Kategorie: Wohnungslosigkeit

  • Neue Plattform: Wissen Wohnungslosigkeit

    Neue Plattform: Wissen Wohnungslosigkeit

    Vorgestellt werden Informationen, Praxisprojekte und Bildungsangebote.

    Bonn (2mind) – Seit heute ist die nationale Wissensplattform zum Thema Wohnungslosigkeit online. Auf wissen-wohnungslosigkeit.de finden sich Daten und Zahlen zur Wohnungslosigkeit ebenso wie die Vorstellung von Praxisprojekten, Fortbildungsangebote und Literatur. Die Plattform will den Austausch zwischen den Akteuren in der Wohnungslosenhilfe stärken und einen Beitrag zur Umsetzung des Nationalen Aktionsplans gegen Wohnungslosigkeit leisten.

    Herausgegeben wir die Plattform von der Nationale Kompetenzstelle gegen Wohnungslosigkeit, im Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) angesiedelt ist.

    Der Link zur Plattform: https://wissen-wohnungslosigkeit.de/

  • Wohnungslosigkeit weiter auf hohem Niveau

    Wohnungslosigkeit weiter auf hohem Niveau

    Obdachloser Mann vor einem Restaurant (Foto: Achim Halfmann / Orientierungslust)

    Ein Drittel der Untergebrachten sind Familien, die Mehrheit der Betroffenen ist unter 25 Jahren.

    Wiesbaden (2mind) – Am 31. Januar 2026 waren 5 Prozent weniger Menschen wegen Wohnungslosigkeit untergebracht als ein Jahr zuvor. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, lebten am Stichtag insgesamt 452.900 Menschen in einer Wohnungslosigkeit, darunter 85 Prozent ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Ukrainerinnen und Ukrainer machten mehr als ein Viertel (28 Prozent) der untergebrachten Wohnungslosen aus; im Vorjahresvergleich verringerte sich deren Zahl um 6 Prozent.

    Erhöht hat sich dagegen die Zahl der untergebrachten Wohnungslosen mit deutscher Staatsangehörigkeit: Ihr Anteil beträgt 15 Prozent und ihre Zahl hat sich mit 67.200 Personen gegenüber dem Vorjahr um 2 Prozent erhöht. Wie die Statistik weiter ausweist, sind die untergebrachten Wohnungslosen jung: 41 Prozent waren jünger als 25 Jahre und lediglich 19 Prozent waren 50 Jahre und älter. Ein Drittel (151.300 Menschen) waren ein Teil von Paarhaushalten mit Kindern.

    „Die aktuellen Zahlen belegen, was wir seit Jahren beobachten: Die Wohnungsnot bleibt auf hohem Niveau und politische Gegenmaßnahmen reichen bislang nicht aus, darüber darf der geringe Rückgang nicht hinwegtäuschen“, so Sabine Bösing, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W) gegenüber der Presse. Mit dem Nationalen Aktionsplan hat sich die Bundesregierung das Ziel gesetzt, Wohnungslosigkeit bis 2030 zu überwinden. Die Expertin warnt: „Wir sehen aber keine ausreichende Entwicklung. Im Gegenteil, aktuelle Gesetzesreformen drohen die Wohnungsnot weiter zu verschärfen.“

    In dieser Wohnungslosenstatistik zählen wohnungslose Menschen, die in Not- und Gemeinschaftsunterkünften, (teil-) stationären oder gewerblichen Unterkünften und Normalwohnraum ohne Mietvertrag oder nur vorübergehend untergebracht sind. Geflüchtete werden in der Statistik berücksichtigt, wenn ihr Asylverfahren positiv abgeschlossen wurde und sie weiterhin ohne Mietvertrag untergebracht werden.

  • Wie sterben obdachlose Menschen?

    Wie sterben obdachlose Menschen?

