Kategorie: Seelische Gesundheit

  • „Es gibt nicht das eine Depressions-Gen.“

    „Es gibt nicht das eine Depressions-Gen.“

    Über eine häufige Erkrankung, die ganz unterschiedlich verlaufen kann

    „Alles, was ich habe, vermache ich dem Tierheim.“ Das ist einer der ersten Sätze, die ich von Toralf höre. Mein Gesprächspartner ist 61 Jahre alt, kommt aus Berlin und lebt heute im Bergischen Land. Wir treffen uns in einem Altstadt-Café und sprechen bei einem Spagetti-Eis über Depressionen, die Toralf seit seiner Kindheit erlebt. Einen Termin am Tag schafft er, mehr ist kräftemäßig nicht drin. So freue ich mich, dass ich heute dieser Termin bin.

    Fehlende Kraft und Energie zum Leben ist eine große Herausforderung für depressiv erkrankte Menschen. Wenn Toralf morgens wach wird, wartet er auf das Hungergefühl. Damit kann er dann aufstehen und sich in der Küche ein Frühstück zubereiten.

    Ein Termin am Tag geht: Manchmal ist das Ergotherapie, manchmal ein Gespräch mit dem gesetzlichen Betreuer oder jemandem vom ambulant betreuten Wohnen. Toralf mag einen festen Wochenrhythmus ohne Überraschungen: „Alles, was gleichmäßig ist, ist wunderbar.“

    Gott stellt keine Bedingungen

    Beziehungen zu seinem früheren Freundeskreis gingen über die Jahre verloren, auch wenn Toralf viele Menschen kennt und auf der Straße kurze Gespräche mit ihnen führt. In seiner Jugend kam er in Kontakt mit einer Baptistengemeinde und zum Glauben an Gott. „Jesus ist heute alles für mich“, sagt Toralf. Und: „Durch meine Depression ist mein Zugang zu Gott abgeschnitten. Das ist nicht die Schuld Gottes, sondern meine Krankheit.“ Für Toralf ist wichtig: Gott ist da. Gott liebt mich, so wie ich bin. Und Gott stellt keine Bedingungen.

    Einiges an Zeit verbringt mein Gesprächspartner mit Social Media. „Ich darf nicht zu viel nachdenken, muss ständig den Geist beschäftigt halten.“ Sonst drängen sich Suizidgedanken auf. Einen wichtigen Halt geben ihm die Begegnungen mit den Mitarbeitenden des christlichen Anbieters Wendepunkt. „Die leisten Hilfe weit über das Professionelle hinaus.“ Toralf weiter: „Das ist der Grund, warum ich hier noch herumhüpfe.“

    Wertschätzen, was möglich ist

    Andreas Siewert ist Sozialarbeiter und Geschäftsführer beim Wendepunkt; wir treffen uns in seinem Büro in einer alten Velberter Villa.

    Andreas weiß, wie wichtig verlässliche Bezugspersonen sind, die Gelassenheit ausstrahlen und ihrem Gegenüber einen Freiraum geben. „Wenn etwas nicht gelingt, darf mein Gegenüber keinen Gesichtsverlust fürchten müssen“. Wichtig sei es, mit Betroffenen gemeinsam wertzuschätzen, was trotz der Krankheit weiterhin möglich ist.

    Gute Phasen geben die Chance, ein aktives Leben einzuüben: Etwa regelmäßige Körperpflege und Mahlzeiten oder Gemeinschaft in Vereinen und Kirchen. „Sport und Bewegung helfen ebenso gut wie eine leichte Medikation“, sagt Andreas, der manche Gespräche bei einem Waldspaziergang führt.

    In guten Phasen lässt sich ein Krisenplan erstellen: An welchen Frühsymptomen erkenne ich eine Krise? Gibt es bestimmte Jahreszeiten – etwa den Herbst – oder Jahrestage – etwa Todestage? Welche Aktivitäten helfen mir dann? Wem vertraue ich, wer darf mir etwas sagen?

    Ein für viele Helfer herausforderndes Thema ist der Suizid. „Es braucht viel Freiheit, um über Selbsttötungsgedanken zu reden“, sagt Andreas. Mancher versuche einen Suizid nur aus der Angst vor einem möglichen Scheitern nicht. „Die Sehnsucht nach Erlösung von dem, was quält, muss man anerkennen“, so Andreas. Und dann mit dem Gegenüber nach dem suchen, was dem Leben einen Sinn gibt. Und: „Gott hält seine Hand gnädig über Menschen, auch wenn wir selbst ohnmächtig sind.“

    Frömmigkeit ist keine Leistung

    Der Glaube kann für depressiv erkrankte Menschen eine Chance sein, er kann es ihnen aber auch schwer machen. „Die Bibel ist voll von Zusagen, die uns helfen, zuversichtlich zu sein“, sagt Andreas. Frömmigkeit dürfe aber nicht zu einer Leistung werden oder zu vordergründigen Lösungsversuchen führen – etwa durch die Erwartung daran, dass ein Gebet unmittelbar entlastend wirke.

    Hilfreich für Menschen mit einer depressiven Erkrankung ist eine tragende christliche Gemeinschaft. Andreas Siewert erinnert daran, dass Jesus seine Jünger als Teams ausgesandt hat – und nicht einzeln. Auf eine solche Gemeinschaft sind viele Menschen im Verlauf ihres Lebens angewiesen, denn Depression gehört zu den häufigsten Erkrankungen:

    „Etwa jeder fünfte Deutsche macht Erfahrungen mit dieser Krankheit“, sagt Marie-Theres Leetz, die als Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie im Münsterland arbeitet.

