischenbericht

  • Drogenpost in NRW-Gefängnissen

    Drogenpost in NRW-Gefängnissen

    Kinderzeichnung mit Wasserfarben: Es sind blumen zu sehen.

    Die gefährliche Jagd nach dem „Kick“ auf Papier – und wie der Justizvollzug auf die neuen Herausforderungen reagiert

    Köln (2mind) – In Nordrhein-Westfalens Gefängnissen breitet sich der Konsum neuer psychoaktiver Substanzen (NPS) aus. Der Schmuggelweg ist dabei denkbar simpel: Die synthetischen Drogen werden flüssig auf Papier aufgetragen – etwa auf persönliche Briefe oder harmlos wirkende Kinderzeichnungen – und per Post in die Anstalten geschickt. Dort werden die Papierschnipsel von den Inhaftierten geraucht oder anders konsumiert. Darüber berichtete die WDR-Sendung Westpol am 8. März.

    Der Beitrag belegt mit zuvor unveröffentlichten Zahlen die Dimension des Problems: Im Jahr 2024 machten NPS 25 % aller Drogenfunde in NRW-Gefängnissen aus, im vergangenen Jahr waren es bereits 37 %. Die Zahl der NPS-Funde steigt von Quartal zu Quartal weiter.

    Die psychoaktiven Substanzen gelten als extrem gefährlich, da ihre chemische Zusammensetzung ständig variiert und ihre Wirkung daher unberechenbar ist. Dies führt zu medizinischen Notfällen, Zusammenbrüchen und extremer Aggressivität gegenüber dem Personal. In dem Beitrag sagt Peter Schönenberg, Leiter einer Sicherheitsgruppe der JVA Rheinbach: „Es kann durchaus sein, je nachdem wie stark der Stoff ist, dass ein halbes Kästchen ausreicht, um einen normalen Menschen aus den Schuhen zu schießen.“ Risiken bestünden dabei auch für Justizvollzugsbedienstete, die unbemerkt mit diesen Stoffen in Kontakt geraten könnten.

    Und Anstaltsarzt Jan Salloch aus der JVA Gelsenkirchen verweist auf die Risiken durch das Verhalten berauschter Häftlinge: „Sie sind oft fremdaggressiv, gehen auf uns los, entwickeln auch Kräfte, die wir so vorher noch nicht gesehen hatten“. Zudem würden mitunter unbedarfte Gefangene als „Versuchskaninchen“ missbraucht. Salloch weiter: „Die schummeln ihnen dann einfach eine Zigarette oder ein Getränk unter, in dem dann was drin ist, um zu gucken: Wie wirkt es denn?“

    In der Justizvollzugsanstalten Gelsenkirchen und Rheinbach werden inzwischen drastische Maßnahmen ergriffen, berichtet der WDR: Briefe werden in der JVA Geldern seit eineinhalb Jahren eingescannt und den Häftlingen nur noch als Kopie ausgehändigt, um den Kontakt mit getränktem Originalpapier zu verhindern. Für die Inhaftierten keine einfache Lösung: „Ist unpersönlich, ne? Meine Frau gibt sich Mühe, schöne Briefe zu schreiben, nett. Und dann kommt es einfach kopiert hier hin“, sagt Thomas J. dem Sender. Die JVA Gelsenkirchen hat zudem ihren Besuchsraum transparent gestaltet, um eine heimliche Übergabe von Drogen zu unterbinden.

    Und in der JVA Rheinbach läuft seit November ein Modellprojekt mit einem hochmodernen Ionenscanner. Das 50.000 Euro teure Gerät erkennt rund 1.000 verschiedene NPS-Zusammensetzungen und konnte bereits 35 Schmuggelversuche entlarven, die etwa über gefälschte Anwaltspost oder Würfe über den Zaun in die JVA gelangten.