    Obdachloser Mann vor einem Restaurant (Foto: Achim Halfmann / Orientierungslust)

    Ein würdiges Sterben und Verabschieden gewährleisten für Menschen, die wir nicht retten können

    Köln (2mind) – Lothar, ein langjährig Obdachloser, wurde morgens tot unter seiner blauen Plane entdeckt. Martin starb mit Mitte dreißig in seinem Rollstuhl in einer dunklen Ecke nahe dem Kölner Hauptbahnhof. Der 21-jährige Drogen konsumierende Max starb in einer Notschlafstelle unerwartet an seinem Erbrochenen. In einer Krankenwohnung erlebte die an Krebs erkrankte Ornella ihre letzten Tage.

    Über diese Schicksale berichtet Matthias Schnegg, Pfarrer im Ruhestand, der seit über zwanzig Jahren in einer Kölner Notschlafstelle für obdachlose Drogenabhängige mitarbeitet. „Drogenabhängige Obdachlose schleppen sich mit mir unvorstellbaren offenen Wunden und Abszessen, mit hohem Fieber geplagt, auf die Straße, weil der Suchtdruck sie zwingt – teils trotz Substitution mit Ersatzmedikamenten“, so Schnegg in der aktuellen Ausgabe des Magazins „Leidfaden“.

    Manche obdachlosen Menschen wollten auf der Straße sterben, so der Geistliche. „Deren Lebensschicksal macht ihnen einen Aufenthalt in geschützten Räumen unmöglich.“ Mit einer Krankenwohnung bietet die Stadt Köln Obdachlosen, die Hilfe annehmen können, einen Schutzraum und elementare Versorgungsmöglichkeiten. Die katholische Pace e Bene-Stiftung finanziert für sterbende Obdachlose Plätze in Hospizeinrichtungen. In der Diskussion seien eine Alten-WG für obdachlose Drogenabhängige sowie die Einrichtung eines Hospizes für Obdachlose.

    Eine Initiative der Obdachlosenseelsorge unterhält ein Gräberfeld für obdachlos Verstorbene. Bei Todesfällen in den Notschlafstellen gibt es Riten der Verabschiedung. „Für uns bekannte Übernachter und Übernachterinnen der Notschlafstelle wird in eigenen Feiern der Toten gedacht“, so Schnegg weiter. Und es gäbe Mitmenschen, die bei den Beisetzungen diesen Verstorbenen die letzte Ehre erweisen.

    Menschen leben und sterben auf der Straße. „Wir können und konnten sie nicht retten. Wir können sie lieben – indem wir sie nicht übersehen, sie in ihrer Würde bewahren helfen, weiter kreativ an Möglichkeiten arbeiten, ein würdiges Sterben und Verabschieden zu gewährleisten“, schreibt Schnegg.

    Matthias Schnegg (2026). Die Straße und der Tod. In: Leidfaden. Heft 2, Juni 2026, S. 71-73

  • Digital eingeschränkt, aber nicht abgehängt

    Digital eingeschränkt, aber nicht abgehängt

    Foto: Curated Lifestyle auf Unsplash+

    Studie: Wohnungslose Menschen sind auf digitale Zugänge angewiesen.

    Düsseldorf (2mind) – Wohnungslose Menschen nutzen digitale Medien für ihre sozialen Beziehungen und ihre persönlichen Belange – wie andere Menschen in unserer Gesellschaft. Sie seien „in ihrer digitalen Teilhabe zwar eingeschränkt, aber mitnichten gänzlich abgehängt“, heißt es in einer Studie.

    Neun von zehn befragten Wohnungslosen besitzen ein Smartphone für den Internetzugang und nutzen es vor allem alltagspraktisch, konsum- und kommunikationsorientiert. Drei Viertel greifen dafür auf kostenpflichtige mobile Datenzugänge zurück, jedoch verfügt nur ein Drittel über ein ausreichendes Guthaben. Menschen ohne Unterkunft (obdachlose Menschen) sind dabei schlechter ausgestattet als etwa wohnungslose Menschen in Einrichtungen. „Armut ist auch bezogen auf digitale Teilhabe der zentrale Ungleichheitsfaktor“, so die Autoren der Studie.

