Autor: Redaktion

  • „Es gibt nicht das eine Depressions-Gen.“

    „Es gibt nicht das eine Depressions-Gen.“

    Über eine häufige Erkrankung, die ganz unterschiedlich verlaufen kann

    „Alles, was ich habe, vermache ich dem Tierheim.“ Das ist einer der ersten Sätze, die ich von Toralf höre. Mein Gesprächspartner ist 61 Jahre alt, kommt aus Berlin und lebt heute im Bergischen Land. Wir treffen uns in einem Altstadt-Café und sprechen bei einem Spagetti-Eis über Depressionen, die Toralf seit seiner Kindheit erlebt. Einen Termin am Tag schafft er, mehr ist kräftemäßig nicht drin. So freue ich mich, dass ich heute dieser Termin bin.

    Fehlende Kraft und Energie zum Leben ist eine große Herausforderung für depressiv erkrankte Menschen. Wenn Toralf morgens wach wird, wartet er auf das Hungergefühl. Damit kann er dann aufstehen und sich in der Küche ein Frühstück zubereiten.

    Ein Termin am Tag geht: Manchmal ist das Ergotherapie, manchmal ein Gespräch mit dem gesetzlichen Betreuer oder jemandem vom ambulant betreuten Wohnen. Toralf mag einen festen Wochenrhythmus ohne Überraschungen: „Alles, was gleichmäßig ist, ist wunderbar.“

    Gott stellt keine Bedingungen

    Beziehungen zu seinem früheren Freundeskreis gingen über die Jahre verloren, auch wenn Toralf viele Menschen kennt und auf der Straße kurze Gespräche mit ihnen führt. In seiner Jugend kam er in Kontakt mit einer Baptistengemeinde und zum Glauben an Gott. „Jesus ist heute alles für mich“, sagt Toralf. Und: „Durch meine Depression ist mein Zugang zu Gott abgeschnitten. Das ist nicht die Schuld Gottes, sondern meine Krankheit.“ Für Toralf ist wichtig: Gott ist da. Gott liebt mich, so wie ich bin. Und Gott stellt keine Bedingungen.

    Einiges an Zeit verbringt mein Gesprächspartner mit Social Media. „Ich darf nicht zu viel nachdenken, muss ständig den Geist beschäftigt halten.“ Sonst drängen sich Suizidgedanken auf. Einen wichtigen Halt geben ihm die Begegnungen mit den Mitarbeitenden des christlichen Anbieters Wendepunkt. „Die leisten Hilfe weit über das Professionelle hinaus.“ Toralf weiter: „Das ist der Grund, warum ich hier noch herumhüpfe.“

    Wertschätzen, was möglich ist

    Andreas Siewert ist Sozialarbeiter und Geschäftsführer beim Wendepunkt; wir treffen uns in seinem Büro in einer alten Velberter Villa.

    Andreas weiß, wie wichtig verlässliche Bezugspersonen sind, die Gelassenheit ausstrahlen und ihrem Gegenüber einen Freiraum geben. „Wenn etwas nicht gelingt, darf mein Gegenüber keinen Gesichtsverlust fürchten müssen“. Wichtig sei es, mit Betroffenen gemeinsam wertzuschätzen, was trotz der Krankheit weiterhin möglich ist.

    Gute Phasen geben die Chance, ein aktives Leben einzuüben: Etwa regelmäßige Körperpflege und Mahlzeiten oder Gemeinschaft in Vereinen und Kirchen. „Sport und Bewegung helfen ebenso gut wie eine leichte Medikation“, sagt Andreas, der manche Gespräche bei einem Waldspaziergang führt.

    In guten Phasen lässt sich ein Krisenplan erstellen: An welchen Frühsymptomen erkenne ich eine Krise? Gibt es bestimmte Jahreszeiten – etwa den Herbst – oder Jahrestage – etwa Todestage? Welche Aktivitäten helfen mir dann? Wem vertraue ich, wer darf mir etwas sagen?

    Ein für viele Helfer herausforderndes Thema ist der Suizid. „Es braucht viel Freiheit, um über Selbsttötungsgedanken zu reden“, sagt Andreas. Mancher versuche einen Suizid nur aus der Angst vor einem möglichen Scheitern nicht. „Die Sehnsucht nach Erlösung von dem, was quält, muss man anerkennen“, so Andreas. Und dann mit dem Gegenüber nach dem suchen, was dem Leben einen Sinn gibt. Und: „Gott hält seine Hand gnädig über Menschen, auch wenn wir selbst ohnmächtig sind.“

    Frömmigkeit ist keine Leistung

    Der Glaube kann für depressiv erkrankte Menschen eine Chance sein, er kann es ihnen aber auch schwer machen. „Die Bibel ist voll von Zusagen, die uns helfen, zuversichtlich zu sein“, sagt Andreas. Frömmigkeit dürfe aber nicht zu einer Leistung werden oder zu vordergründigen Lösungsversuchen führen – etwa durch die Erwartung daran, dass ein Gebet unmittelbar entlastend wirke.