    Wir treffen uns in einer Gartenanlage und sprechen an einem hellen Sommernachmittag über dieses dunkle Thema. Marie-Theres erklärt: Wenn mindestens zwei Symptome wie eine depressive Stimmung, Antriebsmangel, Interessenverlust und Freudlosigkeit für mindestens zwei Wochen täglich auftreten, spricht man von einer Depression. Probleme wie Schlafstörungen, Appetitmangel oder Konzentrationsverlust können hinzukommen.

    Dass Frauen doppelt so häufig betroffen sind wie Männer, habe mit den hormonellen Bedingungen der Krankheit zu tun. Und: „Der starke Mann gibt so eine Schwäche nicht gerne zu“, sagt die Medizinerin. Wen trifft die Krankheit und wen verschont sie? Marie-Theres: „Es gibt nicht das eine Depressions-Gen.“ Manche Menschen bringen eine ererbte Verletzlichkeit mit; belastende Lebensabschnitte kommen dazu und schließlich lösen anhaltende Stress-Situationen die Krankheit aus: berufliche Überforderungen, traumatische Erfahrungen oder Beziehungskrisen.

    Depressionen sind gut behandelbar

    Depressive Erkrankungen verlaufen unterschiedlich, und die gute Nachricht ist: Etwa 70% der Erkrankten sprechen auf eine Behandlung an. Auch deshalb sei der Gang zum Arzt wichtig. Bei leichten und mittelschweren Depressionen kann Psychotherapie helfen. Und es kommen Medikamente zum Einsatz, vor denen die Medizinerin die Angst nehmen will: „Antidepressiva machen nicht abhängig.“

    Manche Betroffene erleben eine einmalige depressive Episode, und die Krankheit kehrt nicht wieder zurück. Andere erleben wiederkehrende depressive Schübe, wobei die symptomfreie Zeit durch eine medikamentöse Behandlung deutlich verlängert werden kann. Zu Rückfällen führen bei manchen Patienten das Absetzen der Medikamente oder schwere Lebensereignisse.

    Besonders belastend ist die Krankheit für die etwa 30% der Betroffenen, bei denen die depressiven Symptome für lange Zeiträume bestehen bleiben. Für diese Menschen gehe es besonders darum, einen sozialen Rückzug zu verhindern und den Aktivitätslevel so weit wie möglich aufrecht zu erhalten, sagt Marie-Theres Leetz.

    Allen Betroffenen rät die Ärztin, Hilfe in Anspruch zu nehmen: „Aus einer Depression finden nur sehr wenige Menschen allein heraus.“

  • Überschuldung: Erkrankung, Sucht oder Unfall die häufigsten Ursachen

    Überschuldung: Erkrankung, Sucht oder Unfall die häufigsten Ursachen

    Foto: stevepb auf pixabay

    Schuldnerberatungsstellen stehen durch aufwändigere Beratungen unter Druck.

    Berlin (2mind) – Mit 34.650 Euro waren die von Schuldnerberatungsstellen im vergangenen Jahr begleiteten Menschen durchschnittlich verschuldet. Wie das statistische Bundesamt mitteilte, lag die durchschnittliche Verschuldung 2025 bei Männern mit 39.717 Euro deutlich über der von Frauen mit 29.500 Euro. Hauptverschuldungsursachen waren bei den Hilfesuchenden der Schuldnerberatungsstellen mit 18 Prozent Erkrankung, Sucht oder Unfall – gefolgt von Arbeitslosigkeit mit rund 17 Prozent.

    Trennung, Scheidung oder der Tod des Partners beziehungsweise der Partnerin waren für alleinerziehende Frauen in rund 23 Prozent der Fälle ein Hauptauslöser der Überschuldung. Einpersonenhaushalte bildeten unter den Ratsuchenden mit mehr als der Hälfte (knapp 52 Prozent) die größte Gruppe.

    In den meisten Fällen lagen Zahlungsrückstände gegenüber mehreren Gläubigern vor, darunter besonders häufig gegenüber

    • der öffentlichen Hand (z.B. Finanzämtern, gesetzlichen Renten- und Krankenversicherungsträgern sowie der Bundesagentur für Arbeit und deren Jobcentern) bei rund 57 Prozent aller beratenen Personen,
    • Telekommunikationsunternehmen mit einem Anteil von etwa 47 Prozent,
    • Kreditinstituten mit rund 37 Prozent und
    • dem Online- und Versandhandel mit knapp 29 Prozent der Fälle.

    „Am Anfang einer Verschuldungsspirale stehen oft Schicksalsschläge“, so die Caritas-Präsidentin Eva Welskop-Deffaa gegenüber der Presse. „Es manifestieren sich Lebensrisiken, die grundsätzlich jeden treffen können und die zu bewältigen alleine oft nicht gelingt.“ Die soziale Schuldnerberatung sei überlastet. Die Caritas-Präsidentin weiter: „Die Beratungskonstellationen werden komplexer und damit aufwändiger. Eine schnelle Beratung kann verhindern, dass sich Probleme zu Problembergen stapeln, unter denen die hoch verschuldeten Menschen förmlich zusammenbrechen.“ Deshalb müsse das Angebot der Schuldnerberatung auch angesichts finanzieller Engpässe in zahlreichen Kommunen erhalten bleiben.

    Die Ergebnisse der Überschuldungsstatistik 2025 beruhen auf Angaben von 738 der insgesamt etwa 1.360 Schuldner- und Insolvenzberatungsstellen in Deutschland zu rund 187.000 beratenen Personen.