    Während die befragten wohnungslosen Menschen ihre digitalen Basiskompetenzen als gut einschätzten, bewerteten sie ihre Fähigkeiten in den Kompetenzbereichen „Umgang mit Informationen und Daten“ sowie „Kommunikation und Zusammenarbeit“ geringer als die Allgemeinbevölkerung. „Menschen, die über gesicherte und stabile Zugänge zu digitalen Medien verfügen, sehen sich auch besser in der Lage, diese zu nutzen und sie bauen Kompetenzen auf und aus“, heißt es in der Studie.

    Die Forschenden verweisen auf die hohe Bedeutung digitaler Zugänge für wohnungslose Menschen: „Über den Zugang zu Wohnungen oder Arbeit wird etwa überwiegend im digitalen Raum entschieden.“ Auch für die Beantragung existenzsichernder Leistungen sei ein digitaler Zugang wichtig.

    Die Gesellschaft für innovative Sozialforschung und Sozialplanung (GISS) hatte mit einer Förderung des nordrhein-westfälischen Sozialministeriums von Juli bis Dezember 2025 insgesamt 1.026 Menschen online befragt, zwölf Tiefeninterviews geführt und zwei Fokusgruppen mit insgesamt neun wohnungslosen Menschen aus Beratungsstellen und stationären Einrichtungen gebildet.

    Die > Studie als PDF zum Download

  • Neuerscheinung: „Fragile Behausungen“

    Neuerscheinung: „Fragile Behausungen“

    Bettelnder Mensch in einer Großstadt
    Foto: Ev auf Unsplash

    Das offen lizenzierte Fachbuch bietet Forschungsperspektiven zur Wohnungslosigkeit.

    Weinheim (2mind) – Wohnungslosigkeit gilt als das extremste Phänomen der Armut – und ist zugleich Lebensrealität hunderttausender Menschen in Deutschland. Mit der offen lizenzierten Ausgabe starten die Herausgeber eine Buchreihe zur Obdach- und Wohnungslosigkeitsforschung. Was bringt Menschen in diese Lage und was hält sie dort? Wie reagiert die Gesellschaft und was kann Soziale Arbeit leisten?

    Die Texte in dem Buch gehen auf die Konferenz „Fragile Behausungen. Prekäres Wohnen und Wohnungslosigkeit in Zeiten multipler Krisen“ im Februar 2024 an der Technischen Hochschule Nürnberg zurück. Enthalten sind wissenschaftliche Beiträge zur Situation, Deutungen oder Praxen von wohnungslosen Menschen, zu den wohlfahrtsstaatlichen, kommunalen, sozialarbeiterischen oder politischen Bearbeitungen dieses sozialen Phänomens und zu gesellschaftlichen Diskursen.

    Frank Sowa, Marisa Geiser-Krummenacher, Pauline Runge, Tom Neu, Anna Xymena Tissot, Nora Sellner, Athanasios Tsirikiotis (Hrsg.)(2026). Fragile Behausungen. Prekäres Wohnen und Wohnungslosigkeit in Zeiten multipler Krisen. Weinheim: Beltz Juventa (CC BY-NC-ND 4.0)

    Das Buch als > PDF zum Download

  • Leipzig: „Housing First“ holt Menschen aus der Wohnungslosigkeit

    Leipzig: „Housing First“ holt Menschen aus der Wohnungslosigkeit

    Foto: Curated Lifestyle auf Unsplash+

    Das Projekt „Eigene Wohnung“ soll ausgebaut werden.