    Hilfreich für Menschen mit einer depressiven Erkrankung ist eine tragende christliche Gemeinschaft. Andreas Siewert erinnert daran, dass Jesus seine Jünger als Teams ausgesandt hat – und nicht einzeln. Auf eine solche Gemeinschaft sind viele Menschen im Verlauf ihres Lebens angewiesen, denn Depression gehört zu den häufigsten Erkrankungen:

    „Etwa jeder fünfte Deutsche macht Erfahrungen mit dieser Krankheit“, sagt Marie-Theres Leetz, die als Ärztin für Psychiatrie und Psychotherapie im Münsterland arbeitet.

    Wir treffen uns in einer Gartenanlage und sprechen an einem hellen Sommernachmittag über dieses dunkle Thema. Marie-Theres erklärt: Wenn mindestens zwei Symptome wie eine depressive Stimmung, Antriebsmangel, Interessenverlust und Freudlosigkeit für mindestens zwei Wochen täglich auftreten, spricht man von einer Depression. Probleme wie Schlafstörungen, Appetitmangel oder Konzentrationsverlust können hinzukommen.

    Dass Frauen doppelt so häufig betroffen sind wie Männer, habe mit den hormonellen Bedingungen der Krankheit zu tun. Und: „Der starke Mann gibt so eine Schwäche nicht gerne zu“, sagt die Medizinerin. Wen trifft die Krankheit und wen verschont sie? Marie-Theres: „Es gibt nicht das eine Depressions-Gen.“ Manche Menschen bringen eine ererbte Verletzlichkeit mit; belastende Lebensabschnitte kommen dazu und schließlich lösen anhaltende Stress-Situationen die Krankheit aus: berufliche Überforderungen, traumatische Erfahrungen oder Beziehungskrisen.

    Depressionen sind gut behandelbar

    Depressive Erkrankungen verlaufen unterschiedlich, und die gute Nachricht ist: Etwa 70% der Erkrankten sprechen auf eine Behandlung an. Auch deshalb sei der Gang zum Arzt wichtig. Bei leichten und mittelschweren Depressionen kann Psychotherapie helfen. Und es kommen Medikamente zum Einsatz, vor denen die Medizinerin die Angst nehmen will: „Antidepressiva machen nicht abhängig.“

    Manche Betroffene erleben eine einmalige depressive Episode, und die Krankheit kehrt nicht wieder zurück. Andere erleben wiederkehrende depressive Schübe, wobei die symptomfreie Zeit durch eine medikamentöse Behandlung deutlich verlängert werden kann. Zu Rückfällen führen bei manchen Patienten das Absetzen der Medikamente oder schwere Lebensereignisse.

    Besonders belastend ist die Krankheit für die etwa 30% der Betroffenen, bei denen die depressiven Symptome für lange Zeiträume bestehen bleiben. Für diese Menschen gehe es besonders darum, einen sozialen Rückzug zu verhindern und den Aktivitätslevel so weit wie möglich aufrecht zu erhalten, sagt Marie-Theres Leetz.

    Allen Betroffenen rät die Ärztin, Hilfe in Anspruch zu nehmen: „Aus einer Depression finden nur sehr wenige Menschen allein heraus.“

  • Schubs ins Leben

    Schubs ins Leben

    Wenn am Ende des Höhenflugs ein Absturz stand

    Von Almut von Bendemann

    Elia ging eine Tagesreise weit und setzte sich unter einen Wacholder und wünschte sich zu sterben. „Es ist genug, so nimm nun, Herr, meine Seele, ich bin nicht besser als meine Väter.“ Und er legte sich und schlief unter dem Wacholder.

    Da rührte ihn ein Engel an und sprach zu ihm:“ Steh auf und iss!“ Und Elia sah um sich und zu seinem Haupt lag ein geröstetes Brot und ein Krug mit Wasser. Und als er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des Herrn kam zum zweiten Mal, rührte ihn an und sprach: “Steh auf und iss!“ und er stand auf, aß und trank und ging durch die Kraft der Speise 40 Tage und 40 Nächte. (Die Bibel, 1. Könige 19)

    Eben noch lebensmüde bekommt Elia einen deutlichen Schubs ins Leben.

