Kategorie: Seelische Gesundheit

  • „Wer Menschen mit Respekt behandelt, wird auch selbst respektiert.“

    „Wer Menschen mit Respekt behandelt, wird auch selbst respektiert.“

    Heval Akil bei der Arbeit (Foto: Achim Halfmann / 2mind)

    Dortmund (2mind) – Wie gelingt die Integration von Geflüchteten in Arbeit? CSR NEWS besucht Betriebe, die Menschen mit Migrationshintergrund Arbeit und Ausbildung ermöglichen. Im Dortmunder Hotel Esplanade sprechen wir mit Küchenchef Heval Akil. Der heute 43-Jährige kam 1999 selbst als Flüchtling aus Syrien nach Deutschland.

    Von Achim Halfmann

    Viele Integrations-Herausforderungen kennt Heval Akil aus eigener Erfahrung. In Syrien hatte er eine Ausbildung in der Systemgastronomie abgeschlossen – die in Deutschland nicht anerkannt wurde. Das Erlernen der deutschen Sprache, der Erhalt einer Arbeitserlaubnis und der Zugang zu einem Ausbildungsplatz – vor 25 Jahren lagen die Hürden noch deutlich höher als heute. Akils beruflicher Weg begann im Sauerland. Durch die ehrenamtliche Arbeit in der Abtei Königsmünster in Meschede lernte er Menschen kennen, die ihn bei Bewerbungen und Behördengängen unterstützten. In Meschede absolvierte er eine Ausbildung zum Koch, sammelte danach Auslandserfahrungen in Frankreich und den Niederlanden und übernahm eine erste Küchenleitung.

    In Meschede engagierte sich Akil für die Gründung eines kurdischen Kulturvereins und war vier Jahre lang dessen Vorsitzender. Dort erlebte er auch die sogenannte „Flüchtlingswelle“ der Jahre 2015 und 2016 mit, als über eine Million Menschen nach Deutschland kamen – viele davon aus Syrien. Er arbeitete als ehrenamtlicher Übersetzer für das Jugendamt, schrieb mit Geflüchteten Lebensläufe und Bewerbungen und vermittelte einzelne in Gastronomiebetriebe. Akil kam dabei zugute, dass er zweisprachig aufwuchs und Arabisch ebenso wie Kurdisch spricht. Zum Erliegen kam dieses Engagement während der Corona-Pandemie.

    Heval Akil präsentiert seine Weinmarke „Kobane“ (Foto: Achim Halfmann / 2mind)

    In Dortmund fand Heval Akil mit dem Hotel Esplanade und der Unternehmerfamilie Kortmann ein neues berufliches Umfeld, in dem Arbeitnehmer mit Fluchterfahrung willkommen sind. Unter den etwa 25 Mitarbeitenden sind jeweils fünf oder sechs Geflüchtete. In die Ausbildungen zum Koch bzw. zur Köchin und zur Hotelfachkraft nimmt das Unternehmen junge Menschen auf, die kurz zuvor nach Deutschland gekommen sind. Für die Geflüchteten und das Hotel handele es sich um eine Win-Win-Situation, sagt Akil. Denn immer weniger junge Menschen entscheiden sich für eine Ausbildung in der Gastronomie, auch wegen der Arbeitszeiten.

    Für Heval Akil besitzt die Netzwerkarbeit eine hohe Bedeutung. Er leitet nicht nur die Küche im Hotel Esplanade, sondern ist als Ausbilder zugleich Mitglied im Prüfungsausschuss der Dortmunder Industrie- und Handelskammer. Und er hält Kontakt zum kurdischen Kulturverein in der Stadt. Häufig kämen geflüchtete junge Menschen durch Mund-zu-Mund-Propaganda auf die Idee, sich in dem Hotel zu bewerben, berichtet Akil.

    Besonders wichtig für den beruflichen Erfolg sind Sprachkenntnisse. Grundlagen vermitteln Sprachkurse, die von der Arbeitsagentur finanziert werden. Der Besuch einer Berufsschule ist für Geflüchtete trotzdem eine „harte Nummer“, weiß Akil aus eigener Erfahrung. Seine Nachwuchskräfte unterstützt der Küchenleiter daher bei der Prüfungsvorbereitung. So stellen Auszubildende mit Migrationshintergrund gemeinsam mit ihrem Ausbilder ein Menü aus saisonalen Produkten zusammen, erklären dies zunächst in ihrer Muttersprache und lernen dann die deutschen Begriffe kennen.