    Leipzig (2mind) – Beim „Housing First“ erhalten wohnungslose Menschen ohne Umwege und Zwischenstationen außerhalb des regulären Wohnungsmarktes eine eigene Wohnung. So können Menschen dauerhaft aus der Wohnungslosigkeit geholt werden, wie das Modellprojekt „Eigene Wohnung“ in Leipzig zeigt. Im Rahmen des 2021 vom Rat der Stadt beschlossenen Projektes wurden 33 Teilnehmende mit einer Wohnung versorgt; zum Ende des Evaluationszeitraums am 01.12.2024 waren lediglich vier Personen wieder ausgeschieden. Wie der nun vorgestellt Abschlussbericht des Projektes zeigt, waren zwei der ausgeschiedenen Personen verstorben, eine Person wurde auf eigenen Wunsch in eine andere dauerhafte Wohnform vermittelt und eine Person wurde wieder wohnungslos. Der Stadtrat nat nun beschlossen, das Projekt auszuweiten.

    Bei den Teilnehmenden des Modellprojekts „handelte es sich bei den Teilnehmenden zu einem sehr hohen Anteil um Menschen mit komplexen Problemlagen, die neben ihrer Wohnungslosigkeit zusätzlich mit einer zum Teil seit Jahrzehnten bestehenden Suchtmittelabhängigkeit und/oder mit einer psychischen Erkrankung zu kämpfen hatten und die auf dem herkömmlichen Wohnungsmarkt ansonsten kaum Chancen gehabt hätten, mit einer Wohnung versorgt zu werden“, heißt es in dem Bericht.

    Zudem zeigte sich in dem Leipziger Projekt „eigene Wohnung“ die Bedeutung des Grundprinzips „Flexible Unterstützung so lange wie nötig“: Eine Beendigung der wohnbegleitenden Hilfen und sozialen Betreuung war innerhalb von etwa drei Jahren nur für einen sehr kleinen Teil der Zielgruppe; weit mehr als die Hälfte benötigte auch zum Abschluss der Evaluationsphase eine intensivere Begleitung.

    Ob und wie viele zusätzliche Plätze in den kommenden Jahren bereitgestellt werden, hängt nun vom Wohnungsangebot und der finanziellen Situation der Stadt ab.

    Der > Abschlussbericht des Housing-First-Projektes in Leipzig als PDF zum Download

  • „Das Ganze verlagert sich gerade in den digitalen Raum“

    „Das Ganze verlagert sich gerade in den digitalen Raum“

    Eingangsbereich der "Roten Meile" in Oberhausen
    „Rote Meile“ in Oberhausen (Foto: Achim Halfmann / 2mind)

    SOLWODI engagiert sich in Oberhausen für Frauen in der Prostitution – auch mit einem Fotoprojekt.

    Oberhausen (2mind) – „Es braucht Soziale Arbeit in der Prostitution“, sagt Adina Weiß. Die Sozialarbeiterin ist für den Verein SOLWODI in Oberhausen tätig ist und berät Frauen aus der Prostitution. Die meisten dieser Frauen arbeiten auf der Flaßhofstraße, die als „Rote Meile Oberhausen“ firmiert. Viele kommen aus Südamerika, einige aus Spanien, Rumänien oder Bulgarien. Wenige der Frauen sind in Deutschland geboren. Die Altersspanne ist weit: „Da sind Frauen, bei denen ich nicht sicher bin, ob sie über 18 sind“, sagt Weiß. Und auch über 70-Jährige prostituieren sich. „Viele sind kurz da und schnell wieder weg“, so die Sozialarbeiterin. Eine Herausforderung für die Helferinnen liegt darin, Vertrauen zu den Frauen aufzubauen.

    Adina Weiß sitzend
    Adina Weiß, SOLWODI (Foto: Achim Halfmann/2mind)

    Vertrauen kann durch regelmäßige Begegnungen entstehen. Dazu sind die Mitarbeiterinnen zweimal wöchentlich im Streetwork auf der Flaßhofstraße – mit Süßigkeiten und zum Smaltalk mit den Frauen. SOLWODI bietet zudem Hilfe bei Ämtergängen, bei Anträgen oder bei Problemen mit dem Ordnungs- oder Sozialamt. Die Arbeit des Vereins wird durch die Stadt gefördert.