    Wie viele Menschen in Haft oder auf der Straße brauchen genau das: jemand, der sie sieht, mit ihnen spricht, etwas zu essen anbietet, motiviert. Und das nicht nur punktuell, sondern regelmäßig. Der Engel wäre wohl auch ein drittes Mal zu Elia gekommen.

    Elia ist von einem Höhenflug abgestürzt und muss fliehen. Er ist am Ende. Alles, was ich bisher gemacht habe, ist Mist. „Ich bin nicht besser als meine Väter.“ Wie Abraham, der seine Frau verleugnete, Isaak, der einen Sohn bevorzugte, und Jakob, der seinen Bruder betrog, trägt auch Elia als sündiger Mensch sein eigenes Päckchen. Wie soll er da nur wieder rauskommen?

    Hilfe von außen

    Besonders in den ersten Tagen und Wochen nach der Inhaftierung ist das Suizidrisiko hoch. Die Gefangen kommen aus einer Welt draußen, wo es jeden Tag unkontrolliert rundgeht mit Drogen, Geld, Waffen, Autos, Gewalt. In Haft sind sie ausgebremst, einsam, abgeschnitten, ohne Handy. Bei vielen sind auch Väter und Mütter mit ihren eigenen Problemen kein Halt, trotz aller Liebe. Ja, auch Elias Väter taugen hier nichts. Elia könnte sich an Gott wenden. Gott ist nur ein Gebet entfernt. Aber auf die Idee kommt er nicht. Er braucht Hilfe von außen.

    Gott wendet sich ihm zu durch seinen Engel. Ich bin keine Psychologin und diagnostiziere keine Depression. Aber mit den Mitteln des Engels kann auch ich umgehen. Es geschieht immer wieder, dass es jemandem schlecht geht und sie irgendjemand brauchen, einen Menschen zum Gespräch.

    Einer lässt nicht locker

    Ich koche jeden Morgen eine Kanne Kaffee für Begegnungen in der JVA und schaue, was der Tag bringt. Mein Privileg ist die Schweigepflicht. Aber alle, die Gefangene ehrenamtlich oder auch als Familie besuchen, sind unschätzbar wertvoll, da sie „von draußen“ und ….ohne Bezahlung kommen. Sie gehören nicht zum System und schauen allein auf den Menschen. Wie wichtig sind regelmäßige, verlässliche und langfristige Begegnungen!

    Der Engel lässt nicht locker. Wenn auch Elia beim ersten Mal in seiner Schwermut verharrt- wie so mancher Gefangene seinen Besuchstermin cancelt und einfach nicht hingeht – lässt er sich doch beim zweiten Mal motivieren. Er steht auf, isst und trinkt … und geht los.

    So wie der Engel spricht auch Jesus: “Nimm dein Bett und wandle!“ Geh los, du hast die Power! Elia geht 40 Tage und 40 Nächte, er bewältigt sein ganzes Leben, alles, alle Aufgaben, die vor ihm die vor ihm liegen.

    Uns richtet die Begegnung mit Jesus wieder auf. Er ist der Weg ins Leben.


    Pfarrerin Almut von Bendemann ist evangelische Seelsorgerin an der Justizvollzugsanstalt Heinsberg.

  • Heroin, Jesus und Straßenkinder auf den Philippinen

    Heroin, Jesus und Straßenkinder auf den Philippinen

    Thomas Erkens begleitet heute Männer bei der Gefährdetenhilfe SCHEIDEWEG in Hückeswagen.

    Die jungen Leute in unserer Wohngemeinschaft kommen aus dem Gefängnis, von der Straße und aus der Sucht. Ich will Menschen, bei denen alles zerbrochen ist, zeigen: Es gibt eine Hoffnung, bei Jesus Christus ist alles möglich. Das habe ich selbst erlebt:

    Aufgewachsen bin ich als Ältester von vier Geschwistern in einem Dorf an der holländischen Grenze. Meine Kindheit habe ich überwiegend draußen verbracht und leidenschaftlich Fußball gespielt. Auf einem altsprachlichen Jungengymnasium lief es später nicht gut: In der 9. Klasse blieb ich sitzen und wechselte auf die Hauptschule. Ich spürte die Enttäuschung meiner Eltern.