    Kulturelle Unterschiede müssen ebenso überwunden werden. In Deutschland zählt die Pünktlichkeit: 8.00 Uhr ist 8.00 Uhr, in manchen anderen Kulturen werden zeitliche Absprachen nicht auf die Minute genau genommen. Und auch für dieses kulturelle Ankommen sind Sprachkenntnisse wichtig. Denn „ohne Sprache fühlt man sich nicht zuhause“, sagt Akil. Erschwert werde das Lernen bei manchen Geflüchteten durch Traumata: Jahre des Krieges und des Terrors und die Gefahren der Flucht bleiben nicht ohne Spuren. Nach den Erfahrungen von Akil ist etwa jeder dritte Flüchtling traumatisiert. Und manche leiden unter Heimweh. Geflüchtete Menschen beobachten das Geschehen in ihrem Heimatland weiterhin genau – auch aus Sorge um die zurückgelassenen Freunde und Verwandten.

    Betrieben, die Geflüchtete integrieren wollen, rät Akil zum Austausch mit anderen, die darin bereits Erfahrungen gemacht haben. Und dann sollten Chefs und Ausbilder positiv auf Menschen mit Migrationshintergrund zugehen. Heval Akil: „Wer Menschen mit Respekt behandelt, wird auch selbst respektiert.“

    Das Dortmunder Hotel Esplanade ist Teil des > DIHK-Netzwerks „Unternehmen integrieren Flüchtlinge“

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  • Soziale Arbeit: Beschäftigte vor dem Burnout

    Soziale Arbeit: Beschäftigte vor dem Burnout

    Foto: Christina @ wocintechchat.com auf Unsplash

    Berlin (2mind) – Auf den Beschäftigten in der Sozialen Arbeit lastet ein enormer Druck. In allen Arbeitsfeldern herrscht eine „höchstmögliche berufliche Erschöpfung“. Das zeigt die Studie „Professionelle Krise nach Corona? Steuerungsbedarf in der Sozialen Arbeit nach der Pandemie (CriCo)“, durchgeführt von Prof. Nikolaus Meyer (Hochschule Fulda) und der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di.

    Im vergangenen November wurden 8.200 Beschäftigte aus verschiedenen Tätigkeitsbereichen der Sozialen Arbeit; erste Ergebnisse wurden am Jahresende vorgestellt. Einzelne Ergebnisse:

    • Zahlreiche Beschäftigte haben seit Ausbruch der Pandemie häufig die gesetzlich vorgesehenen Erholungspausen ausfallen lassen, um ihre Arbeit zu bewältigen.
    • 40 % der Befragten arbeiteten regelmäßig drei oder mehr Stunden wöchentlich
    • Mehr als 60 % der Sozialarbeitenden gehen häufig oder sehr häufig an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit. 65 % der Befragten berichten über Zeitdruck.
    • Der Kontakt zu den Erziehungsberechtigten sowie zu Kindern und Jugendlichen hat insbesondere in den Kindertagesstätten und Jugendämtern abgenommen, so die Beschäftigten.

    Ver.di verweist in diesem Zusammenhang auf den eklatanten Personalmangel in der gesamten Sozialen Arbeit und eine hohe Personalfluktuation. Laut ver.di KITA-Personalcheck fehlen alleine in Kindertagesstätten 175.000 Fachkräfte.

    Die abschließende Studienauswertung soll im März vorliegen.

  • Komplexität und Resilienz

    Komplexität und Resilienz

    Foto: Taylor Deas-Melesh auf Unsplash

    Wir leben in einer Zeit zunehmender Komplexität. Um ihr zu begegnen und Antworten auf die drängenden Fragen des 21. Jahrhunderts zu finden, brauchen wir eine krisenresiliente Gesellschaft. Aber wie entsteht Resilienz? Denkanstöße zur sozialen und institutionellen Transformation – von der Schule bis ins Unternehmen.

    Von Tong-Jin Smith

    Schon vor zehn Jahren sprach sich die Unesco dafür aus, die Resilienz von Bildungssystemen zu stärken, Krisenprävention und Friedensbildungsmaßnahmen in bildungspolitische Entscheidungen einzubeziehen – lange vor Covid-19, den Lockdowns, dem Krieg in der Ukraine und der drohenden Energiekrise. Laut Leonora MacEwan vom International Institut for Educational Planing könne die Integration von Maßnahmen zur Verringerung von Konflikt- und Katastrophenrisiken in die Bildungspolitik, -pläne und -programme Ländern helfen, die Vorhersage, Verhinderung und Bewältigung von Konflikten und Katastrophen zu stärken. Aber was genau bedeutet das? Wie kann man nicht nur Bildungssysteme stärken, sondern auch Menschen und Unternehmen? Und welche Kompetenzen werden dafür benötigt?