  • Kampagne für Kinder aus psychisch und suchtbelasteten Familien

    Kampagne für Kinder aus psychisch und suchtbelasteten Familien

    Screenshot der Kampagne "Schreiben statt Schweigen"
    Screenshot der Kampagne „Schreiben statt Schweigen“

    Das Bundesfamilienministerium und das Unternehmen Wall werben für „Hilfen im Netz“.

    Berlin (2mind) – Jedes Jahr erleben rund 3,8 Millionen Kinder und Jugendliche in Deutschland die psychische oder Suchterkrankung eines Elternteils, was ihre eigene psychische Gesundheit und ihren Bildungserfolg gefährdet. „Hilfen im Netz“ bietet diesen jungen Menschen anonyme Online-Beratung und Informationen. Am Freitag startete Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) eine bundesweite Kampagne, die auf dieses Angebot hinweist.

    „Für viele betroffene junge Menschen sind die ‚Hilfen im Netz‘ der erste Ort, an dem sie sich öffnen können, unkompliziert Hilfe erhalten und wo sie erfahren, dass es anderen ganz ähnlich geht wie ihnen“, so Prien gegenüber der Presse. Der Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Hendrik Streeck (CDU), verwies auf die Erfahrungen dieser Kinder: „Sie erleben, wie Stimmungen kippen, Versprechen nicht gehalten werden und der Alltag von einem Moment auf den anderen unberechenbar wird.“ Streeck weiter: „Viele übernehmen viel zu früh Verantwortung und stellen die eigenen Bedürfnisse zurück. Das kann sie selbst krank machen und ihr Risiko erhöhen, später eine Sucht zu entwickeln.“

    Deshalb ist frühe Hilfe auch wirksame Suchtprävention. Ein Anruf oder ein Chat kann der erste Schritt aus dieser Überforderung sein. Genau hier setzt ‚Hilfen im Netz‘ an: mit direkter Beratung und einem digitalen Wegweiser zu konkreten Hilfsangeboten vor Ort.“

    Für diese Kampagne stellt der Außenwerber Wall acht Wochen lang bundesweit 5.000 Flächen für sogenannte City Light Poster an ÖPNV-Haltestellen und anderen zentralen Plätzen kostenlos zur Verfügung.

    Zur Online-Plattform „Hilfen-im-Netz“: https://www.hilfenimnetz.de/

  • 11,7 Millionen Gefangene weltweit: Überbelegung und psychische Erkrankungen als Herausforderungen

    11,7 Millionen Gefangene weltweit: Überbelegung und psychische Erkrankungen als Herausforderungen

    Frauengefängnis in Brasilien (Foto: Gefährdetenhilfe Scheideweg e.V.)

    In Kriegs- und Krisengebieten leiden Gefangene besonders, was kaum Beachtung findet.

    London (2mind) – An jedem Tag eines Jahres sitzen etwa 11,7 Millionen Menschen weltweit in Gefängnissen, darunter 260.000 Kinder. Das teilt die Organisation „Penal Reform International“ in ihrem nun vorgelegten Bericht „Global Prison Trends 2026“ mit. Gefängnisse operieren nicht in einem Vaccum, so der Bericht. Gerade in den immer zahlreicheren Konfliktgebieten und politisch instabilen Regionen geraten Gefängnisse unter Druck – durch verringerte Budgets, wachsende Gefangenenzahlen und verschlechterte Haftbedingungen. „Gefangene tragen die schwerste Last“, so der englischsprachige Text.

    Das sind wesentliche „Global Prison Trends 2026“:

    1. Die weltweite Gefängnispopulation ist auf 11,7 Millionen gestiegen, was angesichts von Überbelegungen und langer Untersuchungshaftzeiten schwerwiegende Probleme für die Inhaftierten verursacht.
    2. Hohe Inhaftierungsraten, geringe Resozialisierungserfolge und Korruption im Gefängniswesen untergraben vielerorts das öffentliche Vertrauen in den Rechtsstaat.
    3. Nichtregierungsorganisationen (NGO) verstärken weltweit den Fokus auf eine menschenzentrierte Sprache im Strafjustizbereich, um einer entmenschlichenden Sprache entgegenzuwirken. Allerdings bleiben die Fortschritte im Gefängniswesen hinter denen in anderen gesellschaftlichen Bereichen zurück.
    4. Bewaffnete Konflikte beeinträchtigen Justizsysteme und Gefängnisse schwer, Gefangene bleiben gegenüber Gewalt und Missbrauch schutzlos. Dieser Umstand wird häufig übersehen.
    5. Alternativen zu freiheitsentziehenden Sanktionen gewinnen weltweit an Bedeutung, jedoch bleiben ihre Umsetzung und Finanzierung oft unzureichend.
    6. Gesetze kriminalisieren weiterhin benachteiligte Gruppen wie Obdachlose, LGBTQI+-Personen und wirtschaftlich Marginalisierte, was Ungleichheit verstärkt.
    7. Gewalt ist innerhalb von Gefängnissen weit verbreitet und wird durch Überbelegung, organisierte Kriminalität und Instabilität weiter verschärft.
    8. Netzwerke der organisierten Kriminalität nutzen die Schwächen in Gefängnissystemen, um ihre Macht und Aktivitäten auszuweiten.
    9. Obwohl die globale Abschaffung der Todesstrafe Fortschritte macht, steigt die Zahl der Hinrichtungen in Staaten, die daran festhalten.
    10. Die Zahl der lebenslangen Haftstrafen nimmt weltweit zu, während zugleich Forschungsergebnisse die Bedeutung von Hoffnung und der Möglichkeiten zur Entlassung betonen.
    11. Etwa 259.000 Kinder befinden sich weltweit in Haft, wobei marginalisierte Gruppen überproportional betroffen sind.
    12. Die Gesundheitsversorgung in Gefängnissen ist chronisch unterfinanziert, was die Gesundheit von Millionen Menschen gefährdet.
    13. Gefängnisse beherbergen zunehmend Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen, doch deren Betreuung und Versorgung bleiben unzureichend.
    14. Drogenkonsum ist in Gefängnissen weit verbreitet, wobei Maßnahmen zur Schadensminderung in vielen Ländern fehlen.
    15. Gefängnissysteme kämpfen weltweit mit Personalmangel, unsicheren Arbeitsbedingungen und der Überlastung ihres Personals.
    16. Resozialisierung und Wiedereingliederung bleiben zentrale Ziele der Gefängnispolitik, doch Barrieren wie die Stigmatisierung von Haftentlassenen oder fehlende finanzielle Ressourcen erschweren ihre Umsetzung.
    17. Der Einsatz moderner Technologien – etwa von Telemedizin oder Künstlicher Intelligenz – in Gefängnissen bietet Chancen, wirft jedoch ethische und menschenrechtliche Fragen auf. Der schnellen Verbreitung dieser Technologien steht eine unzureichende Reflexion der Risiken gegenüber, was Anlass zur Sorge gibt.