    Nach der Schule begann ich eine Maurerlehre und traf in der Berufsschule einen früheren Mitschüler, der Drogen nahm. Dafür war ich offen: Ich erwartete mehr vom Leben, die Hippie-Kultur faszinierte mich und so sniefte ich zum ersten Mal Heroin. In den folgenden Monaten probierte ich auch Haschisch und LSD aus. Meinen Freundeskreis hatte ich gewechselt, das Fußballspielen aufgegeben und am Ende meiner Ausbildungszeit hing ich bereits an der Nadel.

    Droge, Straße, U-Haft

    Ich war in eine Kommune eingezogen, hatte eine Freundin und das Leben erschien mir rosarot. Als sich aber meine Freundin trennte und sich die Kommune auflöste, stand ich allein da. Die Farbe wich aus meinem Leben. Drogenkauf und Beschaffungskriminalität bestimmten meinen Alltag. Während meines 15-monatigen Wehrdienstes konnte ich den Konsum einschränken; danach aber lief alles wie zuvor. Ich ging für neun Monate in Therapie, nur um gleich darauf wieder rückfällig zu werden. Zeitweise lebte ich auf der Straße, ich kam für einige Wochen in U-Haft und sah keine Zukunft für mein Leben.

    Schließlich kam ich in eine christliche Lebensgemeinschaft am Niederrhein, wo ich zum ersten Mal von Jesus hörte. Es waren nicht nur die Andachten, die mich beeindruckten, sondern auch das authentische Leben der Mitarbeitenden. Auf einer Veranstaltung erlebte ich ganz persönlich, wie Jesus zu mir sprach. Als ich ihn in mein Leben einlud, wurde es hell in mir. Ich spürte wieder Hoffnung.

    Neuanfang: Schritt für Schritt

    Vom Niederrhein wechselte ich in eine christliche Drogenrehabilitation nach Lüdenscheid. Dort konnte ich mein Leben Schritt für Schritt in Ordnung bringen. Und ich spürten den Wunsch, anderen Menschen diese Hoffnung weiterzugeben. Während meiner Zeit in der Nachbetreuung luden mich die Christen ein, im Wiedenhof mitzuarbeiten. Ich engagierte mich in einem Second-Hand-Laden und in der stadtmissionarischen Arbeit.

    Als unsere Gemeinschaft die Anfrage von Christen aus den Philippinen erreichte, dort eine Drogenrehabilitation aufzubauen, nahm mein Leben eine neue Wendung. Mit einem 9-köpfigen Team reiste ich auf die Philippinen aus. Wir begannen dort mit einer Sprachschule und parallel besuchten wir Drogenabhängige, Prostituierte und Gefangene. Wir kauften ein Haus und nahmen die ersten Reha-Gäste auf.

    Straßenarbeit auf den Philippinen

    Meine heutige Frau Petra gehörte ebenfalls zu diesem Team. Zuerst verband uns eine tiefe Freundschaft, dann verliebten wir uns. Kurz bevor wir heirateten, nahm Petra drei Kinder bei sich auf: Den Vater und seine acht Kinder hatte sie bei einem Straßeneinsatz getroffen, die Mutter war kurz zuvor gestorben und die Jüngsten blieben unversorgt. So hatten wir bei unserer Hochzeit drei Pflegekinder und wir konnten sie einige Jahre später adoptieren. Wir bauten gemeinsam eine Straßenkinderarbeit auf, gründeten am Stadtrand von Manila das „Father’s House“ auf und konnten über viele Jahre Kindern und Jugendlichen eine Perspektive bieten.

    Nach 22 Jahren kehrten wir aus den Philippinen zurück und arbeiteten noch vier Jahre in Lüdenscheid. Nach einer Zeit beim Fontis-Verlag kam ich 2020 zur Gefährdetenhilfe. Hier möchte ich Menschen mit den Augen Gottes sehen, ihnen respektvoll begegnen und sie so erleben lassen, dass Gottes Liebe Veränderung ermöglicht. Denn ohne Gottes Eingreifen wäre ich selbst heute wohl nicht mehr am Leben.

  • Beten mit dem Kreuz in der Hand

    Beten mit dem Kreuz in der Hand

    Nils Andersen berichtet von seinem Weg aus Depression und Sucht.

    Depressionen begleiteten mich seit meiner Kindheit. Als ich sechs Jahre alt war, trennten sich meine Eltern. Meine Mutter war schwer alkoholabhängig und mein Vater arbeitete im Schichtdienst. Meine Geschwister und ich wuchsen also unter widrigen Verhältnissen auf. Ich fühlte mich oft niedergeschlagen und hatte weniger Energie als andere Kinder in meinem Alter.