    Resilienz ist laut der Studie „Zukunftskraft Resilienz – Gewappnet für die Zeiten der Krise“ des Frankfurter Zukunftsinstituts die „dynamische Kombination aus Stabilität (Identität, Sicherheit, Verlässlichkeit) und Flexibilität (Beweglichkeit, Offenheit, Kreativität)“. Aus dieser Definition leiten die Autor:innen für die Sphären Planet, Mensch, Gesellschaft und Wirtschaft verschiedene To-Dos ab und identifizieren als zentrale Voraussetzung für mehr Resilienz einen Bewusstseinswandel, der die Entwicklung einer „höheren sozialen Rationalität“ voraussetzt sowie eine neue „Wir-Komplexität“, die Emotionalität anerkennt, sinnstiftend ist und Kreativität fördert. Ganz nach dem Motto: „Individuelle Resilienz kann nur gelingen, wenn der Mensch sich wieder als soziales Wesen begreift.“

    Resilienz ist keine Privatsache

    Gleichzeitig proklamieren sie, dass Resilienz keine Privatsache sei. Individuelle, organisationale und gesellschaftliche Resilienz müssten stets zusammen gedacht werden. So gesehen beginnt der Weg zur resilienten Gesellschaft in der Familie und erstreckt sich über das Bildungsystem, Unternehmen, Vereine, Parteien und andere Institutionen in die Gesellschaft. Sie kann als Antwort auf die zunehmende Komplexität verstanden werden, die laut Trend- und Zukunftsforscher Harry Gatterer in vielen Bereichen deutlich an Geschwindigkeit zunimmt. Auch auf den Krisenmodus, den Gesellschaftsforscher:innen in der Netzwerkgesellschaft als „New Normal“ bezeichnen, kann die resiliente Gesellschaft Antworten finden. Die aktuellen Krisen – von Corona bis Klima – zeigen schon, wie wichtig es ist, auf die zunehmende Ungewissheit und Unsicherheit mit klugen systemischen und intersektoralen Kompetenzen und Konstellationen zu antworten.

    Dazu zählt vor allem demokratische Resilienz, denn Krisen wie die Folgen von Naturkatastrophen, Pandemien oder Kriegen fordern schnelle politische Entscheidungen, die zum Teil in die bürgerlichen Grundrechte eingreifen oder eine staatliche Regulierung des Marktes bedeuten. Die überlicherweise langwierigen Entscheidungs- und Gesetzgebungsprozesse liberaler Demokratien sind wenig geeignet, um auf Krisen dieser Art zeitnah zu reagieren. Und so können sich Autokratisierungstendenzen einschleichen, weil die „Checks & Balances“ parlamentarischer Prozesse nicht greifen und die Exekutive ihre Macht schlimmstenfalls ungebremst ausweiten kann – so wie in Ungarn oder anderen semi-autoritären Staaten. „Auch wenn viele Demokratien die letzten zwei Jahre überstanden haben, ohne demokratische Prinzipien aufzugeben, sind die mittel- bis langfristigen Folgen der Pandemie für demokratisches Regieren derzeit noch nicht absehbar“, schreibt Sebastian Hellmeier, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin. Man denke nur an das aktuelle „Machtwort“ von Olaf Scholz in Sachen Atomkraftwerkelaufzeit.

    Nicht immun gegen Autokratisierung

    Keine Demokratie sei vollständig immun gegen Autokratisierung, so Sebastian Hellmeier. Die Stärkung ihrer Resilienz sei daher eine dauerhafte und mitunter mühsame Aufgabe, die sich aber lohne. Stichwort: Demokratiebildung. Denn eine aktive Zivilgesellschaft sei ein gutes Mittel, „die Widerstand gegen die Erosion der Demokratie leistet und die sich Politiker:innen, die demokratische Normen brechen, an der Wahlurne oder notfalls auf der Straße entgegenstellt.“ Auch Politiker:innen könnten beitragen, indem sie ihre Anhänger:innen mobilisierten, ohne auf eine toxische Polarisierung von „die“ und „wir“ zu setzen – das Gegenteil von dem, was gerade bei den Wahlen in Italien, Schweden oder auch Niedersachsen zu beobachten war.