    Auch einen Ausstieg aus der Prostitution und den Neuanfang danach unterstützt SOLWODI. „Wir erleben immer mal wieder Frauen, die nach Unterstützung fragen, sich dann aber umentscheiden.“ Die Beraterinnen unterstützen Frauen bei der Suche nach sicheren Jobs oder einem Ausbildungsplatz, schreiben mit ihnen Bewerbungen und waren auch bei der Wohnungssuche involviert. Zwei Hauptamtliche mit 50%-Stellen und eine ehemalige Kriminalpolizistin als engagierte Ehrenamtliche gehören zum Team von SOLWODI Oberhausen.

    Neben aufsuchender Arbeit und Beratung engagiert sich der Verein in der Prävention, etwa in Schulveranstaltungen zur Loverboy-Masche für Schülerinnen und Lehrkräfte. Und der Verein gestaltet Projekte, etwa ein Fotoprojekt anlässlich des 15-jährigen Jubiläums von SOLWODI Oberhausen im vergangenen Jahr.

    Fotoprojekt: Gewalt sichtbar machen

    „Kunst ist ein so wichtiges Medium, um sich auszudrücken, wenn man sonst keine Worte findet“, Mona Schmidt, die Kollegin von Adina Weiß bei SOLWODI Oberhausen. Schmidt begleitete das Projekt, bei dem Frauen in der Prostitution Einwegkameras erhielten, um zu fotografieren, was sie glücklich macht, was sie traurig macht und was sie beschäftigt.

    Die Teilnahme an dem Projekt wurde vielen Frauen aus dem Umfeld der Beratungsstelle angeboten. „Alle waren interessiert, aber es haben am Ende nur zweieinhalb Frauen mitgemacht“, so Schmidt. So haben auch die Mitarbeiterinnen selbst fotografiert – mit Einverständnis der Frauen etwa deren Hände oder Spangen. Die beteiligten Frauen hatten Spaß an dem Projekt und erlebten, dass sie außerhalb der Prostitution etwas erreichen können. Schmidt: „Sie waren empowert.“

    Die Bilder flossen in eine Ausstellung unter dem Titel „unsichtbar“ ein, die SOLWODI Oberhausen und der Verein Windrose in Kooperation mit Frauen helfen Frauen und kitev – Kultur im Turm im Juni in Oberhausen durchführten. Die Ausstellung widmete sich dem Thema „geschlechtsspezifische Gewalt“. Es ging darum, Gewalt gegen Frauen sichtbar zu machen. Schmidt weiter: „Vieles passiert hinter verschlossenen Türen.“

    Bilder in der Ausstellung mit Betrachter
    Impressionen der Ausstellung (Foto: Rebecca Schwarz)

    Digitale Sexarbeit

    In der Coronazeit mussten Bordellbetriebe schließen und nach der Pandemie war ein Rückgang der Nachfrage spürbar – auch auf der Flaßhofstraße, hat Adina Weiß beobachtet. Und weiter: „Wir wissen, dass sich das Ganze gerade in den digitalen Raum verlagert.“ Dieser Wechsel ins Digitale wirft neue Probleme auf, etwa die Frage, wer die Online-Profile erstellt und bedient: Die Frauen selber? Oder doch ihre Zuhälter? Auch die Beratungsarbeit wird nicht einfacher. „Im digitalen Raum ist es viel schwieriger, Vertrauen aufzubauen“, so Weiß.