    Die NGO Penal Reform International (PRI) wurde 1989 in London gegründet und setzt sich weltweit für eine diskriminierungsfreie Gestaltung der Strafjustizsysteme und den Schutz der Rechte benachteiligter Menschen ein.

    Der Bericht „Global Prison Trends 2026“ (englisch) > als PDF zum Download

  • Mission Freedom: „Wir haben einige Veränderungen vorgenommen“

    Mission Freedom: „Wir haben einige Veränderungen vorgenommen“

    Kinderbeine mit Turnschuhen vor einer bunten Wand
    Foto: Aedrian Salazar auf Unsplash

    Der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung „Haus SeeNest“ wurde die Betriebserlaubnis entzogen, die Trägergesellschaft musste Insolvenz anmelden.

    Hamburg/München (2mind) – „In den letzten Wochen haben wir einige Veränderungen vorgenommen.“ Unter dieser Überschrift berichtete der Hamburger Verein „Mission Freedom“ in seinem Newsletter zu Wochenbeginn über seine Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung „Haus SeeNest“ im Oberallgäu. Dann erfährt der Leser: Der Einrichtung wurde die Betriebsgenehmigung entzogen und die sechs dort untergebrachten Kinder wurden in andere Betreuungssituationen überführt. Die pädagogische Leitung des Hauses wurde freigestellt und die verantwortliche Geschäftsführerin verlässt den Verein.

    Die Inobhutnahme der Kinder erfolgte durch das örtliche Jugendamt. Dessen Aktivitäten gehen auf eine Anzeige ehemaliger und aktueller Mitarbeiter der christlichen Jugendhilfeeinrichtung zurück. Im Vorfeld hatten Auffassungsunterschiede über das Profil der Einrichtung zu Spannungen im Mitarbeiterteam geführt, wie 2mind im Gespräch mit mehreren Mitarbeitenden des Vereins „Mission Freedom“ erfuhr.

    Im März wurde ein Tätigkeitsverbot gegen die pädagogische Leiterin erlassen. Mitte April nahm das zuständige Jugendamt die sechs dort untergebrachten Kinder im Alter zwischen fünf und elf Jahren aus der Einrichtung heraus und beendete damit deren Tätigkeit. Die zuweisenden Jugendämter hatten zuvor dem Verbleib der Kinder in „Haus SeeNest“ zugestimmt, so die Mitarbeitenden. Gegen das Tätigkeitsverbot hatte die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH, eine 100-prozentige Tochter des Hamburger Vereins Mission Freedom, als Träger der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung Beschwerde eingelegt und eine Entscheidung im Eilverfahren beantragt.

    Das Verwaltungsgericht Augsburg entschied gegen diese Beschwerde. Aus dem Beschluss zitiert die Süddeutsche Zeitung (SZ) schwerwiegende Vorwürfe gegen das pädagogische Team der Einrichtung: Kinder seien am Boden fixiert worden. Einem Kind sei mehrfach eine scharfe Chilipaste auf die Lippen aufgetragen worden und Kinder hätten sich Waschlappen in den Mund stopfen müssen. Von den Mitarbeitenden werden die Beschreibungen als verzerrt dargestellt. Sie gingen zum Teil auf die mit den Kindern vereinbarte Anwendung sogenannter Trauma-Skills zurück: Dabei geht es um Bewältigungsstrategien, mit denen traumatisierte Menschen in emotionalen Ausnahmezuständen ihren Körper erleben und ins Hier und Jetzt zurückgeholt werden sollen.

    Seit Mai ermittelt die Staatsanwaltschaft Kempten wegen des Verdachts der Misshandlung von Schutzbefohlenen.

    Das 2023 eröffnete „Haus SeeNest“ sollte bis zu zehn Kindern mit frühkindlichen Traumatisierungen einen geschützten Alltag sowie eine traumatherapeutische Begleitung bieten. Mission Freedom als Gesellschafter und Kapitalgeber der Kinder- und Jugendhilfeeinrichtung wurde 2011 von der Predigerin und Buchautorin Gaby Wentland gegründet, die ihn bis heute leitet. Der Verein setzt sich gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution ein, bietet betroffenen Frauen Ausstiegshilfen an und wird von Kritikern – auch unter Verweis auf Äußerungen der Gründerin Wentland -als christlich-fundamentalistisch eingeordnet. Mission Freedom ist Mitglied in der Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen (ACL) und im Bündnis „Gemeinsam gegen Menschenhandel“.