    Diese toxische Polarisierung könne als Anzeichen für die Rückkehr des Faschismus verstanden werden. „Hier kippt gerade was“, kommentiert Publizist Georg Diez in Deutschlandfunk Kultur. „Und was wir erleben, unterscheidet sich von dem, was noch vor einiger Zeit als autoritäre oder rechtspopulistische Tendenzen bezeichnet wurde. Es ist radikaler, aggressiver, selbstsicherer – angetrieben durch die wachsende Ungleichheit, wachsende Ängste, größere gesellschaftliche Anspannung.“ Politiker:innen müssen also, wie Sebastian Hellmeier fordert, „einige der derzeit diskutierten Kernursachen der Autokratisierung wie wachsende ökonomische Ungleichheit angehen.“

    Sphären in Einklang bringen

    Das mag angesichts der Vielzahl aktueller Herausforderungen klug dahergeredet klingen, aber in dieser Aussage steckt ein wichtiger Punkt: Demokratische Reslienz erwächst aus aktiver Teilhabe, Chancengleichheit und einer Werteorientierung, die alle vier Sphären Planet, Mensch, Gesellschaft und Wirtschaft in Einklang miteinander bringt – die mit anderen Worten nachhaltig ist. Wir können die aktuelle Energiekrise nicht ohne die Klimakrise denken. Entsprechend können wir unsere Ressourcen nur schützen, wenn wir unsere Stromversorgung dekarbonisieren, unsere Mobilität modernisieren oder unsere Ess- und Konsumgewohnheiten ändern. Wir können die notwendigen Transformationen nur realisieren, wenn es den Menschen gut geht und soziale Gerechtigkeit stärker wiegt als wirtschaftlicher oder politischer Profit.

    Die Stadt Zürich etwa hat sich daher der Kreislaufwirtschaft verschrieben, weil sie die Umwelt und das Portemonnaie der Bürger:innen schone und gleichzeitig Innovationen fördere. Ein nachhaltiges Konzept. Ähnlich wie das Teilen. In diesem Sinne sollten Städte laut Felix Creutzig, Professor für Nachhaltiges Wirtschaften an der TU Berlin, „ohne Tiefgaragen und Stellplätze planen.“ Stattdessen empfiehlt er eine gute Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr und sehr gute Fahrradnetze. Auch geteilte Mobilität wie Car- oder Bike-Sharing gehören dazu. Nur so ist die Verkehrswende sozialverträglich zu schaffen. Es ist auch kein Geheimnis: Mehr Aufenthaltsqualität durch weniger Autos trägt zu mehr sozialer Gerechtigkeit bei, was wiederum die demokratische Resilienz fördert. All das gelingt uns aber nicht, wenn wir weiterhin auf Wachstum setzen und die sozioökonomische Spaltung der Gesellschaft in Kauf nehmen.

    Begegnungsräume schaffen

    Es gilt also Begegnungsräume zu schaffen, in denen sich Menschen austauschen und Lösungen erarbeiten können – digital und real, um im Sinne von Jürgen Habermas im öffentlichen Diskurs den bestmöglichen bzw. gerechtesten Weg zu finden. Frei nach dem Motto: „Möge sich das beste Argument durchsetzen“. Anbieter sozialer Medien wie Twitter, Meta oder Tiktok können und wollen das nicht leisten. Ihr Interesse gilt primär der Vermarktung ihrer Nutzer:innen, die sich möglichst lange auf den Plattformen aufhalten sollen. Ein Ziel, das durch inhaltliche Emotionalisierung sowie algorithmische Individualisierung und Polarisierung erreicht wird, nicht durch einen demokratischen Diskurs.

    So fällt die Aufgabe etwa journalistischen Medien zu, partizipative Räume in der digitalen und analogen Öffentlichkeit zu schaffen und an den Fragen der Bürger:innen orientiert Formate und Inhalte zu entwickeln, die diesen öffentlichen Diskurs ermöglichen. Die Zeit versucht das mit ihrer Rubrik „Debatte“, allerdings erreicht sie damit nur ihr eigenes Publikum, eine gesellschaftliche Minderheit in vielerlei Hinsicht. Hier könnten also vor allem öffentlich-rechtliche Medien (ÖRM) eine zentrale Rolle spielen, die ihrer Informations- und Bildungsaufgabe durch Gemeinwohlorientierung nachkommen wollen.