    Prostituiertenschutz funktioniert nicht

    In diesem Sommer legte die Bundesregierung eine Evaluation zu dem 2017 in Kraft getretenen Prostituiertenschutzgesetz vor. „Das Gesetz hat bei seiner Einführung dafür gesorgt, dass viele Frauen vom Radar verschwunden sind“, sagt Weiß, insbesondere Frauen ohne legalen Aufenthaltsstatus. Prostituierte aus Afrika oder anderen außereuropäischen Ländern seien in den Hintergrund gedrängt worden, das Gesetz habe deren Schutz erheblich verschlechtert, so Weiß weiter.

    Die Ergebnisse im Evaluationsbericht gehen an der Lebensrealität vieler Frauen vorbei, ist Weiß überzeugt. Illegal in der Prostitution tätige Frauen oder wohnungslose Frauen seien bei der dem Bericht zugrunde liegenden Befragung nicht erreicht worden. Kritisch sieht Weiß zudem die Ausführungen zum Freiheitsbegriff in einem Zusatzgutachten zum Evaluationsbericht. „Bei Frauen aus Osteuropa verbindet sich Freiwilligkeit mit finanzieller Not“, sagt die Sozialarbeiterin.

  • Prostituiertenschutzgesetz wird evaluiert

    Prostituiertenschutzgesetz wird evaluiert

    Foto: Andy Quezada auf Unsplash+

    Schützt das Gesetz Prostituierte – oder bracht es völlig andere Ansätze?

    Berlin (2mind) – Am 1. Juni 2017 trat in Deutschland das Prostituiertenschutzgesetz in Kraft. Die Prostitution wurde damit zu einer gesetzlich geregelten Tätigkeit mit einer Anmeldepflicht und einer Pflicht zur gesundheitlichen Beratung für Prostituierte einerseits und einer Erlaubnispflicht für den Betrieb eines Prostitutionsgewerbes andererseits. Prostituierte sollen so besser vor Ausbeutung und Gewalt geschützt werden. In dem Gesetz ist festgehalten, dass die Bundesregierung dem Deutschen Bundestag bis spätestens am 1. Juli 2025 einen Evaluationsbericht über dessen Auswirkungen vorlegen muss. Den Auftrag zur Evaluation erhielt das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachen (KFN) in Hannover. Mit der Evaluation rückt die Frage nach dem Reformbedarf bei der gesetzlichen Regulierung der Prostitution in den Fokus. Ein Verband bringt sich dazu nun in Stellung.

    Ende 2023 waren bei deutschen Behörden rund 30.600 Prostituierte nach dem Prostituiertenschutzgesetz angemeldet. Das waren 8,3 % mehr als im Vorjahr (2022: 28 300), aber deutlich weniger als vor der Corona-Pandemie 2019 mit 40.400 angemeldeten Prostituierten. 18% der angemeldeten Prostituierten besitzen die deutsche Staatangehörigkeit, 36% die rumänische, 11% die bulgarische und 7% die spanische Staatsangehörigkeit. Zudem wurden 2023 etwa 2.300 Erlaubnisse für das Prostitutionsgewerbe erteilt (2022: 2.200). Genehmigt wurden überwiegend (93%) Prostitutionsstätten (z.B. Bordelle), daneben auch Prostitutionsvermittlungen, Prostitutionsfahrzeuge und -veranstaltungen.

    Die Zahl registrierter Prostituierter wird von Experten kritisch bewertet; die Dunkelziffer könne um das 10fache höher liegen. So schrieb der Frauenrechtsverein Solwodi 2024 in einer Stellungnahme für den Deutschen Bundestag zu seinen Kontakten mit Prostituierten: „Kaum 10% der Frauen, mit denen wir Kontakt haben, sind angemeldet.“ Auch die Auswirkungen des Prostituiertenschutzgesetzes werden unterschiedlich eingeordnet. 2023 sagte die heutige Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) der Bild-Zeitung: „Deutschland hat sich zum Bordell Europas entwickelt. Deutschland ist mittlerweile auch weltweit als Land für Sex-Tourismus sehr attraktiv.“ Ende 2023 forderte die CDU/CSU-Fraktion im Bundestag eine völlig andere gesetzliche Regelung: ein Sexkaufverbot, das sich am sogenannten „Nordischen Modell“ orientiert.