    Seit ihrer Eröffnung war die Einrichtung im Oberallgäu mit Kritik konfrontiert. So heißt es etwa in einer Anfrage der Landtagsabgeordneten Gabriele Triebel (Bündnis 90/Die Grünen) an die bayerische Staatsregierung aus dem April 2024 über Mission Freedom: „Den Helfern wird unterstellt, fundamentalistische Christen zu sein.“

    Die Schließung der Einrichtung hat für die Himmelsstürmer Deutschland gGmbH schwerwiegende Auswirkungen: Sie musste einen Insolvenzantrag stellen; das Amtsgericht Hamburg setzte im Mai eine vorläufige Insolvenzverwalterin ein (Az. 67c IN 195/26). Darüber berichtet der Newsletter von Mission Freedom nicht.

  • Geistlich lebendig bleiben – auch in der 3. Generation

    Geistlich lebendig bleiben – auch in der 3. Generation

    Standortbestimmung auf der 100. Tagung der Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen (ACL)

    Blankenheim (Eifel) – Wie bleibt der missionarische Auftrag in diakonischen Werken lebendig? Mit dieser Frage beschäftigten sich die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen (ACL) auf ihrer 100. Jahrestagung vom 9. bis 11. November in Blankenheim (Eifel). Mit dabei waren 85 Leitungspersonen aus 38 christlichen Werken.

    Christlicher Auftrag sei es, Menschen mit der Rettungsbotschaft zu erreichen, so Eberhard Ruß, Vorstandsvorsitzender von Neues Land (Hannover) und Mitglied im ACL-Leitungskreis. Viele Mitgliedswerke seien in den 1970er Jahren entstanden, manche würden bereits von der dritten Generation geleitet. „Wie bleiben wir in unseren Häusern lebendig?“, ist für Ruß eine Kernfrage. Dabei gehe es nicht um christliche Bekenntnisse in schriftlichen Leitbildern, sondern um den gelebten Glauben im Alltag der christlichen Einrichtungen. Ruß: „Mir ist wichtig, dass das, was draufsteht, auch drin ist.“ Lebendiger christlicher Glaube brauche den Austausch, so wie ihn die ACL-Konferenz biete. In vielen sozialmissionarischen Werken habe sich jetzt eine jüngere Generation auf den Weg gemacht. Ruß: „Ich wünsche mir, dass sie mit hierherkommen und uns herausfordern.“

    Sprachfähig bleiben gegenüber Menschen in Randgruppen

    Für die ACL-Mitgliedswerke sei zudem die Nähe zu den christlichen Kirchen und Gemeinden wichtig. „Gemeinden sind ein Ort, wo Menschen mit Lebenskrisen andocken“, so Ruß. Aus den Gemeinden würden solche Menschen in die ACL-Werke vermittelt und nach ihrem Aufenthalt dort kehren viele in die Gemeinden zurück. Für die häufig in bürgerlichen Milieus verorteten Gemeinden besteht laut Ruß eine Herausforderung darin, ihre Sprachfähigkeit gegenüber Menschen in Randgruppen nicht zu verlieren – wenn sie den biblischen Auftrag umsetzen wollen, an die „Hecken und Zäune“ zu gehen.

    „Die Jesus-People-Bewegung schwappte von Amerika herüber“

    Zu den ACL-Initiatoren zählt Rolf Waldeck, Gründer der sozialmissionarischen Initiative „Hoffnung für Dich“ (Wabern/Nordhessen), der auf der Tagung aus der Anfangszeit der ACL berichtete. Die frühen 1970er Jahre „waren die Zeit der Jesus-People-Bewegung, die schwappte von Amerika herüber“, so Waldeck. In Deutschland entstanden missionarische Teestuben und Christen eröffneten Häuser für drogenabhängige Menschen. Waldeck weiter: „Anfangs war es so, dass wir keine Ahnung hatten: Wie geht man mit drogenabhängigen Menschen um? Wie geht man mit psychisch kranken Menschen um?“ Die heutige ACL-Tagung – in den ersten Jahren hieß sie „Kontakt-Tagung“ – war ein Austauschforum für Christen, die diesen Menschen vom Glauben her geholfen haben und in den Folgejahren mit pädagogischem und therapeutischem Wissen Konzepte dazu entwickelten. „Bei der ACL ist die Glaubensbasis bis heute geblieben“, so Waldeck. „Deshalb gibt es Andachten in unseren Häusern.“ Trotz der unterschiedlichen gemeindlichen Hintergründe sei es in der ACL nie zu theologischen Konflikten gekommen. Waldeck: „Die Unterschiede waren eine Bereicherung.“

    Gesunde Opferbereitschaft fördern

    Zu den ACL-Leitern der 3. Generation zählt German Karatsev, Geschäftsführender Vorstand bei Hoffnung für Dich e.V. – Schloss Falkenberg (Wabern). Ihm ist es wichtig, den Begriff der Opferbereitschaft im christlichen Dienst für die jüngeren Mitarbeitenden zu füllen. „Es geht um eine gesunde Opferbereitschaft“, so Karatsev  und er zitiert die Bibel: „Wir sollen Gott ein lebendiges Opfer sein – und keine Kadaver.“ In den Begegnungen im Rahmen der ACL sieht Karatsev für sein Team die Chance, über den eigenen Tellerrand zu schauen und zu erleben, wie Gott in den unterschiedlichsten Werken handelt.