    Richtungsweisend ist hier der im Mai verabschiedete „Leipziger Impuls III“. Darin halten die Unterzeichner:innen fest, dass die integrative Aufgabe von öffentlich-rechtlichen Medien vor allem im „Sichtbarmachen und Einordnen der gesellschaftlichen Vielfalt, u. a. hinsichtlich Themen, Akteuren, Meinungen, Erfahrungen, Werthaltungen und Perspektiven in zeitgemäßen Angebotsformen und vielfältigen Genres“ besteht. Entsprechend sei es die Rolle der ÖRM, „durch die Herstellung und Verbreitung ihrer Angebote als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen.“ Mit partizipativen Angeboten könnten also Deutschlandfunk, 3sat, ZDF und die Sender der ARD sowie der Digitalkanäle von FUNK durchaus den Austausch unterschiedlicher Perspektiven, Meinungen und Erfahrungen ermöglichen, der letztlich gesellschaftliche Solidarität, Vertrauen und Vielfalt hervorbringen kann. Die dafür notwendige Transformation der ÖRM muss jetzt an Fahrt gewinnen.

    Im Scheitern wachsen

    „Auch Unternehmen können dazu beitragen, indem sie etwa Begegnungsräume schaffen, in denen Mitarbeitende für sie relevante Themen offen besprechen können“, so die Autor:innen der Zukunftsinstitutsstudie. Zudem gelte es Kompetenzen zu fördern, indem neben einer aktiven Lern- auch eine Fehlerkultur etabliert und gelebt wird, „die es Mitarbeitenden erlaubt, auch im Scheitern zu wachsen.“

    Das gilt ebenso für den zentralen Lernort Schule. Hier sollen nicht nur Fächer unterrichtet, sondern auch Kompetenzen gefördert werden. Dazu zählen im Sinne der „Wir-Komplexität“ Kollaboration und Empathie, die – gepaart mit den aktuellen Herausforderungen – zu Konzepten wie Frei Day führen. In diesem Lernformat stellt nicht Lehrkraft die Fragen, sondern das Leben. „Schüler*innen sind selbst gewählten Zukunftsfragen auf der Spur. Sie entwickeln innovative und konkrete Lösungen und setzen ihre Projekte direkt in der Nachbarschaft und Gemeinde um“, heißt es dazu vom Frei Day Netzwerk. Schulen bieten die dazu nötigen (zeitlichen) Frei-Räume.

    Das Lernformat soll Schüler:innen befähigen, Herausforderungen unserer Zeit selbständig zu erkennen und mutig, verantwortungsbewusst und kreativ anzupacken. Denn „Lernen braucht Kontext – und der kommt meist zu kurz in den klassischen Stundenplänen. Es braucht nicht neue Fächer, sondern mehr Freiraum für Erfahrungs- und Beziehungslernen, insbesondere wenn es um Zukunftsthemen geht“ so Ulrich Weinberg, Leiter der School of Design Thinking am Hasso-Plattner-Institut in Potsdam.

    „Project Future“ und selbstorganisiertes Lernen

    In diesem Sinne haben an der Staatlichen Internationalen Schule Berlin im vergangenen Schuljahr Schüler:innen einer 5. Klasse unter dem Titel „Project Future“ Arbeitsgruppen gebildet und jeden Donnerstagvormittag für vier Stunden an ihren Projekten gearbeitet. Dabei haben sie sich an den SDGs der Vereinten Nationen orientierten. Eine Gruppe hat Kräuter und Gemüse in den Hochbeten des Schulhofs angebaut und in anderen Klassen über ihr Engagement für Schulgrün und biologische Vielfalt gesprochen. Eine andere Gruppe hat sich mit nachhaltiger Stadtentwicklung beschäftigt und im Rahmen ihres Projekts Vogelhäuschen aus Restholz und vertikale Gärten aus Europaletten entwickelt.

    „Ich habe nicht nur gelernt, mit einem 3D-Design-Programm umzugehen, sondern auch verstanden, wie man mit Recycling und einfachen Sachen etwas Gutes bewirken kann“, fasst der 11-jährige Keanu seine Erfahrung zusammen. Dabei sei es anfangs gar nicht so einfach gewesen, herauszufinden, was er genau in „Project Future“ machen wollte. „Wir haben in der Gruppe viele verschiedene Ideen gehabt und lange gebraucht, um uns zu entscheiden. Aber es hat Spaß gemacht.“ Besonders freut ihn, dass er jetzt in der 6. Klasse noch mehr Freiräume hat, um selbständig an einem Thema zu arbeiten.