    Nordrhein-Westfalens Justizminister Benjamin Limbach (B‘90/Grüne) dazu gegenüber dem WDR: „Wir sind noch mitten in der Erprobung, aber die ersten Daten, die wir aus Rheinbach bekommen, sind ermutigend. Wir finden mit diesem Ionenscanner mehr NPS-Stoffe, als wir es vorher gefunden haben.“

    Der > Link zum Beitrag in der WDR-Mediathek

    Info
    Neue Psychoaktive Substanzen (NPS)

    Der Begriff „Neue Psychoaktive Substanzen (NPS)“ umfasst eine Vielzahl synthetischer Substanzen, die Wirkungen herkömmlicher Drogen nachahmen. Die Wirkungsintensität der NPS ist dabei häufig um ein Vielfaches höher als die der nachgeahmten Substanzen, was die Gefahr einer Überdosierung erhöht. NPS-Zusammensetzungen ändern sich ständig und regelmäßig erscheinen viele neue Zusammensetzungen auf dem Drogenmarkt. Die Präparate werden z.B. über das Internet gehandelt und geben sich den Anschein, legal zu sein, was für die große Mehrheit der NPS allerdings nicht (mehr) zutrifft. (1)

    Synthetische Cannabinoide (Spice)
    ahmen die Wirkung von Marihuana nach. Die Wirksamkeit beträgt dabei bis zum 100-fachen der „natürlichen“ Droge.

    Synthetische Cathinone
    zählen zu den Stimulanzien und werden als Pulver oder Kapseln gehandelt.

    Synthetische Opioide
    werden u.a. in gefälschten Medikamenten wie Nasenspray gefunden und wirken bis zu 500 mal stärker als Morphium.

    Während die Verbreitung von NPS in der Allgemeinbevölkerung noch als gering gilt, ist ihre Bedeutung im Strafvollzug hoch; dort verdrängen sie die klassischen Drogen. Als Ursachen werden diskutiert: der geringe Preis, die einfachen Schmuggelwege und die prekären Lebensbedingungen im Vollzug, die den Konsumwunsch steigern.

    (1) vgl. Ulrike Häßler (2026). Neue Psychoaktive Substanzen – eine Einführung. In Bewährungshilfe. 73. Jg. Nr. 1, März 2026, S. 5-15

  • Bindung als Schlüssel: Christliche Suchthilfe setzt auf Beziehungen und Vertrauen

    Bindung als Schlüssel: Christliche Suchthilfe setzt auf Beziehungen und Vertrauen

    Foto: Dieter Kemmann auf der ACL-Konferenz am 6. März (Achim Halfmann / 2mind)

    Pracht an der Sieg (2mind) – Abstinenz-, Bindungs- und Christusorientierung sind Merkmale der Suchthilfeeinrichtungen innerhalb der „Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen“ (ACL). Mit einem wissenschaftlich fundierten Konzept will der Arbeitskreis „Bindung und Sucht“ dazu in den fachlichen Austausch mit Hochschulen treten. „Bindungsgestörte Menschen finden sich häufig in unseren Therapien“, so Dietmar Kemmann, Leitender Psychologe des Diakonie-Krankenhauses Elbingerode (Harz), bei der Vorstellung des Konzeptes auf der ACL-Konferenz am 6. März in Pracht an der Sieg.

    „Wir sind auf Beziehungen angelegt und brauchen enge Bindungen“, sagte Kemmann. „Wir suchen nach Beziehungen, die uns helfen, uns sicher und frei zu fühlen.“ Sicher gebundene Menschen könnten sich auf ihre Gedanken und Gefühle verlassen. Der Psychologe weiter: „Suchtmittel sind eine Scheinlösung“, sie seien ein schneller Weg zu guten Gefühlen.