    Liebe braucht Achtsamkeit

    Wie Christen in sozialmissionarischen Aufgabenbereichen gesund bleiben, darüber sprach Johannes Neufeld, leitender Pastor der Freien Christengemeinde Blankenheim, in einem Vortrag zur Achtsamkeit. „Wer nur auf die Lehre achtet, ohne auf sich selbst zu achten, landet bei einer Wahrheit ohne Liebe“, so Neufeld. Im Unterschied zur säkularen Achtsamkeit richte sich die christliche Achtsamkeit nicht nur nach innen. Neufeld weiter: „Sie orientiert sich nach oben, sie schaut nach außen.“

    Gelebte „Jesus-Ökumene“

    Im Blick auf die unterschiedlichen gemeindlichen Hintergründe der ACL-Mitglieder sagte Martin Scheuermann, Hausvater und Geschäftsführer von Haus Schönblick – Christliches Gästezentrum Württemberg (Schwäbisch Gmünd): „In den letzten Jahren ist eine richtige Jesus-Ökumene entstanden. Wir definieren uns nicht in Abgrenzung, wir definieren uns in Jesus.“ In seiner Auslegung zu Psalm 73 ermutigte er die Zuhörer zu einem österlichen Denken, dass den auferstandenen Jesus im Blick behalte. „Die oberste Regie hat nicht der Merz und nicht der Trump“, so Scheuermann. „Die oberste Regie hat unser Herr Jesus.“

    Wohngemeinschaft ‚Neues Leben‘ e.V.

    Gastgeber war in diesem Jahr das ACL-Mitglied „Wohngemeinschaft ‚Neues Leben‘ e.V.“, eine sozialmissionarische Arbeit für suchtkranke Menschen. In der im Jahr 2003 gegründeten Einrichtung werden aktuell 19 Männer – überwiegend mit Migrationshintergrund aus den baltischen Staaten und Polen – begleitet. Die ländlich gelegene Wohngemeinschaft bietet tagesstrukturierende Maßnahmen u.a. in einem Palettenwerk und in der Landwirtschaft. Mit Blick auf das Thema der ACL-Tagung sagte Einrichtungsleiter Denis Kemerer: „Für mich sind Begegnung und die persönliche Begleitung wichtig, um den Glauben weiterzugeben.“

     Die 100. ACL-Tagung

    Die ACL-Tagungen sind ein Forum für Leitungspersonen aus den Mitgliedswerken der Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen. Die erste ACL-Tagung fand am 28. und 29. August 1971 mit Teilnehmern aus Deutschland und der Schweiz auf Einladung des Hoffnung für Dich e.V. in der Freien evangelischen Gemeinde Gießen statt.

    An alle Mitarbeitenden aus den ACL-Werken richten sich die ACL-Konferenzen; zudem bietet die ACL Netzwerktreffen zu den Themen Sucht, Kids und Teens sowie seelische Gesundheit an. Die 101. ACL-Tagung wird zugleich als ACL-Konferenz vom 5. bis 8. März 2026 in Pracht im Westerwald stattfinden. Die 102. ACL-Tagung ist für den 24. bis 27. September 2026 in Borken geplant.

    Die ACL (Arbeitsgemeinschaft Christlicher Lebenshilfen)

    Die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Lebenshilfen ist ein freier Zusammenschluss von 42 Beratungs-, Therapie-, Seelsorgeeinrichtungen, Kliniken und Initiativen, die sich auf der Grundlage des Evangeliums beauftragt wissen, hilfsbedürftigen Menschen zu dienen und ihnen Lebenshilfen anzubieten. Jedes Mitgliedswerk bietet christlich orientierte Lebenshilfe im Rahmen von Haus- und Therapiegemeinschaften oder Fachkliniken an – für Menschen in Lebenskrisen.

    Web: https://www.acl-deutschland.de/

     

  • Sucht, psychisches Leid und die Pflege hinter Gittern

    Sucht, psychisches Leid und die Pflege hinter Gittern

    Foto: Unsplash+

    Ein Fachzeitschrift zur Gesundheitsförderung berichtet über die medizinische Versorgung in Haft.

    Hannover (2mind) – Wie steht es um die Gesundheit der 81.000 Menschen, die jährlich in deutschen Justizvollzugsanstalten inhaftiert sind? Mit dieser Frage beschäftigt sich die 128. Ausgabe der Zeitschrift „Impulse für Gesundheitsförderung“ (September 2025). Kernbefund der Ausgabe: Viele später inhaftierte Menschen befinden sich bereits vor der Haft in einer schlechten gesundheitlichen Situation. Bei einzelnen Menschen verbessert sich die körperliche Situation während der Inhaftierung; bei zahlreichen Gefangenen wirken die Haftbedingungen dagegen nicht gesundheitsförderlich. Die Erkenntnisse im Einzelnen:

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  • Essstörungen: Deutliche Zunahme der Klinikbehandlungen von jungen Frauen

    Essstörungen: Deutliche Zunahme der Klinikbehandlungen von jungen Frauen

    Foto: Usplash+

    Welchen Einfluss besitzen Social Media auf diesen Trend? Das Gespräch mit der Psychiaterin Heike Thomas, DGD Klinik Hohe Mark

    Wiesbaden / Oberursel (2mind) – Immer mehr Mädchen und weibliche Jugendliche kommen mit Essstörungen in stationäre Krankenhausbehandlung. Innerhalb der letzten 20 Jahre haben sich die Behandlungszahlen für 10- bis 17-Jährige verdoppelt, berichtete das Statistische Bundesamt in dieser Woche. Während sich die Gesamtzahl der Behandlungen wegen Essstörungen kaum veränderte, stieg der Anteil der Kinder und Jugendlichen von 23,4% im Jahr 2003 auf 49,3% im Jahr 2023. Etwa 3.000 junge Patientinnen wurden 2003 wegen Essstörungen behandelt, 20 Jahre später waren es etwa 6.000 junge Menschen.