    Selbstorganisiertes Lernen heißt das Konzept und es wird ergänzend zum Fachunterricht angeboten. In kleinen Gruppen arbeiten Schüler:innen regelmäßig an Themen und Fragestellungen, die sie persönlich interessieren und nicht unbedingt im Rahmenlehrplan stehen – wie etwa das Programmieren eines Computerspiels. Das fördert laut den Bildungsforscher:innen Vivien Lee Looi Chng und Steven J. Coombs das kritische Denken und eignet sich als Ansatz zur Bewältigung und Reflexion des Wandels – einer zentralen Herausforderung des Krisenmodus unserer Zeit. Und so erhalten Kinder und Jugendliche ein Fundament für die dynamische Kombination aus Stabilität und Flexibilität, die man Resilienz nennt.

    Wissensnetzwerke als Innovations- und Transformationstreiber

    Ein zweiter wesentlicher Punkt auf dem Weg zur resilienten Gesellschaft sind Wissensnetzwerke. „Wissen zu teilen und zugänglich zu machen, erhöht die kollektive Intelligenz und ermöglicht Innovationen“, heißt es bei den Forscher:innen des Zukunftsinstituts. Dahinter steckt nicht nur die Idee, wissenschaftliche Erkenntnisse der Allgemeinheit etwa durch Open-Source-Lizenzen zugänglich und über Formen der Wissenschaftskommunikation verständlich zu machen, sondern Partizipation an der Wissensgenerieung und -verbreitung für alle zu ermöglichen – sowohl bottom-up als auch peer-2-peer. Konzepte wie Citizen Science sind laut der Leibniz-Gemeinschaft ein bewährtes Konzept, um Bürger:innen an der Wissensbildung zu beteiligen. Sei es in Schulklassen, Unternehmen oder im Privaten. Hier geht es um Selbstwirksamkeit, Reflexion und Beteiligung, die durch die Digitalisierung gefördert werden können. Als Nebeneffekt wird so auch die Science Literacy – das Verstehen wissenschaftlicher Prozesse – unterstützt.

    Im Unternehmenskontext wirken interdisziplinäre und hierarchieübergreifende Wissensnetzwerke als Innovations- und Transformationstreiber – intern wie extern, digital wie analog. Ein Beispiel ist hier die Tesla Motor Company, die 2014 all ihr patentiertes Wissen öffentlich machte, um die Elektromobilität zu fördern. Dabei ist Tesla nicht der einzige Akteur, der sein IP-Portfolio als Open Source zur Verfügung stellt.

    „In vielen Branchen beobachten wir einen Paradigmenwechsel von der traditionellen Wertschöpfung hin zur Ko-Wertschöpfung und zu offenen Produktionsansätzen. Die Grenzen der Unternehmen lösen sich auf und viel mehr Akteure (Lieferanten, Kunden, Mitglieder der Community, usw.) werden in den Wertschöpfungsprozess eingebunden. Das impliziert auch die gemeinsame Nutzung von Wissen, um branchenweite Standards zu setzen und neue Technologien voranzutreiben“, stellt die Arbeitsgruppe Wertschöpfungssystematik des Laboratoriums für Fertigungstechnik an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg fest.

    Partizipation als dritter Baustein

    Gepaart mit partizipatorischen Aspekten – dem dritten Baustein auf dem Weg zur resilienten Gesellschaft – wie der aktiven Einbeziehung aller Mitarbeitenden und Hierarchieebenen in Problemlösungs- und Entscheidungsfindungen werden Selbstwirksamkeit, Eigenverantwortung und Vertrauen gestärkt und somit eine organisationale Resilienz gefördert, von der die Gesamtgesellschaft profitiert. Ganz nebenbei werden auch demokratische Werte verinnerlicht und bestenfalls eine konstruktive Diskurskultur etabliert sowie eine gegenseitige Wertschätzung. Klingt idealistisch? Muss es nicht.

    Denn mit den Worten des Medienwissenschaftlers Henry Jenkins ermöglicht die partizipative Kultur, die aus der Digitalisierung hervorgeht, einem Großteil der Bevölkerung selbst Medien und Informationen zu produzieren und zu teilen. So ergeben sich „viele Möglichkeiten, sich an staatsbürgerlichen Debatten zu beteiligen, am Gemeinschaftsleben teilzunehmen“ und sei es „nur“ in einem Online- oder Planspiel. So wie im Projekt „Mitreden und mitmachen im Bezirk“ des Verbunds der Öffentlichen Bibliotheken Berlins. Das Planspiel bringt Bürger:innen die Arbeit der Bezirksverordnetenversammlungen näher. Soll eine neue Fahrradstraße eingerichtet werden? Braucht der Park wirklich neue Laternen? Demokratische Teilhabe mit der Möglichkeit sich im konstruktiven Diskurs zu üben – ohne gleich verbal zu entgleisen oder in Hasskommentare und Trolling zu verfallen.

