Kategorie: Menschen

  • Heroin, Jesus und Straßenkinder auf den Philippinen

    Heroin, Jesus und Straßenkinder auf den Philippinen

    Thomas Erkens begleitet heute Männer bei der Gefährdetenhilfe SCHEIDEWEG in Hückeswagen.

    Die jungen Leute in unserer Wohngemeinschaft kommen aus dem Gefängnis, von der Straße und aus der Sucht. Ich will Menschen, bei denen alles zerbrochen ist, zeigen: Es gibt eine Hoffnung, bei Jesus Christus ist alles möglich. Das habe ich selbst erlebt:

    Aufgewachsen bin ich als Ältester von vier Geschwistern in einem Dorf an der holländischen Grenze. Meine Kindheit habe ich überwiegend draußen verbracht und leidenschaftlich Fußball gespielt. Auf einem altsprachlichen Jungengymnasium lief es später nicht gut: In der 9. Klasse blieb ich sitzen und wechselte auf die Hauptschule. Ich spürte die Enttäuschung meiner Eltern.

    Nach der Schule begann ich eine Maurerlehre und traf in der Berufsschule einen früheren Mitschüler, der Drogen nahm. Dafür war ich offen: Ich erwartete mehr vom Leben, die Hippie-Kultur faszinierte mich und so sniefte ich zum ersten Mal Heroin. In den folgenden Monaten probierte ich auch Haschisch und LSD aus. Meinen Freundeskreis hatte ich gewechselt, das Fußballspielen aufgegeben und am Ende meiner Ausbildungszeit hing ich bereits an der Nadel.

    Droge, Straße, U-Haft

    Ich war in eine Kommune eingezogen, hatte eine Freundin und das Leben erschien mir rosarot. Als sich aber meine Freundin trennte und sich die Kommune auflöste, stand ich allein da. Die Farbe wich aus meinem Leben. Drogenkauf und Beschaffungskriminalität bestimmten meinen Alltag. Während meines 15-monatigen Wehrdienstes konnte ich den Konsum einschränken; danach aber lief alles wie zuvor. Ich ging für neun Monate in Therapie, nur um gleich darauf wieder rückfällig zu werden. Zeitweise lebte ich auf der Straße, ich kam für einige Wochen in U-Haft und sah keine Zukunft für mein Leben.

    Schließlich kam ich in eine christliche Lebensgemeinschaft am Niederrhein, wo ich zum ersten Mal von Jesus hörte. Es waren nicht nur die Andachten, die mich beeindruckten, sondern auch das authentische Leben der Mitarbeitenden. Auf einer Veranstaltung erlebte ich ganz persönlich, wie Jesus zu mir sprach. Als ich ihn in mein Leben einlud, wurde es hell in mir. Ich spürte wieder Hoffnung.

    Neuanfang: Schritt für Schritt

    Vom Niederrhein wechselte ich in eine christliche Drogenrehabilitation nach Lüdenscheid. Dort konnte ich mein Leben Schritt für Schritt in Ordnung bringen. Und ich spürten den Wunsch, anderen Menschen diese Hoffnung weiterzugeben. Während meiner Zeit in der Nachbetreuung luden mich die Christen ein, im Wiedenhof mitzuarbeiten. Ich engagierte mich in einem Second-Hand-Laden und in der stadtmissionarischen Arbeit.

    Als unsere Gemeinschaft die Anfrage von Christen aus den Philippinen erreichte, dort eine Drogenrehabilitation aufzubauen, nahm mein Leben eine neue Wendung. Mit einem 9-köpfigen Team reiste ich auf die Philippinen aus. Wir begannen dort mit einer Sprachschule und parallel besuchten wir Drogenabhängige, Prostituierte und Gefangene. Wir kauften ein Haus und nahmen die ersten Reha-Gäste auf.

    Straßenarbeit auf den Philippinen

    Meine heutige Frau Petra gehörte ebenfalls zu diesem Team. Zuerst verband uns eine tiefe Freundschaft, dann verliebten wir uns. Kurz bevor wir heirateten, nahm Petra drei Kinder bei sich auf: Den Vater und seine acht Kinder hatte sie bei einem Straßeneinsatz getroffen, die Mutter war kurz zuvor gestorben und die Jüngsten blieben unversorgt. So hatten wir bei unserer Hochzeit drei Pflegekinder und wir konnten sie einige Jahre später adoptieren. Wir bauten gemeinsam eine Straßenkinderarbeit auf, gründeten am Stadtrand von Manila das „Father’s House“ auf und konnten über viele Jahre Kindern und Jugendlichen eine Perspektive bieten.

    Nach 22 Jahren kehrten wir aus den Philippinen zurück und arbeiteten noch vier Jahre in Lüdenscheid. Nach einer Zeit beim Fontis-Verlag kam ich 2020 zur Gefährdetenhilfe. Hier möchte ich Menschen mit den Augen Gottes sehen, ihnen respektvoll begegnen und sie so erleben lassen, dass Gottes Liebe Veränderung ermöglicht. Denn ohne Gottes Eingreifen wäre ich selbst heute wohl nicht mehr am Leben.