    Frauen sind mit 93,3% der Behandelten im Jahr 2023 deutlich häufiger von Essstörungen betroffen als Männer. Mit durchschnittlich etwa 53 Tagen lag die Behandlungsdauer bei Essstörungen deutlich über dem Durchschnitt anderer Erkrankungen. 2023 wurden zudem 78 durch Essstörungen verursachte Todesfälle erfasst.

    In den Medien wird in dieser Woche mit Schlagzeilen wie „#Skinnytok: Magerwahn durch Social Media“ und „Mehr Essstörungen bei jungen Mädchen – Experten fordern Social-Media-Regeln von der Politik“ zu den steigenden Zahlen berichtet. Wie steht es um den Zusammenhang zwischen Social Media und der Entstehung von Essstörungen?

    Social Media und Körperideale

    Oberärztin Dr. Heike Thomas (Foto: DGD Klinik Hohe Mark)

    Heike Thomas ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie an der DGD Klinik Hohe Mark in Oberursel bei Frankfurt. „Dass soziale Medien immer schon eine Rolle gespielt haben im Zusammenhang mit Essstörungen, steht für mich außer Frage“, sagt Thomas.

    Im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie sei der Bedarf in der Kinder- und Jugendpsychiatrie deutlich gestiegen. Beigetragen hätten Einsamkeit, soziale Isolation und auch eine höhere Mediennutzung. Allerdings: „Essstörungen gibt es schon extrem lange“, so Thomas – Jahrhunderte vor der Erfindung digitaler Medien. Bereits „im Mittelalter haben Mädchen gefastet, um sich unattraktiver zu machen und einer erzwungenen Heirat zu entgehen“, so die Oberärztin.

    Sicher hätten die Medien einen Einfluss, indem sie etwa die Möglichkeit zu Vergleichen oder zum Austausch mit anderen steigerten. Bedeutsam sei auch die „Möglichkeit, in Social-Media-Kanälen das eigene Aussehen zu manipulieren.“ Medien nehmen Einfluss auf Körperideale und das Körperbild – und damit auch auf die Entstehung von Essstörungen. Aber Essstörungen seien eine multifaktorielle Erkrankung, so Thomas weiter, deshalb funktioniere es nicht zu sagen: „Die Medien werden abgestellt und die Essstörung ist wieder im Griff.“

    Mehr als eine Ursache

    Einfluss auf die Entwicklung von Essstörungen besitzen etwa genetische Belastungen oder familiäre Einflüsse, Gleichaltrigengruppen und etwa die Konkurrenz in bestimmten Mädchencliquen. Wie Thomas weiter berichtet, wird aktuell insbesondere zu der Fragestellung geforscht: „Mit welchem Anteil ist die Essstörung psychotherapeutisch zu behandeln“ und „inwieweit ist sie eine somatische Erkrankung“? So wird etwa der Einfluss von Mikroorganismen im Darmtrakt auf die Entstehung von Essstörungen untersucht.

    Mit der Klinikaufnahme werden die Patientinnen angehalten, in den ersten Wochen auf die Nutzung sozialer Medien zu verzichten und sich auf sich selbst zu fokussieren.

    In der psychotherapeutischen Behandlung geht es insbesondere um Körperbilder – und bei vielen Patientinnen spielen dabei soziale Medien eine Rolle. Aber, so Thomas weiter: „Die Auseinandersetzung mit Social Media steht bei uns nicht im Vordergrund.“

    Breites Behandlungsspektrum

    Für die Patientinnen sei es wichtig, an regelmäßiges Essen herangeführt zu werden und die Essensaufnahme wieder selbst steuern können. Anfangs bekommen die Patientinnen auf einem Tablet eine vorher besprochene Essensration serviert, die es aufzuessen gilt. Später lernen sie, aus einem vielseitigen Angebot die eigene Nahrung auszuwählen. Dazu werden individuelle Essverträge geschlossen und Essprotokolle geführt, die mit einer Bezugspflegekraft besprochen werden. Zum multimodalen Behandlungssystem gehören therapeutische Einzel- und Gruppengespräche, Psychoedukation, Bewegungs-, Ergo- und Maltherapie sowie in der christlichen Klinik ein reichhaltiges Seelsorgeangebot.

    „Die Handynutzung in Therapien und Gruppenzusammenhängen ist nicht gestattet“, sagt Thomas. Allerdings komme man mit Verboten und Regularien nur begrenzt weiter. „Wichtig ist, sich über den Beziehungsaspekt mit den Patientinnen auseinanderzusetzen.“


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    Dieser Text ist offen lizenziert (CC BY-SA 4.0) und darf unter Nennung des Verfassers „2mind“ offen geteilt weiterverwendet werden.

  • ADHS bei Mädchen: Falsche oder fehlende Diagnosen

    ADHS bei Mädchen: Falsche oder fehlende Diagnosen

    A.C. auf Unsplash+

    In Kindheit und Jugend führen falsche oder fehlende Diagnosen zu negativen Folgen bei Mädchen. Im späteren Lebensalter gleichen sich die Diagnosezahlen im Geschlechterverhältnis an.