    In einer bindungsorientierten Behandlung sei es wichtig, als Team zusammenzustehen und Sicherheit herzustellen, so Kemmann. „Vertrauen ist das Fundament.“ Es gehe in den therapeutischen Gemeinschaften darum, Einfühlsamkeit zu zeigen und echte Beziehungen, echte Bindungen zu ermöglichen. Diesen Ansatz begründete der Psychologe auch theologisch: „Wir haben einen persönlichen Gott“, so Kemmann. „In dieser Beziehung dürfen wir neu anfangen – mit unseren Patienten auch.“

    In einem von Michael Lenzen, Vorstand im Neuen Land (Hannover), moderierten Workshop ging es um die Umsetzung der Bindungsorientierung, etwa um die Frage, wie Gäste der ACL-Einrichtungen in christlichen Gemeinden Beziehungen aufbauen können. An dem Konzept will der ACL-Arbeitskreis „Bindung und Sucht“ weiterarbeiten.  Ziel sei es, Studierende für wissenschaftliche Arbeiten zur Praxis der ACL-Einrichtungen zu gewinnen, etwa im Rahmen von Bachelor- oder Masterarbeiten, so Lenzen.

    Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Lebenshilfen ist ein freier Zusammenschluss von 42 Beratungs-, Therapie-, Seelsorgeeinrichtungen, Kliniken und Initiativen. Die Mitgliedswerke bietet christlich orientierte Lebenshilfe im Rahmen von Haus- und Therapiegemeinschaften oder Fachkliniken an – für Menschen in Lebenskrisen. Die ACL-Konferenz fand vom 5. bis 8. März 2026 mit 160 Teilnehmenden in Pracht im Westerwald statt.

  • Mehr junge Frauen mit Alkoholvergiftungen

    Mehr junge Frauen mit Alkoholvergiftungen

    Bild einer Weinfalasche auf einem Mülleimer am Rande einer Straße. Im Hintergrund sind 2 Fahrradfahrer erkennbar.
    Foto: Achim Halfmann / 2mind

    Insgesamt gehen die Behandlungszahlen junger Menschen mit Alkoholvergiftung in NRW seit 2017 zurück.

    Düsseldorf (2mind) – Im vergangenen Jahr sind mehr Mädchen und junge Frauen im Alter zwischen 10 und 20 Jahren wegen Alkoholvergiftung in ein nordrhein-westfälisches Krankenhaus eingeliefert worden als im Vorjahr. Wie das statistische Landesamt IT.NRW heute mitteilte, wurden 2024 insgesamt 921 Behandlungen registrierte, 14% davon betrafen Mädchen zwischen 10 und 14 Jahren. Bei den Männern waren zwischen 10 und 20 Jahren es 878 Behandlungen wegen Alkoholvergiftung.

    Mit 1.799 junge Menschen aus Nordrhein-Westfalen, die 2024 wegen einer Alkoholvergiftung stationär behandelt werden mussten, lag die Gesamtzahl um2,2% unter dem Vorjahr – was einem Rückgang der Zahl betroffener junger Männer zu verdanken war. Insgesamt sind die Fallzahlen seit dem Jahr 2017 rückläufig.

    Als Alkoholvergiftungs-Behandlungsfälle wurden laut IT.NRW die vollstationären Behandlungsfälle ausgewiesen, bei denen als Hauptdiagnose der ICD-10-GM-Kode F10.0 (Psychische und Verhaltensstörungen durch Alkohol: Akute Intoxikation [akuter Rausch]) kodiert wurde.

  • Geistlich lebendig bleiben – auch in der 3. Generation

    Geistlich lebendig bleiben – auch in der 3. Generation

    Standortbestimmung auf der 100. Tagung der Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen (ACL)

    Blankenheim (Eifel) – Wie bleibt der missionarische Auftrag in diakonischen Werken lebendig? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen (ACL) auf ihrer 100. Jahrestagung vom 9. bis 11. November in Blankenheim (Eifel). Mit dabei waren 85 Leitungspersonen aus 38 christlichen Werken.