    Gegen ein generelles Sexkaufverbot hat sich nun der Paritätische Gesamtverband positioniert. Das würde „die Gefahr der noch stärkeren Verlagerung von Sexarbeit und Prostitution in die Illegalität und Unsichtbarkeit mit sich bringen“, heißt es in dem nun vorgelegten Positionspapier. Stattdessen fordert der Verband einen Abbau der Diskriminierung Prostituierter, psychosoziale Beratung auf Augenhöhe, einen flächendeckenden Gesundheitsschutz sowie die Bereitstellung von Wohn- und Schutzräumen. „Insbesondere Frauen gehen der Sexarbeit/Prostitution auch aus Gründen der Wohnungslosigkeit nach“, heiß es in dem Papier.

    Das > Papier „Paritätische Position zum Schutz von Sexarbeiter*innen“ als PDF

  • Bei Haftentlassung obdachlos

    Bei Haftentlassung obdachlos

    Foto: Curated Lifestyle auf Unsplash+

    Berlin (2mind) – Ein großer Teil haftentlassener Frauen und Männer leben in prekären Wohnverhältnissen ohne eigenen Mietvertrag. Das zeigt eine Lebenslagenstudie der Bundesarbeitsgemeinschaft für Straffälligenhilfe (BAG-S) aus dem Jahr 2023. Unter den Nutzern von Angeboten der freien Straffälligenhilfe waren mehr als ein Drittel auf Wohnungsnotfallhilfe angewiesen. Die BAG-S wollte nun Genaueres über die Wohnungslosigkeit Haftentlassener herausfinden und befragte die Justizministerien der Bundesländer dazu. Die Ministerien verwiesen auf ihre Bemühungen zur Wohnungssicherung im Rahmen des Übergangsmanagements. Wie erfolgreich diese verlaufen, wird von den meisten Bundesländern jedoch nicht erhoben.

    Aus Berlin liegen entsprechende Daten vor: Dort blieben in den Jahren 2021 bis 2023 insgesamt 37 bis 43 Prozent der aus dem Strafvollzug, der Jugendstrafe und der Sicherungsverwahrung entlassenen Personen ohne Wohnraum. In diesen Zahlen enthalten sind auch Menschen, die nach der Haftentlassung vorübergehende Unterkunft bei Bekannten, in Einrichtungen der Obdachlosenhilfe, Übergangswohnheimen und anderen geschlossenen Einrichtungen fanden. Nicht als wohnungslos gelten in Berlin Menschen in Einrichtungen des betreuten Wohnens.

    Auch aufgrund anderer Zählweisen kommen andere Bundesländer zu anderen Ergebnissen: So waren in Niedersachsen – ohne Berücksichtigung der Entlassenen aus Ersatzfreiheitsstafe – durchschnittlich 5 Prozent zum Zeitpunkt der Entlassung ohne Unterkunft. „Von den Personen mit Unterkunft hatten 38 Prozent eine eigene Wohnung, 34 Prozent wohnten bei Bekannten oder Verwandten und 27 Prozent lebten in sonstigen Unterkünften“, heißt es im BAG-S-Bericht.

    Wohnungs- und Obdachlosigkeit will die Bundesregierung bis zum Jahr 2030 überwinden: Das ist in dem im April 2024 verabschiedeten „Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit“ nachzulesen. Dazu muss sich auch die Situation für Gefangene verbessern. Denn eine Inhaftierung stellt bei 12 Prozent der wohnungslosen Menschen den Grund für Wohnungsverluste dar, so der Wohnungslosenbericht 2024 der Bundesregierung.