    München (2mind) – ADHS wird bei Mädchen häufig später erkannt als bei Jungen. Bei Jungen seien die Symptome von ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivität-Störung) häufig externalisiert, bei Mädchen dagegen würden Symptome oft als innerlich beschrieben, so die Psychiaterin Lotta Borg Skoglund im Gespräch mit dem Magazin der Süddeutschen Zeitung. Mädchen würden häufiger als ADS diagnostiziert, die Hyperaktivität wird nicht berücksichtigt. “Wenn man genau hinzieht, erkennt man, dass auch Mädchen viele Symptome zeigen, die Hyperaktivität oder Impulsivität widerspiegeln. Etwa, wenn sie viel und schnell reden, mit Dingen herum Fuchteln oder ständig mit ihren Haaren spielen“, so Borg Skoglund im Interview.

    Die unterschiedliche Symptomatik bei Jungen und Mädchen könnte an gesellschaftlichen Erwartungen liegen. Jungen werde erlaubt, laut zu sein, während von Mädchen schon früh ein organisiertes Verhalten erwartet werde. Dass in Deutschland ADHS bei Jungen viermal so häufig wie bei Mädchen diagnostiziert werde, liege nicht an einer ungleichen Verteilung der Erkrankung. “Viele Mädchen und Frauen mit ADHS werden in ihren ersten Lebensjahren entweder falsch oder gar nicht diagnostiziert“, so die Expertin. Im Erwachsenenalter gliche sich die Häufigkeit der Diagnosen dann bei beiden Geschlechtern an.

    Die Jahre vor der ADHS-Diagnose könnten für Frauen gefüllt sein mit Begleitkrankheiten wie Essstörungen, Depressionen oder Angstzuständen. Das Selbstwertgefühl und die Selbstachtung seien häufig beeinträchtigt. Borg Skoglund weiter: “Es kann herzzerreißend sein, wenn Frauen davon erzählen, wie viele Behandlungen und psychologische Beurteilungen sie durchlaufen haben, bis sie die richtige Diagnose bekommen haben und damit auch eine Erklärung für ihr Verhalten.“

    Lotta Borg Skoglund ist als außerordentliche Professorin in der Abteilung für Frauen- und Kindergesundheit an der Universität Uppsala tätig.

    Der > Link zum Interview im Magazin der Süddeutschen Zeitung

  • Chancenorientiert mit ADHS umgehen

    Chancenorientiert mit ADHS umgehen

    Arno Backhaus (Foto: Achim Halfmann / 2mind)

    Fehmarn (2mind) – „Was mich ausmacht ist Gott, meine Frau und ADHS. Auf die drei möchte ich nicht verzichten.“ Das sagte der Autor, Musiker und Aktionskünstler Arno Backhaus heute in seinem Vortrag auf Fehmarn. Backhaus sprach sich dafür aus, nicht nur die Risiken, sondern auch die Chancen von ADHS in den Blick zu nehmen. Das Kürzel ADHS steht für die Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Backhaus, der dazu als selbst Betroffener mehrere Bücher veröffentlichte, sprach auf der 99. Jahrestagung der Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen.

    „Ich habe als ADHSler ganz viel positives Potential in mir“, sagte der Autor weiter. So könne er Situationen sehr schnell und umfassend analysieren und auch Kleinigkeiten bemerken, die der Aufmerksamkeit anderer entgingen.

    Zugleich sprach Backhaus über die Begrenzungen von ADHSlern, die zum Teil durch die Reaktionen ihrer Umwelt verstärkt würden – etwa Beeinträchtigung der Selbstwahrnehmung, die zu unangemessenem Verhalten beitragen können. „Berührungen werden nicht so wahrgenommen, wie sie gemeint sind“, so Backhaus, das könne zu Beziehungskrisen führen. Die Kommunikation in Teams stelle eine besondere Herausforderung für Menschen mit ADHS dar. Backhaus zu den Anforderungen an das Umfeld der Betroffenen: „Wir müssen viel mehr Geduld mit ADHSlern haben.“

    „Der Druck steigt enorm.“

    Die Arbeitsgemeinschaft christlicher Lebenshilfen (ACL) ist ein Zusammenschluss christlicher Beratungs-, Therapie-, Seelsorgeeinrichtungen, Kliniken und Initiativen – insbesondere für Menschen mit Suchterkrankungen und psychischen Erkrankungen. In diesem Jahr tagten die ACL-Mitglieder auf Einladung der Life Challenge Fehmarn, einer Klinik für Suchttherapie, auf Fehmarn. Deren langjähriger ärztlicher Leiter der Klinik und heutige niedergelassene Psychiater Jürgen Rodenhausen sprach über das Thema Burnout.

    Dr.med. Jürgen Rodenhausen (Foto: Achim Halfmann / 2mind)

    Mit Blick auf Veränderungen in der Arbeitswelt, die Flexibilisierung gesellschaftlicher Strukturen und Werte sowie die Digitalisierung sagte der Arzt: „Der Druck steigt enorm.“ Ein Burnout treffe insbesondere „Leute, die sehr engagiert sind. Aber irgendwie haben sie vergessen, auf die Bremse zu treten.“ Eine Hauptursache für Burnout sei der Versuch, es allen recht zu machen. Rodenhausen warb für eine neue Fehlerkultur: „Ihr dürft Fehler machen. Solange ihr Fehler macht, lebt ihr noch.“

    Die ACL-Tagung mit etwa 80 Teilnehmenden aus ganz Deutschland und Österreich startete am gestrigen Mittwoch und endet am Sonntag.

    Dieser Text von 2mind ist lizenziert unter CC BY-SA 4.0