    Christlicher Auftrag sei es, Menschen mit der Rettungsbotschaft zu erreichen, so Eberhard Ruß, Vorstandsvorsitzender von Neues Land (Hannover) und Mitglied im ACL-Leitungskreis. Viele Mitgliedswerke seien in den 1970er Jahren entstanden, manche würden bereits von der dritten Generation geleitet. „Wie bleiben wir in unseren Häusern lebendig?“, ist für Ruß eine Kernfrage. Dabei gehe es nicht um christliche Bekenntnisse in schriftlichen Leitbildern, sondern um den gelebten Glauben im Alltag der christlichen Einrichtungen. Ruß: „Mir ist wichtig, dass das, was draufsteht, auch drin ist.“ Lebendiger christlicher Glaube brauche den Austausch, so wie ihn die ACL-Konferenz biete. In vielen sozialmissionarischen Werken habe sich jetzt eine jüngere Generation auf den Weg gemacht. Ruß: „Ich wünsche mir, dass sie mit hierherkommen und uns herausfordern.“

    Sprachfähig bleiben gegenüber Menschen in Randgruppen

    Für die ACL-Mitgliedswerke sei zudem die Nähe zu den christlichen Kirchen und Gemeinden wichtig. „Gemeinden sind ein Ort, wo Menschen mit Lebenskrisen andocken“, so Ruß. Aus den Gemeinden würden solche Menschen in die ACL-Werke vermittelt und nach ihrem Aufenthalt dort kehren viele in die Gemeinden zurück. Für die häufig in bürgerlichen Milieus verorteten Gemeinden besteht laut Ruß eine Herausforderung darin, ihre Sprachfähigkeit gegenüber Menschen in Randgruppen nicht zu verlieren – wenn sie den biblischen Auftrag umsetzen wollen, an die „Hecken und Zäune“ zu gehen.

    „Die Jesus-People-Bewegung schwappte von Amerika herüber“

    Zu den ACL-Initiatoren zählt Rolf Waldeck, Gründer der sozialmissionarischen Initiative „Hoffnung für Dich“ (Wabern/Nordhessen), der auf der Tagung aus der Anfangszeit der ACL berichtete. Die frühen 1970er Jahre „waren die Zeit der Jesus-People-Bewegung, die schwappte von Amerika herüber“, so Waldeck. In Deutschland entstanden missionarische Teestuben und Christen eröffneten Häuser für drogenabhängige Menschen. Waldeck weiter: „Anfangs war es so, dass wir keine Ahnung hatten: Wie geht man mit drogenabhängigen Menschen um? Wie geht man mit psychisch kranken Menschen um?“ Die heutige ACL-Tagung – in den ersten Jahren hieß sie „Kontakt-Tagung“ – war ein Austauschforum für Christen, die diesen Menschen vom Glauben her geholfen haben und in den Folgejahren mit pädagogischem und therapeutischem Wissen Konzepte dazu entwickelten. „Bei der ACL ist die Glaubensbasis bis heute geblieben“, so Waldeck. „Deshalb gibt es Andachten in unseren Häusern.“ Trotz der unterschiedlichen gemeindlichen Hintergründe sei es in der ACL nie zu theologischen Konflikten gekommen. Waldeck: „Die Unterschiede waren eine Bereicherung.“

    Gesunde Opferbereitschaft fördern

    Zu den ACL-Leitern der 3. Generation zählt German Karatsev, Geschäftsführender Vorstand bei Hoffnung für Dich e.V. – Schloss Falkenberg (Wabern). Ihm ist es wichtig, den Begriff der Opferbereitschaft im christlichen Dienst für die jüngeren Mitarbeitenden zu füllen. „Es geht um eine gesunde Opferbereitschaft“, so Karatsev  und er zitiert die Bibel: „Wir sollen Gott ein lebendiges Opfer sein – und keine Kadaver.“ In den Begegnungen im Rahmen der ACL sieht Karatsev für sein Team die Chance, über den eigenen Tellerrand zu schauen und zu erleben, wie Gott in den unterschiedlichsten Werken handelt.