    Ähnlich funktionieren auch die Apps PLACEm und #Stadtsache, die Kindern und Jugendlichen niedrigschwellig durch digitale Medien Teilhabe ermöglichen. „Sie lernen spielerisch – durch Gamification – sich an Willensbildungsprozessen zu beteiligen“, sagt Medien- und Sozialwissenschaftlerin Anna Grebe. Allerdings braucht es auch für die besten digitalen Tools eine sozialräumliche Anbindung oder eine analoge Anleitung. Digitalität ist kein Selbstläufer.

    Partizipation und Diversität

    Im Ergebnis kann diese Art der partizipativen Kultur dazu beitragen, dass insbesondere jüngere internataffine Generationen staatsbürgerschaftliche Fähigkeiten erlernen, indem sie Alltagsentscheidungen in politische Kontexte stellen – siehe Fridays for Future. Und dass junge Aktivist:innen wie Luisa Neubauer dann massenmedial eine hörbare Stimme werden, trägt ganz wesentlich zur Wissensvermittlung als Prozess sowie zu Teilhabe und Diversität als wünschenswerten Zuständen bei. Ihnen gemeinsam ist, dass sie Teil demokratischer Resilienz sind und mögliche Gegenmittel zu populistischen und autokratischen Bewegungen in der Gesellschaft.

    Gerade Diversität ist ein relevanter Aspekt von Partizipation. Gemeint sind die wertfreie Anerkennung der Verschiedenartigkeit von Menschen und die wirtschaftliche, kulturelle und soziale Vielfalt der Gesellschaft. Dabei werden verschiedene Dimensionen von Personen erfasst, darunter ethnische und kulturelle Herkunft, Geschlecht, sexuelle Orientierung, Gesundheit bzw. Behinderung, Alter, religiöse Zugehörigkeit oder auch der Zugang zu Ressourcen wie Bildung und finanzielle Mittel.

    Um aber einer Stereotypisierung entgegenzuwirken, bedarf es einer intersektionalen Betrachtung. Hier zeigt sich wieder die erhöhte Komplexität unserer Welt. Denn Menschen lassen sich nicht nur auf ihr Geschlecht, ihre Abstammung oder ihren Glauben reduzieren. Wir sind als Personen mehr als die Summe verschiedener Dimensionen. Will man also Diversität und Teilhabe erreichen, kann man Inklusion in Form von Förderprogrammen und Initiativen als Prozess oder Werkzeuge nutzen – aber ohne Menschen eindimensional auf einen Aspekt zu reduzieren.

    Verschiedene Köpfe für Krisenresilienz

    Gar nicht so einfach in einer auf Effizienz getrimmten Gesellschaft, in der wir gerne Menschen objektivieren und in Kategorien stecken wie „weiblich“, „Migrationshintergrund“ oder „bildungsfern“. Zur neuen sinnstiftenden Wir-Komplexität muss aber gehören, dass wir in den „Subjektstatus“ gelangen, wie der Neurobiologe Gerald Hüther es nennt, und aktiv Brücken bauen. Und das wiederum verlangt die bereits erwähnten Begegnungsräume und Partizipationsmöglichkeiten zum Wissensaustausch, zur Meinungsbildung und zur Lösungsfindung im Sinne einer krisenresilienten Gesellschaft, in der die Vorhersage, Verhinderung und Bewältigung von Konflikten und Katastrophen gestärkt sind. Genau dafür benötigen wir laut der Beratungsgesellschaft E&Y „verschiedene Köpfe“.

    Denn nicht erst seit den corona-bedingten Lockdowns befindet sich die Lern-, Arbeits- und Kommunikationswelten in einem tiefgreifenden digitalen Transformationsprozess. Schon vor 2020 war klar, dass künftig unsere Interaktionen mit Technologie zunehmen und komplexer werden würden. Das heißt nicht, dass Jobs und Dienstleistungen einfach automatisiert werden und Algorithmen und Roboter übernehmen, sondern dass sich die Anforderungen an die individuelle Medien- und Informationskompetenzen erhöhen und die Zusammensetzung von Teams in der Arbeitswelt verändern, um den Ansprüchen dieser Interaktionen gerecht zu werden und potenzielle Qualifikationslücken zu schließen.