  • Beten mit dem Kreuz in der Hand

    Beten mit dem Kreuz in der Hand

    Nils Andersen berichtet von seinem Weg aus Depression und Sucht.

    Depressionen begleiteten mich seit meiner Kindheit. Als ich sechs Jahre alt war, trennten sich meine Eltern. Meine Mutter war schwer alkoholabhängig und mein Vater arbeitete im Schichtdienst. Meine Geschwister und ich wuchsen also unter widrigen Verhältnissen auf. Ich fühlte mich oft niedergeschlagen und hatte weniger Energie als andere Kinder in meinem Alter.

    Mit 13 Jahren kam ich mit Cannabis in Kontakt und mit der Zeit kamen andere Substanzen dazu. Bald drehte sich mein Alltag nur noch um den Rausch. Für meine Depressionen waren die Drogen nicht förderlich. Anfangs konnte ich negative Gefühle durch den Rausch betäuben, aber langfristig verstärkten sich die Symptome nur noch mehr.

    Nach meinem Realschubschluss begann ich zwei Ausbildungen, die ich nicht zu Ende brachte. Einem normalen Alltag konnte ich bereits nicht mehr nachgehen. Einerseits waren meine Tage von der Sucht geprägt und es ging ständig um den nächsten Rausch. Und andererseits fehlte mir die Energie, um morgens aus dem Bett zu kommen. In mir herrschten dunkle Gedanken; ich hatte keine Freude mehr an der Begegnung mit anderen Menschen oder an irgendwelchen Aktivitäten. Mich prägte ein starkes Gefühl der Leere, das irgendwann so krass wurde, dass ich nichts mehr fühlen konnte: Weder Positives noch Negatives, weder Freude und noch Hass. An diesem Punkt erkannte ich: Ich brauche Hilfe.

    Mit 18 Jahren begann ich meine erste Therapie in einer psychosomatischen Klinik. Dort lernte ich, was eine Depression ist: All diese Symptome, die ich von Kindheit an erlebte, passten dazu. Es dauerte eine Weile, bis ich akzeptierte: Ich leide unter einer Krankheit, die behandelt werden muss.

    Bei mir brauchte es mehrere Therapien. Bis Anfang 20 wechselte ich von einer Klinik in die nächste. Das half mir, Hintergründe meiner Depression und meiner Drogensucht zu verstehen. Trotzdem ging es nicht bergauf. Ich hatte täglich mit Suizidgedanken zu kämpfen und sah keine Zukunft für mein Leben. Mir fehlte ein Halt im Leben.

    Tiefpunkt als Neustart

    Meinen Tiefpunkt erlebte ich in einer Entzugsklinik. Kurz zuvor erzählte mir meine Mutter, wie sie von ihrer Alkoholsucht befreit wurde. Sie drückte mir ein Kreuz in die Hand und sagte, dass ich jederzeit zu Gott beten könne. Das gab mir Hoffnung; zum ersten Mal sah ich ein Licht am Ende des Tunnels. In der Entzugsklinik betete ich jeden Tag mit dem Kreuz in der Hand. Meine innere Leere konnte ich nicht länger aushalten und ich flehte zu Gott um Hilfe. Dabei rechnete ich nicht mit einer Antwort, aber ich spürte Gottes Nähe. Da war kein großes Gefühl, aber diese Gewissheit, dass er bei mir ist. Und zum ersten Mal bekam ich einen Geschmack davon, wie es ist, wenn Gott die Leere in mir füllt.

    Von da an war es für mich zwar noch ein langer Weg; es brauchte zwei weitere Therapien und dauerte ein paar Jahre, aber es ging langsam bergauf. In der Gefährdetenhilfe in Scheideweg konnte ich schließlich Schritt für Schritt mein Leben und mein Denken ändern. Die Nächstenliebe war eine große Baustelle für mich: Ich hielt mich eigentlich für einen guten Menschen – bis Gott mir gezeigt hat, wie egoistisch ich mit anderen umging. Mit der Nächstenliebe ist auch die Liebe zu mir selbst gewachsen.

    Menschen investierten sich in mich und waren ehrlich zu mir. In Scheideweg begann ich, meine Beziehung zu Gott zu pflegen und regelmäßig in der Bibel zu lesen. Je näher ich Gott kam, desto schwächer wurden meine negativen Gedanken und Gefühle. Freiheit von Depressionen hatte ich mir selbst niemals vorstellen können, aber nach einigen Monaten blickte ich zurück – und die Depressionen waren nicht mehr da. Mit der Zeit bekam ich wieder Energie, mein Leben anzupacken. Ich konnte eine kaufmännische Ausbildung abschließen, den Führerschein nachholen und die Beziehung zu meiner Familie deutlich verbessern. Gott hat enorm viel Heilung in mein Leben gebracht. Auch wenn ich als Christ schwierige Tage erlebe, ist es ein großer Trost, Gott an meiner Seite zu haben.

    Heute studiere ich am Bibelseminar Bonn Theologie. Meine Vision ist es, Gottes Liebe anderen nahezubringen und meine Erfahrung weiterzugeben, dass Gott Hoffnung und Perspektive in ein hoffnungsloses Leben bringen kann.