    Mit 13 Jahren kam ich mit Cannabis in Kontakt und mit der Zeit kamen andere Substanzen dazu. Bald drehte sich mein Alltag nur noch um den Rausch. Für meine Depressionen waren die Drogen nicht förderlich. Anfangs konnte ich negative Gefühle durch den Rausch betäuben, aber langfristig verstärkten sich die Symptome nur noch mehr.

    Nach meinem Realschubschluss begann ich zwei Ausbildungen, die ich nicht zu Ende brachte. Einem normalen Alltag konnte ich bereits nicht mehr nachgehen. Einerseits waren meine Tage von der Sucht geprägt und es ging ständig um den nächsten Rausch. Und andererseits fehlte mir die Energie, um morgens aus dem Bett zu kommen. In mir herrschten dunkle Gedanken; ich hatte keine Freude mehr an der Begegnung mit anderen Menschen oder an irgendwelchen Aktivitäten. Mich prägte ein starkes Gefühl der Leere, das irgendwann so krass wurde, dass ich nichts mehr fühlen konnte: Weder Positives noch Negatives, weder Freude und noch Hass. An diesem Punkt erkannte ich: Ich brauche Hilfe.

    Mit 18 Jahren begann ich meine erste Therapie in einer psychosomatischen Klinik. Dort lernte ich, was eine Depression ist: All diese Symptome, die ich von Kindheit an erlebte, passten dazu. Es dauerte eine Weile, bis ich akzeptierte: Ich leide unter einer Krankheit, die behandelt werden muss.

    Bei mir brauchte es mehrere Therapien. Bis Anfang 20 wechselte ich von einer Klinik in die nächste. Das half mir, Hintergründe meiner Depression und meiner Drogensucht zu verstehen. Trotzdem ging es nicht bergauf. Ich hatte täglich mit Suizidgedanken zu kämpfen und sah keine Zukunft für mein Leben. Mir fehlte ein Halt im Leben.

    Tiefpunkt als Neustart

    Meinen Tiefpunkt erlebte ich in einer Entzugsklinik. Kurz zuvor erzählte mir meine Mutter, wie sie von ihrer Alkoholsucht befreit wurde. Sie drückte mir ein Kreuz in die Hand und sagte, dass ich jederzeit zu Gott beten könne. Das gab mir Hoffnung; zum ersten Mal sah ich ein Licht am Ende des Tunnels. In der Entzugsklinik betete ich jeden Tag mit dem Kreuz in der Hand. Meine innere Leere konnte ich nicht länger aushalten und ich flehte zu Gott um Hilfe. Dabei rechnete ich nicht mit einer Antwort, aber ich spürte Gottes Nähe. Da war kein großes Gefühl, aber diese Gewissheit, dass er bei mir ist. Und zum ersten Mal bekam ich einen Geschmack davon, wie es ist, wenn Gott die Leere in mir füllt.

    Von da an war es für mich zwar noch ein langer Weg; es brauchte zwei weitere Therapien und dauerte ein paar Jahre, aber es ging langsam bergauf. In der Gefährdetenhilfe in Scheideweg konnte ich schließlich Schritt für Schritt mein Leben und mein Denken ändern. Die Nächstenliebe war eine große Baustelle für mich: Ich hielt mich eigentlich für einen guten Menschen – bis Gott mir gezeigt hat, wie egoistisch ich mit anderen umging. Mit der Nächstenliebe ist auch die Liebe zu mir selbst gewachsen.

    Menschen investierten sich in mich und waren ehrlich zu mir. In Scheideweg begann ich, meine Beziehung zu Gott zu pflegen und regelmäßig in der Bibel zu lesen. Je näher ich Gott kam, desto schwächer wurden meine negativen Gedanken und Gefühle. Freiheit von Depressionen hatte ich mir selbst niemals vorstellen können, aber nach einigen Monaten blickte ich zurück – und die Depressionen waren nicht mehr da. Mit der Zeit bekam ich wieder Energie, mein Leben anzupacken. Ich konnte eine kaufmännische Ausbildung abschließen, den Führerschein nachholen und die Beziehung zu meiner Familie deutlich verbessern. Gott hat enorm viel Heilung in mein Leben gebracht. Auch wenn ich als Christ schwierige Tage erlebe, ist es ein großer Trost, Gott an meiner Seite zu haben.

    Heute studiere ich am Bibelseminar Bonn Theologie. Meine Vision ist es, Gottes Liebe anderen nahezubringen und meine Erfahrung weiterzugeben, dass Gott Hoffnung und Perspektive in ein hoffnungsloses Leben bringen kann.