    Für Gefangene fordert die BAG-S mehr vollzugslockernde Maßnahmen, denn die „Wohnungssuche bzw. die Suche nach einer (betreuten) Unterkunft ist aus dem geschlossenen Vollzug heraus sehr erschwert bis unmöglich.“ Insbesondere sei vor einer Haftentlassung die Verlegung in den Offenen Vollzug wichtig. Die BAG-S weiter: „Von dort lassen sich Wohnungen suchen und Besichtigungen organisieren, aber auch Termine in Ämtern und Behörden wahrnehmen. Wenn Personen zudem außerhalb der JVA arbeiten, können sie ein Gehalt für die Mietzahlung nachweisen.“

    Wichtig sei zudem der Ausbau digitaler Kommunikation im Vollzug: Für die Wohnungssuche seien der Zugang zu Online-Portalen und die E-Mail-Kommunikation wichtig. Beides sei Gefangenen überwiegend verwehrt.

    Dieser Text von 2mind ist lizenziert unter CC BY-SA 4.0

  • Wohnungslosenbericht 2024: Über eine halbe Million Menschen betroffen

    Wohnungslosenbericht 2024: Über eine halbe Million Menschen betroffen

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    Die Bundesregierung will Wohnungslosigkeit bis 2030 überwinden. Viele Betroffene leiden unter psychischen Beeinträchtigungen.

    Berlin (2mind) – Etwa 530.000 Menschen sind in Deutschland wohnungslos. Davon sind etwa 440.00 Menschen in Einrichtungen der Wohnungsnotfallhilfe untergebracht, über 47.000 Menschen leben auf der Straße oder in Behelfsunterkünften und andere kommen bei Verwandten oder Bekannten unter. Diese Zahlen bietet der gestern von der Bundesregierung beschlossene Wohnungslosenbericht 2024. Im Vergleich zum Wohnungslosenbericht 2022 ist die Zahl der Betroffenen Menschen gestiegen.

    „Der Bericht zeigt, dass die Obdach- und Wohnungslosigkeit in Deutschland unterschiedliche Formen und Ursachen hat und bei weitem kein rein städtisches Problem darstellt“, so die Bundesministerin für Wohnen, Klara Geywitz. In einem Bundesinstitut – dem BBSR – würden derzeit „Maßnahmen erarbeitet, um zum Beispiel Frauen und Kinder in Obdachlosenunterkünften durch bessere Standards zu schützen.“

    Weitere Erkenntnisse des Berichts:

    • Knapp zwei Drittel der wohnungslosen Menschen sind männlich.
    • Wohnungslose Personen ohne Unterkunft sind durchschnittlich 43 Jahre alt.
    • Knapp zwei Drittel der wohnungslosen Menschen ohne Unterkunft sind deutsche Staatsangehörige.
    • Weibliche untergebrachte Wohnungslose sind unter den Personen mit ausländischer Nationalität mit 39 Prozent wesentlich stärker vertreten als in der Gruppe der Deutschen (4 Prozent).
    • Etwa 56 Prozent der wohnungslosen Menschen leiden nach eigener Einschätzung an einer dauerhaften psychischen Einschränkung, Suchterkrankungen eingeschlossen.
    • Wohnungslosigkeit bildet ein langfristiges Problem: 65 Prozent der Wohnungslosen ohne Unterkunft leben bereits über ein Jahr auf der Straße. Im Wohnungsnotfallhilfesystem untergebrachte Menschen leben dort durchschnittlich länger als zwei Jahre.

    In der Wohnungslosenstatistik werden auch in Unterkünften für Geflüchtete untergebrachte Personen erfasst, wenn ihr Asylverfahren positiv abgeschlossen und sie zur Vermeidung von ansonsten eintretender Wohnungslosigkeit in der Unterkunft bleiben.

    Die Bundesregierung will Wohnungslosigkeit in Deutschland mit einem „Nationalen Aktionsplan gegen Wohnungslosigkeit“ bis 2030 zu überwinden.

    Dieser Text von 2mind ist lizenziert unter CC BY-SA 4.0