    „Personaleinstellung, -beschaffung und -entwicklung werden sich mit Sicherheit ändern müssen, und zwar vom Primat ‚erfahrungsbasiert, generalisiert‘ zu ‚kognitiv-befähigt spezialisiert‘. Organisationen und Unternehmen, die in der Lage sind, den Code zu knacken zwischen Neurodiversität, Organisationskultur und Personalaufstockung, werden zweifellos als Erste ihren Unternehmenswert steigern können“, so Ben Cooke von E&Y. Gemeint ist nicht nur einfach die Zusammenstellung von diverseren und heterogenen Teams im klassischen Sinne, sondern die bewusste Integration und Wertschätzung von neurodiversen Menschen, die etwa auf dem ADHS-Spektrum sind oder mit Dyslexie diagnostiziert.

    „Dyslexic Thinking“ als Qualifikation

    Letzteres wird traditionell negativ geframed als Lese-Rechtschreib-Schwäche oder Sprachverarbeitungsstörung und wird in Schule und Ausbildung als Nachteil gesehen. Prominente Vertreter:innen können ein Lied davon singen, darunter TV-Koch Jamie Oliver, Virgin-Gründer Richard Branson oder Schauspielerin Keira Knightly. Positiv geframed wird diese angebliche Schwäche, von der laut aktueller Studien zwischen 15 und 20 Prozent der Weltbevölkerung betroffen sind, aber zur Stärke.

    „Die Stärken von Menschen mit Dyslexie in Bezug auf Kreativität, laterales Denken und Führung sind für Unternehmen jetzt und zukünftig von großer Bedeutung“, so Jonnie Goodwin, Mitgründer des Founders Forums und Leiter der Handelsbankabteilung bei Alvarium Investments in London. „Unternehmen müssen mehr Menschen mit Dyslexie aktiv rekrutieren zur Ergänzung ihrer Teams und um sicherzustellen, dass so der dringend benötigte Qualifikationsbedarf der Zukunft gedeckt wird.“

    LinkedIn listet daher seit April „dyslexic thinking“ als Qualifikation auf. Es gehe darum, einerseits Stigmata abzubauen und andererseits ein Bewusstsein für die Stärken dyslexischer Menschen – wie Kreativität, Vorstellungskraft, ausgeprägte Kommunikationsfähigkeiten oder vernetztes Denken zur Erkennung komplexer Zusammenhänge – zu schaffen, so Nathan Friedman, Marketingleiter und Co-Vorstandsvorsitzender von Understood.org, in einem Beitrag für LinkedIn.

    Beitrag zur resilienten Gesellschaft

    Man könnte auch sagen, dass es zum verantwortungsvollen Handeln von Unternehmen und Organisationen gehört, (neuro-)diverse Menschen einzustellen und gemäß ihren Fähigkeiten zu fördern. Gleichzeitig ist es eine Maßnahme zur Steigerung von Diversität, Diskursfähigkeit und Demokratie. Genau das, was wir brauchen, um als Gesellschaft gewappnet zu sein für den Krisenmodus und die Herausforderungen der Zukunft. Und somit schließt sich der Kreis.

    Eine resiliente Gesellschaft, die mit Komplexität umgehen kann, baut auf „Demokratie, Menschenrechte, soziale Inklusion und Nachhaltigkeit. Diese Leitwerte lassen sich unter dem Prinzip der Demokratie bündeln: Ohne Menschenrechte ist Demokratie nicht denkbar, ohne soziale Inklusion hat Demokratie keinen Bestand, nur eine nachhaltige Entwicklung kann die natürlichen Ressourcen als Voraussetzungen für das Überleben demokratischer Gesellschaften bewahren“, wie es Wolfgang Edelstein 2015 in seiner Rolle als Direktor am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zusammengefasst hat. Wie tragen Sie zur resilienten Gesellschaft bei?

     

    Dr. Tong-Jin Smith
    ist Hochschuldozentin und Publizistin. Sie lebt mit ihrer Familie in Berlin.

    Titelfoto: Taylor Deas-Melesh auf Unsplash

     

    Creative Commons Lizenzvertrag
    Der Text „Komplexität und Resilienz“ von Tong-Jin Smith ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 International Lizenz

  • “Resilienz to go” gestartet

    “Resilienz to go” gestartet

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    Zweimal wöchentlich werden hier Beiträge veröffentlicht, in denen das große Thema Resilienz in kleinen Häppchen angeboten wird. Eben “TO GO”.

    Der Link zu den aktuellen Resilienzbeiträgen: https://bbq-aktuell.de/resilienz/