Schubs ins Leben

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Wenn am Ende des Höhenflugs ein Absturz stand

Von Almut von Bendemann

Elia ging eine Tagesreise weit und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben. „Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele, ich bin nicht besser als meine Väter.“ Und er legte sich und schlief unter dem Wacholder.

Da rührte ihn ein Engel an und sprach zu ihm:“ Steh auf und iss!“ Und Elia sah um sich und zu seinem Haupt lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: “Steh auf und iss!“ und er stand auf, aß und trank und ging durch die Kraft der Speise 40 Tage und 40 Nächte. (Die Bibel, 1. Könige 19)

Eben noch lebensmüde bekommt Elia einen deutlichen Schubs ins Leben.

Wie viele Menschen in Haft oder auf der Straße brauchen genau das: jemand, der sie sieht, mit ihnen spricht, etwas zu essen anbietet, motiviert. Und das nicht nur punktuell, sondern regelmäßig. Der Engel wäre wohl auch ein drittes Mal zu Elia gekommen.

Elia ist von einem Höhenflug abgestürzt und muss fliehen. Er ist am Ende. Alles, was ich bisher gemacht habe, ist Mist. „Ich bin nicht besser als meine Väter.“ Wie Abraham, der seine Frau verleugnete, Isaak, der einen Sohn bevorzugte, und Jakob, der seinen Bruder betrog, trägt auch Elia als sündiger Mensch sein eigenes Päckchen. Wie soll er da nur wieder rauskommen?

Hilfe von außen

Besonders in den ersten Tagen und Wochen nach der Inhaftierung ist das Suizidrisiko hoch. Die Gefangen kommen aus einer Welt draußen, wo es jeden Tag unkontrolliert rundgeht mit Drogen, Geld, Waffen, Autos, Gewalt. In Haft sind sie ausgebremst, einsam, abgeschnitten, ohne Handy. Bei vielen sind auch Väter und Mütter mit ihren eigenen Problemen kein Halt, trotz aller Liebe. Ja, auch Elias Väter taugen hier nichts. Elia könnte sich an Gott wenden. Gott ist nur ein Gebet entfernt. Aber auf die Idee kommt er nicht. Er braucht Hilfe von außen.

Gott wendet sich ihm zu durch seinen Engel. Ich bin keine Psychologin und diagnostiziere keine Depression. Aber mit den Mitteln des Engels kann auch ich umgehen. Es geschieht immer wieder, dass es jemandem schlecht geht und sie irgendjemand brauchen, einen Menschen zum Gespräch.

Einer lässt nicht locker

Ich koche jeden Morgen eine Kanne Kaffee für Begegnungen in der JVA und schaue, was der Tag bringt. Mein Privileg ist die Schweigepflicht. Aber alle, die Gefangene ehrenamtlich oder auch als Familie besuchen, sind unschätzbar wertvoll, da sie „von draußen“ und ….ohne Bezahlung kommen. Sie gehören nicht zum System und schauen allein auf den Menschen. Wie wichtig sind regelmäßige, verlässliche und langfristige Begegnungen!

Der Engel lässt nicht locker. Wenn auch Elia beim ersten Mal in seiner Schwermut verharrt- wie so mancher Gefangene seinen Besuchstermin cancelt und einfach nicht hingeht – lässt er sich doch beim zweiten Mal motivieren. Er steht auf, isst und trinkt … und geht los.

So wie der Engel spricht auch Jesus: “Nimm dein Bett und wandle!“ Geh los, du hast die Power! Elia geht 40 Tage und 40 Nächte, er bewältigt sein ganzes Leben, alles, alle Aufgaben, die vor ihm die vor ihm liegen.

Uns richtet die Begegnung mit Jesus wieder auf. Er ist der Weg ins Leben.


Pfarrerin Almut von Bendemann ist evangelische Seelsorgerin an der Justizvollzugsanstalt Heinsberg.