    Liebe braucht Achtsamkeit

    Wie Christen in sozialmissionarischen Aufgabenbereichen gesund bleiben, darüber sprach Johannes Neufeld, leitender Pastor der Freien Christengemeinde Blankenheim, in einem Vortrag zur Achtsamkeit. „Wer nur auf die Lehre achtet, ohne auf sich selbst zu achten, landet bei einer Wahrheit ohne Liebe“, so Neufeld. Im Unterschied zur säkularen Achtsamkeit richte sich die christliche Achtsamkeit nicht nur nach innen. Neufeld weiter: „Sie orientiert sich nach oben, sie schaut nach außen.“

    Gelebte „Jesus-Ökumene“

    Im Blick auf die unterschiedlichen gemeindlichen Hintergründe der ACL-Mitglieder sagte Martin Scheuermann, Hausvater und Geschäftsführer von Haus Schönblick – Christliches Gästezentrum Württemberg (Schwäbisch Gmünd): „In den letzten Jahren ist eine richtige Jesus-Ökumene entstanden. Wir definieren uns nicht in Abgrenzung, wir definieren uns in Jesus.“ In seiner Auslegung zu Psalm 73 ermutigte er die Zuhörer zu einem österlichen Denken, dass den auferstandenen Jesus im Blick behalte. „Die oberste Regie hat nicht der Merz und nicht der Trump“, so Scheuermann. „Die oberste Regie hat unser Herr Jesus.“

    Wohngemeinschaft ‚Neues Leben‘ e.V.

    Gastgeber war in diesem Jahr das ACL-Mitglied „Wohngemeinschaft ‚Neues Leben‘ e.V.“, eine sozialmissionarische Arbeit für suchtkranke Menschen. In der im Jahr 2003 gegründeten Einrichtung werden aktuell 19 Männer – überwiegend mit Migrationshintergrund aus den baltischen Staaten und Polen – begleitet. Die ländlich gelegene Wohngemeinschaft bietet tagesstrukturierende Maßnahmen u.a. in einem Palettenwerk und in der Landwirtschaft. Mit Blick auf das Thema der ACL-Tagung sagte Einrichtungsleiter Denis Kemerer: „Für mich sind Begegnung und die persönliche Begleitung wichtig, um den Glauben weiterzugeben.“

     Die 100. ACL-Tagung

    Die ACL-Tagungen sind ein Forum für Leitungspersonen aus den Mitgliedswerken der Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen. Die erste ACL-Tagung fand am 28. und 29. August 1971 mit Teilnehmern aus Deutschland und der Schweiz auf Einladung des Hoffnung für Dich e.V. in der Freien evangelischen Gemeinde Gießen statt.

    An alle Mitarbeitenden aus den ACL-Werken richten sich die ACL-Konferenzen; zudem bietet die ACL Netzwerktreffen zu den Themen Sucht, Kids und Teens sowie seelische Gesundheit an. Die 101. ACL-Tagung wird zugleich als ACL-Konferenz vom 5. bis 8. März 2026 in Pracht im Westerwald stattfinden. Die 102. ACL-Tagung ist für den 24. bis 27. September 2026 in Borken geplant.

    Die ACL (Arbeitsgemeinschaft Christlicher Lebenshilfen)

    Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Lebenshilfen ist ein freier Zusammenschluss von 42 Beratungs-, Therapie-, Seelsorgeeinrichtungen, Kliniken und Initiativen, die sich auf der Grundlage des Evangeliums beauftragt wissen, hilfsbedürftigen Menschen zu dienen und ihnen Lebenshilfen anzubieten. Jedes Mitgliedswerk bietet christlich orientierte Lebenshilfe im Rahmen von Haus- und Therapiegemeinschaften oder Fachkliniken an – für Menschen in Lebenskrisen.

    Web: https://www.acl-deutschland.de/